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Die Macht des Schicksals Von Thomas Molke / Fotos: © Matthias Baus Obwohl Agostino Steffani als Bindeglied zwischen den frühen venezianischen Werken Monteverdis oder Cavallis und den barocken Opern Händels oder Vivaldi eine bedeutende Rolle gespielt und als Hofkomponist in München, Hannover und Düsseldorf auch in Deutschland die italienische Oper entscheidend geprägt hat, sind seine Werke heute äußerst selten auf der Bühne zu erleben. Neben Künstlerinnen wie Cecilia Bartoli oder Philippe Jaroussky, die in den Konzertsälen seinem Schaffen wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt haben, ist es vor allem dem "Forum Agostino Steffani" in Hannover zu verdanken, dass auch einzelne Opern dem Vergessen entrissen worden sind, zuletzt beim Winter in Schwetzingen. Seit 2014 sorgt das Forum für eine Renaissance der Werke des italienischen Komponisten, dessen Schaffen ab 1688 in Hannover seine Blütezeit erlebte. 1694 entstand dort auch seine Oper Amor vien dal destino, die ursprünglich unter dem Titel Il Turno herauskommen sollte. Die Geschichte über den Rutulerfürsten, der im Kampf um die schöne Prinzessin Lavinia von dem Trojaner Aeneas getötet wird, war dem Hof bei der damaligen politischen Lage allerdings zu brisant, so dass die Oper nicht zur Aufführung gelangte. Erst 1709 kam sie in Düsseldorf an Steffanis neuer Wirkungsstätte heraus, jetzt unter dem neuen Titel mit einem lieto fine. In Frankfurt, wo Steffani im Februar 1728 an einem Schlaganfall starb und im Dom beigesetzt wurde, hat man sich nun entschieden, dieses relativ unbekannte Werk auf den Spielplan zu stellen. Lavinia (Margherita Maria Sala) glaubt, dass das Schicksal ihr Aeneas (Michael Porter) als Ehemann bestimmt hat. Das Libretto von Ortensio Mauro basiert auf einer Episode aus Vergils Aeneis, die heutzutage eher selten auf den Opernbühnen zu erleben ist. Viel vertrauter ist man hier mit dem Trojanischen Krieg (2. Buch) oder der unglücklichen Liebesgeschichte zwischen Aeneas und Dido, der Königin von Karthago (4. Buch). Steffanis Oper hingegen handelt von Aeneas' Ankunft in Latium, wo ihm vom Schicksal bestimmt ist, eine neue Heimat zu finden und den Grundstein für das spätere Rom zu legen. Hier trifft er auf Lavinia, die Tochter des Königs von Latium, Latinus. Ihr ist Aeneas im Traum als vom Schicksal bestimmter Gatte erschienen, weswegen es ihr unmöglich ist, Turnus, dem sie eigentlich von ihrem Vater als Braut versprochen worden ist, zu lieben. Die Auseinandersetzung zwischen Aeneas und Turnus, die im Zentrum bei Vergil steht, wird in der Oper um weitere Verwicklungen angereichert. So tritt hier auch noch Lavinias Schwester Giuturna auf, die in der Aeneis eigentlich Turnus' Schwester und eine Quellnymphe ist. Bei Steffani ist sie in Turnus verliebt und rettet ihm schließlich das Leben. Als Aeneas ihn töten will, fordert sie nämlich das Recht ein, diesen Schlag selbst auszuführen, da Turnus sie entführt habe. Statt ihn zu töten, gesteht sie ihm allerdings ihre Liebe, die schließlich von Turnus erwidert wird. Als komischer Part wird Lavinias alte Amme Nicea eingeführt, die heftig mit Aeneas' Gefährten Corebo flirtet. Giuturna (Daniela Zib) liebt Turnus. So interessiert sich die Oper weniger für große Kämpfe und Schlachten als vielmehr für die vom Schicksal bestimmte Liebe, was auch den auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinenden Titel erklärt. Das Bühnenbild von Anna-Sofia Kirsch zeigt eine erhöhte nach hinten schräg ansteigende Rasenfläche, auf der Regisseur R. B. Schlather die Figuren ohne weitere Bühnenaufbauten agieren lässt. Die Kostüme von Katrin Lea Tag geben ihnen dabei einen aristokratischen Einschlag. Während die Göttergestalten in fast schon barockem Pomp von ihr ausgestattet werden, erfolgt dies bei den menschlichen Figuren ein wenig dezenter. Nur zu Beginn des zweiten Aktes fragt man sich, wieso Lavinia zu ihrem opulenten schwarzen Kleid einen Kopfschmuck aus schwarzen Federn tragen muss. Ansonsten wird vor allem mit großartigen Lichteinstellungen von Jan Hartmann gearbeitet, die in unterschiedlicher Ausleuchtung immer wieder neue Bilder entstehen lassen. So werden die Figuren und ihre Gefühle eindrucksvoll ins Zentrum gerückt. Einigen Menschen im Publikum scheinen diese Bilder aber doch nicht abwechslungsreich genug zu sein. Wenn nach der Pause der riesige Rasen durch mehrere Feuerstellen aufgebrochen wird, gibt es nämlich mit leichtem Gelächter Szenenapplaus für diese Veränderung. Aber das kann den musikalischen Genuss nicht stören, den Schlather in seiner Inszenierung in den Mittelpunkt stellt, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass der Abend lediglich konzertanten Charakter hat. Dafür bietet Steffanis Musik aber auch genügend Abwechslungsreichtum und eine Fülle an unterschiedlichen Stilen. Nahezu nahtlos erfolgt an zahlreichen Stellen der Übergang von Rezitativen in ariose Strukturen und Duette. Schon der Anfang der Oper ist musikalisch ungewöhnlich, wenn in den zweiten Teil der Ouvertüre ein Chor hineinkomponiert wird, in dem die Götter über das Schicksal des Aeneas streiten. Diesen Part im Prolog singen die Solistinnen und Solisten aus dem Off, bis Constantin Zimmermann als Giove schließlich mit opulentem Federschmuck und riesigem Szepter auftritt und den übrigen Göttern mit leuchtendem Countertenor Einhalt gebietet. Im weiteren Verlauf des Prologs tritt dann noch Daniela Zib als Venere auf, um bei ihrem Göttervater ein persönliches Wort für ihren geliebten Sohn einzulegen. Zib trägt als Venere eine schwarze Maske, um später keine Verwirrung entstehen zu lassen, wenn sie als Lavinias Schwester Giuturna auftritt. Die Auftrittsarie der Venere darf als erster musikalischer Glanzpunkt des Stückes bezeichnet werden und wird von Zib mit warmem Sopran präsentiert. Auch wenn Aeneas der eigentliche Held des Stückes ist, steht er musikalisch nicht im Zentrum der Oper. Die eindrucksvollste Musik hat Steffani Lavinia und Turnus vorbehalten. Deswegen sollte das Stück vielleicht auch ursprünglich Il Turno heißen. Interessant dabei ist, dass die Partien des Turnus und der Lavinia für Mezzosopranstimmen komponiert worden sind und Turnus dabei noch etwas höher angelegt ist, was ein wenig mit den Geschlechterrollen spielt. Aeneas passt mit seinem Tenor eigentlich stimmlich besser zum Sopran der Giuturna. Aber Steffani entscheidet sich, die Paare musikalisch anders miteinander zu verbinden. Margherita Maria Sala stattet die Partie der Lavinia mit satten Tiefen aus und lebt ihr Unglück in traumhaft schönen Melodienbögen aus. Immer wieder betont sie ihre große Opferbereitschaft, dass sie zwar bereit sei, dem Willen ihres Vaters zu folgen und Turnus zu heiraten, ihm aber nicht ihre Liebe schenken könne, da das Schicksal ihr einen anderen Gatten bestimmt habe. Ein wenig anstrengend ist lediglich, dass sie über drei Stunden benötigt, um zu verstehen, dass sie die Frau ist, die von Aeneas geliebt wird. Das wirkt im Gegensatz zu den anderen Problemen der Figuren ein wenig aufgesetzt. Turnus (Karolina Makuła) leidet unter Lavinias Zurückweisung. Die abwechslungsreichsten Arien hat Steffani Turnus in die Kehle komponiert. Hier zeigt sich Steffanis ganzer kompositorischer Reichtum. Karolina Makuła begeistert mit beweglichem Mezzosopran in koloraturgespickten Arien, wenn sie beispielsweise ihrer Wut über Lavinias Zurückweisung freien Lauf lässt und König Latinus und sein Reich mit Krieg bestrafen möchte. Auch in der Auseinandersetzung mit Aeneas gestaltet sie den Turnus mit flexiblen Läufen als äußerst kämpferisch. Nachdem Turnus Aeneas unterlegen ist, schlägt Makuła sanftere Töne an und ist bereit, dem Tod ins Auge zu sehen. Doch Giuturnas Liebe führt schließlich dazu, dass Turnus seine Gefühle für Lavinia überwinden kann und auch mit ihrer Schwester glücklich wird. Daniela Zib gestaltet die Partie der Giuturna mit strahlendem Sopran und herrlicher Agilität. Michael Porter gibt mit kraftvollem Tenor einen starken Helden Aeneas, der als Figur aber leider auch ein wenig langweilig ist. Thomas Faulkner ist als Latinus mit profundem Bass ein willkommener Ruhepunkt in diesem wilden Liebeskarussell. Einen großen Moment hat er zu Beginn des dritten Aktes, wenn ihm sein Vater Faunus erscheint, der ihm mitteilt, dass das Schicksal Lavinia für Aeneas bestimmt habe. Nicea (Theo Lebow) und Corebo (Pete Thanapat) haben ihren Spaß miteinander. Für die komischen Momente des Stückes sorgen Theo Lebow und Pete Thanapat als Amme Nicea und Aeneas' Gefährte Corebo. Eigentlich soll Corebo Informationen bei Nicea über Lavinia einholen, die Aeneas im Traum erschienen ist. Die mannstolle Nicea sieht in dem stattlichen jungen Mann aber vielmehr eine Chance, ebenfalls in Liebesdingen auf ihre Kosten zu kommen. Während die beiden in den komischen Szenen während des Stückes durchaus ihren Spaß haben, kommen sie am Ende allerdings nicht zusammen, was von Nicea in einer witzigen Arie am Schluss recht abgeklärt kommentiert wird. Lebow punktet mit hellem Tenor, der wunderbar zu der alten Amme passt, und extrem humorvollem Spiel. Thanapat überzeugt stimmlich durch kraftvollen Bariton und zieht seine Komik vor allem aus seiner Überforderung durch diese recht reife und in Liebesdingen nicht unerfahrene Alte. Václav Luks macht als Experte für Alte Musik mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester und einer großartigen Continuo-Gruppe den musikalischen Genuss perfekt, so dass es verdienten und großen Applaus für alle Beteiligten gibt.
Der Abend macht Lust, mehr von Agostino Steffani kennenzulernen. Amor vien
dal destino verdient es, in den klassischen Kanon aufgenommen zu werden.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung und Cembalo Inszenierung Bühnenbild Kostüme Licht Dramaturgie
Frankfurter Opern- und Harfe Psalterium Cembalo, Orgel Violoncello Kontrabass Statisterie der Oper Frankfurt Solistinnen und Solisten
Lavinia
Enea
Turno
Giuturna / Venere
Latino
Giove / Coralto
Corebo / Fauno
Nicea
Double Giuturna / Venere
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