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24 Stunden leben
Von Stefan Schmöe / Fotos von Jochen Quast
Genau einen Tag Zeit haben die drei jungen Marinesoldaten Gabey, Chip und Ozzie für den Landgang in New York. Einen Tag im Kriegsjahr 1944 in der großen, von Mythen umrankten Metropole, die sie niemals zuvor besucht haben. Die Frage, wonach man Ausschau halten soll - nach den Sehenswürdigkeiten oder nach schönen Frauen - fällt nach kurzem Zögern so aus, wie man das von einem Musical erwartet. Zumal Gabey sich auf den ersten Blick in die aktuelle "Miss U-Bahn des Monats" verliebt, die ihn von einem Plakat aus anblickt. Ziemlich wenig Zeit also, um die ganz große Liebe zu finden, was natürlich trotzdem irgendwie klappt. Was erst einmal ein kurzes Glück bleibt, denn am Ende der Nacht geht es wieder auf's Schiff - und damit an die Front.
Vorfreude auf 24 Stunden Landgang in New York: (von links) Ozzie, Cabey und Chip
Leonard Bernstein (1918 - 1990) hat das Musical On the Town 1944 komponiert und uraufgeführt. Die Idee stammt von Tänzer und Choreograph Jerome Robbins, für das Libretto zog der junge Komponist Betty Comden und Adolph Green hinzu. Die flotte Komödie in Kriegszeiten traf den Nerv der Zeit, und vielleicht ist das der Grund, warum das Stück danach in Vergessenheit geriet - die übermächtige, 13 Jahre später entstandene West Side Story hat sicher ein Übriges getan. Dabei bietet On the Town mitreißende Musik, bei der Bernstein das Symphonieorchester ordentlich nach Big Band klingen lässt. Die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Stefan Klingele treffen mit rhythmisch scharf akzentuiertem Spiel den Tonfall ganz ausgezeichnet. Vor allem die pointierten Attacken der Blechblasinstrumente geben der Musik einen immer nach vorn drängenden, ruhelosen Charakter. Dieses New York, es ist eine Plattitüde, schläft nie, und das hört man der an Gershwin geschulten Partitur jederzeit an.
Gabey (Mitte) hat sich hoffnungslos in die Dame auf dem Plakat verliebt, die "Miss U-Bahn" des aktuellen Monats. Chip und Ozzie assistieren ihm bei der Suche.
Weil sich die drei Matrosen bald trennen - das soll die Chancen erhöhen, für Gabey die "Miss U-Bahn" zu finden -, gibt es drei episodenreiche Parallelhandlungen. Chip landet schnell in den Armen der patenten Taxifahrerin Hildy, während Ozzie im Naturkundemuseum mit der Anthropologin Claire großes Chaos verursacht. Weil Hildy in einer Wohngemeinschaft mit der queeren Lucy lebt und Claire sich mit dem angesehenen, vordergründig in Beziehungsfragen überaus toleranten Richter Pitkin verloben will (der in Wahrheit sexuell an Männern interessiert ist), ergibt sich eine schillernde Personenkonstellation. Gabey trifft in der Carnegie Hall tatsächlich das Mädchen vom U-Bahn-Plakat, das Ivy Smith heißt, große Gesangskunst studieren möchte und das Geld dafür in einem schäbigen Club auf der Vergnügungsinsel Coney Island verdient. Der temporeiche Plot liefert viele revueartige Szenen und auch ein paar Slapstick-Einlagen.
Im Naturkundemuseum: Anthropologin Claire, Ozzie und ein Urzeitmensch. Dem Dinosaurierskelett über ihnen droht Gefahr.
Die Regie von Louisa Proske wird dem mit schnellen Bildwechseln bestens gerecht. Das variable Bühnenbild (Momme Hinrichs) zeigt mit großformatig projizierten Bild- und Videosequenzen die Stadt in vielen Facetten, darunter rasante Autofahrten und als ein zentrales Motiv die U-Bahn. Mit dem Empire State Building oder dem Central Park blitzen ikonische Stadtansichten auf. Nostalgie geht dabei am ehesten von den Kostümen (Esther Bialas) aus, und gleichzeitig wirkt dieses New York durchaus gegenwärtig. Das pulsierende Leben der Metropole wird sehr schön eingefangen. Und es wird fast immer getanzt. Die Choreographie von Marie-Christin Zeisset bedient sich natürlich beim Revue-Theater, nimmt aber auch Anleihen beim neoklassischen Ballett Georges Balanchines (es gibt einen schönen Pas de deux von Ivy und Gabey, den der junge Mann sich erträumt). Der Tanz hat Witz und Schwung. Die Choreographin weiß effektvoll die Bühne zu füllen und hat (wie auch die Regisseurin) viel Gespür für das richtige Tempo.
Am Time Square: Ozzie, Claire, Gabey, Taxifahrerin Hildy und Chip
Auf die tänzerischen Qualitäten des durchweg überzeugenden Ensembles hat man wohl auch beim Casting besonderen Wert gelegt. Es wird jedenfalls recht gut gesungen, aber noch besser getanzt. So präsentiert sich On the Town als mit vielen Kostümwechseln forderndes, bestens umgesetztes Ensemblestück. Ein wenig geht das auf Kosten einer genauen Personenzeichnung. Gabey (Leon de Graaf), Chip (Julius Störmer) und Ozzie (Peter Lewys Preston) bleiben als individuelle Charaktere ein wenig blass. Die allesamt bereits vom Libretto leicht überzeichnen Frauenrollen haben es einfacher. Maria Joachimstaller lotet die Miss U-Bahn Ivy Smith schön zwischen Naivität und Koketterie aus, Laura Magdalena Goblirsch gibt der Taxifahrerin Hildy burschikosen Charme und Valerie Luksch der Anthropologin Claire abgründigen Witz zwischen kühler Wissenschaftlerin und liebeshungrigem Mädchen. Morenike Fadayomi aus dem Opernensemble der Rheinoper singt und spielt die Gesangslehrerin Madame Dilly mit wunderbarer (Selbst-)Ironie.
Traum vom Glück und gleichzeitig ein Duell: Ivy Smith, die "Miss U-Bahn", und Gabey
Ein paar kleine Anspielungen auf den Vietnam-Krieg und die Trump-Gegenwart verdeutlichen, dass die Thematik doch nicht so ganz auf das Weltkriegsjahr 1944 reduziert werden kann. Ohnehin sind in den 24 Stunden Stadterkundung der jungen Leute allerhand Reife- und Erkenntnisprozesse angelegt. Illusionen scheitern, Pläne erweisen sich als untauglich, die Pflicht - hier der Militärdienst - frisst die Wünsche auf. Und doch bleiben Hoffnungen. On the Town komprimiert die kurze Phase zwischen dem Ende der Jugend und dem bürgerlichen Familiendasein raffiniert auf diesen atemlos durchlebten Tag. Ein paar nachdenkliche Momente gibt es neben guter Unterhaltung daher auch.
Eine Hommage an New York wie an den kurzen, übermütigen Moment des übermütigen Erwachsenwerdens: Die Rheinoper rehabilitiert On the Town mit einer vor allem tänzerisch beeindruckenden, virtuos inszenierten Produktion und holt das Werk ein Stück weit aus dem langen Schatten der West Side Story heraus. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreographie
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Gabey
Chip
Ozzie
Ivy Smith
Hildy Esterhazy
Claire de Loone
Madame Dilly
Pitkin W. Bridgework / Moderator
Rajah Bimmy / Professor Waldo Figment / Ensemble
Erster Arbeiter / Polizist
Lucy Schmeeler / Ensemble
S. Uperman / Ensemble
Diana Dream / Kleine alte Dame / Ensemble
Dolores Dolores / Andy / Ensemble
Tom / Matrose / Ensemble
Flossie / Ensemble
Flossies Freundin / Erstes Showgirl / Ensemble
Plakatierer / Ensemble
Miss U-Bahn des Monats Juli / Ensemble
High School Girl / Ensemble
Balletttänzerin / Ensemble
Times Square Girl / Ensemble
Showgirl / Ensemble
Soldat / Ensemble
Polizist / Ensemble
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