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Don Giovanni

Dramma giocoso in zwei Akten
Libretto von Lorenzo da Ponte
Musik von Wolfgang Amadeus Mozart

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 10' (eine Pause)

Premiere am 19. Oktober 2025 im Theater Erfurt
(rezensierte Aufführung: 27. Dezember 2025)


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Theater Erfurt
(Homepage)

Rauchende Colts und ein Geist im Badezimmerspiegel

Von Stefan Schmöe / Fotos von Lutz Edelhoff / © Theater Erfurt

Eine junge Frau liegt tot auf der Bühne. Erschüttert schauen die anderen Figuren, offenbar das Personal aus Don Giovanni, auf die Leiche. Die Inszenierung von Alexandra Pape beginnt, in düsteres Rot getaucht, zu den dramatischen Klängen der Ouvertüre als Kriminalfall. In den folgenden drei Stunden erfährt man, wie es zu diesem schrecklichen Todesfall kam. Man weiß freilich schon zu Beginn, dass im Libretto von Lorenzo da Ponte nur zwei Personen sterben: Der Komtur, von Don Giovanni getötet, und am Ende Don Giovanni selbst, von der Statue des Komturs in die Hölle komplimentiert. Die Regie muss also etwas hinzugefügt haben, zumal alle anderen Figuren ja bis in die letzten Takte der Oper zu singen haben. Da kann es sich nur um die Zofe der Elvira handeln, die lange im Stück nebenbei mitläuft, ohne groß aufzufallen (kein Wunder, im Libretto gibt es sie ja gar nicht), an die Don Giovanni aber im zweiten Akt seine mandolinenbegleitete Kanzonette "Deh! vieni alla finestra" richtet. Wobei das Mädchen nicht am Fenster steht, wie es der Text eigentlich verlangt, sondern von Don Giovanni vergewaltigt wird. Sie wird sich nicht davon erholen und sich unmittelbar nach dem Schlussakkord erschießen.

Szenenfoto

Muss permanent komische Hüte tragen: Donna Anna, hier am Leichnam ihres erschossenen Vaters knieend

Das ist der Rahmen einer Inszenierung, die zeigen will, was der vermeintliche Frauenheld den Frauen antut. Was die Frage aufwirft, warum man dafür eine Figur samt Vergewaltigung hinzuerfinden muss - heißt das im Umkehrschluss, dass die im Libretto geschilderten Ereignisse gar nicht so schlimm sind? Als subtile Regiekunst wird man den Ansatz jedenfalls nicht bezeichnen wollen. Auch der Versuch, die Oper zeitlos zu inszenieren, funktioniert nicht wirklich gut. Die stilisierten Fantasiekostüme (Yeon-Sung Monz) zeigen Donna Anna als affektierte Kleiderpuppe mit rätselhaften Kopfbedeckungen, Donna Elvia als weißblondierte Schönheit wie aus einem Alfred-Hitchcock-Film, und die Bauern um Masetto und Zerlina sehen aus, als seien sie einer ganz, ganz schlechten Karl-May-Verfilmung entsprungen. Dazu wird viel mit Colts und Flinten gedroht und manchmal geballert. Don Ottavio tritt im edlen asiatisch anmutenden Mantel auf wie eine Statue, und Leporello und Giovanni, einander ziemlich ähnlich (aber der Diener in weiß, der Herr in schwarz), irgendwo zwischen Samurai und Buster Keaton. Dazu steht auf der Drehbühne eine bürgerliche Hausfassade mit Wendeltreppe, ein Außenbereich vor bepflanzter Wand (ein schöner, aber unnötiger Fall von vertical gardening, der zudem dramatisch aufleuchten kann) und Giovannis hochmoderne Villa. Darin eine Erlebnisdusche, unter der er, Todesursache unklar, sterben wird (Bühne: Tamara Stotz). In diesem überfrachteten Ambiente kann Alexandra Pape die Geschichte zwar leidlich plausibel erzählen (die Übertitel passen sich geschmeidig mit nicht immer ganz korrekten Übersetzungen des Textes an), aber jede Szene wirkt unnötig wichtigtuerisch und angestrengt.

Szenenfoto

Eine Frisur, wie sie auch Alfred Hitchcock gefallen hätte: Donna Elvira, hier im Gespräch mit Don Giovanni

Am besten gelingen die sehr frei und komödiantisch durchgestalteten Rezitative (mit brillant trockener Begleitung vom Hammerklavier). Hier spielen sich Don Giovanni (kraftvoll-viril in der Erscheinung, stimmlich solide: Máté Sólyom-Nagy) und Leporello (hinreißend buffonesk, aber abenteuerlich frei im Tempo und daher selten mit dem Orchester zusammen: Rainer Zaun) virtuos die Bälle zu. Den Witz des dramma giocoso, des "lustigen Dramas" (wie Mozart und da Ponte ihr Werk bezeichnet haben) kann Pape an vielen Stellen gut herausarbeiten, und Leporello besitzt sogar eine Spur Beckett'sche Absurdität. Darauf könnte die Inszenierung aufbauen. Aber die Regie will mehr und letztendlich zu viel. Der Komtur (stimmlich nicht übermäßig dämonisch, aber mit würdevollem Bass: Kakhaber Shavidze) erscheint Giovanni im Finale nicht als Statue, sondern als Geist im Badezimmerspiegel, was eher unfreiwillig komisch gerät. Es bleibt unklar, woran (und warum) Giovanni eigentlich sterben muss. Irgendwie zur Strafe für seinen Lebenswandel. An solchen entscheidenden Stellen bleibt die Regie, die sonst gerne in Aktionismus verfällt und sogar (ohne erkennbaren Nutzen, im Gegenteil) mitunter die Nummern der Oper umstellt, allzu unscharf.

Szenenfoto

Die Leute von der Shilo Ranch? Nein, Bauernhochzeit mit Masetto und Zerlina

Blass bleibt die Donna Anna von Daniela Gerstenmeyer, szenisch allzu sehr als Kunstfigur angelegt, stimmlich trotz einiger glockenhell leuchtender Spitzentöne eher matt und ohne die erforderliche dramatische Attacke. Deutlich schärferes Profil kann Alexandra Yangel der Donna Elvira verleihen, die fast sachlich um das Eheversprechen kämpft, das Giovanni ihr gegeben hat, und das mit klarem und direktem, präsentem Sopran untermauert. Tristan Blanchet singt mit strahlendem, geschmeidigem Tenor den Don Ottavio (sowohl "Dalla sua pace" aus der Prager Fassung als auch die ein Jahr später für Wien nachkomponierte Arie "Il mio tesoro"), muss sich dazu leider wie die Karikatur eines Tenors in Denkmalpose mit pathetisch ausgestreckten Armen aufstellen. Antonia Schuchardt ist mit schönem lyrischem Sopran eine nicht zu hell timbrierte Zerlina, Johannes Schwarz mit unauffälligem Bariton ein ganz ordentlicher Masetto.

Szenenfoto

Zwei Komiker am Sarg des Komturs: Don Giovanni (schwarz) und Leporello

Erfurt hat mit Hermes Helfricht, der die Oper einstudiert und die Premiere geleitet hat, einen neuen Generalmusikdirektor - allerdings nur bis 2027. Dann soll die Stelle ebenso wie die vakante Intendanz im Doppelpack neu besetzt werden. Im Rahmen des laufenden Auswahlverfahrens hat das Theater mehrere Vorstellungen an die Kandidaten vergeben, und so steht an diesem Abend Sergey Neller am Pult des Philharmonischen Orchesters Erfurt. Er wählt einen dramatischen Ton und (zunächst) straffe (aber keineswegs überzogene) Tempi, denen das Orchester nach einer verwackelten Ouvertüre mit konturiertem, zupackendem Spiel folgt, aber in den ruhigeren Arien auch lyrische Wärme verströmen kann. Nicht gut funktioniert die Koordination mit dem Ensemble auf der Bühne. Woran das im Einzelnen liegt, ist von außen schwer zu beurteilen. Am Ende waren sicher alle froh, diesen Don Giovanni nach etlichen Patzern irgendwie ins Ziel gebracht zu haben.

FAZIT

Das Regieteam will unbedingt eine eigene Handschrift zeigen, scheitert aber ästhetisch wie inhaltlich am überfrachteten Konzept.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Hermes Helfricht /
* Sergey Neller a. G.

Inszenierung
Alexandra Pape

Bühne
Tamara Stotz

Kostüme
Yeon-Sung Monz

Choreographie
Sabine Arthold

Licht
Torsten Bante

Chor
Markus Baisch

Dramaturgie
Anna Nolte


Statisterie des Theaters Erfurt

Chor des Theaters Erfurt

Philharmonisches Orchester Erfurt


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Don Giovanni
* Máté Sólyom-Nagy /
Alessio Fortune Ejiugwo

Donna Anna
* Daniela Gerstenmeyer /
Liudmila Lokaichuk

Don Ottavio
Tristan Blanchet

Il commendatore
Kakhaber Shavidze

Donna Elvira
Alexandra Yangel

Leporello
Rainer Zaun

Masetto
Johannes Schwarz

Zerlina
* Antonia Schuchardt /
Candela Gotelli

Zofe der Elvira
Paula Rieck


Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Erfurt
(Homepage)



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