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Unkonventionelle SelbstfindungVon Stefan Schmöe / Fotos von Björn HickmannGabelstaplerfahrer wäre der ideale Beruf für den 16-jährigen Jamie - das jedenfalls ermittelt der Algorithmus der Berufsberatung. Ganz verwunderlich ist es nicht, dass sich der Teenager nur mäßig dafür begeistern kann. Denn eigentlich möchte Jamie etwas ganz anderes werden, nämlich eine Drag Queen. Und weil wir im Theater sind, klappt das entgegen aller Erwartungen letztendlich auch, jedenfalls für einen Abend, und - noch viel wichtiger - Jamie erscheint, von allen begeistert gefeiert, in Frauenkleidung beim Abschlussball seiner Schule. Das Musical Everybody's Talking About Jamie beruht auf einer wahren Geschichte und ist 2017 in Sheffield uraufgeführt worden, wo die Geschichte auch spielt, und von dort schnell ans Londoner West End und weiter in alle Welt gewandert. Die Oper Dortmund hat sich die Rechte für die deutsche Erstaufführung gesichert, die jetzt mit dieser bemerkenswerten Produktion in Zusammenarbeit mit dem Märkischen Gymnasium Iserlohn über die Bühne geht. Hier wird nicht nur die Coming-of-Age-Story eines jungen Mannes (als solchen definiert Jamie sich) erzählt, sondern sie wird auch von überwiegend ganz jungen Menschen aufgeführt.
Träumt davon, eine Drag Queen zu werden: Jamie, gelangweilt im Berufskundeunterricht
Drag Queen - was soll das schon sein, fragt sich Jamies Lehrerin. Für sie sind angehende Influencer und Youtuber schon ein Graus, da ist wenig Verständnis für einen so ausgefallenen Wunsch zu erwarten, und für den Abschlussball der Schule gilt natürlich der traditionelle Dresscode: Ein Mann trägt Anzug. Unterstützt wird Jamie von seiner alleinerziehenden, superempathischen Mutter und deren patenter Freundin Ray. Der abwesende Vater, ein großer Unsympath, wünscht sich dagegen einen "richtigen", soll heißen: im traditionellen Sinn männlich auftretenden Sohn. Zuspruch erhält Jamie von seiner Mitschülerin Pritti, die sich als typische "Streberin" und Muslima ebenfalls in einer Außenseiterposition befindet. Natürlich gibt es auch den boshaften Mitschüler (der am Ende geläutert ist). Schlüsselfigur aber ist Hugo, Inhaber eines Geschäfts für die passenden Drag-Queen-Accessoires, der selbst früher als "Loco Chanelle" Erfolge gefeiert hat und Jamie das nötige Rüstzeug vermittelt. Sonderlich komplex ist das Figurentableau nicht ausgearbeitet, was angesichts der Thematik hier auch seine Vorteile hat, denn Diskurstheater haben die Autoren nicht im Sinn - es soll direkt berührendes Musiktheater sein, und das gelingt. Alle Figuren hier suchen nach ihrer Rolle im Leben und tragen eine gewisse Traurigkeit mit sich herum, auch die Erwachsenen. Weil die Oper Dortmund aber die Partien der Jugendlichen mit Schüler*innen des Märkischen Gymnasiums Iserlohn und der OpernYoungsters, dem Jugendopernclub des Theaters, besetzt und für die jugendlichen Hauptrollen sehr junge Menschen gecastet hat, bekommt die Aufführung eine ganz besondere Unmittelbarkeit und auch Glaubwürdigkeit.
Und gleich noch einmal Jamie, in Gedanken auf der großen Bühne, wenn auch nicht als Drag Queen
Phänomenal singt und spielt Dominik Kulczyński in der Titelpartie. Er verfügt über eine tolle Stimme mit hellem, interessantem Timbre und sicherer Höhe, aber auch über bestechenden Charme und eine beeindruckende Bühnenpräsenz. Lilly Sophie Kastner hat für seine Freundin Pritti eine zarte, nicht sehr große, aber einschmeichelnd schöne Stimme und spielt die muslimische Teenagerin mit couragierter Selbstsicherheit - dabei ist die Darstellerin blind, was ganz nebensächlich in die Dialoge einfließt und auf ihre Figur übertragen wird, ohne dass dies Betroffenheit hervorrufen will. Im Gegenteil: Viel mehr wird das zum Ausdruck einer Vielfalt, in der diese junge Frau zu einer ganz starken Persönlichkeit wird. Den Hugo, ehemals Drag Queen Loco Chanelle, spielt Hannes Brock, langjähriges Ensemblemitglied in Dortmund, mit großer Souveränität, und Marja Hennicke (die auch als Gesangscoach mit den jugendlichen Akteuren gearbeitet hat) gibt Jamies Mutter herben Charme.
Uneinig: Die Eltern
Regisseur Alexander Becker belässt die Geschichte, die man sich natürlich auch in Dortmund vorstellen könnte, im englischen Sheffield. Dadurch bleibt eine gewisse Distanz erhalten, die das Stück davor bewahrt, allzu plakativ zu wirken. Videosequenzen (Dustin Krüger) verweisen auf englische Arbeitersiedlungen, zeigen zwischendurch aber auch eine Bushaltestelle irgendwo im Ruhrgebiet. Man trägt Schuluniform (Kostüme: Nina Albrecht-Paffendorf), wobei die Farben monochrom in dunklen und weißen Tönen gehalten sind. Bunt wird es immer dann, wenn es um Drag Queens geht, und da erscheinen dann einige schillernde Gestalten - nämlich das Dragkollektiv "House of Blænk" sowie Lennart Pannek. Die Bühne zeigt mit wenigen Versatzstücken die enge Küche von Jamie und seiner Mutter, das Büro der Lehrerin oder den Laden von Hugo mit den Kleidern, von denen Jamie träumt (Bühnenbild: Annika Haller). Das Klassenzimmer ist mit ein paar Stühlen angedeutet, wie überhaupt Szenenwechsel schnell möglich sind. Die wirkungsvolle Choreographie (Jutta Maas und Thomas Kolczewski) wird mit beeindruckender Präzision umgesetzt. Die Projektband sitzt auf der Hinterbühne und spielt die zwischen Pop und Disco anzusiedelnde Musik unter der Leitung von Carlos Vázquez mit großer Energie.
Die Mitschüler*innen
Zu dieser semiprofessionellen Aufführung (die in jedem Moment durch und durch professionell wirkt) kommt ein anderes Publikum als sonst in die Dortmunder Oper, was sicher auch zu den Zielen gehört - unmittelbarer und spontaner in den Reaktionen als bei Mozart oder Verdi üblich. Da werden einzelne Sätze im Stück bejubelt, und der bedauernswerte Darsteller des Vaters (den Martin Lasche eigentlich noch eine Spur zu nett anlegt) wird beim Schlussapplaus ausgebuht, wobei es sicher nicht um die darstellerische Leistung geht. Man fiebert mit, und die Geschichte berührt in vielen Momenten. Natürlich ist es eine herausragende Leistung der Dortmunder Oper, mit Laien und mit sehr jungen Menschen eine Produktion auf diesem Niveau zu gestalten - und Menschen für das Theater zu begeistern, die mit Reihen wie dem "Wagner-Kosmos" erst einmal nicht viel anfangen können. Und dann ist da noch das nicht ganz einfache Thema. "Am Ende schaffen wir mit unserem "Jamie" vielleicht mehr, als 'nur' das Musical zu inszenieren", hat Regisseur Alexander Becker in einem Interview geäußert. Nach dieser begeistert vom Publikum gefeierten Premiere kann man sagen: Das ist in vieler Hinsicht gelungen. FAZITDie Oper Dortmund präsentiert ein unterhaltsames, oft sehr witziges, aber auch berührendes Musical und hält damit ein leidenschaftliches Plädoyer für Offenheit und Vielfalt. Und das mit einem tollen Ensemble aus Profis und Laien, mit vielen Schüler*innen und großartigen Nachwuchsdarsteller*innen, die über sich hinauswachsen. Ein ganz starkes Projekt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam* Besetzung der Premiere
Musikalische Leitung
Regie
Bühne
Kostüme
Choreographie
Video
Licht
Ton
Projektleitung
Dramaturgie
Keyboard I / Dirigent
Keyboard II
Gitarre I
Gitarre II
Bass
Drums
Perkussion
Trompete
Saxofon
Posaune
Solisten* Besetzung der Premiere
Jamie New
Pritti Pasha
Miss Hedge
Margaret New
Ray
Hugo/Loco Chanelle
Dean Paxton
Becca
Bex
Fatima
Vicki
Cy
Sayid
Levi
Mickey
Drags
Jamies Dad
John
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