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Der Prinz von Homburg

Oper in drei Akten
Text von Ingeborg Bachmann nach dem Schauspiel Prinz Friedrich von Homburg von Heinrich von Kleist
Musik von Hans Werner Henze (revidierte Fassung von 1991)


In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 1h 50' (keine Pause)

Premiere am 22. September 2024 in der Oper Frankfurt

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Oper Frankfurt
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Wie erziehe ich mir gehorsame Untertanen?

Von Stefan Schmöe / Fotos von Barbara Aumüller

Der Prinz träumt. Er träumt vom Erfolg in der Schlacht und vom Lorbeerkranz, aus zarten Frauenhänden empfangen. Und weil er schlafwandelnd vor sich hinträumt, im Garten des kurfürstlichen Schlosses, erlauben sich der Landesherr und seine Entourage einen Spaß mit ihm: Prinzessin Natalie, Nichte des Kurfürsten, reicht ihm tatsächlich den Lorbeer (und durch ein Missgeschick gleich noch einen Handschuh dazu, der sie später verraten wird). In Brandenburg, dem Vorläufer des preußischen Militärstaats, wird man stilvoll vom Kanonendonner geweckt, und beseelt zieht Prinz Friedrich von Homburg in die Schlacht von Fehrbellin (wir sind im Jahr 1675 und in der Endphase des Schwedisch-Brandenburgischen Krieges). Die Brandenburger siegen, nicht zuletzt durch eine erfolgreiche Attacke des vom Prinzen angeführten Regiments. Ein Fall für den Lorbeerkranz? Nichts da. Der Prinz, obgleich ein Held, handelte gegen die Order des Kurfürsten ("Abwarten, bis das Signal zum Angriff gegeben wird") und landet vor dem Kriegsgericht. Das Urteil: Tod durch Erschießen.

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Statt Lorbeer erhält der Prinz von Homburg (rechts) das Todesurteil, das der Kurfürst umgehend unterzeichnet hat.

Heinrich von Kleist treibt in seinem Schauspiel Prinz Friedrich von Homburg den Konflikt auf die Spitze, indem er den Prinzen begnadigen lässt - unter der Bedingung, dass dieser selbst das Urteil als ungerecht bezeichnet. Aber der Prinz, eben noch beim Anblick des schon geöffneten Grabes vor Verzweiflung zusammengebrochen (weshalb die strammen Preußen das Drama nicht mochten), lehnt ab. Er wird vom Träumer zum Staatsmann, der seine Existenz und damit das Individuum dem höheren Prinzip unterordnet. Die Fragen, die Kleist aufwirft, sind unverändert brisant. Als Hans Werner Henze und seine Librettistin Ingeborg Bachmann das Werk zur (1960 uraufgeführten) Oper umarbeiteten, hatten sie mit preußischer Militärtradition denkbar wenig am Hut. Die revidierte Fassung von 1991 (in der Henze den Chor eliminierte und durch die solistischen Stimmen der Solopartien ersetzte) verzichtet nach Möglichkeit auf jegliches nationalstaatliche Pathos. Bleibt der berühmte letzte Satz des Dramas: "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!" Da ist der Prinz dann übrigens doch begnadigt: Ein Geläuterter, der Kraft seiner Erkenntnis seinen Platz im Staat gefunden hat. Aber vielleicht träumt er ja immer noch.

Vergrößerung in neuem Fenster Ein Moment der Hoffnung? Natalie überbringt dem Prinzen das Begnadigungsschreiben. Bedingung: Der Prinz muss das Todesurteil als "ungerecht" benennen.

Wer aber sind die Feinde Brandenburgs, die in den Staub gewünscht werden? Wohl nicht die Schweden (die in Schauspiel und Oper gar nicht direkt in Erscheinung treten) respektive die Aggressoren von außen. Vielmehr sind es die Prinzen, die sich der höheren Raison nicht bewusst sind und - notfalls mit drastischen Mitteln wie einer vorgetäuschten Beinahe-Erschießung - gefügig gemacht werden müssen. Die Inszenierung von Jens-Daniel Herzog kann man als großes Modell einer Erziehungskampagne für unzuverlässige Mitglieder der Gesellschaft deuten. Im abstrakten Raum, der nie verleugnet, eine Theaterbühne zu sein (Bühne: Johannes Schütz), wickelt die Regie die Oper als zeitloses Lehrstück ab. Die Kostüme (Wicke Naujoks) orientieren sich grob an Uniformen diverser Epochen und spielen mit ihrer fein abgestuften Farbskala (vor allem Gelb- und Rottöne, letztere wohl als Symbol für das Militärische) an serielle Kompositionsprinzipien an. Es gibt keinen festen Orts- oder Zeitbezug, kaum Requisiten. Wenn der Prinz am Ende mit verbundenen Augen seine Hinrichtung erwartet, stattdessen aber tatsächlich aus Natalies Händen den Lorbeerkranz erhält, dann sitzt das gesamte Personal feixend in einer Reihe und hat, wie in der Eingangsszene, viel Spaß am bösen Spiel.

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Rebellion: Die Offiziere bedrängen den Kurfürsten, das Todesurteil aufzuheben.

Das stringente Konzept hätte leicht in steriler Lehrstück-Tristesse enden können, würde nicht durch ein ausgezeichnetes Ensemble das emotionale Drama quasi durch die Hintertür einziehen. Allen voran beeindruckt Magdalena Hinterdobler als Prinzessin Natalie mit zupackendem, sehr expressiv und gleichzeitig ungeheuer fokussiert geführtem jugendlich-dramatischem Sopran. So emanzipiert sich diese Natalie zur zweiten Hauptfigur des Musikdramas - nicht weil sie ihr Regiment zur Rebellion angesichts des Todesurteils aufruft, sondern durch die kompromisslose Art und Weise, wie sie sich von der romantischen Liebhaberin zur entschlossenen Befehlshaberin wandelt. Noch so ein Lern- und Erziehungsprozess also. Kurfürst August (stimmlich solide: Yves Saelens) darf zufrieden sein. Domen Križaj in der Titelpartie hat es nicht ganz leicht, sich gegenüber dieser starken Frau zu behaupten. Er gibt dem Prinzen weniger die Aura des romantischen Träumers als die des etwas tumben Kindskopfes, ein wenig langsam beim Erwachsenwerden. Das passt in die "unromantische" Interpretation Herzogs und wird von Križaj auch stimmlich bekräftigt.

Vergrößerung in neuem Fenster Alles nur ein böses Spiel: Der Prinz erwartet seine Hinrichtung; es wird aber dann doch den Lorbeerkranz aus Natalies Händen geben.

Aus dem sehr guten Ensemble ragt neben den schon Genannten noch Magnus Dietrich heraus, der dem Prinzenfreund Graf Hohenzollern strahlenden tenoralen Glanz verleiht. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt unter der Leitung von Takeshi Moriuchi Henzes Musik mit großer Selbstverständlichkeit und durchaus großformatig, was sich in den Vokalpartien fortsetzt - man kann sich sicher noch filigranere, kammermusikalischere Interpretationen vorstellen, auch eine noch feinere Aufspaltung in die "träumerische" und die "realistischere" Sphäre. Henzes farbige Musik kommt aber auch hier angemessen zur Geltung.






FAZIT

Jens-Daniel Herzogs zynischer Blick auf den Prinzen von Homburg als zeitloses Lehrstück über die Macht des Staates verengt die Perspektive zwar ein wenig, liefert aber mit einem tollen Ensemble auf der Bühne einen spannenden Opernabend.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Takeshi Moriuchi

Regie
Jens-Daniel Herzog

Bühne und Kostüme
Johannes Schütz

Mitarbeit Kostüme
Wicke Naujoks

Licht
Joachim Klein

Dramaturgie
Mareike Wink



Frankfurter Opern-
und Museumsorchester


Solisten

Prinz von Homburg
Domen Križaj

Kurfürst von Brandenburg
Yves Saelens

Prinzessin Natalie
Magdalena Hinterdobler

Graf Hohenzollern
Magnus Dietrich

Kurfürstin
Annette Schönmüller

Feldmarschall Dörfling
Iain MacNeil

Obrist Kottwitz
Sebastian Geyer

Drei Offiziere
Andrew Kim
Božidar Smiljanić
Alfred Reiter

Wachtmeister
Jarrett Porter

Drei Hofdamen
Juanita Lascarro
Cecelia Hall
Judita Nagyová

Erster Heiduck
Istvan Balota

Zweiter Heiduck
Leon Tchakachow



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







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