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Die Hölle ist auf der
Erde
/ Fotos: © Pedro
Malinowski
Lanciotto (Simon Stricker) leidet unter der Zurückweisung seiner Frau Francesca (Susanne Serfling). Wie in Puccinis Il trittico beginnt man auch in Gelsenkirchen mit dem tragischen Drama und setzt die Komödie an den Schluss. Die Geschichte der Francesca da Rimini geht auf eine historische Begebenheit aus dem 13. Jahrhundert zurück, wonach Francesca, die Tochter des Herrschers von Ravenna, aus politischen Gründen mit Giovanni Malatesta (in der Oper Lanciotto) aus Rimini verheiratet wurde, um Frieden zwischen den beiden Familien zu stiften. Allerdings hatte sie ein Verhältnis mit dem Bruder ihres Ehemanns, Paolo, so dass Giovanni beide ermordete. Dass Dante und Vergil im Inferno nicht dem Mörder, sondern den beiden Opfern im Höllenkreis begegnen, basiert auf spätmittelalterlichen Moralvorstellungen. Danach wurden Francesca und Paolo für den Ehebruch bestraft. Modest Tschaikowsky, der das Libretto für Rachmaninows Oper verfasst hat, lässt in einem Prolog Vergil und Dante in der Hölle auf die beiden Seelen treffen, die ihnen anschließend von ihrem Schicksal erzählen. Dabei erscheint Francesca keineswegs als gewissenslose Ehebrecherin. Schon bei ihrer Eheschließung stand ihr Schwager Paolo stellvertretend für ihren Gatten vor dem Traualtar, so dass Francesca glaubte, mit ihm verheiratet zu werden. Da sie ihrem Mann die Intimität verweigert und ihm erklärt, ihn zwar als Gatten zu achten, aber nicht lieben zu können, stellt er ihr eine Falle. Er täuscht seine Abreise in den Krieg vor und kündigt an, sie während des Feldzuges mit Paolo allein zu lassen. Paolo liest Francesca die Geschichte der von Ritter Lancelot verführten Guinevere vor. Francesca erkennt die Parallelen zu ihrer eigenen Geschichte und lässt sich schließlich zu einem Kuss hinreißen. Da taucht Lanciotto auf und tötet nach kurzem Kampf mit Paolo seine Frau. Dante (Khanyiso Gwenxane, rechts) begegnet in der Hölle Francesca (Susanne Serfling) und Paolo (Nenad Čiča, links). Das Regie-Team um Manuel Schmitt sieht in der Geschichte Francescas ein Schicksal, das leider auch heutzutage zahlreiche Frauen auf der ganzen Welt erleiden müssen. Statistisch gesehen wird im Durchschnitt alle 10 Minuten eine Frau Opfer eines Femizids, der in meist patriarchalen Strukturen vom eigenen Partner oder männlichen Verwandten verübt wird, die die Frau als Eigentum betrachten. Da Rachmaninows sinfonische Musik mit einer langen instrumentalen Einleitung viel Raum für Bebilderung der Hölle lässt, in der aus der Ferne der Gesang gequälter Seelen klingt, weist Schmitt mit zahlreichen Statistinnen und Statisten auf dieses aktuelle Problem hin. Julia K. Berndt hat einen erhöhten, endlosen Raum geschaffen, der in seiner Kälte mit weißen Neonröhren und Wänden, von denen vergossenes Blut mit Leichtigkeit abgewischt und damit verborgen werden kann, die auswegslose Situation für diese Frauen zeigt. Ängstlich fliehen die Statistinnen in weißen Hemden auf die Bühne, während die männlichen Statisten in feinen schwarzen Anzügen auftreten und deutlich machen, dass sie die Frauen als ihren Besitz betrachten. Sobald sie sich wehren, werden sie mit körperlicher Gewalt bestraft, teilweise an den Haaren von der Bühne gezogen und schließlich mit roter Farbe überschüttet und niedergestochen. In diesem Ambiente treffen Vergil und Dante auf Francesca und Paolo. Francesca (Susanne Serfling) und Paolo (Nenad Čiča) lieben einander. Kostümbildnerin Carola Volles stattet Francesca zunächst in einem schwarzen klassischen Kostüm aus, von dem sie im weiteren Verlauf der Handlung immer mehr ablegt, bis sie schließlich in einem weißen langen Hemd wie die Frauen aus dem Prolog erscheint. Ihr Gatte Lanciotto erinnert in seinem schwarzen Anzug ebenfalls an die Männer aus dem Prolog, und so nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Beeindruckend ist, wie sich kaum bemerkbar das Bühnenbild verschiebt und der Raum - oder sollte man besser sagen Flur? -, in dem die Handlung spielt, eine Unendlichkeit und Unentrinnbarkeit erhält. Zum Ende sieht man eine Tür, über der das Wort "Exit" leuchtet. Doch die Bühne bricht vor der Tür ab. Sie ist folglich nicht zu erreichen, und so bleibt die trostlose Erkenntnis: Es gibt kein Entrinnen aus dieser Ehehölle. Nachdem Lanciotto seine Frau getötet hat, erscheint Paolo am anderen Ende des Flurs, der durch das Loch unter der Ausgangstür von dem Bereich getrennt ist, der zu Francesca führt. Im Epilog erklären Francesca und Paolo als Seelen in der Hölle, dass sie an jenem Tag nicht weitergelesen hätten. Auch wenn man auf der Bühne lediglich den Kuss sieht, der Lanciotto als Nachweis der Untreue seiner Frau ausreicht, suggeriert die Musik, dass noch mehr gefolgt ist, bevor Lanciotto eingegriffen hat. Überhaupt badet Rachmaninows Musik in vollen Klangfarben, die von Giuliano Betta und der Neuen Philharmonie Westfalen emotionsgeladen umgesetzt werden. Da wundert es fast, dass dieses Werk so selten auf dem Spielplan steht. Vielleicht liegt es an der reduzierten Handlung und der Frage, mit welchem anderen Einakter man es sinnvoll kombinieren könnte. Auch an die Solistinnen und Solisten stellt es bei dem voluminösen Klangrausch enorme Anforderungen, denen man in Gelsenkirchen aber voll gerecht wird. Susanne Serfling glänzt in der Titelpartie mit leuchtendem Sopran und überzeugt auch darstellerisch in der Rolle der unterdrückten Frau, die sich zwar eigentlich geduldig in ihr Schicksal fügt, dann aber einen kleinen Moment der Schwäche teuer bezahlen muss. Nenad Čiča stattet die Partie ihres Geliebten Paolo mit strahlend fließendem Tenor aus, der mit Serflings Sopran in der "Liebesszene" eine bewegende Innigkeit erreicht. In großem Kontrast dazu steht Simon Strickers kraftvoller und autoritär auftrumpfender Bariton, der ihn zum überzeugenden Bösewicht Lanciotto macht. Selbst in den Momenten, in denen er sein Schicksal beklagt, zeigt Stricker stimmlich eine Härte, die es schwer macht, mit dieser Figur auch nur ansatzweise Mitleid zu empfinden. Khanyiso Gwenxane und Philipp Kranjc überzeugen in den kleinen Partien des Dante und Vergil als Beobachter im Prolog und Epilog. Die habgierige Verwandtschaft des Buoso hofft, dass Gianni Schicchi (Benedict Nelson, 2. von links) das Testament des Verstorbenen ändern kann (von links: Marco (Simon Stricker), Nella (Yeeun Yeo), La Ciesca (Anke Sieloff), Betto di Signa (Yevhen Rakhmanin), Gherardo (Sergio Augusto) und Zita (Almuth Herbst)). Nachdem man sich in der Pause von den grausamen Bildern des ersten Teils ein wenig erholt hat, geht es in großem Kontrast im gleichen Setting mit Puccinis bitterböser Komödie weiter. Als verbindendes Glied sieht man zunächst Vergil und Dante in dem Raum stehen und Dante erneut ein Foto schießen, dass den Raum kurzzeitig in ein Höllenrot taucht. Während der Raum in der Struktur gleich geblieben ist, ist er nun mit Aktenschränken und einem Schreibtisch wie ein Büro ausgestattet. Das Bühnenbild bewegt sich nun unmerklich in die andere Richtung und lässt so immer neue Räume entstehen. Im Hintergrund können zahlreiche Wände als Türen geöffnet werden. Hinter einer Tür befindet sich der soeben verstorbene Buoso Donati, während die gierige Verwandtschaft im Flur ungeduldig auf sein Ableben wartet. Volles hat für diesen Teil sehr bunte Kostüme entworfen, die die Verwandten wie eine Karikatur erscheinen lassen. Mit großem Spielwitz durchsuchen sie den Raum nach dem Testament, das der alte Buoso gemacht hat, und müssen entsetzt feststellen, dass er sein ganzes Vermögen der Kirche hinterlassen hat. Nachdem sie zunächst Rinuccios Vorschlag, Gianni Schicchi um Hilfe zu bitten, abgelehnt haben, müssen sie schließlich doch erkennen, dass er der einzige ist, der sie aus ihrer misslichen Lage retten kann. Glückliches Ende für Rinuccio (Khanyiso Gwenxane) und Lauretta (Heejin Kim) Schmitt kostet hier die Personenregie mit Liebe zu komödiantischen Details aus. Ob es das Toupet ist, das Gherardo sich immer wieder vom Kopf reißt und dann mehr schlecht als recht wieder aufsetzt, oder ob es die Lockenwickler sind, die La Ciesca sich aus den Haaren dreht und entsetzt erkennen muss, dass ihre Frisur trotzdem eine Katastrophe bleibt: Für jede Figur lässt Schmitt sich etwas Humorvolles einfallen, was von den Solistinnen und Solisten mit großem Spielwitz umgesetzt wird. Aufrichtig sind in diesem Ambiente nur Rinuccio und Lauretta, was sich zum einen in der Personenregie und auch in Puccinis Musik für die beiden äußert. Gwenxane, der von der Rolle des Dante in die Partie des Rinuccio schlüpft, gestaltet die Partie mit höhensicherem Tenor und großer Strahlkraft. Heejin Kim punktet als Lauretta mit leuchtendem Sopran und erntet für die Interpretation der berühmten Arie "O mio babbino caro" verdienten Zwischenapplaus. Benedict Nelson begeistert in der Titelpartie mit herrlich komödiantischem Spiel, wenn er in die Rolle des verstorbenen Buoso schlüpft und dem Notar ein neues Testament diktiert, bei dem die gierige Verwandtschaft zwar einen kleinen Teil erhält, er sich die begehrtesten Güter des Verstorbenen allerdings selbst aneignet. Betta arbeitet die Komik, die in der Musik liegt, mit der Neuen Philharmonie Westfalen wunderbar heraus, so dass auch der musikalische Kontrast zum ersten Teil kaum größer sein könnte. Dennoch kann man gerade durch diesen Gegensatz den Abend in vollen Zügen genießen, so dass das Publikum am Ende von beiden Teilen großen und verdienten Applaus spendet. FAZIT Das Regie-Team um Manuel Schmitt zeigt, dass, wenn man Puccinis Gianni Schicchi mit einem anderen Stück als den beiden anderen Werken aus dem Trittico verbinden will, Rachmaninows Francesca da Rimini nicht die schlechteste Wahl ist.
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ProduktionsteamMusikalische Leitung Inszenierung Bühne Bühne Chor Licht Dramaturgie
Neue Philharmonie Westfalen Opernchor des MiR MiR Statisterie
Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung Francesca da Rimini
Francesca
Lanciotto Malatesta
Paolo
Dante
Vergil Gianni Schicchi
Gianni Schicchi
Lauretta, seine Tochter
Zita
Rinuccio, ihr Neffe
Gherardo
Nella, seine Frau
Gherardino, deren Kind
Betto di Signa
Simone, der Älteste
Marco
La Ciesca, seine Frau
Maestro Spinelloccio, Arzt
Amantio di
Nicolao, Notar
Pinellino
Guccio
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