Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Bluthochzeit

Lyrische Tragödie in zwei Akten
Text von Federico García Lorca in der deutschen Übersetzung von Enrique Beck
Musik von Wolfgang Fortner


In deutscher Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (eine Pause)

Premiere am 10. Mai 2026 in der Oper Frankfurt
(rezensierte Aufführung: 15. Mai 2026)

Homepage

Oper Frankfurt
(Homepage)
Eine sachlich-poetische Tragödie von antiker Wucht

Von Stefan Schmöe / Fotos von Xiomara Bender

Es geht kein silberner Mond auf am Himmel über Peking. Wenn überhaupt, dann ist es ein schwarzer Mond, eine düstere Scheibe "Es klingen zwei Violinen, den Wald ausdrückend": So steht es als Regieanweisung im Manuskript von Frederico García Lorcas Schauspiel Bluthochzeit. Wolfgang Fortner (1907 - 1987) benannte diese Zeile als Ausgangspunkt seiner Komposition. Wobei die hochpoetische Sprache des 1936 in den ersten Wochen des spanischen Bürgerkriegs ermordeten Dichters ohnehin von einer ganz eigenen Musikalität ist, die das an sich gänzlich unpoetische Sujet von einer düsteren Blutrache-Geschichte aus dem andalusischen Bauernleben zur großen Tragödie erhebt. Lorcas Stück wurde schon bei der Madrider Uraufführung 1933 als "Oper ohne Musik" bezeichnet. Die Handlung: Der namenlos bleibende Bräutigam, dessen Vater und Bruder Jahre zuvor von der verfeindeten Familie Félix ermordet wurden, will ein Mädchen heiraten, das einige Jahre zuvor mit Leonardo, dem Sohn eben jener Familie Félix, verlobt war. Während des Hochzeitsfestes flüchten die Braut und der inzwischen verheiratete Leonardo. Der Bräutigam eilt ihnen nach, und im nächtlichen Wald kommt es zum Kampf, bei dem sich die Rivalen gegenseitig umbringen. Das Stück endet mit einer großen Klage der Mutter des Bräutigams.

Vergrößerung in neuem Fenster

Die Geister der Vergangenheit werden die Mutter und ihr Sohn, der Bräutigam, nicht los. Der Vater und der ältere Sohn wurden von einer verfeindeten Familie ermordet und spuken nun im Hintergrund als steinerne Gäste herum.

Der nächtliche Wald bildet als Gegensatz zur harten Realität des Dorfes das Zentrum des Werkes. In diesem Wald treten Mond und der Tod (in Gestalt einer Bettlerin) als mythische Figuren auf. Die zwei Violinen, die Lorca ganz unrealistisch fordert, stehen für diese andere, geheimnisvolle, nicht reglementierbare Welt. "Lorca verlangt vom Musiker, die geistige Wirklichkeit "Wald" zu komponieren", schrieb Fortner über diese Schlüsselszene. Ausgangspunkt war ursprünglich eine Schauspielmusik für das Hamburger Theater gewesen, dann folgte die zunächst isolierte Komposition der Wald-Szene, schließlich die komplette, 1957 in Köln uraufgeführte Oper, für die Fortner die seinerzeit einzige deutsche Übersetzung des Schauspiels von Enrique Beck zum Libretto kürzte. Wobei "Oper" keine ganz korrekte Bezeichnung ist, denn viele Passagen lässt Fortner unverändert wie im Schauspiel sprechen. Der Bräutigam (eine Spur zu brav: Schauspieler Christian Clauß) und der Brautvater (mit unerschütterlicher Contenance: Dietrich Volle, als Bariton ehemaliges Ensemblemitglied der Frankfurter Oper) etwa singen keine einzige Phrase. Gesprochene Passagen gehen nahtlos in gesungene über, wobei es Fortner dies mit verblüffender Selbstverständlichkeit gelingt, als dürfe es gar nicht anders sein. Dabei bleibt die zwölftönige Musik kammermusikalisch klar und besticht durch eine Strenge, die der Geschichte eine überzeitliche Bedeutung verleiht.

Vergrößerung in neuem Fenster Die Braut, früher mit dem Sohn der verfeindeten Familie Félix verlobt.

Spanische Volksmusik baut Fortner raffiniert in die Partitur ein, ohne folkloristisch zu klingen. Vielmehr bekommt die Musik etwa durch den gelegentlichen Einsatz von Kastagnetten eine geographische Verortung, die es für dieses Sujet braucht. In der Logik von Lorcas Drama schwingt die unbarmherzige Härte der überhitzten südspanischen Landschaft mit, und die Komposition greift dieses Element auf, ohne einfach nur folkloristisch zu kolorieren. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester spielt, von ein paar kleinen Ungenauigkeiten in der hier besprochenen dritten Aufführung abgesehen, unter der Leitung von Duncan Ward mit bestechender Transparenz und vorzüglichen Holzbläsern, die jede Kantilene in den großen Zusammenhang einordnen. Diese Musik lädt die Handlung nicht primär emotional auf (das tut sie an wenigen ausgewählten Stellen, die aber nicht zu den stärksten Passagen gehören), sondern gibt dem Stück eine Aura zwischen Unwirklichkeit und Unentrinnbarkeit. Nach der erfolgreichen Uraufführung ist Fortners "lyrische Tragödie" von vielen Theatern nachgespielt worden, bevor es still um das Werk geworden ist (eine bemerkenswerte Aufführung hat es 2013 in Wuppertal gegeben). Die Oper Frankfurt zeigt nun in einer hochkonzentrierten Aufführung, dass es hier einiges wiederzuentdecken gibt.

Vergrößerung in neuem Fenster

Leonardo hat ein, vorsichtig formuliert, konservatives Familienbild und lässt sich von seiner Gattin die Schuhe ausziehen.

Das Team um Regisseur Alex Ollé hebt den überzeitlichen Aspekt des Dramas hervor. Der Bühnenraum ist strukturiert durch herabhängende, zerknitterte Tücher, die bei entsprechender Beleuchtung (Licht: Olaf Winter) wie grob behauene Steinwände aussehen. Die drei Innenräume - die Häuser des Bräutigams und seiner Mutter, das der Braut und deren Vater und das der Familie Félix - sind auf diese Weise mit durch Kuben angedeutet (Bühne: Alfons Flores), höhlenartige, nach oben offene Schutzräume und gleichzeitig Kerker. Die Räume sind ineinander geschachtelt ähnlich wie Matrjoschka-Puppen, wobei durch das Hochfahren der Vorhänge schnelle Szenenwechsel möglich werden. So bekommt jede Familie ihren eigenen Raum, und doch sind alle sinnfällig aufeinander bezogen. Requisiten gibt es nur wenige. In der wuchtigen Kargheit dieser Welt spiegelt sich die Unerbittlichkeit der hier herrschenden Sittengesetze wider. Die eleganten, trachtenartigen Kostüme (Lluc Castells) deuten auf die Entstehungszeit hin und sind fast durchweg in düsterem Schwarz gehalten. Wenn in wenigen Szenen ein blendend weißes Kostüm aufleuchtet, verursacht das einen kurzen Schock. Die sparsame Personenregie vermeidet opernkonventionelle Betroffenheitsgestik.

Vergrößerung in neuem Fenster Die Hochzeit verläuft ein wenig unterkühlt: Der Vater der Braut (Mitte) und die Mutter (stehend)

Dass die Braut aber bis zuletzt auf ihre Unberührtheit verweisen kann, verdankt sie dem unglücklichen Timing des Liebesakts - im letzten Moment werden Leonardo und sie vom Bräutigam gestört. Hier verlässt die Regie unnötig die artifizielle Linie, und auch die allegorischen Gestalten des Mondes mit Vollbart und angedeuteten Brüsten (AJ Gluckert mit leicht grellem Tenor) und des Todes (Daniela Ziegler mit abgründiger Lässigkeit) sehen ein wenig zu sehr nach Kostümfest aus, wie es auch zweier steinerner Gestalten (Vater und Bruder des Bräutigams, die vor Jahren von Mitgliedern der Familie Félix ermordet wurden?) bedürfte es nicht. Die Aufregung bei der Hochzeit angesichts des Verschwindens der Braut ist dagegen in ihrem Realismus gut eingefangen, wie die Regie überhaupt sorgfältig erzählt, was an äußerer Handlung zu erzählen ist - und damit einen klaren Kontrast zur bedrohlichen Statik des Gesellschaftssystems setzt.

Vergrößerung in neuem Fenster

Die Mutter am Leichnam ihres Sohnes, des unglücklichen Bräutigams

Dass die Braut aber bis zuletzt auf ihre Unberührtheit verweisen kann, verdankt sie dem unglücklichen Timing des Liebesakts - Claudia Mahnke verleiht der Mutter eine distanzierte Würde, hinter der man die aufgestaute Wut spürt. Stimmlich könnte ihr Sopran noch voller und dramatischer sein, um die Größe dieser zentralen Figur auch vokal zu verdeutlichen. Sie lotet aber viele Facetten beeindruckend aus. Magdalena Hinterdobler gestaltet die Braut mit jugendlich-dramatischem Sopran als selbstbewusste, nach Leben gierende Frau, die sich aktiv gegen die gesellschaftlichen Strukturen wehrt, der man aber auch abnimmt, dass sie in der Hochzeit den möglichen Rettungsanker gesehen hat. "Dein Sohn war der Sinn meines Lebens, und ich habe ihn nicht betrogen, doch der Arm des anderen riss mich fort wie der Schlag einer Welle", beteuert sie am Ende. Diesen anderen, nämlich Leonardo (der einzige im Stück mit einem Namen), legt Mikołaj Trąbka als arroganten Schnösel an, da ließen sich wohl noch mehr Zwischentöne abgewinnen. Mit draufgängerischem Bariton verdeutlich er vokal die virile Energie, die von der Figur ausgeht. Seine unglückliche Ehefrau stattet Zanda Švēde mit klangschönem lyrischem Sopran aus. Aufhorchen in einem durchweg sehr guten Ensemble lässt Karolina Makuła mit mädchenhaft leuchtendem Sopran als junge Magd.



FAZIT

Unbedingt lohnenswerte Wiederbegegnung mit Wolfgang Fortners einst viel gespielter Bluthochzeit: Ein sehr gutes Ensemble den eigenwilligen Tonfall der Musik zwischen Sprödigkeit und Sinnlichkeit sehr gut. Die ästhetisch klare Regie von Alex Ollé fängt die Archaik des Sujets ebenso beklemmend wie faszinierend ein.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Duncan Ward

Regie
Àlex Ollé

Mitarbeit Regie
Sandra Pocceschi

Bühnenbild
Alfons Flores

Kostüme
Lluc Castells

Licht
Olaf Winter

Chor
Álvaro Corral Matute

Dramaturgie
Zsolt Horpácsy



Chor der Oper Frankfurt

Frankfurter Opern-
und Museumsorchester


Solisten

Mutter
Claudia Mahnke

Braut
Magdalena Hinterdobler

Bräutigam
Christian Clauß

Tod / Bettlerin
Daniela Ziegler

Leonardo
Mikołaj Trąbka

Leonardos Frau
Zanda Švēde

Schwiegermutter
Annette Schönmüller

Magd
Karolina Makuła

Nachbarin
Barbara Zechmeister

Kleines Mädchen
Karolina Bengtsson

Vater der Braut
Dietrich Volle

Mond
AJ Glueckert

Kind
Alina Avagyan

Drei Mädchen
Julia Bell
Rachel Speirs
Svea Verfürth

Zwei Mädchen
Zuzana Petrasová
Thalia Azrak

Zwei Burschen
Jihun Hong
Hubert Schmid

Drei Gäste / Drei Holzfäller
Jonas Müller
Dongsu Lee
Aleksander Myrling



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
(Homepage)







Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Konzert-Startseite E-Mail Impressum
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -