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Auf der Suche nach dem Superhelden
Von Thomas Molke /
Fotos: © Björn Hickmann
Clémence de Grandval zählte im 19. Jahrhundert zu den erfolgreichsten Komponistinnen in Frankreich und wurde von Kollegen wie Hector Berlioz und Camille Saint-Saëns sehr geschätzt. Dass es ihr in einer Zeit, in der Frauen der Zugang zum Konservatorium nicht erlaubt war, dennoch gelang, eine große Bandbreite von Opern, geistlicher Musik und Kammermusik zu komponieren und zu präsentieren, war ihrer adeligen Stellung zu verdanken. Schon in frühen Jahren genoss sie eine erstklassige musikalische Ausbildung bei Frédéric Chopin und Friedrich von Flotow und konnte auch nach ihrer Heirat mit dem Vicomte de Grandval 1851 ihren musikalischen Weg weiter fortsetzen. Mit Saint-Saëns verband sie eine lebenslange, tiefe Freundschaft, der ihre Karriere, soweit es in seiner Macht stand, förderte und nach ihrem Tod einmal bemerkte, dass ihre Werke sicherlich auch heute noch berühmt wären, wenn die Autorin nicht eine Frau wäre, was für viele Menschen ein unabänderlicher Fehler sei. Nachdem sie in den 1860er Jahren mehrere Opern auf namhaften Pariser Bühnen zur Uraufführung gebracht hatte, die eher dem komischen Genre zuzuordnen sind, schuf sie 1892 als letzte Oper ein monumentales Bühnenwerk im Stil einer Grand Opéra: Mazeppa. Dieses Werk ist nun in Dortmund im Rahmen der Pflege vergessener Komponistinnen als deutsche szenische Erstaufführung zu erleben. Mazeppa (Mandla Mndebele) als gefallener Superheld Die Geschichte um den historisch belegten Kosakenführer Iwan Masepa (Mazeppa), der sich Ende des 17. Jahrhunderts im Kampf für die Unabhängigkeit der Ukraine mit dem schwedischen König Karl XII. gegen den Zaren Peter I. verbündete und heute in der Ukraine als Nationalheld verehrt wird, ist in der Literatur und Musik vor allem noch durch Lord Byron, Alexander Puschkins Poem Poltawa und Tschaikowskys darauf basierender Oper Mazeppa bekannt. Die Librettisten Charles Grandmougin und Georges Hartmann vermengen in de Grandvals Oper die literarische Legende mit der historischen Wirklichkeit. So beginnt die Oper mit Mazeppas Verbannung aus Polen, wonach er mit dem Rücken nackt auf ein wildes Pferd gebunden wurde und völlig erschöpft und geschwächt in der Ukraine ankam. Dort trifft er auf Matréna, die Tochter von Kotchoubey. Der historische Mazeppa begegnete dieser jungen Frau erst am Ende seines Lebens. In der Oper schließt er sich zunächst Kotchoubeys zarentreuen Truppen an und führt diese zum Sieg, was ihn zum gefeierten Helden aufsteigen lässt. Doch Iskra, Matrénas Verlobter, der von ihr nun wegen Mazeppa zurückgewiesen wird, findet heraus, dass Mazeppa heimlich mit den Feinden kooperiert und ein Verräter ist. Mazeppa kann diesen Verdacht zunächst zerstreuen. Als auch Matréna von seinen Umsturzplänen erfährt, zwingt er sie, sich zwischen ihrem Vater und ihm zu entscheiden. Matréna wählt den Geliebten und ist der Verzweiflung nahe, als ihr Vater von Mazeppa hingerichtet werden soll. Doch Iskra gelingt es, Mazeppas Verrat öffentlich zu machen, und Mazeppa muss fliehen. Auf der Flucht trifft er auf die mittlerweile dem Wahnsinn verfallene Matréna, die ihn verflucht. Kann Mazeppa (Mandla Mndebele, Mitte stehend) das Volk retten? Matréna (Anna Sohn) und das Volk (Opernchor) wollen Kotchoubey (Artyom Wasnetsov, Mitte sitzend) davon überzeugen (im Hintergrund: Denis Velev als Archimandrit). Da eine Oper um gescheiterte Unabhängigkeitsbemühungen der Ukraine - wenn auch von einem zaristischen Russland - in der derzeitigen politischen Lage sicherlich ein falsches Zeichen setzen würde, hat das Regie-Team um Martin G. Berger beschlossen, sämtliche Ortsangaben im Libretto "metaphorisch" zu begreifen und eine zeitlose Geschichte zu erzählen, die sich überall abspielen kann, wenn man auf der Suche nach einem Helden ist, der einen aus einer Misere herausführen soll. Dass de Grandvals Musik dabei neben der erzählten Geschichte ebenfalls Blockbuster-Qualitäten hat, wird deutlich, wenn die Ouvertüre von einem Video untermalt wird, in dem Mazeppa in ein Superheldenkostüm schlüpft, um in einem futuristischen Dortmund mit BVB-Stadion und legendärem "U" den Kampf gegen das Böse aufzunehmen. Vor dem Chor, der auf einer stufenweise erhöhten Bühne sitzt, wird eine riesige Leinwand herabgelassen, auf der ein "Superhelden-Film" läuft, in dem Mazeppa schließlich "das Böse" in Gestalt eines Schurken mit Teufelshörnern besiegt. Dieser Film wirkt genau auf die Musik gelegt. Ein wenig verwirrend erscheint nur, dass sich Mazeppa nach diesem Film verletzt und erschöpft auf einen Steg schleppt, der vor dem Orchestergraben herführt, und dort von Matréna, die mit ihrem Vater und Iskra die Filmvorführung geleitet hat, gefunden wird. Doch auch das wird in einer folgenden Filmsequenz erklärt, wonach dem Befreier des geknechteten Volkes sehr schnell Hass entgegenschlug. Bühnenbildnerin Sarah-Katharina Karl zeigt sogar das tote Pferd auf der Bühne, auf dessen Rücken Mazeppa auf seiner Verbannung gebunden wurde. Mazeppa (Mandla Mndebele) verführt Matréna (Anna Sohn) Durch den Film verwundert es nicht, dass Mazeppa beim Volk einen rasanten Aufstieg erfährt. Kotchoubey, der ihn im Video erfolgreich hat kämpfen sehen, überredet zunächst Mazeppa und schließlich den Archimandriten, der das Heer für den bevorstehenden Feldzug segnen soll, Mazeppa als neuen Anführer zu wählen, und ist, anders als der historische Kotchoubey auch bereit, ihm seine Tochter anzuvertrauen. Das kränkt natürlich Iskra sehr. Zunächst hat man den Eindruck, dass er nur aus verletztem Stolz Mazeppa als Verräter beschimpft. Doch die Bühne hebt sich und zeigt den Raum des Bösen, den man schon aus dem Video vom Anfang kennt. In einem weiteren Video erfährt man, dass die ganze Heldengeschichte ein abgekartetes Spiel zwischen Mazeppa und dem Bösen war. Auch Matréna wird das klar. Aber dann lässt sie sich von Mazeppa verführen, indem sie zu ihm auf das Motorrad steigt und in einer beeindruckenden Video-Sequenz durch den Dortmunder Nachthimmel fliegt. Hier hat Vincent Stefan wirklich Erstaunliches geleistet, indem er mit einer Kamera auf der Bühne Mazeppa und Matréna einfängt und in das Bild eines futuristischen Dortmunder Nachthimmels projiziert. Auch die obligatorische Balletteinlage der Oper wird in einem Video verarbeitet. Hier wird Mazeppas triste Jugend erzählt. Als jungen Mazeppa hat man hier den Sohn der Titelpartie besetzt, der zunächst seinem tristen Alltag auf der Straße entkommen will, dabei aber in einen Konflikt mit drei anderen Jungen gerät, denen er zunächst körperlich völlig unterlegen ist. Nachdem er frustriert in seinem Zimmer die Plakate von den Superhelden zerrissen hat, sind im Video Jahre vergangen, und im Bett liegt nun der erwachsene Mazeppa, der sich wieder auf die Straße begibt und nun wie durch ein Wunder die drei Angreifer besiegt. So kommt er zu dem Bösen, der sein Potenzial erkennt und ihn zu einem Superhelden aufbaut. In diesem Stadium befindet man sich nun nach der Pause. Der Böse empfängt in golden glitzerndem Kostüm Mazeppa und Matréna in weißem Gewand mit goldenen Applikationen, die sich mit einer Schar von anderen wohlhabenden Menschen amüsieren, während das einfache Volk den Abfall entsorgen muss. Noch während Kotchoubey zur Hinrichtung geführt wird, hat sich der Böse mit Iskra schon einen neuen Superhelden auserkoren und lässt Mazeppa fallen. Der eiserne Vorhang senkt sich, und Mazeppa und Matréna bleiben einsam auf der Flucht vor der Bühne zurück. Neben der beeindruckenden szenischen Umsetzung hat die Produktion auch musikalisch einiges zu bieten. De Grandval zeigt ihre vielseitigen musikalischen Fähigkeiten, die große Chorszenen genauso beherrscht wie volkstümliche Melodien und leise Töne, wenn Matréna beispielsweise ihrer verlorenen Heimat nachtrauert. Hier steht de Grandval ihren männlichen Kollegen in Nichts nach. Sie schafft es sogar im Gegensatz zu Halévy und Meyerbeer, diese musikalische Vielfalt viel dichter in einer Grand Opéra zu präsentieren, so dass der Abend wesentlich kürzer ist und trotzdem alle Bestandteile enthält. Jordan de Souza setzt diese musikalische Vielfalt mit den Dortmunder Philharmonikern eindrucksvoll um. Der um einen Projekt-Extrachor erweiterte Opernchor der Oper Dortmund leistet unter der Leitung von Fabio Mancini stimmlich und darstellerisch Gewaltiges und ist viel mehr als bloße Staffage auf der Bühne. Die Sehnsüchte und das Leiden des Volkes werden hier eindrucksvoll in Szene gesetzt. Iskra (Sungho Kim) warnt Matréna (Anna Sohn) vor Mazeppa. Die Solopartien können allesamt mit Ensemblemitgliedern der Oper Dortmund hochkarätig besetzt werden. An erster Stelle ist an diesem Abend Mandla Mndebele in der Titelpartie zu nennen, der mit kraftvollem Bariton als Mazeppa regelrecht über sich hinauswächst. Eindrucksvoll gelingt es ihm, zunächst alle, auch das Publikum, in Mazeppas wahren Absichten zu täuschen. So geht es dem Publikum genau wie dem Volk und Matréna, die in ihm den Retter aus höchster Not sehen. Seine dunklen Seiten offenbart er erst wesentlich später. Dabei zeigt sich Mndebele so unerbittlich, dass man direkt Angst vor ihm bekommen kann. Anna Sohn stattet die Partie der Matréna mit großem dramatischem Sopran aus. Darstellerisch vollzieht sie einen großartigen Wandel vom verliebten jungen Mädchen zu einer reifen Frau, die an ihrem Schicksal verzweifelt. Unter die Haut geht ihr eindringliches Lied im vierten Akt, in dem sie vergangenen Zeiten nachtrauert. Wenn sie im letzten Akt Mazeppa verflucht, beweist sie charakterliche Größe. Sungho Kim punktet als Iskra mit in den Höhen strahlendem Tenor. Dabei zeichnet er die Figur keineswegs als positiv, da er sich am Ende ebenso instrumentalisieren lässt wie Mazeppa zuvor. Artyom Wasnetsov begeistert mit profundem Bass als Matrénas Vater Kotchoubey und hat musikalisch seine ganz großen Momente im vierten Akt, wenn er auf dem Weg zur Hinrichtung seine Tochter verflucht und auch nach seiner Rettung keine Gnade walten lässt. Denis Velev legt den Archimandriten szenisch sehr wankelmütig an, so dass man nicht weiß, welche Interessen er eigentlich verfolgt. Stimmlich überzeugt er mit dunklem Bass. So gibt es am Ende zu Recht für alle Beteiligten stehende Ovationen. FAZIT Es ist schade, dass dieses monumentale Werk nur relativ selten auf dem Spielplan steht. Die letzte Aufführung findet im Rahmen des Wagner-Kosmos im Mai statt. Man sollte sie nicht verpassen, um einen Eindruck von de Grandvals großartiger Musik zu bekommen, zumal die Partien hervorragend besetzt sind und Berger eine packende szenische Umsetzung findet.
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ProduktionsteamMusikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Video
Licht
Choreinstudierung
Dramaturgie
Dortmunder Philharmoniker Opernchor Theater Dortmund Statisterie Theater Dortmund
Solistinnen und Solisten Matréna, Tochter von Kotchoubey Mazeppa Iskra, junger Krieger Kotchoubey, Krieger und Adeliger Der Archimandrit, Vertreter des Darstellende im Film Die Frau Mazeppa als Kind Mazeppas Mutter Mazeppas Vater
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