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Was wäre wenn... Von Thomas Molke / Foto: © Marc Doradzillo und Leszek Januszewski
Wenn an einem sommerlichen Dienstagabend während der Fußball-Weltmeisterschaft das Opernhaus Dortmund ausverkauft ist, muss schon etwas ganz Besonderes auf dem Spielplan stehen. Aber es handelt sich nicht um einen namhaften Star, der in Dortmund zu Gast ist, sondern das NRW Juniorballett, das über die Jahre einen derart großen Zuspruch bekommen hat, dass auch an einem Dienstag vor vollem Haus gespielt werden kann. Allerdings muss man sagen, dass es sich um die zweite und leider auch letzte Aufführung von Edward Clugs Choreographie Radio and Juliet handelt, es somit also auch nur wenige Möglichkeiten gab, das Stück in Dortmund auf der Bühne zu erleben. Clug schuf die Kreation vor über 20 Jahren während seiner aktiven Karriere als Tänzer für das Slowenische Nationaltheater Maribor und feierte damit seinen internationalen Durchbruch als Choreograph. Zahlreiche Compagnien haben das Werk seitdem einstudiert, und nun bringt er als Artist in Residence das Stück auch nach Dortmund, nachdem es im April mit dem NRW Juniorballett bereits im Theater-, Kultur- und Tagungszentrum Worms seine Premiere gefeiert hat. Wie der Titel erahnen lässt, ist das Stück an William Shakespeares berühmten Klassiker angelehnt. Dass der Name Romeo durch Radio ersetzt wird, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass Clug zur musikalischen Untermalung Musik der britischen Rockband Radiohead ausgewählt hat, die 1985 in Oxford gegründet wurde und mit ihrem experimentellen Ansatz als Wegbereiter des Alternative Rock gilt. In ihrem Sound findet Clug die Zerbrechlichkeit und Spannung, die er für die Erzählung seiner Variante der Geschichte sucht. Dabei handelt es sich nicht um ein Handlungsballett im eigentlichen Sinne, in dem die Geschichte von Romeo und Juliet nacherzählt wird. Vielmehr interessiert sich Clug nur für das Ende der Geschichte und sucht nach einem anderen Ausweg. Romeo ist bei ihm bereits gestorben, und Juliet erwacht neben ihrem toten Geliebten. Aber statt ihm in den Tod zu folgen, lotet sie andere Möglichkeiten für ihren weiteren Weg aus. Wohin er genau führen wird, bleibt offen. Juliet (Jasmine Cameron) und Pater Lorenzo (Kaining Dong) (© Marc Doradzillo) Das Programmheft nennt als Figur nur Juliet. Die sechs Tänzer werden lediglich als "Herren" bezeichnet und nehmen unterschiedliche Rollen ein. Mal sind es verschiedene Varianten von Romeo in der Retrospektive. Dann lassen sie sich als Mercutio, Pater Lorenzo oder Tybalt lesen. Clug hat im Laufe seiner Tanzkarriere mehrere Männerrollen in dieser Choreographie getanzt, ist aber schließlich bei Mercutio geblieben, dessen tödlicher Zweikampf mit Tybalt ebenfalls Teil der Choreographie ist. Was die Bewegungssprache in diesem Stück so außergewöhnlich macht, ist eine enorme Geschwindigkeit im Bewegungsablauf, die aber auch etwas Zerbrechliches und Instabiles aufweist, was die Verletzlichkeit der Figuren zeigt. Das wird von den sechs Tänzern und Jasmine Cameron in der Rolle der Juliet intensiv umgesetzt. Das Bühnenbild von Marko Japelj besteht aus einer grauen Rückwand, die auch als Projektionsfläche für ein Video dient und aus der im weiteren Verlauf des Stückes ein Teil herausbricht. Die Kostüme von Leo Kulaš zeigen Juliet in einer Corsage und die sechs Herren in einheitlichen Anzügen, so dass sie zwischen der Rolle des Romeo und anderen Figuren wechseln können. Zu Beginn sieht man auf dieser Rückwand in einem Video von Janja Glogovac eine junge Frau, die in einem großen Bett liegt. Sie ist allein. Der Rest der Bühne ist leer. Die Kamera zeigt die Frau aus unterschiedlichen Perspektiven, bis schließlich neben der Wand die sechs Tänzer auftreten, als ob sie aus dem Video herauskommen. Hierbei handelt es sich wohl um verschiedene Romeos, die erst später die anderen Rollen übernehmen. In kraftvollen Bewegungen gehen sie relativ schnell ab, bis schließlich Jasmine Cameron erscheint und ihnen nachblickt. Jetzt erst beginnt die Geschichte in der Retrospektive und greift einzelne Elemente der Tragödie auf. Man sieht den Maskenball, auf dem sich Romeo und Juliet das erste Mal begegnen und ineinander verlieben. Dass sie dabei medizinische Masken tragen, hat aber nichts mit der Corona-Pandemie vor ein paar Jahren zu tun. Schließlich ist das Stück schon wesentlich älter. Dann sucht Juliet Rat bei Pater Lorenzo und tritt schließlich mit Romeo vor den Traualtar. Auch den Kampf zwischen Mercutio und Tybalt wird von zwei Tänzern eindrucksvoll umgesetzt. Das alles scheinen aber nur Gedankenfetzen in Juliets Kopf zu sein. Juliet (hier: Liberty Fergus) mit dem toten Romeo (Luke Talirz) (© Leszek Januszewski) Dann bricht ein Teil der Rückwand heraus, und in dem Loch sieht man im Scheinwerferlicht die Silhouetten von zwei Menschen. Einer trägt den anderen. Während das Foto auf der letzten Seite des Programmheftes suggeriert, dass es Romeo ist, der die scheinbar tote Julia vielleicht in die Gruft trägt, wird es in der Choreographie andersherum umgesetzt. Hier erkennt man schließlich, dass es Juliet ist, die den toten Romeo trägt. Sie lebt ja noch, während er seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Behutsam legt Juliet ihn auf die Bühne und greift zu einer Frucht, die wie eine Orange aussieht. Soll das das Gift sein, das sie einnimmt, um Romeo zu folgen? Sie beißt in diese Frucht hinein, stirbt aber nicht, sondern erhebt sich, um langsamen Schrittes die Bühne zu verlassen. Das alles wird von der Musik von Radiohead eindrucksvoll untermalt und von den sechs Tänzern und der Tänzerin mit ausdrucksstarkem Bewegungsvokabular umgesetzt, so dass es am Ende frenetischen Applaus des Publikums gibt. FAZITDie mittlerweile über 20 Jahre alte Choreographie von Edward Clug hat an Aktualität nichts eingebüßt und wird vom NRW Juniorballett faszinierend umgesetzt. Man fragt sich, wieso man sich auf bloß zwei Aufführungen in Dortmund beschränkt und keine Wiederaufnahme für die kommende Spielzeit geplant ist. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Konzept und Choreographie
Bühne
Kostüme
Lichtdesign
Videodesign
Einstudierung
NRW Juniorballett
Solistinnen und Solisten *rezensierte Aufführung
Juliet
Herren
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