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Abstruse Geschichte liebevoll verpackt Von Thomas Molke / Fotos: © Björn Hickmann
Götz Alsmann als Erzähler Bereitgestellt
hat man ihm dafür in Anlehnung an die TV-Produktionen Loriots ein grünes Sofa, auf dem er während der musikalischen Darbietungen Platz
nimmt und interessiert dem Geschehen auf der Bühne folgt. Die einleitenden
und verbindenden Texte spricht er dann von einem Pult gewohnt pointiert und mit
feinem Humor, in dem Loriots unvergleichliche Art durchschimmert, und startet
mit einem Loriot-Zitat von 2003: "Natürlich haben Sie es wieder mal versäumt,
sich auf diesen Abend vorzubereiten. Noch wäre Gelegenheit, den Raum unauffällig
zu verlassen." Doch man erkennt sehr schnell, dass selbst eine Vorbereitung auf
diesen Abend das Publikum ratlos zurückgelassen hätte, weil die Handlung derart
haarsträubend und voller Logiklöcher ist, die Alsmann als Erzähler im folgenden
Verlauf mit herrlicher Ironie stopft. Da stirbt manche Figur mehrere Male und
taucht dann doch wie Phoenix aus der Asche völlig unerwartet wieder auf.
Besonders gelungene Einleitungen findet er auch für die zahlreichen
Chorpassagen, die er mal als "Wiener Sängerknaben", dann als "Westfälischen
Laien-Chor" ankündigt. Vorlage für Bernsteins Operette ist der
1759 erschienene Erfolgsroman Candide oder Der Optimismus des
französischen Philosophen Voltaire, den dieser unter dem Eindruck des großen
Erdbebens von Lissabon aus dem Jahr 1755 niedergeschrieben hat und als
Auseinandersetzung mit dem Gedankengut des Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz
betrachtete, der die These vertrat, dass wir in der besten aller möglichen
Welten leben würden. Das erschien nicht nur Voltaire und Bernstein aufgrund der
aktuellen Geschehnisse fragwürdig, sondern hat auch bis heute nichts an
Aktualität eingebüßt, so dass man sich immer wieder die Frage aller Fragen
stellt, ob es angesichts des unermesslichen Elends auf der Welt überhaupt einen
Gott geben kann. Die Titelfigur Candide schlittert dabei von einer Katastrophe
in die nächste, bereist dabei die ganze Welt, um am Ende doch noch mit seiner
geliebten Kusine Cunegonde zusammenzukommen, sich aufs Land zurückzuziehen und
"seinen Garten zu bestellen". Ob das allerdings eine reine Utopie ist, lässt die
Geschichte offen.
Dr. Pangloss (Karel Martin Ludvik, links) lehrt
Candide (Paul Curievici, rechts), dass sie in der besten aller Welten leben Schon die Ouvertüre macht in
ihrer scheinbaren Strukturlosigkeit deutlich, welche Kapriolen die folgende
Handlung schlagen wird. Auf den ersten Blick wechseln die Rhythmen und Themen in
der Melodie völlig unkoordiniert, korrespondieren aber gerade dadurch mit der
anschließend erzählten Geschichte, die einen grenzenlosen Optimismus immer
wieder kritisch hinterfragt. Per-Otto Johansson führt dabei die Essener
Philharmoniker mit sicherer Hand durch diese Achterbahnfahrt, bei der
musikalisch alles genauestens kalkuliert ist, auch wenn es chaotisch erscheint.
Immer wieder schimmert das romantische Thema vom Schluss durch, das ein
optimistisches Ende verspricht, wird aber, wenn man sich schon in Sicherheit
wiegt, von unruhigen Läufen
unterbrochen. Die Solistinnen und Solisten treten zwar größtenteils mit
Textbüchern auf, setzen aber dabei auf szenische Einlagen, die sie
dann auch ohne Textbuch vortragen. Da ist zunächst Paul Curievici in der
Titelpartie zu nennen. Mit weichem Tenor und herrlich naivem Spiel zeigt er,
dass Candide niemals seinen Optimismus verliert und sich aus jeder noch so
aussichtslosen Situation retten kann. Da entkommt er eben auch Kannibalen, tötet
aus Versehen zahlreiche Liebhaber Cunegondes und ihren Bruder Maximilian, der
Candides Liebe zu Cunegonde missbilligt, durchschwimmt nach einem Schiffbruch
mit einem goldenen Hammel aus Eldorado schließlich den Ozean, um in Venedig zu
landen, wo er erneut auf Cunegonde trifft, die mittlerweile in einem Spielcasino
die Gäste um hier Hab und Gut erleichtert.
Cunegonde (Natalia Labourdette, links) und die
Old Lady (Almerija Delic, rechts) Natalia Labourdette
spielt die Geliebte Cunegonde, die mehr den materiellen Dingen als inneren
Werten zugetan ist, als kühl berechnende Frau und begeistert mit großartigen
Koloraturen. Ein musikalischer Höhepunkt ist natürlich ihre große Arie "Glitter
and be gay", bei der sie sogar den auf der Bühne positionierten Dirigenten um
eine großartige Perlenkette erleichtert. Die Koloraturen setzt sie auf den Punkt
genau um und trifft auch die extremen Höhen absolut sauber. Als Femme fatale
präsentiert sie sich dann, wenn sie in Buenos Aires den Gouverneur hinter dem
Sofa verführt, und zeigt sich im Folgenden absolut ungehalten, wenn dieser sie
mit der versprochenen Hochzeit hinhält. Wie sie eigentlich aus Amerika nach
Venedig zurückkommt, lässt die Geschichte offen. Nicht weniger berechnend
präsentiert Almerija Delic an ihrer Seite die Old Lady, die sie seit Cunegondes
Zeit in Paris als Gesellschafterin begleitet und auch zahlreiche unglaubliche
Abenteuer überstanden hat. So hat sie einst, als sie als Hexe verbrannt werden
sollte, ihr halbes Hinterteil verloren. Delic legt die Partie mit dunkel
gefärbtem Mezzosopran und laszivem Spiel an. Grandios präsentiert sie das
Lebensmotto dieser geschickten Alten: "I am easily assimilated".
Cunegonde (Natalia Labourdette) verführt den
Gouverneur (Aljoscha Lennert).
Karel Martin Ludvik schlüpft in die recht gegensätzlichen Partien des stets
optimistischen Dr. Pangloss, der Candide, Cunegonde und ihren Bruder Maximilian
lehrt, dass dies die beste aller möglichen Welten sei, und dem pessimistischen
Martin, der auf der Rückfahrt aus Amerika auf dem Meer ertrinkt. Ludvik spielt
die Gegensätze der beiden Figuren mit beweglichem Bariton und überzeugender
Darstellung aus. Tobias Greenhalgh gibt mit virilem Bariton einen
selbstverliebten Maximilian, der ebenfalls mehrmals gemeuchelt wird, aber immer
wieder auftaucht, bis Candide ihm schließlich in der Neuen Welt ein Ende
bereitet, als er sich seiner und Cunegondes Liebe in den Weg stellt. Aljoscha
Lennert gibt mit kraftvollem Tenor einen herrlich liebestollen Gouverneur,
dessen Liebesarie musikalisch Anklänge an den Tony aus Bernsteins West Side
Story hat, auch wenn seine Gefühle für Cunegonde nicht ansatzweise mit Tonys
Liebe zu Maria verglichen werden können. Baurzhan Anderzhanov versprüht als König
Stanislaus auf der Überfahrt auf dem Floß von Amerika nach Europa herrliche
Komik, wenn er die Übelkeit des Königs herrlich mit der Musik korrespondieren
lässt. Auch Mykhailo Kushlyk, Ks. Rainer Maria Röhr, Miha Brkinjač und
Andrei Nicoara runden in mehreren FAZIT
Die verrückte Geschichte mit pointierten Zwischentexten von Loriot zu
präsentieren, mag einen leichteren Zugang zu dem Werk ermöglichen als eine
fragwürdige szenische Umsetzung.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung Szenische Einrichtung
Choreinstudierung
Dramaturgie
Essener Philharmoniker Opernchor des Aalto-Theaters Solistinnen und SolistenErzähler
Candide
Cunegonde
Paquette
Maximilian / Kapitän
Gouverneur / Vanderdendur / Ragotski Old Lady
Kosmetikhändler / 1. Inquisitor / Prinz Edward
Doktor
Pangloss / Martin
Alchemist
/ Sultan Achmet / Crook Krämer / König August / Croupier Bärenhalter / 3. Inquisitor / Zar
Ivan Doktor / 2. Inquisitor / König
Stanislaus
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