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Zerrüttete Familienverhältnisse in Mozarts Jugendwerk Von Thomas Molke / Fotos: © Matthias Baus Gerade einmal 14 Jahre alt war Mozart, als er seine erste Opera seria komponierte. Sein Vater Leopold hatte schon einige Reisen mit ihm und seiner drei Jahre älteren Schwester Nannerl hinter sich, um in Europa das "neue Wunderkind" aus Salzburg zu präsentieren. Im Dezember 1769 führte der Weg dann nach Italien, wo Leopold Mozart aufgrund seiner guten Beziehungen arrangieren konnte, dass sein Sohn einen Kompositionsauftrag für das Teatro Regio Ducale in Mailand erhielt. Bei aller Begeisterung für die Begabung des jungen Mozart war man dort allerdings wohl etwas skeptisch und wählte als Vorlage ein Libretto von Vittorio Amedeo Cigna-Santi, das bereits drei Jahre zuvor von dem Turiner Kapellmeister Quirino Gasparini vertont worden war: Mitridate, Re di Ponto. Mozarts Umsetzung übertraf Gasparinis Vertonung jedoch bei weitem, und die Uraufführung am 26. Dezember 1770 wurde ein großer Erfolg. Es folgten 22 weitere Aufführungen, bevor das Werk für 200 Jahre in Vergessenheit geriet. Erst 1971 gelangte es im Rahmen der Salzburger Festspiele zu einer weiteren Aufführung, der seitdem immer noch nur wenige Produktionen folgten. Nun will die Oper Frankfurt in Kooperation mit dem Teatro Real in Madrid, dem Teatro di San Carlo in Neapel und dem Gran Teatro di Liceu in Barcelona zeigen, dass es sich bereits bei Mozarts erster Opera seria um ein Meisterwerk des Salzburger Genies handelt. Sifare (Monika Buczkowska-Ward, rechts) und Farnace (Franko Klisović, 2. von rechts) streiten um Aspasia (Bianca Tognocchi) (im Hintergrund Mitte: Philippe Jacq als Majordomus). Die Handlung basiert auf einer 1673 uraufgeführten Tragödie von Jean Baptiste Racine, hat aber mit der historisch belegten Geschichte um den König von Pontos in Kleinasien, Mitridates VI. Eupator (in der Oper Mitridate), der sich eine bedeutende Vormachtstellung in Kleinasien erkämpft hatte und für die Römer in insgesamt drei Kriegen von 89 bis 63 v. Chr. ein gefürchteter Gegner war, nicht viel gemeinsam, auch wenn er sowohl bei Racine als auch in der Oper schließlich von Pompeius besiegt wird. Doch im Mittelpunkt der Oper steht nicht die kriegerische Auseinandersetzung mit den Römern sondern ein Familienkonflikt. Mitridates Söhne Farnace und Sifare lieben beide Aspasia, die Mitridate als dritte Gattin auserkoren hat. Aspasia erwidert Sifares Liebe, während Farnace eigentlich aus politischen Gründen Ismene heiraten soll, für die er aber nichts mehr empfindet. Um die Treue seiner beiden Söhne zu prüfen, lässt Mitridate das Gerücht verbreiten, er sei im Kampf gegen Pompeius gefallen. Sofort buhlen Farnace und Sifare offen um die Gunst Aspasias. Der plötzlich zurückkehrende Mitridate fühlt sich von allen verraten und will seine Söhne und Aspasia bestrafen. Aspasia soll ihrem Leben mit Gift ein Ende setzen, während Mitridate sich erneut ins Schlachtgetümmel wirft. In letzter Sekunde verhindert Sifare, der von Ismene befreit worden ist, dass Aspasia das Gift zu sich nimmt, und folgt seinem Vater in die Schlacht. Farnace, der von den verbündeten Römern aus dem Kerker befreit wird, stellt sich schließlich gegen sie und gewinnt dadurch ebenfalls das Vertrauen des Vaters zurück, der sterbend seinen Söhnen verzeiht und einer Hochzeit Aspasias mit Sifare zustimmt, während Farnace erkennt, dass Ismene doch keine so schlechte Partie ist. Mitridate (Robert Murray, rechts auf dem Sofa sitzend) will, dass Farnace (Franko Klisović, links) Ismene (Younji Yi) heiratet (im Hintergrund rechts: Philippe Jacq als Majordomus). Das Regie-Team um Claus Guth hält den in der Oper verhandelten Familienkonflikt auch heute noch für durchaus aktuell, so dass Guth auf eine Ansiedlung der Geschichte in der römischen Antike verzichtet und aus Mitridate einen Wirtschaftsboss macht. Das Bühnenbild von Christian Schmidt sowie die Kostüme von Ursula Kudrna verorten die Geschichte in den 1960er Jahren. Dafür hat Schmidt in zwei Etage einen Ausschnitt einer riesigen Villa konstruiert, die durch hohe Steinfassaden und ein holzgetäfeltes Büro auf der rechten Seite eine gewisse Machtposition suggeriert. Hier räumt ein Majordomus (Philippe Jacq in einer darstellerisch sehr präsenten stummen Rolle) ständig hinter Mitridates Söhnen her, die nach dem vermeintlichen Tod Mitridates dort recht hemmungslos leben. Doch um in die Psyche der Figuren einzudringen, wird ein zweiter abstrakter Raum geschaffen, der durch Einsatz der Drehbühne die sehr reale Villa in eine leicht geschwungene hohe Wand mit zahlreichen symmetrisch angeordneten Löchern verwandelt, die ein wenig an die Augen eines Würfels erinnern. Hier choreographiert Sommer Ulrickson Tänzerinnen und Tänzer, die mal einzelne Figuren des Stückes spiegeln, mal diese vervielfachen oder als schwarz vermummte Gestalten auftreten und eine unheimliche Atmosphäre verbreiten. Während diese beiden Ebenen bis zur Pause noch stark voneinander getrennt bleiben, greifen sie nach der Pause ineinander. Da erscheinen die schwarzen Gestalten oder die Duplikate des Königs auch in der Villa. Durch diesen Kniff wird die sehr arienlastige Partitur aufgebrochen und eine kurzweilige spannende Geschichte erzählt, die nicht nur durch großartige Musik besticht, sondern die Arien auch szenisch passend umsetzt. Sifare (Monika Buczkowska-Ward) verhindert, dass Aspasia (Bianca Tognocchi) den Giftbecher leert. Musikalisch klingt in Mozarts Frühwerk schon einiges an, was er in seinen späteren Werken perfektioniert hat. Mehr als einmal hört man in den zahlreichen koloraturgespickten Arien Anklänge an Elettra aus Idomeneo, Konstanze aus der Entführung aus dem Serail, Donna Anna aus Don Giovanni oder die Königin der Nacht aus der Zauberflöte heraus. Das alles wird von einem absolut spielfreudigen Ensemble großartig umgesetzt. Da ist zunächst Bianca Tognocchi als Aspasia zu nennen, die direkt zu Beginn der Oper mit einer halsbrecherischen Koloraturarie begeistert, wenn sie sich gegen Farnaces Annäherungsversuche zur Wehr setzt. Auch wenn sie Sifare ihre Liebe gesteht, wird das mit strahlenden Bögen von Tognocchi umgesetzt. Ein weiterer Höhepunkt ist ihre große "Ombra"-Szene im dritten Akt, wenn sie den Giftbecher leeren will, den ihr Mitridate gereicht hat. Hier werden die Tänzerinnen und Tänzer als vermummte schwarze Gestalten und ein Aspasia- und Sifare-Double bewegend choreographisch eingesetzt. Großartig sind dabei auch die Schattenspiele auf der Rückwand. Monika Buczkowska-Ward ist als Sifare mit leuchtendem Sopran eine kongeniale Partnerin. Auch ihre Arien sind mit Koloraturen nur so gespickt, was von Buczkowska-Ward mit scheinbarer Leichtigkeit gemeistert wird. Ein weiterer Glanzpunkt ist das große Duett der beiden vor der Pause, in dem die Liebenden voneinander Abschied nehmen, was ebenfalls wieder durch die Tänzerinnen und Tänzer in faszinierenden Schattenspielen untermalt wird. Der sterbende Mitridate (Robert Murray, Mitte) verzeiht seinen Söhnen Farnace (Franko Klisović, links) und Sifare (Monika Buczkowska-Ward, rechts) (im Hintergrund links: Bianca Tognocchi als Aspasia, rechts: Younji Yi als Ismene). Die Partie des Farnace ist mit dem Countertenor Franko Klisović ebenfalls hervorragend besetzt. Insgesamt ist die Partie des älteren Sohnes musikalisch dunkler angelegt, was Klisović mit einer virilen Stimmfärbung in den Höhen großartig herausarbeitet, auch wenn der Wandel vom unsympathischen Sohn, der hemmungslos die Braut seines Vaters begehrt, seinen Bruder verrät und die ihn liebende Ismene barsch zurückweist, zum Einsicht zeigenden jungen Mann, der sich schließlich für den Vater gegen die mit ihm verbündeten Römer stellt, dramaturgisch ein wenig unglaubwürdig wirkt, was aber weniger der Inszenierung als vielmehr dem Stück anzulasten ist. Younji Yi, die Mitglied des Opernstudios ist, lässt als Ismene mit strahlenden Höhen aufhorchen und begeistert mit beweglichen Koloraturen. Ihr Weg wird hoffentlich vom Opernstudio ins Frankfurter Ensemble führen. Robert Murray debütiert als Mitridate an der Oper Frankfurt und punktet mit kraftvollem Tenor, der zu den ganzen Frauenstimmen einen guten Kontrast bietet. Während er bis zum Ende als Figur eher unsympathisch bleibt, folgt dann in seiner Sterbeszene die Wende. Auch hier wird wieder großartig mit Licht und Schatten gespielt, wenn Mitridate in den Raum tritt und einen riesigen Schatten auf die Rückwand wirft, den seine beiden Söhne, die nur leicht von der Rückwand vortreten, in ihrer Größe nicht erreichen können. Auch die beiden kleineren Partien sind mit Yihun Hong als Römer Marzio und Kudaibergen Abildin als Arbate gut besetzt. Leo Hussain lotet mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester den für Mozart so typischen federleichten Klang mit viel Fingerspitzengefühl aus und macht deutlich, dass es sich bei dieser frühen Mozartoper - wie Dramaturg Konrad Kuhn in der Einführung verspricht - bereits um ein Meisterwerk handelt. Nur der Schlusschor kommt nach Mitridates Tod am Ende ein wenig abrupt und unvermittelt. Das Publikum bedankt sich bei allen Beteiligten mit großem Beifall.
Das Regie-Team um Claus Guth findet eine packende Umsetzung dieser selten
gespielten Mozart-Oper, die die musikalischen Meriten des Werkes deutlich
herausarbeitet.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung und Hammerklavier Inszenierung Szenische Einstudierung Bühnenbild Kostüme Licht
Choreographie Dramaturgie
Frankfurter Opern- und Statisterie der Oper Frankfurt Solistinnen und Solisten
Mitridate
Aspasia
Sifare
Farnace
Ismene
Marzio
Arbate
Majordomus
Tänzerinnen und Tänzer
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