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Am angenehmsten lässt sich der Krieg in der Badewanne aushalten
Von Stefan Schmöe / Fotos von Joachim Quast
Die für Kastraten komponierten, heute von Countertenören gesungenen Rollen in den Werken Händels haben seit je den Reiz fließender Geschlechterzuordnungen. Wenn man dann auch noch die Partie der Cleopatra mit einem Sopranisten, also einem Mann mit extrem hoher Stimme, besetzen kann, dann könne man auch noch einen Schritt weiter gehen, hat man sich an der Rheinoper gedacht. Und hat nicht nur die Partie der Cleopatra mit einem Mann, sondern im Umkehrschluss die des Caesar mit einem weiblichen Mezzosopran besetzt, und noch mehr: Aus Cleopatra wird auch auf der Bühne ein Mann, nennen wir ihn Cleopatro, und aus Caesar eine Frau, nämlich Julia respektive Giulia Cesare. Ein Experiment wagen, Perspektivwechsel, Klischees hinterfragen, eine Figur anders lesen - das sind die Stichworte, die Regisseurin Michaela Dicu im Programmheft zu Protokoll gegeben hat. Abschrecken lassen wie womöglich so manche (die hier besprochene zweite Aufführung war ziemlich schlecht besucht) muss man sich davon freilich nicht. Szenisch hat diese Entscheidung der Regie erstaunlich wenig Konsequenzen. Ein machtgieriger Mann und eine ebenso machtgierige Frau verlieben sich (und müssen den gemeinsamen Rivalen besiegen) - so steht es im Libretto, und so sieht man es auch auf der Duisburger Bühne. Dass nun Caesar die Frau und Cleopatra der Mann ist - geschenkt. Als geschichtsbewusstes Historiendrama wird man Giulio Cesare in Egitto ohnehin nicht sehen, dazu ist das Werk viel zu sehr vom Geist der psychologisch eher schlichten, auf den (musikalischen) Effekt versehenen Barockoper geprägt. Und die Regie Michaela Dicus bleibt viel zu wenig konsequent, um die Geschlechterfrage ernsthaft zu thematisieren.
Die mächtigste Frau der antiken Welt: Giulia Cesare
Man sieht das übliche Spiel um Macht. Das Bühnenbild (Rifail Ajdarpasic) wird von fünf riesigen Buchstaben geprägt, P, O, W, E (schlecht zu erkennen) und R. Die Entschlüsselung dieses Rätsels sagt viel über den Spannungsgehalt der Inszenierung aus, die sich der üblichen Mittel im Umgang mit dieser Oper bedient: Abstraktes Ambiente, machtbesessene Unsympathen, zeitlose Moderne. Am meisten überzeugen die raffinierten Kostüme (Ariane Isabell Unfried), die modern gehalten sind, aber virtuos mit antiken Mustern spielen und zudem von großer Eleganz sind. Effektvolle Lichteffekte (Michael Kantrowitsch) tragen ebenfalls zur Wirkung bei, während man erstaunt im Besetzungszettel zur Kenntnis nimmt, dass es eine Choreographie (Paolo Fossa) gegeben haben soll, die einem nicht unbedingt ins Auge springt. Bühnenarbeiterinnen und -arbeiter haben viel mit dem Verschieben der POWER-Buchstaben zu tun und sind am Rande in die Handlung integriert. Handfeuerwaffen sind schnell gezückt, der Kopf des Pompejus, mit dem Tolomeo sich bei Cesare einschmeicheln möchte (vergeblich), ist gnädig in blutdurchtränktes Leinen gehüllt. So inszeniert man eben Giulio Cesare.
Nirena (links) muss Sesto zeigen, wie man eine Waffe hält, sonst wird das nichts mit der Rache für den ermordeten Vater
Die Regie möchte eine ironische Distanz zur Handlung bewahren. Sesto, der gerade die Hinrichtung seines Vaters Pompejus verkraften musste, singt sein Lamento am kalten Buffet, wo er ein Tellerchen mit Kanapees für die ihm offenbar nahestehende Nirena, Vertraute Cleopatras, zusammenstellt. Die Geschwister (in dieser Lesart Brüder) Cleopatro und Tolomeo spielen eine (hanebüchen inszenierte) Partie Tennis. Und immer wieder steigt Cleopatro, meist allein, gern auch mit Giulia Cesare, in die Badewanne, mag draußen auch der Krieg toben. Michaela Dicu bemüht sich, das Pathos zu brechen und die Oper als zynisches Kammerspiel der Mächtigen zu inszenieren. Aber sie rutscht dabei immer wieder ins Banale ab. Während Händel mit den allerschönsten Arien und Duetten die ganz großen Gefühle komponiert hat, kämpft die Regie um den distanzierten Blick. Der Musik tut das nicht gut. Womit wir wieder bei den Besetzungsfragen wären, denn die Mann-Frau-Problematik, die szenisch leidlich funktioniert, fordert einen hohen musikalischen Preis.
Achilla (links) und Cesare
Dennis Orellana, der die oder den Cleopatra/o singt, hat eine helle, knabenhaft leichte Sopranstimme, virtuos in den Koloraturen, mit einigen betörend schönen Spitzentönen, aber für die Partie der Cleopatra (hier sei Händels weibliche Bezeichnung gewählt, im Übrigen entsprechen Text und Übertitel dem originalen Libretto) fehlt der Schmelz, die Intensität und (unabhängig vom Geschlecht) die Erotik, die der Partie einkomponiert ist. Orellana bleibt stimmlich (und auch szenisch) ein braver Junge, kein Verführer, was bei aller Gesangskunst eine Leerstelle hinterlässt. Anna Harvey als Cesare bringt ein warmes, betörendes Timbre ein; in der für sie tiefen Lage kann die Stimme sich aber nicht entfalten, besitzt keine Leuchtkraft und zu wenig Attacke, wie sie ein Countertenor in dieser Lage besäße. Weder Orellana noch Harvey kann man vorwerfen, sich zu schonen, beide stürzen sich mit großem Engagement in ihre Rollen, gestalten sie edel und phrasieren elegant - und bleiben notgedrungen doch einiges schuldig.
Frau Giulia Cesare (rechts) und Herr Cleopatro vor der Badewanne, in der sie sich so gerne aufhalten, allein oder auch zu zweit
So setzen die beiden Countertenöre Tobias Hechler als ungemein präsenter und klangschöner Tolomeo und Maximiliano Danta als szenisch von der Regie zunächst arg tollpatschig gezeichneter, musikalisch geschmeidiger Sesto die vokalen Höhepunkte. Dagegen fällt die Cornelia von Katarzyna Kuncio, die fehlende Substanz mit permanentem Nachdrücken auszugleichen versucht, deutlich ab. Beeindruckend ist der zur Hauptfigur aufgewertete Achilla von Roman Hoza, in der hohen Lage zwar ein wenig wacklig, aber agil und mit einer guten Mischung aus Boshaftigkeit und Eleganz. Der in kleiner Besetzung angetretene Chor bewältigt seinen Part souverän. Mit großer klanglicher Delikatesse spielen die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Attilio Cremonesi, bleiben allerdings ziemlich neutral im Ausdruck. Cremonesi tendiert dazu, die schnellen Nummern recht langsam und die langsamen vergleichsweise flott anzugehen, was zu einem ziemlich einheitlichen Grundtempo führt. Die farblichen Kontraste dieses Wunderwerks sind kaum herausgestellt, die barocken Effekte wirken übermäßig gezähmt. Cleopatras Arie "V'adoro pupille", die doch überwältigen müsste, erklingt fast sachlich kühl, das herzzerreißende "Se pietà di me non senti" bleibt beiläufig, das bewegende Trauerduett "Son nata lagrimar" von Cornelia und Sesto fast tänzerisch unbeschwert. Umgekehrt fehlt den dramatischen Arien der Furor, Cesares "Va tacito e nascosto" das lauernd gefährliche Moment. Für eine musikalisch schöne Aufführung reicht das in Anbetracht des kultivierten Orchesterklangs allemal, eine wirklich berührende, musikdramatisch schlüssige wird nicht daraus.
Das Regiekonzept lässt sich unaufgeregt unter "Barockopern haben eben ihre Eigenarten" verbuchen - große Einsichten liefern Julia und Cleopatro, wie sie nach dem Geschlechtertausch heißen, nicht und zeigen auch kein nennenswert provokatives Element. Insofern: Szenisch solide. Musikalisch überzeugt die Besetzung trotz guter Gesangsleistungen nicht durchgängig. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Chor
Choreographie
Dramaturgie
Solisten
Cesare
Cleopatra
Cornelia
Sesto
Tolomeo
Achilla
Curio
Nirena
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