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Elster in der digitalen Welt Von
Thomas Molke /
Fotos: © Bettina Stöß Ninetta (Veronika Lee) will ihren Vater Fernando (Evgueniy Alexiev) retten. Die Handlung geht zurück auf eine wahre Begebenheit, die sich Ende des 18. Jahrhunderts zugetragen haben soll und von Louis-Charles Caigniez und Théodore Baudouin d'Aubigny zu dem Theaterstück La pie voleuse verarbeitet wurde, das sich in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts großer Beliebtheit auf den europäischen Bühnen erfreute und den italienischen Librettisten Giovanni Gherardini veranlasste, für einen Opernwettbewerb in Mailand ein Libretto mit dem Titel Avviso ai giudici zu verfassen, welches zunächst Ferdinando Paër zur Vertonung angeboten wurde, der allerdings kein Interesse zeigte. Rossini hingegen war sofort von der Geschichte begeistert und vertonte sie unter dem neuen Titel La gazza ladra. Darin wird das Dienstmädchen Ninetta beschuldigt, den Vingraditos einen silbernen Löffel gestohlen zu haben. Da sie ein ähnliches Besteck für ihren auf der Flucht befindlichen Vater Fernando bei dem Händler Isacco zu Geld gemacht hat, scheint ihre Schuld bewiesen. Um ihren Vater zu schützen, verschweigt sie die Wahrheit und soll zum Tode verurteilt werden. Während die eigentliche Übeltäterin, eine diebische Elster, im wahren Leben erst nach der Vollstreckung des Urteils entdeckt wurde, findet in der Oper der junge Pippo das Versteck der Elster in letzter Sekunde und kann die Hinrichtung verhindern. Da Ninettas Vater auch noch vom König begnadigt wird, steht einem Happy End und der Hochzeit mit Gianetto, dem Sohn der Vingraditos, nichts mehr im Wege. Das Regie-Team um Ana Cuéllar verlegt die Geschichte in die digitale Gegenwart. Folglich ist die Elster hier auch kein Vogel, sondern ein "smartes" Gerät. So taucht sie zunächst als Sprachassistent in einem auf die weiße Rückwand projizierten Schallkreis auf, wenn sie scheinbar Pippos Namen ruft. Dann scannt sie in Form einer Drohne, die aus dem Schnürboden herabgefahren wird, die ganze Bühne. Zur Diebin wird sie als ferngesteuerter Bodenstaubsauger, der natürlich auch einen silbernen Löffel aufnimmt, wenn er auf dem Boden liegt. Passend zu dieser digitalen Welt hat Bühnenbildner Manuel La Casta ein modernes Haus der Familie Vingradito entworfen, das durch Einsatz der Drehbühne Einblicke in mehrere Räume bietet. Die Wände dienen dabei als Projektionsflächen für Videos, die teilweise live von Giorgio, dem Assistenten des Bürgermeisters, gefilmt werden und die unbändige Neigung der heutigen Gesellschaft zeigen, jede Situation in Bildern und Filmen festzuhalten, die später ungesteuert durch das Internet fließen. So gibt es nach der Pause im Kerker auch eine Szene, in der zahlreiche Aufnahmen von vorher über die Rückwand flimmern. Unklar bleibt, wieso am Ende nach der glücklichen Fügung Ninetta an mehreren Strippen, die aus dem Schnürboden herabhängen, ein Drahtgestell einer riesigen Elster herabzieht, aus dem dann zahlreiches Silberbesteck herausfällt. Aber auch dem Happy End vertraut Cuéllar nicht wirklich. So ergreift Ninetta, die auch am Ende noch sehr verstört wird, Pippos Hand und weist ihren Bräutigam Gianetto relativ schroff von sich. Von Gianetto zeichnet Cuéllar in der Personenregie insgesamt ein recht zweifelhaftes Bild. Aus dem Krieg scheint er mit einem Trauma zurückgekehrt zu sein. Zwar wird er vom Volk und in den Projektionen als Held gefeiert, zeigt aber in einer gewissen Lärmempfindlichkeit, dass der Krieg Spuren hinterlassen hat. Besonders deutlich wird dies in einer Szene mit Ninetta im Kerker im zweiten Akt, wenn er sie regelrecht bedroht. Auch die Personenregie beim Chor, der in sehr individualisierten Kostümen von Irina Spreckelmeyer auftritt, wirft Fragen auf. Zur Ouvertüre mäandern die Chormitglieder über die Drehbühne durch die verschiedenen Räume im Haus der Vingraditos und scheinen jeder eine individuelle Geschichte zu erzählen, was aber im Ganzen zusammenhanglos bleibt. Dass der Chor dann bei der Verhandlung die Bühne auseinandernehmen und sich gegenseitig attackieren muss, soll zwar die Verwirrung in der Musik umsetzen, macht aber eigentlich keinen Sinn. Der Podestà (Joshua Bloom) bedrängt Ninetta (Veronika Lee). Umso gelungener dürfen die Szenen mit dem Podestà, dem Bürgermeister, betrachtet werden, der die Situation schonungslos ausnutzt, um sich Ninetta gefügig zu machen. Schon wenn er ihr im ersten Akt Avancen in der Küche macht, während Ninetta verzweifelt versucht, das Inkognito ihres Vaters zu wahren, der gerade ebenfalls anwesend ist, um sich von seiner Tochter zu verabschieden und ihr das Besteck zu geben, das sie verkaufen soll, wird deutlich, dass der Podestà seine Ziele notfalls mit Gewalt umsetzen wird. Die Zurückweisung lässt er nicht auf sich sitzen und nutzt das spätere Verschwinden des Löffels als willkommene Maßnahme, um Ninetta zu verhaften. Im Kerker zeigt er dann seine wahre Brutalität, die er zunächst noch hinter Blumen und Pralinen versteckt. Als die Präsente aber wirkungslos bleiben, zerreißt er den Strauß und schmiert Ninetta die Schokolade ins Gesicht. Dass Schlimmeres verhindert wird, ist nur dem treuen Kerkermeister Antonio zu verdanken, der ein Herz für die arme Ninetta hat. Tumult bei der Gerichtsverhandlung: von links: Fernando (Evgueniy Alexiev), Amtsrichter (Paata Tsivtsivadze), Fabrizio Vingradito (Yoshiaki Kimura), Ninetta (Veronika Lee) und Antonio (Yevhenii Vaskiv), dahinter: Opernchor Musikalisch hat das Werk auch neben der großartigen Ouvertüre einiges zu bieten und changiert zwischen spielerischer Leichtigkeit und großer Dramatik. Gregor Rot arbeitet gerade zu Beginn mit den Bielefelder Philharmonikern den martialischen Klang vielleicht ein bisschen zu heftig heraus, findet dann aber recht gut in den pointierten Klang von Rossinis Musiksprache. Auch in den schnellen Parlando-Passagen gelingt ihm eine gute Abstimmung aus dem Graben mit dem Ensemble auf der Bühne. Der von Hagen Enke einstudierte Bielefelder Opernchor beweist große Spielfreude und zeichnet sehr individuelle Charaktere, die sicherlich alle ihre eigene Geschichte haben, was aber in der Fülle ein wenig untergeht. Veronika Lee stattet die Partie der Hausangestellten Ninetta mit strahlendem Sopran aus. Bei dem Leid, das ihr das ganze Stück über widerfährt, ist es glaubhaft, dass sie am Ende nicht wie die anderen in großen Jubel ausbrechen kann. Lee zeichnet die Figur auch darstellerisch sehr eindringlich, so dass man großes Mitgefühl mit ihr empfindet. Sophia Maeno steht ihr als Pippo mit warmem Mezzosopran treu zur Seite, und man hat den Eindruck, dass Pippo eigentlich viel besser zu Ninetta passt als Gianetto Vingradito. Andrei Skliarenko verfügt als Gianetto über einen hellen Tenor, der in den sehr anspruchsvollen Höhen stellenweise allerdings an seine Grenzen stößt. Den traumatisierten Soldaten nimmt man ihm darstellerisch in jedem Moment ab. Marta Wryk gibt eine gefürchtete Schwiegermutter, die zunächst kein gutes Haar an Ninetta lässt - schließlich will sie ihr ja ihren Sohn "wegnehmen -, am Ende allerdings doch in Maßen zur Einsicht gelangt und Mitleid empfindet. Yoshiaki Kimura gestaltet ihren Gatten Fabrizio mit profunden Tiefen. Joshua Bloom scheut sich nicht, das Ekelpaket des Podestà zur unsympathischsten Figur des Abends werden zu lassen. Mit kraftvollem, stellenweise bewusst polterndem Bass stellt er den selbstgefälligen Bürgermeister als absolut gefährlichen Politiker dar, den man sich nicht zum Feind machen sollte. Evgueniy Alexiev punktet als Ninettas Vater mit dunkel gefärbtem Bariton. Besonders intensiv gelingen die Duette mit seiner Tochter Ninetta. Auch die kleineren Partien sind mit Dumitru-Bogdan Sandu als Isacco, Yevhenii Vaskiv als Kerkermeister, Tomas Kildišius als Assistenten des Podestà, Moon Soo Park als Fernandos Kamerad Ernesto und Paata Tsivtsivadze als Amtsrichter überzeugend besetzt, so dass es für alle Beteiligten verdienten Applaus gibt. FAZIT Alles in Allem gelingt dem Regie-Team um Ana Cuéllar die
Verlegung des Stückes in die Gegenwart verbunden mit dem Hinweis auf die Gefahren, die die ständige
Digitalisierung mit sich bringt. |
Produktionsteam Musikalische Leitung Inszenierung Konzeptionelle Mitarbeit Bühne Kostüme Video Licht Choreinstudierung Dramaturgie
Bielefelder Philharmoniker Bielefelder Opernchor
Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung Ninetta, Angestellte im Hause Vingradito Der Podestà (Bürgermeister) Fernando Villabella, Ninettas Vater Pippo, Hausdiener Gianetto Vingradito, Soldat Fabrizio Vingradito, Hausherr Lucia Vingradito, seine Frau Isacco, Kurzwarenhändler Antonio, Kerkermeister Giorgio, Assistent des Podestà Ernesto, Fernandos Kamerad Amtsrichter
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