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María de Buenos Aires

Tango Operita in zwei Teilen (1968)
Libretto von Horacio Ferrer
Musik von Astor Piazzolla
mit Einschüben von Werken Johann Sebastian Bachs


in spanischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30' (eine Pause)

Premiere am 7. Februar 2026 im Opernhaus Düsseldorf


Homepage

Rheinoper
(Homepage)
Tangus Dei, erbarme Dich des Publikums!

Von Stefan Schmöe / Fotos von Andreas Etter

María ist eines der jungen Mädchen in den Bordellen am Hafen von Buenos Aires. María ist der Tango. Und María ist die Personifikation der Stadt Buenos Aires, die von ihren Gründern "Santa María del Buen Ayre" genannt wurde. María ist die Heilige und die Hure. "Jetzt, da die Stunde ist und ein Rascheln von Geisterkraut / Nachtwache hält in deiner Ruhe, muss ich durch den Riss des Asphalts / deine Stimme heraufbeschwören." heißt es im ersten Bild über sie im bildmächtigen, poetischen, kaum übersetzbaren Libretto von Horacio Ferrer. Astor Piazzolla komponierte seine "Tango Operita" María de Bueno Aires 1968. Es ist das einzige Bühnenwerk Piazzollas, der den Tango, ursprünglich ein Tanz der Bordellviertel, als Tango Nuevo salonfähig machte (und in Argentinien lange dafür verachtet wurde). Das charakteristische Instrument ist das Bandoneon, erfunden von Heinrich Band 1844 in Krefeld, gebaut in großer Stückzahl im Erzgebirge und durch Emigranten nach Südamerika gebracht, die mit dem Instrument, so mag man es sich zumindest vorstellen, in schummrigen Spelunken ihren Schmerz über gescheiterte Hoffnungen zum Ausdruck brachten. Das alles schwingt in der Figur dieser María mit.

Szenenfoto

María, hier zweifach: Vorn Tänzerin Agostina Tarchini, hinten Sängerin Maria Kataeva

Eine dramatische Entwicklung gibt es nicht, eine Handlung nur in Ansätzen. Geboren wurde María "als Gott betrunken war"; sie irrt durch die Vorstädte, wird zur Hure, stirbt, lebt als Schatten weiter und bringt ein Kind zur Welt. So erzählt es in über die melancholische Musik gesprochenen Texten "El Duende", der "Geist", dargestellt von Alejandro Guyot. Er verleiht den Worten in argentinisch gefärbtem Spanisch außerordentliche Musikalität. Manches wird von einem "Payador" gesungen, einem volkstümlichen Sänger, den Jorge Espino mit samtenem, liedhaft geführtem, manchmal eben dadurch ein wenig zu kunstvollem Bariton gestaltet, der dann eben doch nach Konzertsaal statt nach Kneipe klingt. Der Chor kommentiert durchweg mit im Kollektiv gesprochenen statt gesungenen Phrasen und muss dabei einen Punkt zwischen rhythmischer Präzision und Unschärfe treffen - hier eine Spur zu sehr verschoben hin zu einem unbestimmten, verschwommenen Raunen.

Szenenfoto

Kann viel über María erzählen: El Duende

Das Werk ist in zwei Akte mit insgesamt 17 Bildern gegliedert und folgt formal dem Schema der Nummernoper. Die Titel der einzelnen Bilder verweisen verschlüsselt auf barocke Formen und auch auf die Liturgie der katholischen Messe: So ist das letzte Bild mit "Tangus Dei" überschrieben, eine offensichtliche Anspielung auf das "Agnus Dei", die Anrufung des "Lamm Gottes", im letzten Teil der Messe. Regisseur Johannes Erath erkennt dahinter eine Passionsgeschichte und fügt an mehreren Stellen Musik Johann Sebastian Bachs ein: Die zweite Strophe des Chorals "O Haupt voll Blut und Wunden" und die Arie "Erbarme Dich" aus der Matthäuspassion. Das Orchester wird ersetzt durch das Bandoneon wie auch bei dem Chorsatz "Et resurrexit" aus der h-Moll-Messe. So recht überzeugen können die Einschübe in diesem Kontext nicht, zumal der Chor der Deutschen Oper am Rhein virtuose barocke Chorfugati hörbar nicht zu seinem Kernrepertoire zählt - da fehlt es an Genauigkeit, an angemessener Schlankheit im Klang und an Beweglichkeit. Hier singt eben ein Opernchor mit anderen Qualitäten. Ein Fremdkörper bleibt auch das Adagio aus dem Klavierkonzert d-Moll BWV 974 (das eine Bearbeitung eines Oboenkonzerts von Alessandro Marcello ist), hier in einer Fassung für Soloklavier. Maria Kataeva, die Darstellerin der María, spielt am Konzertflüge einfühlsam, und die Szene ist immerhin ziemlich spektakulär als Showeinlage auf fast leerer Bühne inszeniert und ausgeleuchtet.

Szenenfoto

In Krefeld erfunden, im Erzgebirge gebaut, durch Emigranten nach Buenos Aires gebracht und dort zum charakteristischen Instrument des Tangos geworden: Das Bandoneon, hier mitreißend gespielt von Carmela Delgado

Auf eindrucksvolle Bilder versteht sich Regisseur Johannes Erath, der wie gewohnt eine schwarze Bühne (Katrin Connan) mit markanten purpurfarbenen Akzenten in den Kostümen (Jorge Jara) kontrastiert. Das ist so sehr zu Eraths wiederkehrendem Markenzeichen geworden, dass bei allen ästhetischen Qualitäten ein Beigeschmack bleibt: Mehr und mehr inszeniert Erath sich selbst und weniger das jeweilige Werk. In diesem Fall steht ein großes "M" wie "María" auf der Bühne, ornamental durchbrochen, das die Rückwand eines angedeuteten Cafés darstellt. In diesem Rahmen ließe sich die Geschichte schlüssig inszenieren, aber das reicht dem Regisseur nicht. Er entwickelt eine Folge von mitunter surreal anmutenden Bildern. María erscheint in mehrfachen Gestalten. Zunächst ist die Rolle von María als lebende Person und, nach ihrem Tod, der Schatten Marías auf zwei Sängerinnen aufgeteilt, anders als in der Partitur vorgesehen. Maria Kataeva singt die lebendige Maria mit schönen dunklen Farben in der tiefen Lage und einem deutlich hörbaren Registerbruch, wenn die Stimme in ihren opernhaften Mezzosopran wechselt, der immer noch schön ist, aber wenig von der zwielichtigen Atmosphäre der Hafenspelunken vermittelt. Ganz ähnlich ist das bei Morenike Fadayomi, die ebenfalls in der farbreichen Tiefe überzeugt, von der Mittellage an aber eher nach Wiener Kaffeehaus und Robert Stolz als nach Piazzolla klingt.

Szenenfoto

Vorn links der Schatten Marías, in der Mitte die noch ziemlich lebendige María

Der schillernde, ausufernde Bilderbogen macht es dem Publikum nicht leicht. Wenn man den reichlich komplizierten Text in den Übertiteln mitlesen, die Aktionen auf der Bühne verfolgen und noch auf die Musik achten will, wird man zwangsläufig das eine oder andere verpassen. Die Regie wirkt da manchmal wie ein Wimmelbild. Das funktioniert im ersten Akt noch passabel, weil mit der Vielschichtigkeit der Eindrücke ein komplexes, kaleidoskopartiges, nicht in Gänze überschaubares Panorama dieser eigentümlichen Welt vermittelt wird. Den zweiten Teil gestaltet Erath als überbordende Revue, eingeleitet durch das erwähnte Bach'sche "Et resurrexit", zu dem eine wilde Party gefeiert wird. Wenn mehrere Psychiater in Form von überdimensionierten Pappköpfen dargestellt werden, die Inszenierung ihre Bilder sehr konkret in der Welt des Katholizismus mit Anklängen an die Messe sucht, wenn eine Armada aus Opernköniginnen in erlesen schönen Kostümen an die Rampe tritt (was hat das noch mit dem Stück zu tun?), spätestens aber, wenn ein überdimensionales purpurnes Herz mit großen Augen und Mund auftritt, ist die überfrachtete und zerfasernde Inszenierung in der Sphäre des Kitsches angekommen. Nicht auszuschließen, dass die Regie genau das will. Kitsch bleibt es trotzdem.

Die in mehrere Figuren (und sogar eine kleine Puppe) aufgespaltene rothaarige María ist bei alledem kein lebendiges Wesen, sondern eine Projektionsfläche all dessen, was hier mitschwingt: Hure und Heilige, Großstadt und Tango, Kulminationspunkt von Sehnsüchten und enttäuschten Hoffnungen. Aber als Mensch, als Frau bleibt sie merkwürdig uninteressant. Dadurch fehlt der Inszenierung das Zentrum. Auch deshalb nimmt das Publikum die einzige zentral auf der Bühne getanzte Tango-Nummer begeistert auf (hinreißend: Agostina Tarchini, assistiert von Mariano Agustín Messad und Andrés Sautel), während sonst Tango-Figuren eher nebensächlich am Rand angedeutet werden. Faszinierend ist die Musik, im Orchestergraben von den Düsseldorfer Symphonikern in kleiner, dennoch die Größe einer typischen Tango-Combo deutlich übersteigenden Besetzung unter der Leitung von Mariano Chiacchiarini. Großartig spielt Illja Tosic die Gitarre. Das eigentliche Ereignis des Abends aber ist Carmela Delgado am Bandoneon, teilweise auf der Bühne spielend. Sie bringt die ungewöhnlichsten Klangfarben und die spannendsten Momente des Abends ein.


FAZIT

Man wünschte, die Produktion würde stärker auf das Bandoneon und überhaupt auf Piazzollas Musik fokussieren. Stattdessen verliert sich die Inszenierung von Johannes Erath in ihrem typischen Kontrast aus Schwarz und Purpur in allzu vielen Einzelbildern, ohne dem Werk wirklich nahezukommen.

Hinweis des Rezensenten: In einer früheren Fassung habe ich Ville Enckelmann als Pianisten in Bachs Adagio aus dem Klavierkonzert d-Moll BWV 974 genannt. Enckelmann wird auf dem Programmzettel als Pianist im Orchester aufgeführt. Im Dunkel der Szene und der mitunter verwirrenden Vielzahl an Maríen in der Inszenierung bin ich davon ausgegangen, dass Enckelmann auch am Flügel auf der Bühne sitzt. Tatsächlich spielt hier, darauf weist die Rheinoper hin, Maria Kataeva, die Darstellerin der María. Ich bitte wegen des Irrtums um Entschuldigung.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Mariano Chiacchiarini

Inszenierung
Johannes Erath

Bühne
Katrin Connan

Kostüme
Jorge Jara

Licht
Nicol Hungsberg

Chor
Albert Horne

Choreographie
Agostina Tarchini

Dramaturgie
Anna Melcher



Statisterie der Deutschen Oper am Rhein

Chor der Deutschen Oper am Rhein

Düsseldorfer Symphoniker


Solisten

María
Maria Kataeva

Der Schatten Marías
Morenike Fadayomi

El Duende
Alejandro Guyot

Die Stimme eines Payador /
Träumender Buonaerenser Gorrión /
Alter Anführer der Diebe /
Erster Psychoanalytiker /
Eine Stimme jenen Sonntags
Jorge Espino

Tango Argentino
Mariano Agustín Messad
Andrés Sautel
Agostina Tarchini

Bandoneon
Carmela Delgado



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Rheinoper
(Homepage)



Da capo al Fine

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