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Musiktheater
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Alcina

Oper in drei Akten (HWV 34)
Libretto von einem unbekannten Autor
nach Antonio Fanzaglias Textbuch zu Riccardo Broschis L'isola di Alcina
nach Ludovico Ariostos Orlando furioso
Musik von Georg Friedrich Händel


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 45' (eine Pause)

Premiere im Theater Detmold am 12. Juni 2026
(rezensierte Aufführung: 19. Juni 2026)


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Landestheater Detmold
(Homepage)
Schöner streiten mit Händel

Von Stefan Schmöe / Fotos von Jochen Quast

Endphase einer Liebesbeziehung: Da sitzen sich Alcina und Ruggiero noch einmal am Küchentisch gegenüber; sie schenkt Suppe aus, und beide wissen, dass es die letzte gemeinsame Mahlzeit sein wird. Positiv ist zu vermerken, dass sie sich nicht nur Geschirr an den Kopf werfen, sondern auch lange Arien von Händel. Und das ganz großartig. Wobei die Inszenierung das Pathos der Musik ironisch unterläuft, wenn sie die Szene ins kleinbürgerliche Milieu versetzt - eine Gratwanderung, die hier gerade noch gelingt. Man ist ja auch froh, dass die Bühne zu diesem Zeitpunkt endlich aufgeräumt ist. Die Zauberinsel der Alcina war zuvor von riesigen weißen Gardinen eingehüllt und mit allerlei Gerümpel vollgestellt, dazu bevölkert von in gipsartiges Weiß gehüllten Gestalten (Alcinas verflossene Liebhaber, wie man schnell ahnt, aber erst am Ende aufgelöst bekommt). Eine ziemlich unübersichtliche Angelegenheit.

Szenenfoto Noch sind sie ein glückliches Paar: Ruggiero (links) und Alcina

Regisseur Felix Schrödinger, Bühnenbildnerin Eva-Maria van Acker und Kostümbildnerin Luzie Nehls-Neuhaus übertünchen praktisch das gesamte Inventar einschließlich der Kostüme mit weißer Farbe, damit sich das rote Kleid der Alcina wirkungsvoll davon abhebt. Das sieht eindrucksvoll aus, wirft aber Fragen auf: Müsste Ruggiero, der die Freuden der Liebe in Alcinas Armen auskostet (was durchaus plastisch vorgeführt wird), nicht auch ein bisschen farbenfroher erscheinen? Und warum darf Bradamante, Ruggieros zur Beendigung solchen Liebeszaubers herbeigeeilte Verlobte, später auch rote Kleidung tragen, obwohl sie doch den vernunftgesteuerten Gegenpol zu Alcina und den gesellschaftlichen Sittencodex verkörpert? Melisso, ihr Begleiter und Erzieher, trägt heutige Alltagskleidung und scheint dem Geschehen schon dadurch enthoben. Vieles, was die Regie sich gedacht haben mag, hat sich mir beim Zuschauen nicht erschlossen. Alcina ist offenbar Fotografin (jedenfalls entwickelt sie in der allerletzten Szene ein Foto in der Dunkelkammer, ganz analog auf Papier) und archiviert die Bilder mit buchhalterischer Genauigkeit. Was man nicht unbedingt mit Sinnlichkeit in Verbindung bringen würde. Wenn aber auf der Bühne bedeutungsvoll Fotografien betrachtet werden, hat man im Zuschauerraum wenig davon, weil man schlichtweg nicht sieht, wer oder was darauf abgebildet ist.

Szenenfoto

Bradamante (Mitte) ist mit Ruggiero verlobt und ist in Männerkleidung als "Ricciardo" angereist, um die Angelegenheit zu klären. Angesichts der etwas ruppigen Umgangsformen ist nicht ganz klar, warum sich Alcinas Schwester Morgana (links) in ihn verliebt. Deren Liebhaber Oronte schaut zu.

Die Inneneinrichtung ist offensichtlich beim Möbeldiscounter zusammengekauft worden (etwas mehr Stil hätte man der mächtigen Besitzerin einer Zauberinsel schon zugetraut). Und was unter einem Tuch verborgen aussieht wie ein Vogelkäfig, ist - ein Vogelkäfig. Alcina öffnet am Ende das Türchen, um das Ende ihrer Macht einzugestehen. Den in die Freiheit entfliehenden Vogel muss man sich dazudenken. Die Figur des Knaben Oronte, der seinen verzauberten Vater sucht und in Gestalt eines Löwen findet, den er auf Alcinas Geheiß töten soll, ist gestrichen. Das ist dramaturgisch bedauerlich, aber irgendwie muss die Oper ja auf praktikable Länge gekürzt werden, zumal das Landestheater Detmold als Reisebühne darauf angewiesen ist, dass ihre Produktionen von anderen Veranstaltern eingekauft werden. Mit dem Oberto fehlt dann eben auch der Löwenvater. Kanarienvogel statt Löwe - das sagt einiges über die Regie, die sich viel zu sehr verzettelt. Die aber, wenn man inhaltlich nicht so genau darüber nachdenkt, in der geheimnisvollen Ausleuchtung (Licht: Udo Groll) ganz schöne Bilder produziert.

Szenenfoto Beziehung am Ende, aber Händel lieben sie beide: Alcina und Ruggiero schleudern sich gegenseitig Arien ins Gesicht

Man hält sich besser an die Musik. Emily Dorn gibt der Alcina, deren Zauberkräfte in ihrer erotischen Ausstrahlung bestehen - und dem Willen, diese auch einzusetzen -, einen vollen, leuchtenden Sopran mit Kraft zur Attacke wie mit tragfähigem Piano. Sie verleiht der Figur damit viele Facetten zwischen Macht und tiefer Traurigkeit. Lotte Kortenhaus macht ihr als Ruggiero die Aura der Herrscherin nicht streitig, hält aber mit agilem und präsentem, hell timbriertem, immer klangschönem Mezzosopran zupackend dagegen. Dara Savinova singt mit stimmlichem Furor eine entschlossene Bradamante, zunächst in etwas albernem Michael-Jackson-Outfit als Mann verkleidet, mit bestechend klaren Koloraturen. Und Marianna Nomikou aus dem Detmolder Opernstudio brilliert als großformatige, energische Morgana, trifft dann aber auch den Klageton sehr eindrucksvoll, wenn Händel dieser vermeintlichen Nebenfigur mit der Arie "Credete al mio dolore" allen Weltschmerz in die Stimme legt. Sabine Vavassori begleitet dieses Wunderwerk am Cello sehr einfühlsam.

Szenenfoto

Alcinas Reich ist Vergangenheit. Hier entwickelt sie ein letztes analoges Foto in der Dunkelkammer.

Ein wenig schade ist es schon, dass kein Countertenor für eine zusätzliche Klangfarbe verpflichtet wurde, denn die Frauenstimmen sind sich relativ ähnlich. Sie singen allerdings allesamt betörend schön, sodass man keine dieser Stimmen missen möchte. Der schlanke, geschmeidig geführte Tenor von Stephen Chambers als Oronte, dem Liebhaber Morganas, und der klare Bassbariton von Ricardo Llamas Márquez als Bradamantes Begleiter Melisso fügen sich ausgezeichnet in das Ensemble ein, und der Chor (Einstudierung: Francesco Damiani) singt zwar mit einem für diese Musik etwas zu ausladenden Vibrato, aber angenehm weichem Klang. Ganz ausgezeichnet treffen die Musikerinnen und Musiker im Orchestergraben unter der Leitung von Claudio Novati den Tonfall von Händels Musik, schlank im Klang und präzise in der Phrasierung.


FAZIT

So hochmusikalisch wie hier ist ein handfester Beziehungsstreit wohl selten ausgetragen worden: Musikalisch ist diese Alcina großartig. Was die sich in alle Richtungen verzettelnde Regie damit anfangen will, erschließt sich nicht so recht.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Claudio Novati

Inszenierung
Felix Schrödinger

Bühne
Eva Maria van Acker

Kostüme
Luzie Nehls-Neuhaus

Licht
Udo Groll

Choreinstudierung
Francesco Damiani

Dramaturgie
Katharina Schellenberg



Opernchor des
Landestheaters Detmold

Symphonisches Orchester des
Landestheaters Detmold

Cembalo
Claudio Novati

Violoncello
* Sabine Vavassori /
Judith Hasmann

Kontrabass
Leszek Dabrowski /
* George-Bogdan Lita /
Jens Schirphe

Laute / Theorbe / Barockgitarre
* Hugo Miguel de Rodas Sánchez
* Pedro Alcàcer /
Johannes Festerling


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Alcina
Emily Dorn

Ruggiero
* Lotte Kortenhaus /
Franziska Pfalzgraf

Morgana
* Marianna Nomikou /
Milica Milić

Bradamante
Dara Savinova

Oronte
Stephen Chambers

Melisso
* Ricardo Llamas Márquez /
Hojin Chung



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Landestheater Detmold
(Homepage)



Da capo al Fine

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