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Rinaldo

Opera seria in drei Akten (HWV 7a)
Libretto von Giacomo Rossi nach einem Szenario von Aaron Hill, basierend auf Torquato Tassos Versepos Gerusalemme liberata (1575)
Musik von Georg Friedrich Händel

in italienischer Sprache mit deutschen Seitentiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 10' (eine Pause)

Premiere in der Oper Halle am 5. Juni 2026
im Rahmen der Händel-Festspiele Halle (Saale)

 

 



(Homepage)

Dramen im Theater

Von Thomas Molke / Fotos: © Anna Kolata

Mit Händels Rinaldo begann nach einigen Lehrjahren in Italien der kometenhafte Aufstieg des Hallenser Komponisten in London. Dabei handelte es sich nicht nur um Händels erste Londoner Oper, sondern die erste für London komponierte italienische Oper überhaupt. Die Uraufführung am 24. Februar 1711 im Queen's Theatre am Haymarket wurde ein so großer triumphaler Erfolg, dass Händel sich fortan in London niederließ und dort zum bedeutendsten Komponisten aufstieg, der in den folgenden Jahrzehnten zunächst mit seinen Opern und später mit seinen Oratorien das englische Musikleben nachhaltig prägte und sogar die englische Staatsbürgerschaft annahm. Nachdem im vergangenen Jahr die Internationalen Händelfestspiele in Karlsruhe mit der überarbeiteten Fassung der Oper von 1731 eröffnet wurden, steht in Halle nun in diesem Jahr die Urfassung von 1711 auf dem Programm.

Erzählt wird die Geschichte des jungen Kreuzritters Rinaldo, der im Ersten Kreuzzug unter dem christlichen Heerführer Gottfried von Bouillon (Goffredo) bei der Eroberung der Stadt Jerusalem gemäß Torquato Tassos berühmtem Epos Gerusalemme liberata eine bedeutende Rolle gespielt haben soll. Die Zauberin Armida erkennt, dass die belagerte Stadt ihres Verbündeten und Geliebten Argante nur vor den Kreuzrittern bewahrt werden kann, wenn Rinaldo außer Gefecht gesetzt wird. Also entführt sie seine Geliebte Almirena, die Tochter Goffredos, und bringt damit auch Rinaldo in ihre Gewalt. Allerdings verliebt sie sich in den Kreuzritter, während Argante Gefallen an Almirena findet. Schließlich kann Goffredo mit Hilfe des Zauberers Mago Rinaldo und Almirena aus den Fängen Armidas befreien. Es kommt zur entscheidenden Schlacht, bei der die Stadt eingenommen wird. Armida und Argante werden verschont, weil sie zum christlichen Glauben übertreten, und Rinaldo darf endlich seine Geliebte Almirena heiraten.

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Goffredo (Yulia Sokolik, hinten rechts) und Eustazio (Constantin Zimmermann, hinten Mitte) planen die Oper Rinaldo (vorne links: Christopher Lowrey als Rinaldo).

Das Regie-Team um Walter Sutcliffe, den Intendanten der Oper Halle, interessiert sich vor  allem um die Entstehungsgeschichte der Uraufführung der Oper 1711 und baut eine zweite Ebene in die Handlung ein. Goffredo und Eustazio sind gleichzeitig der Theaterleiter Aaron Hill und der Komponist Georg Friedrich Händel, die mit ihren "Opernstars" Rinaldo, Almirena, Armida und Argante das Projekt zu einem Erfolg bringen wollen. Dabei stoßen sie auf zahlreiche technische Probleme und haben mit den Eitelkeiten des Ensembles zu kämpfen. Unklar bleibt, wer bei dieser Dopplung wer ist. Während der Dramaturg Toni Burghard Friedrich in der Einführung erläutert, dass Goffredo Händel sei, fragt man sich, wieso Eustazio die ganze Zeit am Cembalo sitzt und die Musik zu entwerfen scheint, während Goffredo das Szenario der Oper zu entwickeln scheint. Andererseits scheint aber auch Goffredo die Musik mitzudirigieren, so als ob sie von ihm entworfen worden sei. Er tritt sogar an das Orchester heran und gibt dem Dirigenten Anweisungen. Als er musikalisch nicht weiter weiß, kramt er in einem Koffer vor dem Cembalo, in dem sich wohl Noten befinden, die Händel von seinen Jahren in Italien mit nach London gebracht hat und die er in Rinaldo hat einfließen lassen. Wie man es dreht und wendet, macht die Zuteilung der beiden Figuren in der Inszenierung keinen Sinn, so dass das Konzept nicht aufgeht und die ganze Handlung zerfasert wird.

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Almirena (Franziska Krötenheerdt, Mitte) begeistert alle mit ihrer großen Arie "Lascia ch'io pianga" (auf der linken Seite: Goffredo (Yulia Sokolik), Eustazio (Constantin Zimmermann) und Rinaldo (Christopher Lowrey), auf der rechten Seite: Argante (Ki-Hyun Park) und Armida (Vanessa Waldhart), hinten: Isabelle Serafin und Rebecca Suta als Sirenen).

Nahezu unverzeihlich sind dabei auch die Eingriffe in die Übertitel, die einen Text transportieren, der auf die Inszenierung abgestimmt ist, vom gesungenen Wort allerdings an mehreren Stellen deutlich abweicht. Wenn die Opernstars untereinander ihre Animositäten austragen und sie drohen, sich krankschreiben zu lassen, dürfte auch einem Menschen, der kein Händel-Fan ist und kein Italienisch versteht, klar sein, dass das nichts mit dem zu tun haben kann, was gerade gesungen wird. Auch der Effekt einzelner Arien verpufft durch Regie-Mätzchen. Die wohl berühmteste Arie Almirenas "Lascia ch'io pianga" hatte Händel zwar schon als instrumentale Sarabande in seiner ersten Oper Almira und später als "Lascia la spina" in seinem Oratorium Il trionfo del Tempo e del Disinganno verwendet. Sie stellt aber dennoch ein bewegendes Kernstück in Rinaldo dar und vermag bei einer eindringlichen Interpretation und guten Personenregie zu Tränen zu rühren. Letzteres geht allerdings verloren, wenn die Sängerin der Almirena mit dem Notenblatt auftritt und die übrigen Ensemble-Mitglieder, also selbst ihre Rivalin Armida, begeistert ihrem Gesang lauschen.

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Wie barocker opulenter Glanz doch täuschen kann: Almirena (Franziska Krötenheerdt) und Rinaldo (Christopher Lowrey)

Dabei sind das Bühnenbild von Hartmut Schörghofer und die Kostüme von Dorota Karolczak die reinste Augenweide. Karolczak kleidet das Ensemble in absolut opulente Kostüme, die barocken Glanz entstehen lassen. Schörghofer hat eine barocke Theaterbühne auf der Bühne entworfen, die die damalige Technik imitiert. Wieso dieser Bau aber auf einer Drehbühne nach hinten gefahren wird und den Blick auf pittoreske Theaterlogen freigibt, bleibt genauso unverständlich wie die Idee, nach der Pause, diese Bühne in Einzelteile zu zerlegen und die Figuren dazwischen agieren zu lassen. Platt wirkt der Regie-Einfall, Argante mit einem Wagen aus dem Schnürboden einfliegen zu lassen, wobei sich zunächst eine Wolke vom Wagen löst und anschließend der Wagen in den Schnürboden hochgezogen wird und Argante hilflos in der Luft herumzappelt, bevor er an den Schnüren herabgelassen wird und er sich voller Schmerzen in den Schritt greift. Auch der rote Drache, den mehrere Statisten auf die Bühne tragen und der dann den Kopf verliert, ist eher unfreiwillig komisch. Zum Kampf Rinaldos im dritten Akt scheint Sutcliffe dann gar nichts mehr eingefallen zu sein, weil er ihn dabei einfach auf der Bühne sitzen lässt, während eine Statistin ihn in ein opulentes Barock-Kostüm einkleidet und die übrigen Statisten die Stellwände des Bühnenhintergrundes austauschen.

Doch zumindest musikalisch hat die Produktion ihre Meriten. Michael Hofstetter erweist sich als Barockmeister am Pult des Händelfestspielorchesters Halle und arbeitet mit viel Gefühl fürs Detail heraus, welcher Glanz in Händels erster Oper für London steckt, so dass nachvollziehbar wird, was das Londoner Publikum an dieser Musik begeistert haben muss. Ein Höhepunkt ist Almirenas Arie "Augelletti, che cantate", in der ein Idyll mit Vogelgesang geschildert wird. Während bei der Uraufführung hier echte Spatzen zum Einsatz gekommen sein sollen, begnügt man sich hier natürlich mit auf eine Leinwand projizierten Vögel und einem herrlich gemalten Idyll, das musikalisch von mehreren Flöten und bezaubernden Naturgeräuschen begleitet wird. Einzigartig ist dabei der Einsatz eines Flautino, einer extra für diese Produktion entworfene sehr kleine Flöte, die verwandt mit der Garkleinflöte ist, und der Szene einen herrlichen Klang verleiht. Armidas große Rachearie "Vo' far guerra, e vincer voglio" verpufft allerdings ein bisschen in ihrer Wirkung, weil sie größtenteils nur vom Cembalo begleitet wird, was die Raserei nicht glaubhaft zum Ausdruck bringen kann, auch wenn Vanessa Waldhart darstellerisch und stimmlich hier alles gibt.

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Rinaldo (Christopher Lowrey) zwischen Almirena (Franziska Krötenheerdt, links) und Armida (Vanessa Waldhart, rechts)

Christopher Lowrey meistert die Titelpartie mit beweglichem Countertenor, der in den Höhen trotzdem einen gewissen virilen Klang beibehält. Die beiden Arien "Cara sposa" und "Cor ingrato" legt er mit herrlich leidenden, weichen Tönen an, die sich dann bei "Venti turbini" mit einem sprudelnden Koloratur-Feuerwerk in nahezu heldenhaften Tatendrang verwandeln. Auch seine große Siegesarie im dritten Akt, "Or la tromba suon festante", darf als musikalischer Glanzpunkt des Abends bezeichnet werden. Franziska Krötenheerdt stattet die Partie der Almirena mit weichem Sopran aus und könnte stimmlich beim berühmten "Lascia ch'io pianga" zu Tränen rühren, wenn die Personenregie nicht andere Ziele verfolgen würde. Vanessa Waldhart verfügt als Armida über einen in den Koloraturen sehr beweglichen kraftvollen Sopran, der der Partie absolut gerecht wird. Schade ist nur, dass die Personenregie die Rivalität zwischen den beiden Frauen zu einem reinen Diven-Streit herunterbricht. Ki-Hyun Park punktet als Argante mit solidem Bass. Auch Yulia Sokolik und Constantin Zimmermann überzeugen als Goffredo und Eustazio stimmlich auf ganzer Linie. So gibt es für das Ensemble und das Orchester einhelligen Jubel und großen Applaus, während sich unter den Beifall für das Regie-Team auch vereinzelte Unmutsbekundungen mischen.

FAZIT

Es ist schade, dass in einem so ansprechenden Bühnen- und Kostümbild die Regie dennoch nicht aufgeht, zumal auch musikalisch auf hohem Niveau agiert wird.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Michael Hofstetter

Regie
Walter Sutcliffe

Bühne
Hartmut Schörghofer

Kostüme
Dorota Karolczak

Video
Jorge Cousineau

Dramaturgie
Toni Burghard Friedrich

 

Händelfestspielorchester Halle

Statisterie der Oper Halle


Solistinnen und Solisten

Goffredo
Yulia Sokolik

Almirena
Franziska Krötenheerdt

Rinaldo
Christopher Lowrey

Eustazio
C
onstantin Zimmermann

Argante
Ki-Hyun Park

Armida
Vanessa Waldhart

Ein christlicher Magier / Herold
Aco Bišćević

Eine Frau / Erste Sirene
Isabelle Serafin

Zweite Sirene
Rebecca Suta


Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Opernhaus Halle
(Homepage)



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