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Zwischenstadien von kristalliner Schönheit
Von Stefan Schmöe / Fotos von Yan Revazov
Die Bühne ist leer. Auf der rechten Seite ist sie von einer hellen Wand, eigentlich einem großen Tuch, begrenzt, auf der linken offen (Choreograph David Dawson hat auch das Bühnenbild entworfen). Im hell leuchtenden, seitlich einstrahlenden Licht erscheinen fünf Tänzerinnen und Tänzer, von luftigen, schleierartigen Oberteilen mehr umgeben als eingehüllt (Kostüme: Yumiko Takeshima). Die sphärische Musik von Niels Lanz (* 1969), eine ruhige Schichtung elektronischer Klänge, erzeugt eine entrückte, unwirkliche Atmosphäre. Sie gibt dem Tanz keine rhythmischen Akzente, eher wird dieser von einer klanglichen Aureole umgeben. Die geschmeidigen, eleganten Bewegungen greifen das klassische Vokabular auf, modifizieren es, bauen kleine Irritationsmomente ein: Eine abgewinkelte Hand, ein verdrehtes Bein, gespreizte Finger. Dabei wirken die Tanzenden selbst im Pas de Deux vergleichsweise beziehungslos: Nicht die Spannung zwischen Personen, sondern die Ästhetik des Tänzerisch-Technischen rückt in den Mittelpunkt. Die Abläufe scheinen einem unsichtbaren Mechanismus zu folgen wie eine große kinetische Installation von betörender Schönheit.
The Grey Area: Sophie Martin
Grau - wie der Titel suggeriert - ist hier nichts. Man sollte The Grey Area nicht mit dem trist oder zwielichtig anmutenden Wort "Grauzone" übersetzen, sondern eher als "Zwischenzustand" auffassen. David Dawson (* 1972) hat das Stück 2002 für Het Nationale Ballett in Amsterdam entworfen (und dafür den Prix Benois de la Danse erhalten). "Dieses Niemandsland ist der unbekannte Ort, den ich immer wieder zu verstehen versuche", äußert Dawson im Programmheft dieser Produktion. Es ist ein Reich der abstrakten Schönheit, die er hier entwickelt. Dass die Arbeit in einem Moment biographischer Ungewissheit entstand, eine "Grey Area" als gegenwärtiger Moment vor einer ungewissen Zukunft, mag als Zusatzinformation interessant sein. Der souverän durchgestalteten, bezwingend schönen, dezidiert artifiziellen Choreographie sieht man Ungewissheiten oder gar Unsicherheiten nicht an. Im nicht Fassbaren, in der sich dem Alltag entziehenden Sphäre liegt der Reiz des etwa halbstündigen Werkes. Sophie Martin, Simone Messmer, Emilia Peredo Aguirre, Alejandro Azorín und Skyler Maxey-Wert tanzen beeindruckend.
The Grey Area: Sophie Martin, Skyler Maxey-Wert Damit ist das Thema dieses Ballettabends vorgegeben. Bridget Breiner, Chefchoreographin des Balletts am Rhein, flankiert das Werk mit zwei Uraufführungen, die erste von ihr selbst: Shards (Scherben) variiert den Stil und die Ästhetik Dawsons. Die blassblauen Kostüme, enganliegende Bodys, sind weniger entmaterialisiert als bei Dawson, bleiben farblich aber in ähnlichen Sphären. Auch in Shards sind die Bewegungen betont artifiziell. Körper schlingen sich umeinander; Bewegungsabläufe werden von zwei oder mehreren Personen synchron getanzt. Vieles wirkt fragmentarisch - Scherben eben. Breiner verwendet als Musik vier Songs von Jeff Buckley, wodurch das ca. 25-minütige Stück in vier kleine Szenen unterteilt wird. Der Tanz nimmt die Impulse der Musik aber kaum auf, sondern behält seine Autonomie, auch über Beginn und Ende eines Songs hinweg. Die leere Bühne ist durch einen Zwischenvorhang, der manchmal eine rechteckige Öffnung freigibt, in zwei Bereiche unterteilt wie in zwei Welten. Im hinteren Teil der Bühne wird zeitweise ein helles Quadrat ausgeleuchtet, in dem ein mit Helium gefüllter Luftballon befestigt ist. Darin deutet sich eine kleine Geschichte an, die aber nicht konkret greifbar wird - wie auch die Schlussszene, in der eine Tänzerin wie tot an der Rampe liegt und von einem Tänzer, der neben ihr sitzt, zärtlich am Fuß gestreichelt wird.
Shards: Francesca Berruto, Gustavo Carvalho
Der letzte der vier verwendeten Songs ist der Bekannteste, nämlich "Hallelujah" - den verbindet man mit Leonard Cohen, der, unzufrieden mit Text und Musik, das Material Jeff Buckley überließ. Bridget Breiner interpretiert diese Episode auch als eine "Grey Area", im Programmheft wie im Einführungsvortrag von Dramaturgin Julia Schinke stark betont. Darin offenbart sich allerdings auch die Schwäche dieses Ballettabends: Der Begriff der "Grey Area", des unbestimmten Zustands, lässt sich denkbar weit fassen - bis hin zur Beliebigkeit. Breiners Choreographie wirkt dagegen streng durchkalkuliert, ein wenig stärker narrativ zwar als Dawsons The Grey Area, aber doch letztendlich abstrakt. Wenn die Interpretationen oder Emotionen des Publikums ebenfalls offen in einer "Grey Area" vagabundieren dürfen und sollen, dann lässt sich diese Begrifflichkeit beliebig weit öffnen - und verwässern.
Threshold of a Fall: Ensemble
Die kanadische Choreographin Lesley Telford interessiert sich in Threshold of a Fall für den Kipppunkt am Ende des Zwischenzustands- oder genauer: für den Moment unmittelbar zuvor, in dem man den unmittelbar bevorstehenden, unausweichlichen Zusammenbruch eines Systems spürt. Darin schimmert zaghaft eine politische Dimension auf, zumal das Bühnenbild (Yoko Seyama) eine Art abstrahierten Wald zeigt und damit an den möglichen Kollaps der Öko-Systeme denken lässt. Von der Decke hängt eine Matrix von Stäben, die stabil wirken, aber beim Berühren des Bodens einknicken. Telford spielt mit diesem Bildmotiv, lässt das Ensemble ähnliche Stangen tragen. Die Choreographie durchläuft verschiedene Stadien (die Choreographin spricht im Programmheft von "Wellen"), die eine zunehmende Gefährdung aussprechen. Eingehüllt sind die androgyn erscheinenden Tanzenden in weite, durchsichtige Oberteile und Hosen - wie Schutzanzüge, die in ihrer Fragilität vor nichts schützen (Kostüme: Irina Shaposhnikova). Die Musik der isländischen Komponistin Hildur Guðnadóttir (* 1982) zeichnet weltmusikartig einen unbeschädigten Naturzustand, der durch Klaviermusik von György Ligeti nur ein kleines bisschen ins Wanken gerät. Die Choreographie wechselt geschmeidig und bildmächtig zwischen Ensembleszenen und kleinen Gruppen, bleibt dabei ähnlich abstrakt wie zuvor Breiner und Dawson. Die angedeutete Katastrophe bleibt aus. So erscheinen die drei etwa gleichlangen Werke stilistisch wie Variationen über das gleiche Thema. Das hat seinen eigenen Reiz. Am Ende freut man sich aber doch auf einen nächsten, kontrastreicheren Ballettabend.
Durchaus spannend: Drei stilistisch recht ähnliche, abstrakte Choreographien grenzen ästhetisch beeindruckend, emotional distanziert das unscharfe Feld der Zwischenzustände ein. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Dramaturgie Shards
Choreographie
Kostüme
Licht
Choreographie und Bühne
Kostüme
Licht
Choreographische Einstudierung
Choreographie
Bühne
Kostüme
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Sounddesigner
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