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Hymnus an die Natur
Von Stefan Schmöe / Fotos von Jochen Quast
Fuchs trifft Füchsin: Leoš Janaček hat in Das schlaue Füchslein eine der schönsten, auch eigenwilligsten Liebesszenen der Opernliteratur komponiert. Eine Liebe im Tierreich und gleichzeitig die erste Begegnung zweier Heranwachsender, die sich in wechselseitiger Faszination umkreisen, annähern, schließlich zum Paar werden. Emily Dorn als Fuchs und Alexandra Samoulidou, die in der hier besprochenen zweiten Aufführung kurzfristig für die erkrankte Johanna Nylund als Füchsin die Hauptrolle übernahm (in der sie derzeit auch am Theater Mainz auf der Bühne steht), spielen und singen die Szene großartig mit jungen, lyrisch leuchtenden, nicht zu kleinen Stimmen. Sicher kommt ihnen die unangestrengte Regie von Lars Marcel Braun nach einem Konzept von Geertje Boeden entgegen, die sehr genau auf die Musik hört und deren Impulse aufgreift. Und auch die schönen, nicht zu niedlichen Kostüme für die Tierwelt (Ausstattung: Beata Kornatowska) mit recht einfachen, fließenden Stoffen (Die Tierart ist an der Farbe und an der Kopfbedeckung zu erkennen) lassen viel Raum für Mimik und Gestik, was vom bestens aufgelegten Detmolder Ensemble mit präzisem Spiel gut genutzt wird.
Förster und Füchsin (auf allen Bildern: Johanna Nylund)
Dazu lässt Kapellmeister Claudio Novati am Pult des aufmerksamen, vor allem in den kammermusikalischen Passagen sehr präsenten Detmolder Orchesters die Partitur nicht nur hier schwärmerisch und romantisch aufwallen und interpretiert sie eher aus dem Geist des 19. als des 20. Jahrhunderts (uraufgeführt wurde die Oper 1924). Er hebt die volkstümlichen Passagen hervor, nimmt dafür den an der tschechischen Sprachmelodie orientierten Gestus ein wenig zurück. Hier und da scheint die Moderne der 1920er-Jahre in einem leicht swingenden Tonfall mitzuklingen. Man kann Janaček sicher schärfer, moderner spielen, aber der musikalische Zugang ist in sich schlüssig. Das Orchester wird immer wieder zum Träger des Geschehens, zum vielleicht wichtigsten Akteur, und in der Musik spiegelt sich die Bewunderung für die Natur und auch das damit verbundene Unfassbare. Die Regie, die dem Werk keine Interpretation oder gar Umdeutung überstülpen will, hält sich in den symphonischen Passagen angenehm zurück.
Disput über Anpassung an den Menschen oder Rebellion: Dackel und Füchsin Ob das schlaue Füchslein aber wirklich ein Familienstück für Menschen ab zehn Jahren (wie das Theater vorschlägt) ist, das ist eine andere Frage. Der Regie ist nicht daran gelegen, das episodisch konzipierte Werk zu verniedlichen oder spannende Geschichten zu erzählen. Eher breitet sie ein kaleidoskopisches Panorama des Werdens und Vergehens aus, ganz im Sinne des Komponisten. Zentrales Bühnenbildelement auf der Drehbühne ist eine Art abstrahierter Baum, unten in Mauerwerk übergehend, oben in großen Blättern auslaufend (in denen man von der einen Seite auch einen geöffneten Vogelschnabel erkennen kann). Menschenwelt und Natur gehen auch im Bild fließend ineinander über. Die wechselnden Schauplätze sind konkret genug angedeutet, um pointiert die Geschichte zu erzählen, aber um eine naturalistische Darstellung geht es letztendlich nicht. Dabei sind die Kostüme der Menschen, die hier auftreten - Förster und Försterin, Pfarrer und Schulmeister, Gastwirt und Wirtin, der Wilderer Háraschta - realistischer gehalten und lassen die Akteure ein wenig wie Spielfiguren wirken, die in das weite Panorama der Natur hineingestellt sind.
Aufkeimende Liebe: Füchsin (links) und Fuchs
Die vielen Partien sind durchweg gut besetzt. Jonah Spungin singt einen großformatigen, ein wenig poltrigen Förster. Der bereits erwähnten Alexandra Samoulidou merkt man nicht an, dass sie ganz kurzfristig eingesprungen ist, mit keckem Charme brilliert sie in der Partie der rebellischen schlauen Füchsin. In der Beziehung zwischen ihr und dem Förster lässt die Regie unaufdringlich das Coming-of-Age-Drama aufblitzen, das spiegelbildlich zum melancholischen Rückblick des Försters (und auch des Schulmeisters) auf das vergangene (Liebes-)Leben verläuft. Nikos Striezel als Schulmeister (und Mücke) und Jaime Mondaca Galaz als Pfarrer (im Tierreich der Dachs) liefern genaue Figurenzeichnungen ab. Ricardo Llamas Márquez gibt dem Wilderer Háraschta wuchtige Kontur (die Regie dürfte ihn ruhig noch ein wenig bedrohlicher zeichnen). Meta Hildebrandt singt ein blitzsauberes junges Füchslein Schlaukopf. Der Chor des Theaters hält sich oft unsichtbar im Hintergrund und klingt mitunter wie aus weiter Ferne, für die Intonation nicht einfach, aber von geheimnisvoller Klangwirkung. Der Part des Kinderchors wird klangschön und mit großer Sicherheit von den "Detmolder Schloss-Spatzen" übernommen, die auch einige kleine Solo-Rollen auf der Bühne übernehmen.
Hymnus an den ewigen Kreislauf der Natur: Der Förster Für den Schluss der Oper mit dem Hymnus des Försters an die Natur hätte man sich eine effektvollere Lösung vorstellen können, eine nicht nur musikalische, sondern auch bildliche Aufweitung. Ein paar Statisten, die sich als Bäume sanft im Wind wiegen, werden der Größe der Musik an dieser Stelle nicht gerecht. Die Regie aber belässt es mit diesem Bild beim ewigen Zyklus der Natur, der Werden und Sterben beinhaltet, und macht kein großes Aufsehen wegen uns Menschen oder eines erschossenen Fuchses. Die nächste Generation ist längst da (und im Tierreich sympathischer als bei den Menschen). Ein falscher Ansatz ist das auch nicht.
In einer unprätentiösen, schön anzusehenden Inszenierung beeindruckt das Theater Detmold mit einer sehr guten Ensembleleistung. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Konzept
Bühne und Kostüme
Licht
Maske
Chor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Der Förster
Die Frau Försterin
Der Schulmeister
Der Pfarrer
Háraschta
Der Gastwirt Pásek
Die Gastwirtin
Sepp
Franzl
Füchslein Schlaukopf
Fuchs
Das junge Füchslein Schlaukopf
Dackel
Hahn
Schopfhenne
Grille, Heuschrecke, Frosch
Dachs
Mücke
Eule
Specht
Eichelhäher
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