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Punch and Judy

Oper in einem Akt
Text von Stephen Pruslin
Musik von Harrison Birtwistle


In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h (keine Pause)

Premiere am 11. Dezember 2025 im Bockenheimer Depot

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Oper Frankfurt
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Wehe, wenn diese Puppen lebendig werden

Von Stefan Schmöe / Fotos von Monika Rittershaus

Benjamin Britten und Peter Pears sollen bei der Uraufführung von Punch and Judy 1968 (ausgerechnet beim u.a. von Britten und Pears gegründeten Aldeburgh Festival) in der Pause entrüstet gegangen sein. Statt feiner psychologischer Ausdeutung eines Stoffes mit musikalischen Mitteln erlebten sie ein absurdes holzschnittartiges Spiel im Stil des Puppentheaters voller Grausamkeiten mit einer Art hoffnungslos überdrehter, mit etlichen angedeuteten Zitaten angereicherter Zirkusmusik. Eine Anti-Oper, die sich in bewussten Kontrast zum Pathos der Gattung stellt. In Frankfurt spielt man sie im Bockenheimer Depot - ohne Pause, in der man gehen könnte. Wobei sich das Publikum am Ende des unterhaltsamen Spektakels durchaus zufrieden zeigte: Als Provokation taugt die Oper nicht (mehr). Ein paar Nadelstiche kann sie mit ihrem bösen Witz allerdings schon setzen.

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Punch singt seinem Baby ein Wiegenlied und wird es anschließend zu Wurst verarbeiten. Unten schaut Puppenspieler Choregos zu.

Punch und Judy sind Charaktere des englischen Handpuppentheaters, vergleichbar dem deutschen Kasperle. Wobei es dabei ziemlich derb zugehen kann. Hiebe unter Puppen sind freilich etwas anderes als Gewalt auf der Opernbühne, selbst wenn die Sängerinnen und Sänger wie Puppen agieren. Punch singt gleich am Beginn der Oper seinem Baby ein Wiegenlied - um es dann, so steht's im Libretto, ins Feuer zu werfen. In der Inszenierung von Wolfgang Nägele dreht er es durch den Fleischwolf, wo es umgehend zu Würsten verarbeitet wird - aus einer ragt noch ein Händchen heraus. Punch wird später auch Judy umbringen und auch Arzt und Anwalt (die hier zunächst in den Masken von Polizist und Krokodil auftreten, den Pendants aus dem deutschen Puppentheater). Weil man Puppen nicht töten kann, sind alle schnell wieder quietschlebendig. Und Punch himmelt Pretty Polly an, ein absurd niedlich dargestelltes Mädchen mit Kleidchen und riesiger Schleife im Haar. In der ersten Hälfte des Abends ist Punch mit blondiertem Haar und Dauerlächeln der groteske Fiesling, erschaffen und präsentiert von Puppenspieler Choregos, dem Spiritus Rector des seltsamen Spiels.

Vergrößerung in neuem Fenster Puppenspieler Choregos (im Vordergrund) betrachtet seine Geschöpfe: (von links) Pretty Polly, dahinter der Anwalt, Judy, kniend Punch und der Doktor

Hinter einer riesigen drehbaren Windrose, auf der die diversen Mordinstrumente, die man im Verlauf des Abends vorgeführt bekommt, wie die Ziffern einer Uhr angedeutet sind, hat Bühnenbildner Thilo Ullrich vier kleine Räume gebaut, erhöht wie bei einem Puppentheater und verschiebbar: Die Küche (eher ein Schlachtraum), einen blauen Fantasie-Raum mit Wölkchen, eine rosafarbene Gummizelle für Pretty Polly und einen mit Gold ausgeschlagenen Gebetsraum für die brave Judy. Darin spielt sich das makabre Geschehen in kurzen Episoden ab. Die Kostüme aus glänzendem Lack (Marlen Duken) unterstreichen die Künstlichkeit des Spiels. Doch dann geht ein Riss durch die Szene (mitten durch das Wolkenzimmer) und die Puppen klettern heraus, legen (teilweise) ihre Kostüme ab und rebellieren gegen Choregos, der, was auch sonst, von Punch ermordet wird. Damit durchdringen sich die Sphären und zunehmend wird unklar, was Realität und was Puppenspiel sein soll. Von da an gewinnt die Aufführung an Spannung und wächst über absurdes Theater hinaus. Zum einen wird Punch allmählich zum Verfolgten, der nur mit einem Trick dem Galgen entkommt. Das wiederum wirft die scheinbar unumstößliche Konstellation der Figuren und das Machtgefüge durcheinander. Es stellt sich auch die Frage nach der Autonomie des Handelns an sich wie der Autonomie des Kunstobjekts gegenüber dem Künstler.

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Die Puppen klettern aus ihrer Bühnenwelt herab in die Wirklichkeit

Die 15 Musikerinnen und Musiker des Kammerorchesters - Streicher und Bläser jeweils einfach besetzt, Harfe, zwei Schlagzeuger - spielen eine aus tonalen Fragmenten zusammengesetzte Musik nach dem Schema einer Nummernoper mit fließenden Übergängen. Im Gestus abstrakt, schafft Birtwistle (1934 - 2022) Klangräume für die einzelnen Szenen, die nur selten melodische Qualitäten besitzen (wie etwa im erwähnten Wiegenlied) und meist recht schroff das Geschehen unterlegen, dabei interessante Klangfarben entwickeln können. Die Musik ist flächig und hat keine Entwicklung. Unter der Leitung von Alden Gatt spielt die kleine Besetzung des Frankfurter Opern- und Museumsorchester mit luzidem Klang, könnte im ersten Teil der Aufführung rhythmisch noch präziser sein, findet sich aber gut in die eigentümliche Atmosphäre des Werks hinein.

Vergrößerung in neuem Fenster Kein gutes Ende für Choregos, der vom Henker zum Erhängten wird

Jarrett Porter ist mit hellem Bariton ein bei allem absurden Unfug klangschöner, wendiger Punch, Cecilia Hall eine lyrische, ein wenig brave Judy (was freilich der Rolle entspricht). Sven Hjörleifsson und Alfred Reiter als Anwalt und Doktor geben ein komödiantisches Paar ab (das mit dem 1980er-Jahre-Outfit ein wenig an das Pop-Duo Modern Talking erinnert). Danae Kontora bewältigt mit leichtem, agilem Koloratursopran überzeugend die halsbrecherischen Sprünge, die Birtwistle für Pretty Polly komponiert hat. Ebenso elegant wie souverän gestaltet Liviu Holender mit geschmeidigem Bariton den Puppenspieler Choregos, der kurzzeitig zwei Tode stirbt (erst ermordet, dann versehentlich von eigener Hand anstelle von Punch erhängt), um schließlich das Ende des Stückes und die nächste Vorstellung anzukündigen. Der absurde Reigen der Gewalt geht also wieder und wieder von vorn los. Eine Botschaft, so schlecht, dass man sie unmöglich ernst nehmen kann.



FAZIT

Punch and Judy erweist sich, ziemlich gut inszeniert und musiziert, als boshafter Stachel im Repertoirebetrieb.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alden Gatt

Regie
Wolfgang Nägele

Bühne
Thilo Ullrich

Kostüme
Marlen Duken

Licht
Joachim Klein

Dramaturgie
Deborah Einspieler



Frankfurter Opern-
und Museumsorchester


Solisten


Punch
Jarrett Porter

Judy / Fortune-Teller
Cecelia Hall

Choregos / Jack Ketch
Liviu Holender

Pretty Polly / Witch
Danae Kontora

Lawye
Sven Hjörleifsson

Doctor
Alfred Reiter



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Oper Frankfurt
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