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Das kalte Herz

Oper in zwölf Bildern
Text von Daniel Arkadij Gerzenberg
Musik von Matthias Pintscher


In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Veranstaltungsdauer: ca. 1h 50' (keine Pause)

Koproduktion mit dem Théâtre national de l'Opéra-Comique, Paris
Uraufführung am 11. Januar 2026 an der Staatsoper Unter den Linden, Berlin


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Staatsoper Berlin
(Homepage)
Vom Wege abgekommen

Von Roberto Becker / Fotos von Bernd Uhlig

Wer mit DEFA-Filmen aufgewachsen ist, assoziiert mit dem Hauff-Märchen Das kalte Herz aus dem Jahr 1827 wohl vor allem die Verfilmung mit Erwin Geschonneck als Holländermichel. Er war die Inkarnation des Bösen in diesem ersten, von Paul Verhoeven gedrehten DDR-Farbfilm, der zugleich zu den erfolgreichsten DEFA-Produktionen überhaupt gehört und sich auch heute noch sehen lassen kann.

Mit dem Märchen und seiner Verfilmung von 1950 hat die neue Oper von Matthias Pintscher, die jetzt an der Berliner Staatsoper Unter den Linden ihre Uraufführung erlebte, nicht viel gemein. Das war auch nicht wirklich zu erwarten. Die Oper hat ihre eigenen Gesetze, und das Libretto des Pianisten und Lyrikers Daniel Arkadij Gerzenberg (*1991) hat es mit seiner eigenen Poesie auch. Wenn Richard Strauss mit der Musik das ziemlich verstiegene Libretto von Hugo von Hofmannthals Die Frau ohne Schatten als Gesamtkunstwerk allemal durchs Ziel trägt, so verhält es sich bei dem "Mann ohne Herz" mit Pintschers Komposition und Grenzbergs eigenwilliger Libretto-Lyrik so ähnlich. Die alte (mit einer eigenen Oper versehene) Streitfrage, ob Musik oder Text den Vorrang in der Oper hat, ist hier leicht mit einem prima la musica zu beantworten. Zumindest, wenn eine gewisse eigenständige Stringenz dabei eine Rolle spielt.

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Traumwald unter hängenden Wölfen

In der von weit her inspirierenden Märchen-Vorlage wird egoistische menschliche Kälte als Herzlosigkeit verstanden. Wer sein Herz verkauft, wird reich, aber unglücklich, so wie Peter. Was eine Steilvorlage für Gesellschaftskritik ist. In der Oper geht es mehr um das Ritual, die große Veränderung. Dazu immigrieren der ägyptische Totengott Anubis, der auch für das Wiegen der Herzen zuständig ist, und der Wüstendämon Azaël aus der hebräischen Mythologie in den metaphorischen deutschen Wald. Außerdem wird Peter auch noch mit dem alttestamentarischen Kainsmal ausgestattet. Das schützt ihn davor, erschlagen zu werden, muss aber bei seiner "Herz-OP" irgendwie umgangen werden. Dass Azaël die Mutter und diese ihren Sohn zu diesem Eingriff anstiftet, ist das eine; dass dann die Mutter höchstpersönlich zusticht, das andere. Ist das lebendige Herz durch das aus Marmelstein (wie es heißt) ausgetauscht, stellt Peter erwartungsgemäß fest, dass er nichts mehr fühlt. Eine Rückabwicklung und eine damit verbundene Läuterung Peters gibt es hier nicht. Das klingt alles etwas wirr und verstiegen. Samt dem sprachlichen Gewand mit einer oft mutwillig verrutschten Satzkonstruktion. Es wird aber auch in Verbindung mit Musik und Szene nicht klarer oder wenigstens für sich genommen nachvollziehbar.

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Peter und der Dämon Azael

Und die Musik? Matthias Pintscher, Jahrgang 1971, ist ein international angesagter Dirigent und Komponist. An der Semperoper machte er 1998 mit seiner ersten Oper Thomas Chatterton (nach Hans Henny Jahnn) von sich reden. Seine Oper über Artur Rimbaud unter dem Titel L'Espace dernier folgte 2002 in Paris. Das jetzt mit der Opéra-Comique in Paris koproduzierte Kalte Herz wird dort im Frühjahr unter dem Titel Nuit sans aube (also Nacht ohne Morgendämmerung) zu sehen sein. Ein Zweittitel, der das, was geboten wird, wohl besser trifft, als der Bezug auf das deutsche Märchen.

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Herz-OP: Anubis passt auf, Mama schwingt das Messer

Nächtliche Waldmusik, die ihre Herkunft aus der Spätromantik nicht leugnet, hat Pintscher tatsächlich komponiert. Wenn Peter einmal Lohengrin mit seinem "Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen" zitiert, schmunzelt man über das Maß an Selbstironie, das hier markiert wird, verfällt aber alsbald dann doch auf den Gedanken, dass hier mehr von der Wahrheit des Textes zum Vorschein kommt, als Dichter und Komponist verraten wollten. Man merkt jedenfalls dem orchestralen Unterholz an, dass Pintscher der zündende Gedanke für die Musik bei einem Schwarzwaldspaziergang gekommen ist. Zumindest mag man ihm diese hübsch daherkommende Anmerkung gerne glauben. Die Streicher- und Bläserklangfläche mit ihren eruptiven Ausbrüchen haben etwas Suggestives, changieren zwischen Assoziationen zum Wogen der Baumwipfel bei mäßigem Wind und wallendem Nebel. Sie werden zum Klangrahmen für den Auftritt fremder Gottheiten und Dämonen.

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Mutter und Sohn

Deren Auftritt im deutschen Wald, das große Raunen von Verwandlung und das Staunen übers Nichtmehrfühlen sind der Ansatz für die Inszenierung von James Darrah Black. In der Personenführung eher statisch und rampenorientiert, machen auf der Bühne von Adam Rigg vor allem der Hintergrund-Videowald (Hana S. Kim) und dann die aus dem Schnürboden an Haken baumelnden Wolfskadaver, zumindest für sich genommen, Eindruck. Bei den Kostümen schießt das leuchtend rote Göttergewand (in Blau wäre das auch für die Königin der Nacht verwendbar) von Anubis den Vogel ab. Die britische Mezzosopranistin Rosie Aldridge trägt es erst mit Würde, um dann, nach ihrer Assistenz bei der Herzoperation, daraus auszusteigen. Schauspielerin Sunnyi Melles stattet mit Lust ihre Sprechrolle des Azaël mit all dem dämonischen Potenzial aus, das ihr als Schauspielerin zu Gebote steht. Sopranistin Sophia Burgos nutzt als Peters Freundin Clara rechtzeitig und glockenklar die Möglichkeit zur Flucht aus der toxischen Beziehung zu Peter. Mezzosopranistin Katarina Bradić macht mit vokaler und darstellerischer Präsenz klar, dass sie treibender Teil der für Peter verheerenden Verwandlungsambition ist. Mit seinem so kraft- wie gefühlvollen Bariton füllt Samuel Hasselhorn die Rolle jenes Peter aus, der mit der Welt um sich herum nicht klarkommt, und sich zur Flucht in eine noch kältere Welt verführen lässt. Ohne Rückweg.

FAZIT

Die Uraufführungsproduktion der neuen Oper Das Kalte Herz von Matthias Pintscher ist eine Kunstanstrengung, in der kompositorische Virtuosität zelebriert wird. Dabei gleicht die Musik die eher esoterische Verstiegenheit des Librettos aber nicht aus.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Matthias Pintscher

Inszenierung
James Darrah Black

Spielleitung
José Darío Innella
Leander Teßmer

Bühnenbild
Adam Rigg

Kostüme
Molly Irelan

Licht
Yi Zhao

Co-Regie
Anderson Nunnelley

Video
Hana S. Kim

Dramaturgie
Olaf A. Schmitt


Staatskapelle Berlin


Sänger

Peter
Samuel Hasselhorn

Mutter
Katarina Bradić

Anubis
Rosie Aldridge

Clara
Sophia Burgos

Azaël
Sunnyi Melles

Alte Frau
Adriane Queiroz

Kind
Solist des Kinderchors der Staatsoper



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Staatsoper Unter den Linden Berlin
(Homepage)



Da capo al Fine

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