|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Die traurige Königin eines untergegangenen Reiches
Von Stefan Schmöe / Fotos von Ingo Schäfer
Das Ballett am Rhein hat, nimmt man den Jubel nach dieser Premiere als Maß, eine richtige Entscheidung damit getroffen, ein abendfüllendes Handlungsballett des Literaturballettgroßmeisters John Neumeier aufs Programm zu setzen. Dabei ist Endstation Sehnsucht nach Tennessee Williams' Schauspiel A Streetcar Named Desire, 1983 am Stuttgarter Ballett uraufgeführt, keine einfache Kost, weder inhaltlich noch musikalisch. Prokofjews an Debussy erinnernde kurze Visions fugitives op. 22 für Klavier (als op. 22a für Streichorchester gesetzt, Neumeier verwendet beide Versionen) sind hübsche Miniaturen, von Aleksandr Ivanov mit Sinn für Leichtigkeit wie für klangliche Raffinesse auf der Bühne gespielt (die Orchesterversion kommt vom Band). Alfred Schnittkes collagenhafte, oft lärmende Symphonie Nr. 1 ist allerdings eine Zumutung, wenn auch eine, wie der Abend zeigt, durchaus lohnende. Aber dazu später, denn zunächst kommt die Musik Prokofjews zum Zug.
Ein Hut wie ein Heiligenschein: Blanche DuBois
Neumeier erzählt im ersten Teil des Abends die der eigentlichen Schauspielhandlung vorangegangenen Ereignisse im Rückblick. Blanche DuBois, Tochter einer einst sehr wohlhabenden, inzwischen verarmten Südstaaten-Dynastie, befindet sich im Irrenhaus und erinnert sich an die große Zeit im Familiensitz Belle Rêve ("schöner Traum"), der in neobarocker Pracht angedeutet wird (Neumeier ist auch für die Ausstattung verantwortlich). Es sind flüchtige Visionen, eben "Visions fugitives", die die vermeintlich gute alte Zeit heraufbeschwören. Sophie Martin tanzt die Hauptrolle mit großer Zerbrechlichkeit, sehr zart, extrem biegsam, filigran in den Bewegungsabläufen. Ein wenig wirkt sie wie eine hauchzarte Porzellanpuppe aus einer fernen Vergangenheit. Damit besticht sie vor allem in diesem ersten Teil, wo sie die Flüchtigkeit der Erinnerungen auch tänzerisch beeindruckend zeigen kann - für den handfesteren zweiten Teil im Dauerduell mit ihrem proletarischen Schwager Stanley Kowalski könnte die Figur noch eine Spur mehr Widerstandskraft besitzen. Sie bleibt auch dort die verträumte Königin, die ihrem vergangenen Reich nachtrauert.
Eine Tragödie zeichnet sich ab: Blanche und Bräutigam Allan Neumeier ist ein souveräner Erzähler. Wenn sich Blanches Bräutigam Allan ausgerechnet am Tag der Hochzeit in einen anderen Mann verliebt, dann lässt er die beiden über einen langen Zeitraum erst zaghaft, dann entschlossener Blicke austauschen und baut damit mehr und mehr Spannung auf. Gustavo Carvalho kann die zunehmende Irritation des formvollendet höflichen Bräutigams angesichts der eigenen Gefühle für einen Mann überzeugend glaubhaft machen, Dukin Seo gibt seinem Gegenüber mit Disziplin und Strenge in jeder Geste eine faszinierend rätselhafte Aura. Nachdem Allan beim Kuss mit dem Mann von Blanche überrascht wird, erschießt er sich. Neumeier verlässt hier eine realistische Erzählebene; wieder und wieder hört man den Schuss und sieht Allan zu Boden fallen. Damit verdichtet sich die Szene zur traumatischen Erfahrung Blanches. Sie stürzt sich daraufhin in zweifelhafte erotische Abenteuer. Mit einstürzenden Fassadenteilen verdeutlicht die Choreographie, dass es nicht nur um ein Einzelschicksal geht, sondern die Südstaatenherrlichkeit der reichen Plantagenbesitzer kollabiert. Insgesamt hat dieser erste Teil, der sich aus vielen Szenen fragmentarischen Charakters zusammensetzt, etwas Bruchstückartiges, womit Neumeier die zersplitterten Erinnerungen Blanches auf faszinierende Weise einfängt.
Liebesleben jenseits des Familiensitzes: Stella und Stanley
Im zweiten Teil erscheint Blanche bei ihrer Schwester Stella und deren Gatten, dem Proletarier und Zuwanderer Stanley Kowalski. Alfred Schnittkes Musik montiert unterschiedlichste Stile nebeneinander. Neben lärmenden, beinahe geräuschhaften Schichtungen unterschiedlicher Klänge stehen Zitate vergangener Epochen, Blues und Jazz oder auch Arbeiterlieder. Eine "schöne Untermalung des Tanzes darf man da nicht erwarten. Die Komposition fordert das Ohr wie die Assoziationsfähigkeit heraus, sie provoziert durch die Konfrontation völlig unterschiedlicher Elemente immer wieder, besitzt aber gerade in dieser heterogenen Vielschichtigkeit eine ganz eigene Kraft. (In Düsseldorf sollen Neumeiers originale Tonbänder von 1983 verwendet worden sein - angesichts des dumpfen, wenig transparenten Klangs glaubt man das sofort.) Es ist verblüffend, wie gut diese aberwitzige Komposition zur Handlung passt - und wie genau Neumeier auf die Wendungen der Musik eingeht und daraus zwingend die Choreographie entwickelt. Stanley etwa vergewaltigt Blanche zum mittelalterlichen, von vielen Komponisten aufgegriffenen "Dies irae" aus der lateinischen Totenmesse.
Toxische Beziehung bis zur Vernichtung: Stanley und Blanche
Die Geschichte wird in diesem zweiten Teil des Abends linear erzählt, von Blanches Ankunft (sie ist mit der Straßenbahn zur Haltestelle "Desire"- eher "Begierde" als "Sehnsucht" - gefahren) über die Streitigkeiten mit Stanley, die Affäre mit dessen Freund Mitch (der sie fallen lässt, als er von ihrer zweifelhaften jüngeren Vergangenheit erfährt) bis zur erwähnten Vergewaltigung und dem Zusammenbruch. Den animalischen Wesenszug Stanleys kann der smarte Olgert Collaku nicht liefern, er ist ein blendend aussehender, durchtrainierter Boxer, elegant in den Bewegungen und von zynischer Kälte, wenn er Blanche misshandelt. Clara Nougé-Cazenave tanzt eine mädchenhaft übermütige, lebenslustige Stella, Blanches Schwester, sehr verliebt in Stanley und sehr liebesbedürftig. Stanley und sie sind ein schönes und auch ein gutes Paar. Nelson López Garlo verkörpert Stanleys Kumpel Mitch mit dem Charme des etwas biederen höheren Angestellten. Für einen kurzen Moment scheint er der kleinbürgerliche Rettungsanker im Leben Blanches zu sein. Die Compagnie des Balletts am Rhein dürfte in den Ensembles präziser tanzen, gestaltet die vielen kleinen Episoden am Rande aber mit viel Charme. Neumeier vermag mit dieser Geschichte über die gesamte Spieldauer zu fesseln, wobei die Handlung meist im Vordergrund steht und der Tanz nachgeordnet erscheint - das ist wohl ein Grundproblem aller Literaturballette, die sich wie dieses eng an ihre Vorlage halten. Für den Spielplan des Balletts am Rhein ist die in jedem Detail sorgfältig durchgestaltete Choreographie in jedem Fall ein Gewinn.
Endstation Sehnsucht ist über 40 Jahre nach der Uraufführung immer noch ein fesselndes, beklemmendes Handlungsballett, das in Düsseldorf vor allem in den Hauptrollen eindrucksvoll getanzt wird. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Choreographie, Bühne,Kostüme,
Dramaturgische Betreuung
Bühne Einrichtung
Licht Einrichtung
Einstudierung
Ballettmeister
Klavier Tänzerinnen und Tänzer
Blanche DuBois
Shaw
Ein Soldat
Kiefaber
Stella, Blanches Schwester
Allan Grey / Zeitungsjunge /Arzt
Allans Freund
Hochzeitsgäste
Brautjungfer
Begleiter der Brautjungfer
Großmutter / Pflegerin
Großvater
Tante Jessie
Margarete
Der General
Stanley Kowalski
Mitch
Die Stadt New Orleans
|
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de