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Die Krankheit, die man "Seele" nenntVon Stefan Schmöe / Fotos von Thomas M. JaukDie Diagnose ist furchtbar: Der Mann hat eine Seele! Und eine solche Krankheit ist unheilbar. Individualität, Emotionen, Phantasie: Das hat man in dem Einheitsstaat "nach dem 200jährigen Krieg", den nur ein Bruchteil der Menschheit überlebt hat, überwunden. Es herrscht, so die Idealvorstellung, die Klarheit der Mathematik in allen Lebensbereichen. Statt Menschen mit Namen gibt es nur Nummern. Eine davon ist D-503, Ingenieur und Erbauer des Raumschiffs "Integral", das die neue Glückseligkeit quasi missionarisch zu anderen Planeten bringen soll. Aber ausgerechnet der gerät an eine Rebellin, Nummer I-330, die ihm eine andere Welt aufzeigt - und ihn dadurch mit der Krankheit infiziert, die man "Seele" nennt.
D-503 (Mitte) zwischen R-13 (links) und O-90. Anders gesagt: Der wissenschaftsgläubige Ingenieur zwischen dem Dichter, der Todesurteile in Lyrik verpackt, und der Frau, die ein Kind von ihm will, von der er sich aber gern lossagen würde.
Wir ist der Titel eines Romans des russischen Schriftstellers Jewgeni Samjatin (1884 - 1937), geschrieben 1920 unter dem Eindruck der russischen Revolution als Satire auf Gleichschaltung und Totalitarismus im jungen Sowjetreich und gleichzeitig eine prophetische Vorhersage dessen, was kommen sollte. Verfasst ist das Werk in Form eines Tagebuchs des "Helden" D-503, der in der anfänglichen Überzeugung, Teil des perfekten Staates zu sein, staatstreu in der kollektiven Form "wir" statt "ich" denkt. Sarah Nemtsov, geboren 1980 in Oldenburg, hat im Auftrag der Oper Dortmund eine Oper darüber komponiert. Dafür hat sie selbst Textpassagen aus dem Roman ausgewählt, die dann von Oleg Krokhalev ins Englische übersetzt wurden, auch um eine zu eindeutige Interpretation auf die Zustände im historischen wie im gegenwärtigen Russland zu vermeiden. Dabei erzählt die Komponistin die Geschichte linear nach, von einem kurzen Prolog abgesehen, der die Rebellin I-330 unter der Folter zeigt - ein Verweis auf das bittere Ende.
Die geheimnisvolle Frau I-330 (von der es rätselhafterweise kein Foto gibt) hat D-503 in das "alte Haus" gelockt, ein Museum der Vergangenheit, wo ihn "die alte Frau" - auch so ein museales Relikt, das von Natascha Valentin mit geheimnisvoll dunklem Alt sehr schön gesungen wird - erwartet.
Nemtsov hat großformatige Klangflächen geschaffen, mit denen sie prägnant und durchaus sinnlich den einzelnen Szenen einen klaren akustischen Raum gibt. Mit Chor, Orchester, Soloinstrumenten und Elektronik, dazu natürlich Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, schöpft sie aus dem Vollen. Stilistisch bedient sie sich bei unterschiedlichsten Epochen. Immer wieder klingen Formen vergangener Musik an, ohne dass sich diese eindeutig zuordnen ließen. Auch Jazz und Rock werden gestreift. Vogelstimmen a la Hitchcock werden zugespielt und der Gesang oft elektronisch verstärkt, manchmal auch verzerrt. Die Stimmen müssen immer wieder weite Intervallsprünge bewältigen und auch extreme Lagen ausloten. Die anfängliche Gewissheit mathematisch klarer Intervalle steht im Kontrast zu verschwimmenden melismatischen Linien. Glissandi und Umspielungen fester Töne stören die mitunter nur vage angedeutete, manchmal wenigstens für ein paar Takte klare Tonalität. Dabei wirkt die Klangschicht auch auf einer unmittelbar emotionalen Ebene. Nemtsov gelingt es beeindruckend gut, die verschiedenen Elemente zu einem eigenen Stil zusammenzufügen. WE/WIR vermag über die Spieldauer von deutlich mehr als zwei Stunden (in Dortmund ohne Pause aufgeführt) zu fesseln.
Bei der auch körperlichen und ästhetischen Gleichschaltung aller Menschen, pardon: Nummern, kann man schon mal den Überblick verlieren: (von links) U-86, S-4711 (die Figur heißt wirklich so, hier mit Spiegelbild), D-503 (mit Spiegelbild) und "der kleine Doktor" (ebenfalls mit Spiegelbild)
Wofür in dieser Uraufführung ein herausragendes Ensemble zur Verfügung steht. Seth Carico gestaltet mit edlem Bariton die Partie des zunehmend am System zweifelnden Ingenieurs D-503 mit vielen Schattierungen zwischen liedhafter Schlichtheit und dramatischer Expressivität und zeichnet beeindruckend die zunehmende innere Erschütterung nach. Gloria Rehm als verführerische I-330 brilliert in Koloraturen und halsbrecherisch vertrackten Linien mit stupender Intonationssicherheit, und je höher ihr betörender Sopran sich aufschwingt, desto intensiver leuchtet die Stimme. Die revolutionäre Attacke der Figur auf das Staatssystem ist vor allem eine musikalische. Sie hat eine Widersacherin, die Frau O-90, die D-503 liebt (nach den Regeln des Systems) und ein Kind von ihm haben will (das allerdings gegen die Regeln). Soonyeon Lee gibt ihr große stimmliche Präsenz. Countertenor David DQ Lee singt den Staatschef, nur "der Wohltäter" genannt, mit schönem Timbre - er steht D-503 im Finale in einem direkten, ungleichen Duell um die Wahrheit gegenüber. Daegyun Jeong als offizieller Staatsdichter R-13 beeindruckt mit durchsetzungsfähigem, dabei klangschönem Tenor, und auch die weiteren Partien sind exzellent besetzt. Zuverlässig agieren die Chöre (Einstudierung: Fabio Mancini). Unter der Leitung von Michael Wendeberg werden die Dortmunder Philharmoniker den vielfältigen Schattierungen der Musik bestens gerecht.
Das rote Kleid, das so schön zur roten Bestuhlung des Dortmunder Opernhauses passt, ist ein Symbol für den Widerstand gegen ein durch und durch graues System. Hier tanzt Ivan Keim.
Wenn das Publikum bei einem zeitgenössischen Stück auf bestenfalls mittelprächtig bequemen Stühlen auf der Bühne sitzt und die Dramaturgie vollmundig ein "immersives Opernerlebnis" und "originelle Raumlösungen" verspricht, dann übersetzt man das ja gern für sich mit "es werden ja kaum Zuschauer erwartet, deshalb muss eine kleine Lösung her". Hier allerdings hat Regisseurin Eva-Maria Höckmayr mit ihrem Team (Bühne: Fabian Liszt, Kostüme: Julia Rösler, Licht: Florian Franzen, Video: Krzysztof Honowski) aus der ungewohnten Raumsituation heraus verblüffende, ungemein beeindruckende Bildwirkungen gefunden (was die Bestuhlung nicht bequemer macht). Das Publikum blickt in Richtung des Zuschauerraums, der zunächst durch eine verspiegelte Wand abgetrennt ist. Je nach Beleuchtung wird diese Wand aber lichtdurchlässig und gibt den Blick in das Auditorium frei. Die Chöre sind in Parkett und Rang postiert und lassen sich, in einheitliche graue Anzüge gekleidet, als gesichtslose Volksmassen nach nordkoreanischem Vorbild deuten. Gegen das vorherrschende Grau ist die Farbe rot als Kontrast gesetzt. I-330 trägt ein rotes Kleid, das zum Symbol des inneren Widerstands gegen die völlige Gleichschaltung wird. Da hier die Farbe der Bestuhlung aufgegriffen wird, kann man das Theater selbst als Ort der Phantasie und Kreativität wahrnehmen. Auf einer solchen, vielschichtigen Symbolebene bewegt sich die Regie, die die konventionell narrative Anlage der Oper kaum aufgreift. Requisiten sind auf das Notwendigste reduziert, ein irgendwie naturalistisches Bühnenbild gibt es schon gar nicht. Wir wird szenisch als abstraktes Ideendrama erzählt. So steht D-503 stellvertretend für die Menschheit vor der Frage: Wählt er Glück ohne Freiheit oder Freiheit ohne Glück? Mit dem Auszug aus dem biblischen Paradies hat der Mensch die Freiheit gewählt. Angesichts so großer Gedanken wird die Geschichte auf der Bühne mit vielen Personen in Einheitskleidung und Einheitsglatze mitunter unübersichtlich - es schadet nicht, die Handlung zu kennen. Dramaturgisch wenig überzeugend ist der unter "gut gemeint" zu verbuchende Einsatz des Büger*innen-Chores "We DO Opera! Die Dortmunder Bürger*innenOper", der zwar in Alltagskleidung der realen Dortmunder Bevölkerung ein Gesicht auf der Bühne gibt, was aber in diesem Einheitsstaat, in dem jede Abweichung von der Norm ein Verbrechen ist, gar nicht passen will. Auch das dramatische Finale bekommen weder Sarah Nemtsov noch die Regie wirklich zwingend in den Griff. Der Aufführung fehlt der operngerechte Schlusspunkt, auf den alles hinausläuft (und sei es als offene Frage), der hier aber merkwürdig verschwommen erscheint. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um eine spannende Aufführung handelt, die existenzielle Fragen aufwirft. FAZITSarah Nemtsov verhandelt die großen Fragen nach dem Verhältnis von Glück und Freiheit wie dem von Individuum und Gesellschaft auf musikalisch fesselnde Weise, in der Dortmunder Uraufführung musikalisch grandios und szenisch sehr achtbar umgesetzt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Bühne
Kostüme
Video
Licht
Sounddesign
Chor
Dramaturgie
Dortmunder Philharmoniker Solisten
D-503
I-330
R-13
Der Wohltäter
O-90
U-86
S-4711 / 2. Arzt
Der kleine Doktor
Die alte Frau
Ein Tänzer
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