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Boris aus dem Ei
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Barbara Aumüller Russland ist weit weg - jedenfalls im Bühnenbild. Das übliche Szenarium - goldglänzende Ikonen, zwiebelturmbehelmte Kathedralentürmchen oder gar birkenbestandene russische Weiten - sucht man vergebens. Ausstatter Kaspar Glarner stellt statt dessen zwei gewölbte Elemente auf die Drehbühne, die zusammengestellt eine halbrunde, dreistöckige Galerie ergeben, auf der Rückseite aber dekonstruierend nicht mehr als schnöde Bühnenelemente sind, die man bei Bedarf als triste Mauern deuten kann. Wobei immerhin ein riesiger, im Bühnenhintergrund aufgehängter Teppich den Pomp für die Thronbesteigung des Boris Godunow vergegenwärtigt. Obwohl gewählt und damit einigermaßen legitimiert an der Spitze des Reichs, bleibt der Verdacht, er habe den Thronfolger, den Zarewitsch, ermordet. Boris wird an seinen Skrupeln und seinem Gewissen zugrunde gehen, ein anderer wird sich als vermeintlicher Überlebender des Mordanschlags und rechtmäßiger Thronfolger ausgeben und das Land am Ende der Oper ins Chaos stürzen. Aber vorher gibt es dann doch noch ein typisch russisches Requisit, ein Fabergé-Ei riesigen Ausmaßes. Selbigem entsteigt Boris Godunow, dem Wahnsinn verfallen, zu Beginn seiner Sterbeszene. Ein besonderes Überrschungs-Ei also, und die Ei-Metapher hat es dem Regieteam um Keith Warner offenbar so angetan, dass es in der Schlussszene noch etliche Vogeleier gibt, überdimensioniert und gefüllt mit der Kleidung wie mit Personen, deren Auftritt noch ansteht.
Pimen, Chronist der russischen Geschichte (rechts) und Grigori Otrepjew, der sich mit den hier gewonnenen Informationen bald als dem Attentat entkommener Zarewitsch ausgeben und den Zarenthron beanspruchen wird
Es sind einigermaßen verrückte Bildwelten, die Warner und Glarner hier entwerfen und dabei einer realistischen Erzählweise eine Absage erteilen, nachdem sie allerdings an anderen Stellen eine ebensolche gepflegt haben. Wobei sich die Frage stellt, ob man Boris Godunow als Geschichtsdrama oder als zeitlose Parabel um Machtgier erzählen soll. Warner sucht das Zeitlose daran, das Archetypische, das sich in verschiedenen Epochen zeigt. Das schlägt sich in den Kostümen nieder, die in manchen Szenen den Prunk der Jahre um 1600 zeigen, dann wieder auf Landarbeiter im 19. Jahrhundert oder im maoistischen China, Soldaten verweisen auf den Terror Stalins, bebrillte Funktionäre können jeder Diktatur des 20. Jahrhunderts entstammen. Es gibt viel - und viel Unterschiedliches - zu sehen.
Kurz glaubt man an eine Familiendynastie auf dem Zarenthron: Boris (hinten) und die Kinder Fjodor (links) und Xenia), doch ihre Zeit läuft, wie man sieht, bereits ab.
Das alles ist nicht falsch gedacht. "Das Vergangene im Gegenwärtigen, das ist meine Aufgabe", schrieb Modest Mussorgski 1872 mit Blick auf Boris Godunow an seinen Freund und Berater Wladimir Stassow. Wie viel Gegenwart im historischen Bilderbogen über die Ereignisse aus dem Jahren 1598 - 1605 steckt, erkannte auch die zaristische Zensurbehörde wie auch die Direktion des kaiserlichen Theaters in Sankt Petersburg, die das Werk 1871 zunächst ablehnte. Dabei spielten allerdings vor allem künstlerische Argumente eine Rolle wie das Fehlen einer zentralen Frauenfigur. Mussorgski erweiterte die Oper um den großen "Polen-Akt" und führt die Fürstin Marina Mnischek als treibende Kraft hinter den Ambitionen des "falschen Zarewitsch" Grigori Otrepjew, den Zarenthron als vermeintlicher Thronfolger zu übernehmen, ein. Die offensichtlichen Schwächen und Fehler des Hobby-Komponisten Mussorgski hat nach dessen frühem Tod Nikolai Rimski-Korsakoff in seiner Überarbeitung getilgt und eine Fassung erstellt, die der Oper entscheidend den Weg bereitete. In Frankfurt spielt man jetzt die 1939-40 entstandene Fassung von Dmitri Schotakowitsch, der alle von Mussorgski komponierten Szenen verwendete. Mit fast fünf Stunden Dauer (bei zwei Pausen) wird hier das größtmögliche Boris Godunow-Diorama in insgesamt zehn Bilder entrollt, dessen Teile sich, so die Idee der Regie, im Kopf des Betrachters zu einem großen Ganzen zusammensetzen sollen.
Im Räderwerk der Geschichte: Boris Godunow und (vorne knieend) der Gottesnarr
Wobei dann eben doch manches Tableau Dank der opulenten Kostüme nach edler Ausstattungsoper aussieht, anderes nach bemüht arrangierter Massenszene. Videosequenzen (Jorge Cousineau) blenden auf einer riesigen Scheibe ein Ziffernblatt, auch ein Uhrwerk ein - Boris Godunow befindet sich im Räderwerk von Zeit und Geschichte. Andere Bilder (wie die Eier) erschließen sich nicht recht. Der Gottesnarr, traditionell der die Wahrheit unverblümt ausprechende Außenseiter, spielt mit einer aufblasbaren Weltkugel wie einst Charlie Chaplin als Der große Diktator und hat alsbald einen Dolch im Rücken. Dabei ist die Figur doch eigentlich auf der den Machthabern entgegengesetzten Seite der sozialen Skala angesiedelt. So stellt sich schnell der Eindruck von Beliebigkeit der Regieeinfälle ein. Die per Video eingespielten Vorhänge im Polen-Akt, die man scheinbar aufziehen kann, erscheinen mehr als Spiel mit den neuen technischen Möglichkeiten denn als zwingendes Detail. Sicher, dieses Polen bleibt ein Fantasieraum jenseits historischer Ereignisse, ein virtueller Raum sozusagen, aber wenn im nächsten Moment ausladende Kleider für die Damen des Chores historischen Prunk heraufbeschwören, verwässert diese Konzeption.
In Polen sinnieren Marina Mnischek und Rangoni, wie man Einfluss auf den russischen Thron nehmen könne.
Weitaus schlüssiger gerät die musikalische Seite. Frankfurts Generalmusikdirektor Thomas Guggeis dirigiert mit großer Klarheit ganz im Sinne Schostakowitschs und dessen vor allem durch den pointierten Einsatz des Schlagwerks und ungewöhnlicher Instrumentenkombinationen deutlich nach dem 20. Jahrhundert klingenden Instrumentation. Die Musik bekommt dadurch eine analytische Distanz wie einen (für Schostakowitsch typischen) sarkastischen Witz. An romantischen Überwältigungseffekten, wie es sie beispielsweise in der Krönungsszene gibt, ist Guggeis wenig gelegen. Er nimmt den klangprächtigen, nie lärmenden, in Bezug auf Tempo und rhythmischer Präzision an diesem Abend allerdings ungenauen Chor und Extrachor in der Lautstärke zurück und baut die Klangarchitektur durchsichtig, mitunter recht statisch auf. Man kann sich dramatischere, psychologisch näher an den Figuren orientierte Interpretationen vorstellen. Mit dem überaus zuverlässigen Frankfurter Opern- und Museumsorchester bleibt Guggeis der Betrachter aus der Distanz, emotional eher nüchtern.
Aus dem Fabergé-Ei (hinten) geschlüpft: Boris Godunow (links), der sich um den Gottesnarren bemüht. Schuiski schaut zu.
Alexander Tsymbalyuk singt und spielt einen noblen, auch stimmlich eleganten Boris Godunow, noch im Untergang würdevoll und nur maßvoll verzweifelt, mit wohlklingender Tiefe wie baritonalem Charme in der Mittellage. Dmitry Golovnin stattet den falschen Zarewitsch Otrepjew mit hell timbriertem, nicht zu leichtem, kultiviert geführtem Tenor aus. Mit attraktiv eingedunkeltem, großformatigem Mezzosopran gibt Sofija Petrović die polnische Gräfin Marina Mnischek als divenhafte Verführerin mit zwielichtigen Interessen, angestachelt vom Jesuiten Rangoni, den Thomas Faulkner mit geschmeidigem Bass und virilem Auftreten gestaltet. Maßstäbe setzt Andreas Bauer Kanabas als sonorer, überaus klangschöner und souverän würdevoll phrasierender Mönch und Chronist Pimen. Im Kontrast dazu stehen die von der Regie clownesk gezeichneten Mönche Warlaam und Missail, von Inho Jeong und Peter Marsh angemessen komisch überzeichnet. AJ Glueckert singt mit geschmeidigem Tenor den Fürsten Schuiski und den Bojaren Chruschtschow, Karolina Makuła (Fjodor) und Anna Nekhames (Xenia) bringen für die Kinder Godunows leuchtend helle Klangfarben ein. Stimmlich wie szenisch souverän agieren Judita Nagyová als Amme und Claudia Mahnke als Schankwirtin. Markanter als in der liedhaft volkstümlichen Interpretation von Michael McCown dürfte der Gottesnarr klingen.
Regisseur Keith Warner und Ausstatter Kaspar Glarner wollen viele Facetten von Macht und Machtgier zeigen, präsentieren letztendlich aber eher einen bunten Gemischtwarenladen, in dem sich jeder unverbindlich suchen mag, was er mit Boris Godunow verbindet. Musikalisch treibt Thomas Guggeis dem Werk viel Romantik aus; eindrucksvoll (und großartig gesungen) ist der mitunter analytisch-spröde Ansatz aber allemal. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Regie
Regiemitarbeit
Bühne und Kostüme
Video
Licht
Chor und Kinderchor
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Boris Godunow
Fjodor
Xenia
Xenias Amme
Fürst Schuiski / Bojar Chruschtschow
Pimen
Grigori Otrepjew
Marina Mnischek
Rangoni
Warlaam
Missail
Schankwirtin
Gottesnarr / Leibbojar
Andrei Schtschelkalow
Mikititsch / Tschernikowski
Mitjucha / Lawitzki
Frauen aus dem Volk
Tänzer*innen
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