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Im Reich der
Schlangen Von Thomas Molke / Fotos: © Zoran VargaChristoph Willibald Glucks Oper Orfeo ed Euridice ist nicht zuletzt durch die legendäre Inszenierung von Pina Bausch aus dem Jahr 1975 untrennbar mit dem Tanztheater verbunden. Schon an der Uraufführung 1762 in Wien war Gasparo Angiolini als Choreograph beteiligt, sorgte allerdings nur für vereinzelte Tanzeinlagen. Erst fünf Jahre später wurde das Werk in der französischen Fassung um zahlreiche Balletteinlagen erweitert. Als Tragédie-opéra Orphée et Eurydice entstand nicht nur ein komplett neues Libretto von Pierre-Louis Moline, sondern auch der heute noch recht berühmte Furientanz hielt Einzug in das Werk. Ursprünglich hatte Gluck ihn für sein Ballett Don Juan im Jahr 1861 komponiert. So wird heute gerne eine Mischfassung verwendet. Von daher wundert es schon ein wenig, dass Giuseppe Spota, der in seiner letzten Spielzeit als Direktor der MiR Dance Company die Choreographie und Inszenierung dieser "Tanzoper" zur Chefsache erklärt hat, wie Lisaboa Houbrechts und Diego Tortelli 2024 bei den Oster-Tanz-Tagen in Hannover auf die Urfassung zurückgreift und somit auch auf den legendären Furientanz verzichtet. Die Geschichte um den thrakischen Sänger Orpheus, der mit seinem Gesang nicht nur wilde Tiere zu zähmen, sondern auch Pflanzen und Steine zu bewegen verstand und der in die Unterwelt hinabsteigt, um seine Gattin Eurydike zurückzuholen, die kurz nach der Hochzeit durch einen Schlangenbiss gestorben ist, ist seit den Anfängen der Oper untrennbar mit dieser Gattung verbunden und hat immer wieder Komponistinnen und Komponisten zu musikalischen Ausgestaltungen des Mythos inspiriert. Glucks Fassung festigte vor allem seinen Ruf als Opernreformator. Mit der Konzentration auf nur drei Solistinnen und Solisten verabschiedete er sich von den zahlreichen Verwicklungen der klassischen Opera seria, stellte die Musik ganz in den Dienst des gesungenen Textes und verzichtete auf große Affekt-Arien. Vielmehr gingen die Rezitative fast nahtlos in kurze Arien über. Mit dieser neuen Form war er Teil der Auslösung eines Opernstreites, der die Opernanhänger in zwei Parteien, die Gluckisten und Piccinisten spaltete, von denen Letztere weiterhin der alten Operntradition nachhingen. Ob Spota in seiner Inszenierung und Choreographie jetzt ebenfalls den Tanz ganz in den Dienst der Musik stellt, darf bezweifelt werden. Orpheus (Constanze Jader, Mitte) trauert um seine verlorene Gattin (im Hintergrund: MiR Dance Company). Für ihn verkörpern die Tänzerinnen und Tänzer nicht wie eigentlich vorgesehen die Furien, die Orpheus auf seinem Weg in die Unterwelt hindern wollen, oder die Geister, die Eurydike in den Gefilden der Seligen umgeben, sondern vervielfachen als "Schatten der Eurydike" und "Seelenspiegel des Orpheus" die beiden zentralen Figuren des Stückes. Während sie als "Schatten der Eurydike" am Kostüm zu erkennen sind, da sie allesamt wie Eurydike ein weißes Hochzeitskleid tragen, sind sie als "Seelenspiegel des Orpheus" optisch nicht so einfach zuzuordnen. Im Gegensatz zu Orpheus, der in einem weißen Anzug auftritt, sind die hautengen Kostüme der Tänzerinnen und Tänzer in dieser Funktion eher dunkel gehalten. Auch tritt die Sängerin der Eurydike, Heejin Kim, direkter mit den Tänzerinnen und Tänzern in Kontakt, tanzt teilweise die Choreographie sogar mit, während Constanze Jader als Orpheus im Verhältnis zu den Tänzerinnen und Tänzern eher wie ein Fremdkörper wirkt. Ob das grundsätzlich so von Spota geplant ist, kann nicht abschließend beurteilt werden, da Jader in der rezensierten Vorstellung als leicht indisponiert angesagt wird und man daher auch vermuten kann, dass sie sich nicht nur stimmlich sondern vielleicht auch in der Bewegung etwas schonen muss. Eurydike (Heejin Kim, Mitte mit der MiR Dance Company) stirbt durch einen Schlangenbiss. Eurydike erhält in Spotas Inszenierung schon vor ihrem eigentlichen Auftritt im letzten Akt eine Stimme, indem er sie von Anfang an inmitten der Tänzerinnen und Tänzer agieren lässt. So spielt auch die Schlange, durch deren Biss sie vor Beginn der Oper getötet wird, eine nicht unbedeutende Rolle. Dabei trägt sie nicht nur eine Schlange sondern gleich einen ganzen Schwarm kleiner Schlangen über die Bühne, so dass man sich fragt, ob das Reich der Unterwelt von Schlangen dominiert wird. Das Bühnenbild, für das ebenfalls Spota verantwortlich zeichnet, zeigt einen abstrakten Raum, der mittels Einsatz der Drehbühne zwischen dem Inneren einer riesigen abgeschnittenen Halbkugel und einem Gerüst in mehreren Ebenen wechselt. Die Halbkugel endet im oberen Bereich mit einem Steg und ist in der Mitte durch einen Durchgang getrennt. Auch auf den beiden Seiten befinden sich rechteckige Löcher, durch die Orpheus und Eurydike bzw. die Tänzerinnen und Tänzer auftreten können. Einzelne Griffe in diesem kugelförmigen Gebilde ermöglichen den Tänzerinnen und Tänzern nach oben zu klettern, um dann wie auf einer Rutsche wieder herabzugleiten. Bisweilen stören die quietschenden Geräusche dabei den musikalischen Genuss. Auch wenn dieses Bühnenbild optisch sehr beeindruckend ist, wird es allerdings nicht eindeutig den einzelnen Handlungsorten der Oper zugeordnet. Schon beim musikalischen Vorspiel, kreist die Bühne unaufhörlich, und auch im späteren Verlauf befindet sich der dunkle Orkus nicht nur auf der Seite des Gerüstes. Eindrucksvoll ist die Lichtgestaltung. So unterstreicht ein Licht-Laser-Regen Orpheus' Klage im ersten Akt und auch im dritten Akt, wenn er seine Gattin erneut verloren hat. Orpheus (Constanze Jader) will Eurydike (Heejin Kim) aus der Unterwelt holen. Zu Beginn der Inszenierung scheint Eurydike noch zu leben und bewegt sich mit den Tänzerinnen und Tänzern über die Bühne, die eigentlich als ihre Schatten ausgewiesen werden. Dabei befindet sie sich in einem Loch auf der linken Seite des halbkugelförmigen Gebildes, während Orpheus sich auf der rechten Seite aufhält. Erst am Ende des musikalischen Vorspiels bricht sie zusammen. Der Chor ist auf beiden Seiten der Ränge positioniert und erschallt somit aus dem Saal. Gerade zu Beginn der Oper wirkt die Neue Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Giuliano Betta ein wenig unscharf und die Abstimmung mit dem ansonsten gut von Alexander Eberle einstudierten Chor ein wenig wackelig. Auch Jader kann sich hier mit ihren "Eurydike"-Rufen noch nicht richtig durchsetzen, was aber wahrscheinlich der angesagten Indisponiertheit geschuldet ist. Im weiteren Verlauf wird sie immer sicherer und vermittelt mit warmem Mezzosopran ein eindringliches Bild des thrakischen Sängers Orpheus. Was in der großen und musikalisch bewegenden Klageszene des ersten Aktes Spota allerdings mit der Choreographie der Tänzerinnen und Tänzer ausdrücken will, bleibt ein Geheimnis. Zwar ist es beeindruckend, was sie akrobatisch in den weißen Hochzeitskleidern leisten. Es steht aber weder im Bezug zum gesungenen Text noch zu den Gefühlen, die die "Schatten der Eurydike" in diesem Moment empfinden. Auch den Gott Amor im Gewand eines Priesters auftreten zu lassen, erschließt sich nicht wirklich. Stimmlich begeistert Tamina Biber in der Partie mit frischem Sopran. Akrobatische Kunststücke der MiR Dance Company (oben: Marta Llopis und Ashley Affolter, unten: Szofia Safranka-Peti und Douglas Oliveira de Souza) So gehen der Tanz und die Geschichte auch im weiteren Verlauf der Oper keine klar nachvollziehbare Einheit ein. Besonders ablenkend wird es im letzten Akt, wenn Orpheus Eurydike aus der Unterwelt führen will. Hier lenken die akrobatischen Höchstleistungen der vier Tänzerinnen und Tänzer, die auf dem Gerüst herumklettern, von der eigentlichen Handlung und dem Konflikt zwischen Orpheus und Eurydike ab. Heejin Kim macht als Eurydike mit leuchtendem Sopran ihrem Gatten heftigste Vorwürfe, weil er nicht bereit ist sich umzudrehen und lässt ihn mit ihrem Misstrauen regelrechte Höllenqualen erleiden, was stimmlich und szenisch von Kim und Jader glaubhaft umgesetzt wird. Aber man achtet fast nur auf das akrobatische Spiel der vier Tänzerinnen und Tänzer, weil man immer Sorge hat, dass sie aus den Höhen des Gerüstes hinabfallen könnten. Auch der Blick zurück wird von Spota nicht konsequent umgesetzt, da Jader als Orpheus mal hinter und mal vor Kim als Eurydike steht. Ein wenig verwundert es auch, dass Spota sich anders als Pina Bausch dafür entscheidet, das musikalisch glücklich Ende beizubehalten, in dem Orpheus und Eurydike durch Amor erneut zusammengeführt werden. Immerhin lässt er offen, ob Eurydike mit der Rückkehr aus der Unterwelt am Ende so glücklich ist, wie es die Musik suggeriert. FAZIT Auch wenn Spota durch ein großartiges Bühnenbild beeindruckende Bilder für Glucks Tanzoper schafft, werden Tanz und Musik nicht zu einer Einheit zusammengeführt.
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ProduktionsteamMusikalische Leitung Choreographie, Inszenierung, Bühne, Kostüme Konstruktion Bühne Licht Chor Dramaturgie
Neue Philharmonie Westfalen Opernchor des MiR MiR Dance Company
Solistinnen und Solisten
Orpheus
Eurydike
Amor
Schatten der Eurydike /
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