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Nicht die richtige Zeit, nicht der richtige Ort für diese Liebe
Von Stefan Schmöe / Fotos von Björn Hickmann
Liebe über kulturelle Verwerfungslinien hinweg ist eine komplizierte Angelegenheit. Das war in den 1950er-Jahren so, als Leonard Bernstein in seiner West Side Story zwei Jugendbanden, die US-amerikanischen "Jets" und die relativ frisch aus Puerto Rico zugewanderten "Sharks", aufeinanderprallen ließ, und das ist heute nicht viel anders. Der Wiedererkennungseffekt ist daher auch (oder gerade) dann gegeben, wenn Regisseurin und Choreographin Yara Hassan das Stück in ebenjener Zeit spielen lässt. Sie spricht im Programmheft von der "Poesie der 1950er-Jahre", was man angesichts der Gewalt in der Geschichte vielleicht doch lieber mit "Atmosphäre" übersetzen möchte.
Hitzköpfe: Die "Sharks" (links) und die "Jets" stehen sich gegenüber, angeführt von Bernardo und Riff. Man wünschte, die pragmatische Anita (im gelben Kleid) hätte mehr zu bestimmen.
Die Jugendbanden sind in Hagen allerdings ganz schön erwachsen geworden. Insbesondere die Anführer Riff (charismatisch: Robert Johansson) und Bernardo (souverän: Kenneth Mattice aus dem Hagener Ensemble) strahlen die Sicherheit gestandener Berufstätiger mit geregelten Arbeitszeiten aus. Schwer zu glauben, dass ausgerechnet der nette ältere Herr, der sich "Doc" nennt (allzu freundlich: Richard van Gemert) und den Drugstore betreibt, irgendeinen Einfluss auf die Bande hat. Auch die beiden Polizisten Krupke und noch viel mehr dessen Vorgesetzter Schrank werden von der Regie allzu sehr als komische Figuren gezeichnet. Überzeugender als das Umfeld der "Jets" gelingt die Charakterisierung der puertoricanischen "Sharks", auch weil Angela Davis, die Allroundkünstlerin schlechthin im Ensemble (die auch Wagner singen kann), szenisch wie musikalisch eine zupackende, überaus präsente Anita gestaltet.
Balkon mit Treppe: Nächtliches Rendezvous von Maria und Tony
Ausstatterin Mara Lena Schönborn hat einen zweistöckigen Bau auf die Drehbühne gestellt, der rasche Ortswechsel ermöglicht und vor allem dann recht gut funktioniert, wenn verschiedene Ebenen gleichzeitig genutzt werden - oder die Treppe dazwischen. Einer der schönsten Momente der Aufführung ist die Begegnung der gerade zart Verliebten Maria und Tony, die auf dieser Treppe auseinandergehen wollen und doch nicht voneinander lassen können. Der Drugstore des Doc und der Brautmodenladen dagegen sind zwar in das Bühnenbild eingebaut, werden aber nicht genutzt. Wenn Maria und Tony hier in der Nacht ihre Hochzeit durchspielen, dann treten sie vor die Tür auf die Straße, und das sieht leider sehr nach zwei spielenden Kindern aus, die sich ziemlich ahnungslos um ihr Tun verkleiden. Der atmosphärische Reiz der Szene geht verloren.
Scheiternder Deeskalationsversuch: Tony, der nette Herr im hellen Anzug in der Mitte, möchte den Kampf der Gangs verhindern.
Dazu kommt, dass die Besetzung dieses Liebespaares mit Nike Tiecke und Anton Kuzenok nicht ganz unproblematisch ist. Tiecke, die viel Musicalerfahrung besitzt, erweist sich als ausgezeichnete Schauspielerin, die den Text nuanciert spricht und die Maria überzeugend als keineswegs naive, aber eben hoffnungslos verliebte junge Frau spielt. Zwischen der Sprechstimme und der dunkleren Singstimme gibt es einen Bruch. Mit ihrem warmen, lyrischen Sopran gestaltet sie die musikalische Seite der Partie ein wenig zu opernhaft für dieses Genre. Noch ausgeprägter ist das bei Anton Kuzenok in der Rolle des Tony. Er verfügt über einen leichten, beweglichen Tenor, der sich geschmeidig in die Höhe aufschwingen kann, dabei allerdings nach Operettenbuffo klingt. Zudem spielt Kuzenok den Tony auch als den netten, ein bisschen weltfremden jungen Mann von nebenan. Im rauen Milieu der New Yorker West Side wirkt dieser drollige Kerl reichlich verloren.
Nein, Maria wird sich nicht erschießen, auch wenn Tony tot am Boden liegt.
Gesungen und gespielt wird in der deutschen Übersetzung von Frank Thannhäuser und Nico Rabenald, was bei den Sprechszenen sinnvoll ist; die Songs dagegen verlieren durch die Übertragung ins Deutsche einiges von ihrem Reiz. Marias "I feel pretty" klingt eben doch flüssiger (und vielschichtiger" als "Ich seh' gut aus". Wenn dann noch wie in dieser Aufführung bei den gefühlvolleren Nummern stimmlich ein Singspieltonfall dazukommt, dann setzt eine "Verschlagerung" der Musik ein. Die stärkeren (und vom Publikum bejubelten) Szenen hat die Produktion jedenfalls in den rasant choreographierten und getanzten Szenen vor allem im ersten Akt und überhaupt in den flotten Ensembles: Da glänzen sowohl die zugewanderten Mädchen nicht nur in "America" (neben Angela Davis auch Andrea Martin, Hyejun Melania Kwon, Lucia Isabel Haas Muñoz und Erika del Re) wie auch die "einheimischen" Jungs, die in "Officer Krupke" ironisch von ihrer ach so schweren Kindheit erzählen (Tobias Blinzler, Christian Rosprim, Niklas Roling und Magnus Jahr). Das bestens aufgelegte Philharmonische Orchester Hagen unter der Leitung von Steffen Müller-Gabriel steuert den passenden, im Blech energisch scharfen, mitreißenden Sound bei.
Eine West Side Story mit Licht und Schatten: Das packende Ensemblestück mit flotter Choreographie gelingt besser als das zur Sentimentalität neigende Liebesdrama. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung und Choreographie
Ausstattung
Licht
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Tony
Riff
Action
A-Rab
Baby-John
Big Deal
Anybody´s
Graziella
Velma
Clarice
Minnie
Bernardo
Chino
Pepe
Indio
Luis
Maria
Anita
Rosalia
Consuelo
Teresita
Francisca
Doc
Schrank
Krupke
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