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Candide

Eine komische Operette in zwei Akten
Songtexte von Richard Wilbur mit zusätzlichen Songtexten von Stephen Sondheim, John LaTouche, Dorothy Parker, Lilian Hellman und Leonard Bernstein
Erzähltext von Loriot, adaptiert von der Satire Voltaires und dem Buch von Hugh Wheeler
Musik von Leonard Bernstein


in deutscher und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 45' (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 22. Februar 2026
(rezensierte Aufführung: 6. April 2026)


Logo:  Theater Essen

Theater und Philharmonie Essen
(Homepage)
Abstruse Geschichte liebevoll verpackt

Von Thomas Molke / Fotos: © Björn Hickmann 

Loriots Fassung Der Ring an einem Abend erfreut sich mittlerweile auf den Opernbühnen ebenso großer Beliebtheit wie die komplette Tetralogie von Richard Wagner und ist ein Garant für ausverkaufte Veranstaltungen. Weniger bekannt ist, dass Loriot sich 1999 auch Leonard Bernsteins Operette Candide gewidmet hat. Das Stück hat seit seiner Uraufführung am 29. Oktober 1956 im Colonial Theatre in Boston zahlreiche Überarbeitungen erfahren. Da die Produktion der zunächst zweiaktigen Operette ein finanzieller Misserfolg war, sei es aus politischen Gründen oder aufgrund des allzu verworrenen Librettos on Lillian Hellman, wurde es knapp zwei Jahrzehnte später auf einen Text von Hugh Wheeler in ein einaktiges Musical umgewandelt, das am 8. März 1974 am Broadway Theatre in New York herauskam und es immerhin auf 740 Aufführungen brachte. Zwei Jahre vor seinem Tod widmete sich Bernstein noch einmal diesem Werk, erweiterte es wieder auf zwei Akte und schuf die letzte autorisierte Fassung, die am 17. Mai 1988 an der Scottish Opera in Glasgow Premiere feierte und am 13. Dezember 1989 im London Barbican Centre unter seinem Dirigat konzertant eingespielt wurde. Da es sich laut Loriot bei Candide um ein Stück handelt, dessen Inhaltsangabe ebenso lange dauert wie das Musical selbst, auch wenn die Geschichte rasch vorgetragen wird, schien es dem grandiosen Komiker mehr als geeignet, die konzertante Fassung mit einem gesprochenen Text zu unterlegen. In Essen hat man für die Rolle des Erzählers Götz Alsmann verpflichten können, der schon in der vergangenen Spielzeit in Dortmund in dieser Funktion beim Ring an einem Abend für ausverkaufte Vorstellungen gesorgt hat.

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Götz Alsmann als Erzähler

Bereitgestellt hat man ihm dafür in Anlehnung an die TV-Produktionen Loriots ein grünes Sofa, auf dem er während der musikalischen Darbietungen Platz nimmt und interessiert dem Geschehen auf der Bühne folgt. Die einleitenden und verbindenden Texte spricht er dann von einem Pult gewohnt pointiert und mit feinem Humor, in dem Loriots unvergleichliche Art durchschimmert, und startet mit einem Loriot-Zitat von 2003: "Natürlich haben Sie es wieder mal versäumt, sich auf diesen Abend vorzubereiten. Noch wäre Gelegenheit, den Raum unauffällig zu verlassen." Doch man erkennt sehr schnell, dass selbst eine Vorbereitung auf diesen Abend das Publikum ratlos zurückgelassen hätte, weil die Handlung derart haarsträubend und voller Logiklöcher ist, die Alsmann als Erzähler im folgenden Verlauf mit herrlicher Ironie stopft. Da stirbt manche Figur mehrere Male und taucht dann doch wie Phoenix aus der Asche völlig unerwartet wieder auf. Besonders gelungene Einleitungen findet er auch für die zahlreichen Chorpassagen, die er mal als "Wiener Sängerknaben", dann als "Westfälischen Laien-Chor" ankündigt.

Vorlage für Bernsteins Operette ist der 1759 erschienene Erfolgsroman Candide oder Der Optimismus des französischen Philosophen Voltaire, den dieser unter dem Eindruck des großen Erdbebens von Lissabon aus dem Jahr 1755 niedergeschrieben hat und als Auseinandersetzung mit dem Gedankengut des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz betrachtete, der die These vertrat, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben würden. Das erschien nicht nur Voltaire und Bernstein aufgrund der aktuellen Geschehnisse fragwürdig, sondern hat auch bis heute nichts an Aktualität eingebüßt, so dass man sich immer wieder die Frage aller Fragen stellt, ob es angesichts des unermesslichen Elends auf der Welt überhaupt einen Gott geben kann. Die Titelfigur Candide schlittert dabei von einer Katastrophe in die nächste, bereist dabei die ganze Welt, um am Ende doch noch mit seiner geliebten Kusine Cunegonde zusammenzukommen, sich aufs Land zurückzuziehen und "seinen Garten zu bestellen". Ob das allerdings eine reine Utopie ist, lässt die Geschichte offen.

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Dr. Pangloss (Karel Martin Ludvik, links) lehrt Candide (Paul Curievici, rechts), dass sie in der besten aller Welten leben

Schon die Ouvertüre macht in ihrer scheinbaren Strukturlosigkeit deutlich, welche Kapriolen die folgende Handlung schlagen wird. Auf den ersten Blick wechseln die Rhythmen und Themen in der Melodie völlig unkoordiniert, korrespondieren aber gerade dadurch mit der anschließend erzählten Geschichte, die einen grenzenlosen Optimismus immer wieder kritisch hinterfragt. Per-Otto Johansson führt dabei die Essener Philharmoniker mit sicherer Hand durch diese Achterbahnfahrt, bei der musikalisch alles genauestens kalkuliert ist, auch wenn es chaotisch erscheint. Immer wieder schimmert das romantische Thema vom Schluss durch, das ein optimistisches Ende verspricht, wird aber, wenn man sich schon in Sicherheit wiegt, von unruhigen Läufen unterbrochen. Die Solistinnen und Solisten treten zwar größtenteils mit Textbüchern auf, setzen aber dabei auf szenische Einlagen, die sie dann auch ohne Textbuch vortragen. Da ist zunächst Paul Curievici in der Titelpartie zu nennen. Mit weichem Tenor und herrlich naivem Spiel zeigt er, dass Candide niemals seinen Optimismus verliert und sich aus jeder noch so aussichtslosen Situation retten kann. Da entkommt er eben auch Kannibalen, tötet aus Versehen zahlreiche Liebhaber Cunegondes und ihren Bruder Maximilian, der Candides Liebe zu Cunegonde missbilligt, durchschwimmt nach einem Schiffbruch mit einem goldenen Hammel aus Eldorado schließlich den Ozean, um in Venedig zu landen, wo er erneut auf Cunegonde trifft, die mittlerweile in einem Spielcasino die Gäste um hier Hab und Gut erleichtert.

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Cunegonde (Natalia Labourdette, links) und die Old Lady (Almerija Delic, rechts)

Natalia Labourdette spielt die Geliebte Cunegonde, die mehr den materiellen Dingen als inneren Werten zugetan ist, als kühl berechnende Frau und begeistert mit großartigen Koloraturen. Ein musikalischer Höhepunkt ist natürlich ihre große Arie "Glitter and be gay", bei der sie sogar den auf der Bühne positionierten Dirigenten um eine großartige Perlenkette erleichtert. Die Koloraturen setzt sie auf den Punkt genau um und trifft auch die extremen Höhen absolut sauber. Als Femme fatale präsentiert sie sich dann, wenn sie in Buenos Aires den Gouverneur hinter dem Sofa verführt, und zeigt sich im Folgenden absolut ungehalten, wenn dieser sie mit der versprochenen Hochzeit hinhält. Wie sie eigentlich aus Amerika nach Venedig zurückkommt, lässt die Geschichte offen. Nicht weniger berechnend präsentiert Almerija Delic an ihrer Seite die Old Lady, die sie seit Cunegondes Zeit in Paris als Gesellschafterin begleitet und auch zahlreiche unglaubliche Abenteuer überstanden hat. So hat sie einst, als sie als Hexe verbrannt werden sollte, ihr halbes Hinterteil verloren. Delic legt die Partie mit dunkel gefärbtem Mezzosopran und laszivem Spiel an. Grandios präsentiert sie das Lebensmotto dieser geschickten Alten: "I am easily assimilated".

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Cunegonde (Natalia Labourdette) verführt den Gouverneur (Aljoscha Lennert).

Karel Martin Ludvik schlüpft in die recht gegensätzlichen Partien des stets optimistischen Dr. Pangloss, der Candide, Cunegonde und ihren Bruder Maximilian lehrt, dass dies die beste aller möglichen Welten sei, und dem pessimistischen Martin, der auf der Rückfahrt aus Amerika auf dem Meer ertrinkt. Ludvik spielt die Gegensätze der beiden Figuren mit beweglichem Bariton und überzeugender Darstellung aus. Tobias Greenhalgh gibt mit virilem Bariton einen selbstverliebten Maximilian, der ebenfalls mehrmals gemeuchelt wird, aber immer wieder auftaucht, bis Candide ihm schließlich in der Neuen Welt ein Ende bereitet, als er sich seiner und Cunegondes Liebe in den Weg stellt. Aljoscha Lennert gibt mit kraftvollem Tenor einen herrlich liebestollen Gouverneur, dessen Liebesarie musikalisch Anklänge an den Tony aus Bernsteins West Side Story hat, auch wenn seine Gefühle für Cunegonde nicht ansatzweise mit Tonys Liebe zu Maria verglichen werden können. Baurzhan Anderzhanov versprüht als König Stanislaus auf der Überfahrt auf dem Floß von Amerika nach Europa herrliche Komik, wenn er die Übelkeit des Königs herrlich mit der Musik korrespondieren lässt. Auch Mykhailo Kushlyk, Ks. Rainer Maria Röhr, Miha Brkinjač und Andrei Nicoara runden in mehreren kleinen Partien mit Mercy Malieloa als Paquette die Leistung des Ensembles hervorragend ab, so dass man trotz der absolut abstrusen und nicht nachvollziehbaren Handlung einen humorvollen, kurzweiligen Abend erlebt.

FAZIT

Die verrückte Geschichte mit pointierten Zwischentexten von Loriot zu präsentieren, mag einen leichteren Zugang zu dem Werk ermöglichen als eine fragwürdige szenische Umsetzung.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Per-Otto Johansson

Szenische Einrichtung
Marijke Malitius

Choreinstudierung
Bernhard Schneider

Dramaturgie
Lara Bruckner /
Elena Wachendorf

 

Essener Philharmoniker

Opernchor des Aalto-Theaters


Solistinnen und Solisten

Erzähler
Götz Alsmann

Candide
Paul Curievici

Cunegonde
Natalia Labourdette

Paquette
Mercy Malieloa

Maximilian / Kapitän
Tobias Greenhalgh

Gouverneur / Vanderdendur / Ragotski
Aljoscha Lennert

Old Lady
Almerija Delic

Kosmetikhändler / 1. Inquisitor / Prinz Edward
Mykhailo Kushlyk

Doktor Pangloss / Martin
Karel Martin Ludvik

Alchemist / Sultan Achmet / Crook
Ks. Rainer Maria Röhr

Krämer / König August / Croupier
Miha Brkinjač

Bärenhalter / 3. Inquisitor / Zar Ivan
Andrei Nicoara

Doktor / 2. Inquisitor / König Stanislaus
Baurzhan Anderzhanov

 

 





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