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Die Frau ohne Schatten

Oper in drei Akten
Libretto von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss
stark gekürzte und umgestellte Fassung von Peter Konwitschny


in deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: 2h 40' (eine Pause)

Koproduktion mit dem Tokyo Nikikai Opera Theatre und dem Teatro Real in Madrid
Premiere im Opernhaus Bonn am 16. November 2025


Homepage

Theater Bonn
(Homepage)

Pulp Fiction Opera

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Jung

Man hätte es ahnen können, wenn man auf der Homepage des Theaters die Spieldauer von 2 Stunden und 40 Minuten zur Kenntnis genommen hat. Die Frau ohne Schatten dauert eben, wenn man die Partitur einigermaßen vollständig aufführt, vier oder mehr Stunden. Auch ich habe die Zeitangabe leichtfertig für einen Schreibfehler gehalten. Leider war es keiner. Regisseur Peter Konwitschny hat kräftig gekürzt (von 100 Partiturseiten war in der Pause die Rede), er hat auch die Musik umgestellt, vor allem Teile des dritten Akts in den zweiten und Teile des zweiten in den dritten Akt verfrachtet, sodass die Oper nun mit dem Schluss des zweiten Akts endet. Immerhin stellt die Oper Bonn den Satz "Versuch einer Annäherung" über diese Fassung, die in Koproduktion mit den Opernhäusern in Tokyo und Madrid entstanden ist. "Warum wir DIE FRAU OHNE SCHATTEN nicht unbearbeitet aufführen können", das rechtfertigt Dramaturgin Bettina Bartz wortreich auf mehr als fünf Seiten im Programmheft. Ein unerträgliches Frauenbild, so lässt sich das knapp zusammenfassen (sieht man das an den koproduzierenden Theatern eigentlich genauso drastisch?). Daran ist sicher vieles wahr und darüber kann und sollte man diskutieren (denn ganz so eindeutig ist die Angelegenheit dann ja doch nicht). Und natürlich ist es Aufgabe der Regie, sich genau damit auseinanderzusetzen, was ja auch regelmäßig geschieht. Oder betrachtet man in Bonn alle anderen Inszenierungen als frauenfeindlich?

Vergrößerung in neuem Fenster Das Licht überm See, von dem der Text spricht, verheißt keinen guten Tag: Geisterbote und Amme, im Auto: der Kaiser

Der Musikdramaturgie von Richard Strauss bekommt das Verfahren nicht gut. Nach der vorgezogenen abgeklärten Musik des dritten Akts wirkt die aufgewühlte, dramatische Stimmung des zweiten deplatziert. Und ohne buchhalterisch nachgehalten zu haben, was genau gestrichen ist, bleibt der Eindruck, dass insbesondere die liedhafte Sphäre des Färbers Barak nicht ins Konzept passte und drastisch zusammengestrichen wurde. Mit dem gutmütigen Arbeiter, wie ihn die Musik beschreibt, kann die Regie schon deshalb nichts anfangen, weil Männer in Konwitschnys Ansatz a priori nicht gutmütig sein können. Männer sind gewalttätig, sie schlagen, vergewaltigen und morden. Schön singen dürfen sie daher nicht. Den choralartigen Chor der Wächter, der den ersten Akt beschließt, hört sich Barak aus dem Kofferradio an, das die Färberin kurzerhand abschaltet. Man merkt: Es ist kein einfacher Abend für Liebhaber dieser Oper.

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Dialektik für Fortgeschrittene: Warum die Färberin (Mitte) als Gattin des Reproduktionsmediziners Barak überhaupt kinderlos ist, weiß nur die Regie. Die Kaiserin (links) und die Amme wollen sie für ihre Zwecke instrumentalisieren, obwohl für Bösartigkeiten in dieser Inszenierung eigentlich die Männer zuständig sind.

Konwitschny verlegt die Geschichte ins Mafiamilieu und lässt sie mit einer Geldübergabe beginnen, die in eine Schießerei ausartet. Viele Tote. Der Kaiser ist der Chef des einen Clans, der (in der Oper unsichtbar bleibende) Geisterfürst Keikobad der Boss der rivalisierenden Bande. Und wenn er den Kaiser "versteinern" möchte, dann darf man sich einen Betonguss vorstellen (eine graphische Übersicht im Programmheft klärt auf über das, was die Regie auf der Bühne nicht verdeutlichen kann). "Wer mit einer Tochter des Clan-Chefs ein Kind zeugt, übernimmt die Herrschaft des anderen Clans", erfahren wir da auch. Übersichtlicher als im Hofmannsthal'schen Text wird die Angelegenheit in dieser Umdeutung nicht, zumal die Rolle des Färbers Barak, eigentlich ein Unterprivilegierter, in diesem Kontext unklar bleibt. Der erscheint hier als eleganter Reproduktionsmediziner, der an Embryos forscht: Dr. med. Barak Färber sozusagen. Letztendlich läuft Konwitschnys Geschichte darauf hinaus, dass der Kaiser Baraks Frau vergewaltigt und die Kaiserin Barak verführt (beides wird sehr explizit gezeigt) und beide Frauen daraufhin schwanger werden. Damit steht Barak an der Spitze der Organisation, verbrüdert sich mit dem Kaiser und lässt den Abend in einem Blutbad enden. "Mit solchem szenischen Humor werden die absurden Vorgänge zu einer ebenso lehrreichen Farce, einem theatralischen Bildungsexperiment, das die tieferen Schichten in Text und Musik besser sichtbar macht", schreibt die Dramaturgin. Nun ja.

Vergrößerung in neuem Fenster Da ist er, der Schatten, das Neugeborene, frisch entbunden von der Kaiserin. Die Färberin, der Kaiser und Barak gratulieren.

Es gibt bewegende Momente, etwa die Zerrissenheit der Färberin wie der Kaiserin, die im ersten Teil immer wieder Kissen unter ihre Kleider stopfen, eine Schwangerschaft herbeisehnen oder vortäuschen, jedenfalls den Leidensdruck einer Frau in bewegende Bilder fassen. Auch die Idee des Forschers und Mediziners Barak rückt das schwierige Motiv der Schwangerschaft, des Schattenwerfens, in ein analytisch scharfes Licht, auch wenn die Deutung sich letztendlich als wenig schlüssig erweist. Zwischendurch kommt der Gedanke auf, Konwitschny hätte doch die originale, unzerstückelte Partitur mit diesem Ansatz inszenieren mögen. Doch er verengt den Blickwinkel immer mehr und immer stereotyper auf die Männer-sind-Schweine-Perspektive und verliert die Vielschichtigkeit der gelungeneren Szenen aus dem Auge.

Angesichts dieses feministischen Denkansatzes verwundert es allerdings, dass Frauen in dieser Inszenierung fast durchweg als Sexualobjekte in knappen Röckchen und mit Stöckelschuhen auftreten, dass die Kaiserin, eine blendende Erscheinung, immer wieder das Kleid hochstreift und die Beine spreizt und die Regie den Zuschauer in die Rolle des Voyeurs zwingt. Oder - das ist der Gegenpol - die Frau (nämlich die Färberin) als sentimentales Dummchen vorgeführt wird, leicht ordinär, ständig mit Maniküre beschäftigt und vor lauter Kummer Taschentücher im Großpack zum Abwischen der Tränen benötigend. (Die Figur der Amme geht zwischen diesen Extremen ein wenig verloren). Sicher, man kann argumentieren, hier werden die Frauenbilder von Strauss und Hofmannsthal drastisch dekonstruiert (ob die wirklich so plump sind, sei dahingestellt, man kann es ja als Arbeitshypothese der Regie annehmen). Nur so viel: Andere Inszenierungen haben in der Frau ohne Schatten starke, aus ihren Zweifeln zur Selbstbestimmung gelangende Frauen gezeigt.

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Mission Schwangerschaft erfüllt (wenn auch mit Hilfe des falschen Mannes): Der Kaiser, frischgebackener Vater (wenn auch mit Hilfe der falschen Frau), erschießt die Kaiserin.

Das Ensemble setzt das streitbare Konzept mit großem schauspielerischem Engagement und hohem Körpereinsatz um. Aber jetzt zur musikalischen Seite. Anne-Fleur Werner singt eine mehr lyrische als dramatische Kaiserin mit silbrigem Glanz in der Höhe, womit sie der Figur die entrückte Aura der Märchenkaiserin verleiht, aber auch vokal die Verzweiflung der jungen Frau verdeutlicht. Aile Asszonyi verleiht der Färberin vielschichtiges Profil zwischen Resignation und dramatischer Attacke. Uneinheitlich ist die Amme von Ruxandra Donose, die ein paar starke, dramatische Momente hat, in anderen Passagen aber vom (durchweg sängerfreundlich begleitenden) Orchester übertönt wird. Aaron Cawley gestaltet mit höhensicherem, nicht zu schwerem, schwärmerischem Tenor den Mafia-Kaiser. Giorgos Kanaris hat für die gestraffte Partie des Färbers mehr markant kernige als warme Klangfarben, macht seine Sache aber ordentlich. Tobias Schabel singt einen markanten Geisterboten, Alyona Guz gibt überzeugend die Rufe des Falken.

Das Beethoven Orchester spielt unter der Leitung von Chefdirigent Dirk Kaftan über weite Strecken sehr zurückhaltend und mit analytischer Klarheit. Der üppige Klangrausch, wie ihn etwa Christian Thielemann in Dresden entfesselt hat, will sich lange nicht einstellen. Stattdessen setzt Kaftan zunächst auf einen zurückgenommenen Konversationston und lässt erst in der zweiten Hälfte der Aufführung den großen symphonischen Charakter der Musik zur Geltung kommen. Die verschiedenen Klangsphären (denen die Regie kein szenisches Äquivalent gibt) sind sehr schön herausgearbeitet - nur die Barak-Welt bleibt wie erwähnt durch die Kürzungen weitgehend ausgeblendet. Mit der Musik mochte das Premierenpublikum sich gerne arrangieren (wobei die Frage bleibt, warum der Dirigent sich der Verunstaltung der Partitur nicht entgegenstellt). Mit der Regie weniger.


FAZIT

Viel Gemetzel auf der Bühne, noch mehr in der Partitur: Peter Konwitschny zerlegt Die Frau ohne Schatten mit der Lust des altgedienten antibürgerlichen Provokateurs. Ein paar spannende Ansätze versanden als männerverachtende Sex and Crime-Plattitüden. Das subjektive Urteil: Unterm Strich dann doch eher ein Debakel. Musikalisch hätte es sehr eindrucksvoll werden können.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Dirk Kaftan

Inszenierung
Peter Konwitschny

szenische Einstudierung
Taro Morikawa

Bühne und Kostüme
Johannes Leiacker

Licht
Guido Petzold

Chor
André Kellinghaus


Statisterie des
Theaters Bonn

Chor und Extrachor des
Theaters Bonn

Beethoven Orchester Bonn


Solisten

* Besetzung der Premiere

Der Kaiser
Aaron Cawley

Die Kaiserin
Anne-Fleur Werner

Die Amme
Ruxandra Donose

Barak, der Färber
Giorgos Kanaris

Die Färberin
Aile Asszonyi

Der Geisterbote (Bodyguard des Keikobad)
Tobias Schabel

2. Bote / Bodyguard des Kaisers
Carl Rumstadt

3. Bote / Beamter
Christopher Jähnig

Erscheinung eines Jünglings (Chefarzt)
Tae Hwan Yun
In Hyeok Park

Die Stimme des Falken (Frau Falke)
Alyona Guz

Der Einäugige
Johannes Mertes

Der Einarmige
Martin Tzonev

Der Bucklige
Andreas Conrad

Stimmen der Wächter der Stadt
Carl Rumstadt
Tobias Schabel
Christopher Jähnig

Drei Dienerinnen
Valerie Haunz
Anzhelika Bondarchuk
Buket Güvençer



Weitere
Informationen

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Theater Bonn
(Homepage)



Da capo al Fine

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