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Krönungsoper als skurriler KrimiVon Thomas Molke / Fotos: © Jörg LandsbergWas hat Rossinis Stabat mater mit seiner "Cantata scenica" Il viaggio a Reims zu tun? Wahrscheinlich ist man sich einig, dass die beiden Werke inhaltlich genauso wenig verbindet wie mit Rossinis Le Comte Ory, in dem er ja zumindest einen Großteil der Musik aus Il viaggio übernommen hat. Ursprünglich entstand Il viaggio a Reims für die Krönungsfeierlichkeiten des französischen Königs Karl X. und versammelte die Crème de la Crème der gefeierten italienischen Opernstars 1825 in Paris zu einer Art Gala, in der Belcanto in seiner Perfektion zelebriert wurde. Da die Handlung Bezug zur Krönung nahm, wurde das Stück nach nur drei Vorstellungen vom Spielplan genommen. Doch auch ohne Rossinis Autorisierung wurde es zu seinen Lebzeiten noch zweimal "zweckentfremdet". Unter dem Titel Andremo a Parigi? lud es 1848 auf die Barrikaden nach Paris ein, und zur Hochzeit von Kaiserin Sissi und Kaiser Franz Joseph I. stand es 1854 als Un viaggio a Vienna in Wien auf dem Spielplan, und so hat man sich in Bremen jetzt überlegt, eine eigene Bremer Fassung zu erstellen, die zwar wieder als Die Reise nach Reims betitelt wird, aber abgesehen von der Musik nicht mehr allzu viel gemeinsam hat mit der eigentlichen Oper, die in den 1970er und 1980er Jahren aufwendig rekonstruiert wurde und beim Rossini Opera Festival in Pesaro zu einer grandiosen Wiederentdeckung unter der musikalischen Leitung von Claudio Abbado führte. Seitdem entwickelte sich Il viaggio zu einer absoluten Kultoper bei zahlreichen Festivals, Workshops, Akademien und Konservatorien und hat mit weit über 600 Aufführungen in mehr als 150 Produktionen einen unaufhaltsamen internationalen Siegeszug angetreten. Corinna (Elisa Birkenheier, Mitte) plant mit Madama Cortese (Adele Lorenzi, rechts) und dem Koch Don Prudenzio (Jasin Rammal-Rykała), ihre ehemaligen Kolleginnen und Kollegen auf eine neue Reise nach Reims mit Zwischenstopp in Bremen einzuladen. Eine Handlung im eigentlichen Sinne hat die Oper nicht. Eine illustre Reisegesellschaft aus ganz Europa macht im Badehotel "Zur Goldenen Lilie" in Plombières Zwischenstation, um von dort zu den Krönungsfeierlichkeiten des neuen französischen Königs Karl X. nach Reims aufzubrechen. Doch am Tag der Abreise sind keine Pferde aufzutreiben, und nach anfänglicher Enttäuschung machen die Gäste aus der Not eine Tugend und feiern im Garten des Hotels ihr eigenes Fest. Die Bremer Fassung in der Inszenierung von Anna Weber rückt nun die Improvisationskünstlerin Corinna noch mehr ins Zentrum. Auch Rossini hat dieser Figur nicht nur musikalisch durch die Harfenbegleitung besondere Aufmerksamkeit geschenkt. So ist nicht nur der schüchterne Lord Sidney unsterblich in sie verliebt, der es allerdings nicht fertig bringt, ihr seine Liebe zu gestehen. Auch der selbstbewusste französische Cavaliere Belfiore macht ihr unverhohlen den Hof, obwohl er eigentlich mit der modeverrückten Contessa di Folleville liiert ist, was wiederum deren Eifersucht hervorruft. Außerdem befriedet sie mit ihrem engelsgleichen Gesang den Streit zwischen dem russischen Conte di Libenskof und dem spanischen Grande Don Alvaro um die polnische Marchesa Melibea. Weber lässt in ihrer Inszenierung auch noch zarte Bande zwischen Corinna und Melibea entstehen. Diese ganzen Verwicklungen haben in Webers Inszenierung vor Beginn des Stückes zu einem Mordanschlag auf Corinna geführt, der allerdings missglückt, was die übrigen Gäste der Reise aber nicht wissen. Zehn Jahre später will Corinna nun erneut die Gruppe zu einer "Reise nach Reims" in einem Hotel versammeln, um die Person ausfindig zu machen, die für den Mordanschlag verantwortlich ist. Corinna (Elisa Birkenheier) will herausfinden, wer vor zehn Jahren versucht hat, sie auf dem Weg nach Reims zu ermorden. Da bei dieser Erzählung ein ganz anderer Fokus gewählt wird, funktionieren die musikalischen Nummern natürlich nicht in der originären Reihenfolge und müssen teilweise umgestellt werden. Wenn man mit der Oper nicht vertraut ist, fällt es vielleicht nicht weiter auf, da sie durchaus in eine für die neue Handlung logische Reihenfolge gebracht werden. Fans dieser Oper dürften allerdings zumindest irritiert sein, was hier in Bremen mit Rossinis Meisterwerk passiert. So beginnt der Abend mit Corinnas Kavatine "Arpa gentil che fida", zu der Corinna vor den Vorhang tritt, auf den währenddessen eine Video-Einspielung projiziert wird. Hier sieht man Corinna, die sich mit Madama Cortese in einem Parkhaus in Bremen trifft, um ihr den Auftrag zu geben, die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, unter denen Corinna den Mörder oder die Mörderin sucht, in einem Hotel zu versammeln, das der goldenen Lilie nachempfunden ist und in dem sie auf dem Weg nach Reims Zwischenhalt machen sollen. Madama Cortese lockt sie als vermeintliche Jury-Mitglieder im Namen von Emmanuel Macron nach Reims und gestaltet das Theater zu einem Hotel um. Das Personal stellt auch gleichzeitig die Pferde dar, die die Gäste ins Hotel bringen und deren Weiterreise später verhindern, weil sie in einen Generalstreik treten. Nach und nach treffen die Gäste von damals ein, die zunächst ebenfalls in humorvollen Video-Projektionen präsentiert werden. Die Gäste sind zunehmend verwirrt: Irgendetwas ist anders bei der diesjährigen Reise (von links: Lord Sidney (Arvid Fagerfjäll), Conte di Libenskof (Oliver Sewell), Contessa di Folleville (Diana Schnürpel), Don Profondo (Elias Gyungseok Han), Baron di Trombonok (Christoph Heinrich), Marchesa Melibea (Nathalie Mittelbach), Don Alvaro (Daniel Ratchev) und Cavaliere Belfiore (Fabian Düberg)). Stella Lennert hat einen surrealen Raum mit zahlreichen gebogenen Türen und einem Aufzug geschaffen, der nach hinten hin ansteigt. Der Orchestergraben ist zu einer Art Pool umfunktioniert, der wohl eine recht säurehaltige Flüssigkeit enthält. So wird beispielsweise Don Profondos Hand weggeätzt, und er läuft fortan mit einem Armstumpf herum. Modestina, die Zofe der Contessa di Folleville, die in einem goldenen Glitzerkostüm mit einem Kopfschmuck auftritt, auf dem sich mehrere Hüte befinden, wird ebenfalls in diesen Pool gestoßen, den sie aber zumindest körperlich unversehrt wieder verlassen kann. Nur die goldene Farbe ist von ihrem Kostüm verschwunden, und die Hüte sind zerstört, was bei der Contessa zum Nervenzusammenbruch führt, der in der großen Arie "Partir, oh ciel! desio" mündet. Dass der erste Teil der Arie aber vom zweiten Teil getrennt wird, ist musikalisch schon ein heftiger Einschnitt. Stattdessen folgen die Jubelkoloraturen erst, nachdem der Koch Don Prudenzio die "Hauskatze" von Marchesa Melibea, einen Leoparden, geschlachtet und ihren Kopf zu einem neuen Hut für die Contessa verarbeitet hat. Das ist ebenso makaber und unverständlich wie die riesengroße Hand, die über die Bühne gefahren wird und den Leoparden einfängt, oder das ausgestochene Auge des Spaniers Don Alvaro, das er im Duell mit dem Conte di Libenskof verliert und das ihm später begegnet als Figur begegnet. Auf einer riesigen Tafel, die aus dem Schnürboden herabgelassen wird und die von grünlich leuchtenden Kerzen umflackert wird, wird eingeblendet, wenn die Handlung einen Sprung in die Vergangenheit macht, was zunächst immer dann erforderlich ist, wenn Corinna auftritt, um zu motivieren, wer einen Grund haben könnte, sie umzubringen. Besonders gravierend ist der Einschnitt beim großen Ensemble zu 14 Stimmen, dem eigentlichen Kernstück der Oper, das in drei Teile geteilt wird und in der Reihenfolge völlig durcheinander gewirbelt wird. So beginnt man mit dem Schlusspart, in dem die Gäste jubilieren und mit Champagner anstoßen, mit dem sie Corinna als unliebsame Rivalin beseitigen wollen. In dem anschließend folgenden A-cappella-Part bricht Corinna nach Einnahme des Giftes zusammen, was den Schock, der hier zum Ausdruck kommt, rechtfertigen soll. Der Mittelpart mit der scheinbaren Möglichkeit für die Gäste, das unliebsame Hotel endlich zu verlassen, schließt sich an. Wenn man dieses grandiose Ensemble nicht kennt, mag man diese Zerlegung hinnehmen, da sie inhaltlich funktioniert. Ansonsten dürfte man genauso Probleme wie mit den anderen Nummern haben, die auseinander gerissen werden oder völlig anders angeordnet werden, so dass man die Inszenierung eigentlich eher als ein Pasticchio mit Musik aus Rossinis Il viaggio bezeichnen müsste. Corinna (Elisa Birkenheier, Mitte) nimmt Rache an den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen (auf der linken Seite: Baron di Trombonok (Christoph Heinrich), Marchesa Melibea (Nathalie Mittelbach) und Conte di Libenskof (Oliver Sewell), auf der rechten Seite: Don Profondo (Elias Gyungseok Han), Contessa di Folleville (Diana Schnürpel) und Cavaliere Belfiore (Fabian Düberg), dahinter Chor und Statisterie). Dass in Bremen die Inszenierung trotz dieser starken Eingriffe in die Musik frenetisch gefeiert wird, dürfte auch dem spielfreudigen Ensemble zu verdanken sein, das die Figuren mit großartiger Komik gestaltet und sich den anspruchsvollen Partien als gewachsen erweist. Elisa Birkenheier stattet die Partie der Corinna mit leuchtendem Sopran aus, der in den zarten Tönen eine unglaubliche Wärme besitzt und mit der Harfe zu einem betörenden Klang verschmilzt. Dass sie zu Rossinis Stabat mater schließlich als Racheengel auftritt und die übrigen Gäste auf die gleiche Weise eliminiert, wie man einst sie versuchte umzubringen, mag ein bisschen übertrieben wirken. Ihr Abgang mit dem Aufzug, der wie die restlichen Bühnenwände im Schnürboden verschwindet, und der anschließende Übergang in eine Video-Projektion, in der sie zu Madama Cortese in ein Auto vor dem Theater steigt und abfährt, erinnert an einen Film noir. Adele Lorenzi verfügt als Madame Cortese über einen dunklen, vollen Sopran, der nur in den extrem schnellen Parlando-Stellen von "Di vagghi raggi adorno" ein wenig blass bleibt. Nathalie Mittelbach stattet die Marchesa Melibea mit einem satten Mezzosopran aus. Diana Schnürpel begeistert als Contessa di Folleville mit glasklaren Koloraturen und wunderbar exaltiertem Spiel.
Fabian Düberg gibt den Cavaliere Belfiore herrlich selbstverliebt und punktet
mit sauberen Höhen und tenoralem Glanz. Gleiches gilt für Oliver Sewell als
Conte di Libenskof, auch wenn nicht klar ist, wieso Weber den Russen als
US-Amerikaner auftreten lässt, der mit einer großen Karte die Weltherrschaft
anstrebt. Arvid Fagerfjäll punktet als Lord Sidney in seiner Arie mit dunklem
Bass, auch wenn die Personenregie bei ihm einige Fragen aufwirft. So bleibt
unklar, wieso er ganz in Schwarz in hochhackigen Schuhen auftritt und eine
riesige Krabbe malträtieren muss, die sich für einen Moment in Corinna
verwandelt. Unklar bleibt auch, wieso Baron di Trombonok (Christoph Heinrich)
als Kirchenmann auftritt, der alles stiehlt, was nicht niet- und nagelfest ist.
Stimmlich weiß Heinrich mit kraftvollem Bassbariton zu überzeugen. Elias Gyungseok Han
scheint als Don Profondo als einziger der Reisegruppe Gewissensbisse zu haben.
Stimmlich gelingt es ihm leider nicht, in der großen Arie
FAZIT
Rossinis großartige Musik funktioniert im Großen und Ganzen auch, wenn man sie
auf eine andere Geschichte überträgt. Wenn man das Stück nicht kennt, kann man das
aber vielleicht mehr genießen, als wenn man mit der Oper vertraut ist. |
Produktionsteam
Musikalische
Leitung Regie Bühne Kostüme Chorleitung Licht Video Video und Live-Kamera Dramaturgie
Bremer Philharmoniker Chor des Theaters Bremen Statisterie des Theaters Bremen
Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung Corinna Marchesa Melibea Contessa di Folleville
Madama Cortese Cavaliere Belfiore Il Conte di Libenskof Lord Sidney Don Profondo Baron di Trombonok Don Alvaro Don Prudenzio Modestina Maddalena Zefirino Antonio
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