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Schöner streiten mit Händel
Von Stefan Schmöe / Fotos von Jochen Quast
Endphase einer Liebesbeziehung: Da sitzen sich Alcina und Ruggiero noch einmal am Küchentisch gegenüber; sie schenkt Suppe aus, und beide wissen, dass es die letzte gemeinsame Mahlzeit sein wird. Positiv ist zu vermerken, dass sie sich nicht nur Geschirr an den Kopf werfen, sondern auch lange Arien von Händel. Und das ganz großartig. Wobei die Inszenierung das Pathos der Musik ironisch unterläuft, wenn sie die Szene ins kleinbürgerliche Milieu versetzt - eine Gratwanderung, die hier gerade noch gelingt. Man ist ja auch froh, dass die Bühne zu diesem Zeitpunkt endlich aufgeräumt ist. Die Zauberinsel der Alcina war zuvor von riesigen weißen Gardinen eingehüllt und mit allerlei Gerümpel vollgestellt, dazu bevölkert von in gipsartiges Weiß gehüllten Gestalten (Alcinas verflossene Liebhaber, wie man schnell ahnt, aber erst am Ende aufgelöst bekommt). Eine ziemlich unübersichtliche Angelegenheit.
Noch sind sie ein glückliches Paar: Ruggiero (links) und Alcina
Regisseur Felix Schrödinger, Bühnenbildnerin Eva-Maria van Acker und Kostümbildnerin Luzie Nehls-Neuhaus übertünchen praktisch das gesamte Inventar einschließlich der Kostüme mit weißer Farbe, damit sich das rote Kleid der Alcina wirkungsvoll davon abhebt. Das sieht eindrucksvoll aus, wirft aber Fragen auf: Müsste Ruggiero, der die Freuden der Liebe in Alcinas Armen auskostet (was durchaus plastisch vorgeführt wird), nicht auch ein bisschen farbenfroher erscheinen? Und warum darf Bradamante, Ruggieros zur Beendigung solchen Liebeszaubers herbeigeeilte Verlobte, später auch rote Kleidung tragen, obwohl sie doch den vernunftgesteuerten Gegenpol zu Alcina und den gesellschaftlichen Sittencodex verkörpert? Melisso, ihr Begleiter und Erzieher, trägt heutige Alltagskleidung und scheint dem Geschehen schon dadurch enthoben. Vieles, was die Regie sich gedacht haben mag, hat sich mir beim Zuschauen nicht erschlossen. Alcina ist offenbar Fotografin (jedenfalls entwickelt sie in der allerletzten Szene ein Foto in der Dunkelkammer, ganz analog auf Papier) und archiviert die Bilder mit buchhalterischer Genauigkeit. Was man nicht unbedingt mit Sinnlichkeit in Verbindung bringen würde. Wenn aber auf der Bühne bedeutungsvoll Fotografien betrachtet werden, hat man im Zuschauerraum wenig davon, weil man schlichtweg nicht sieht, wer oder was darauf abgebildet ist.
Bradamante (Mitte) ist mit Ruggiero verlobt und ist in Männerkleidung als "Ricciardo" angereist, um die Angelegenheit zu klären. Angesichts der etwas ruppigen Umgangsformen ist nicht ganz klar, warum sich Alcinas Schwester Morgana (links) in ihn verliebt. Deren Liebhaber Oronte schaut zu. Die Inneneinrichtung ist offensichtlich beim Möbeldiscounter zusammengekauft worden (etwas mehr Stil hätte man der mächtigen Besitzerin einer Zauberinsel schon zugetraut). Und was unter einem Tuch verborgen aussieht wie ein Vogelkäfig, ist - ein Vogelkäfig. Alcina öffnet am Ende das Türchen, um das Ende ihrer Macht einzugestehen. Den in die Freiheit entfliehenden Vogel muss man sich dazudenken. Die Figur des Knaben Oronte, der seinen verzauberten Vater sucht und in Gestalt eines Löwen findet, den er auf Alcinas Geheiß töten soll, ist gestrichen. Das ist dramaturgisch bedauerlich, aber irgendwie muss die Oper ja auf praktikable Länge gekürzt werden, zumal das Landestheater Detmold als Reisebühne darauf angewiesen ist, dass ihre Produktionen von anderen Veranstaltern eingekauft werden. Mit dem Oberto fehlt dann eben auch der Löwenvater. Kanarienvogel statt Löwe - das sagt einiges über die Regie, die sich viel zu sehr verzettelt. Die aber, wenn man inhaltlich nicht so genau darüber nachdenkt, in der geheimnisvollen Ausleuchtung (Licht: Udo Groll) ganz schöne Bilder produziert.
Beziehung am Ende, aber Händel lieben sie beide: Alcina und Ruggiero schleudern sich gegenseitig Arien ins Gesicht
Man hält sich besser an die Musik. Emily Dorn gibt der Alcina, deren Zauberkräfte in ihrer erotischen Ausstrahlung bestehen - und dem Willen, diese auch einzusetzen -, einen vollen, leuchtenden Sopran mit Kraft zur Attacke wie mit tragfähigem Piano. Sie verleiht der Figur damit viele Facetten zwischen Macht und tiefer Traurigkeit. Lotte Kortenhaus macht ihr als Ruggiero die Aura der Herrscherin nicht streitig, hält aber mit agilem und präsentem, hell timbriertem, immer klangschönem Mezzosopran zupackend dagegen. Dara Savinova singt mit stimmlichem Furor eine entschlossene Bradamante, zunächst in etwas albernem Michael-Jackson-Outfit als Mann verkleidet, mit bestechend klaren Koloraturen. Und Marianna Nomikou aus dem Detmolder Opernstudio brilliert als großformatige, energische Morgana, trifft dann aber auch den Klageton sehr eindrucksvoll, wenn Händel dieser vermeintlichen Nebenfigur mit der Arie "Credete al mio dolore" allen Weltschmerz in die Stimme legt. Sabine Vavassori begleitet dieses Wunderwerk am Cello sehr einfühlsam.
Alcinas Reich ist Vergangenheit. Hier entwickelt sie ein letztes analoges Foto in der Dunkelkammer. Ein wenig schade ist es schon, dass kein Countertenor für eine zusätzliche Klangfarbe verpflichtet wurde, denn die Frauenstimmen sind sich relativ ähnlich. Sie singen allerdings allesamt betörend schön, sodass man keine dieser Stimmen missen möchte. Der schlanke, geschmeidig geführte Tenor von Stephen Chambers als Oronte, dem Liebhaber Morganas, und der klare Bassbariton von Ricardo Llamas Márquez als Bradamantes Begleiter Melisso fügen sich ausgezeichnet in das Ensemble ein, und der Chor (Einstudierung: Francesco Damiani) singt zwar mit einem für diese Musik etwas zu ausladenden Vibrato, aber angenehm weichem Klang. Ganz ausgezeichnet treffen die Musikerinnen und Musiker im Orchestergraben unter der Leitung von Claudio Novati den Tonfall von Händels Musik, schlank im Klang und präzise in der Phrasierung.
So hochmusikalisch wie hier ist ein handfester Beziehungsstreit wohl selten ausgetragen worden: Musikalisch ist diese Alcina großartig. Was die sich in alle Richtungen verzettelnde Regie damit anfangen will, erschließt sich nicht so recht. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreinstudierung
Dramaturgie
Cembalo
Violoncello
Kontrabass
Laute / Theorbe / Barockgitarre
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Alcina
Ruggiero
Morgana
Bradamante
Oronte
Melisso
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