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Die Walküre

Oper in drei Aufzügen
Erster Tag des Bühnenfestspiels Der Ring des Nibelungen
Text und Musik von Richard Wagner


In deutscher Sprache mit Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4h 40' (zwei Pausen)

Premiere im Großen Haus Halberstadt am 1. November 2025
(rezensierte Vorstellung: 20. Dezember 2025)


Homepage

Harztheater
(Homepage)
Ein gegenwartstauglicher Mythos des 19. Jahrhunderts

Von Stefan Schmöe / Fotos von Ray Behringer

Der Ring des Nibelungen ist nach wie vor ein Großprojekt, vor dem viele Bühnen aus logistischen Gründen zurückschrecken. Wenn sich das Harztheater mit festen Spielstätten in Halberstadt und Quedlinburg erfolgreich an die Tetralogie wagt, ist das allein schon ein kleines Theaterwunder. Es inszeniert der Chefdramaturg und Hausregisseur Marco Misgaiski. Am Dirigentenpult steht (natürlich) Chefdirigent Johannes Rieger, gleichzeitig Intendant des Harztheaters. Und fast alle Partien besetzt man aus dem hauseigenen Ensemble, wobei die überschaubaren Dimensionen der Spielstätten dem sicher entgegenkommen, denn (natürlich) hat man keine ausgewiesenen Wagner-Stimmen am Haus. Das Orchester spielt die von Adolphe Abbass 1906/07 für das Theater Coburg erstellte Fassung mit reduzierter Zahl an Blasinstrumenten, die Streicher sind ohnehin dünn besetzt. In der direkten Akustik des Halberstädter Theaters kann die Musik trotzdem mächtig laut werden; es fehlt nicht an Kraft, sondern eher an Klangfarben. Wobei die Harzer Sinfoniker in der hier besprochenen Vorstellung keinen guten Tag erwischen. Der eine oder andere Patzer auch an prominenten Stellen bleibt nicht aus, was immer passieren kann. Die ungenaue Intonation über die gesamte Dauer trübt den Klang allerdings nachhaltig.

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Ehekrach: Fricka und Wotan; hinten schauen Brünnhilde und, gemalt, Kaiser Barbarossa interessiert zu

An Dramatik bleiben Orchester und Dirigent wenig schuldig, dafür wirkt die recht holzschnittartige musikalische Interpretation im Detail wenig durchgestaltet und lässt etwa im finalen Feuerzauber eben den musikalischen Zauber vermissen, mit dem Wagner seine Walküre in den jahrelangen Tiefschlaf versetzt. So wie dem ersten Aufzug eine klarer konzipierte, allmähliche Steigerung auch im Tempo auf das Ende hin entgegenkäme, dürfte die Musik im dritten nach dem spannungsreich musizierten, auch zupackend gesungenen "Walkürenritt" am Ende mehr entschleunigen.

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Zweiter Aufzug: Lieber will Siegmund die gerade wiedergefundene Zwillingsschwester Sieglinde (am Boden liegend) töten, als Brünnhilde (die ihn gerade noch davon abhalten kann) nach Walhall zu folgen

Juha Koskela singt nicht nur in dieser wohl anrührendsten aller Wagnerschen Schlussszenen einen sachlichen, wenig dämonischen, aber sorgfältig phrasierenden Wotan, ein Funktionär der Macht mit Hornbrille (ein Glas ist verdunkelt, schließlich hat er ein Auge verloren). "Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie": Seine letzte Amtshandlung als Chefgott ist kein donnerndes Verbot, eher schon ein mit gezügelter Intensität gesungenes Vermächtnis. Hier wird ein verbeamteter Gott in den Ruhestand versetzt. Peggy Steiner (sie kommt als Gast ans Harztheater) gibt der Brünnhilde nicht unbedingt einen hochdramatischen Sopran, kann mit ihrer Stimme den Raum aber unangestrengt füllen und singt die Partie mit zupackender Energie und leuchtenden, nie scharfen Spitzentönen. Diese Brünnhilde ist keine Heroine, sondern eine leidenschaftlich für ihre Ideale kämpfende Frau. (Da dürfte der Wotan bei der Bestrafung ruhig ein bisschen mehr Kummer zeigen.)

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Begrenzt kriegsbereit: Walküren beim Walkürenritt

Zu den Vorzügen der Aufführung gehört, dass niemand ins Schreien verfällt, sondern immer kultiviert gesungen wird. Max An als Siegmund darf seine "Wälse"-Rufe von der Rampe aus effektvoll direkt ins Publikum singen und lange halten. Er gibt der Figur mit gedecktem und nicht zu hellem, höhensicherem Tenor melancholischen Charakter. Jessey-Joy Sprink als hell timbrierte Sieglinde gestaltet die Figur mit lyrischer Emphase und verleiht ihr Leidensfähigkeit wie Würde. Gatte Hunding ist eine imposante Bühnenerscheinung und strahlt gefährliche Kraft aus, nimmt es beim Singen mit der Tonhöhe allerdings nicht allzu genau. Regina Pätzer als Fricka kompensiert das fehlende Volumen ihres Mezzosoprans mit einer messerscharfen Artikulation und zeichnet ein genaues Rollenportrait der Göttin, die sich selbstbewusst gegen ihren Gatten durchsetzt. Sie ist durch und durch die elegante, ja mondäne Frau, eine beeindruckende Erscheinung mit immenser Bühnenpräsenz.

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Abschied für immer: Wotan und Brünnhilde

Auch wenn sie im heutigen Outfit auftritt (Ausstattung: Tom Grasshoff) und auch der Wotan im eleganten weißen Anzug als ziemlich gegenwärtiger Gott erscheint, vermeidet die Regie eine zeitliche Festlegung. Misgaiski erzählt die Geschichte angenehm entspannt als Mythos, ohne eine eigene Interpretation aufzupfropfen. Wotans Speer, Siegmunds Schwert und die Schilde der Walküren sind ganz selbstverständliche Accessoires, ohne antiquiert zu wirken, weil sie wie Zitate verwendet werden. Die Bühne wird (wie schon im Rheingold) begrenzt von den Wänden einer verfallenden und von Efeu umrankten großbürgerlichen Villa mit mehreren Türen und einer kleinen Treppe im Zentrum zu einer Nische, die im ersten Aufzug den Wald und damit die unkultivierte Natur zeigt, aus der Siegmund in die Zivilisation gleichsam hineinfällt. Im zweiten Aufzug sieht man dort das Kyffhäuser-Denkmal mit dem sagenhaften Kaiser Barbarossa. Auf der Bank davor platziert die Regie einen geflügelten Helm wie einen ironischen Verweis auf einen lange überholten Rezeptionsansatz. Dieser Rahmen macht geschickt deutlich, dass wir uns in der Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts befinden. Einigermaßen rätselhaft bleibt, warum Siegmund und Sieglinde angedeutete (französische?) Uniformen tragen - Symbole des Aufbegehrens gegen die (preußisch gedachte) Obrigkeit? Die antikisierenden grünen Kleider der Walküren deuten deren kriegerische Funktion in kleinen Details liebevoll an, machen aber auch deutlich, dass Wagner hier weit weg von jeglichem Germanenkult gesehen wird. Es bleibt viel Raum für eigene Gedanken, ohne dass die Regie in Beliebigkeit verfallen würde.


FAZIT

In der unaufgeregten, schön anzusehenden Inszenierung von Marco Misgaiski darf der Mythos das sein, was Wagner wohl im Sinn hatte: Eben ein Mythos, geprägt von der Gedankenwelt seiner Zeit und doch mit Relevanz auch für unsere Gegenwart.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Johannes Rieger

Inszenierung
Marco Misgaiski

Ausstattung
Tom Grasshof



Harzer Sinfoniker


Solisten

* Besetzung der rezensierten Aufführung

Brünnhilde
Peggy Steiner

Wotan
Juha Koskela

Sieglinde
Jessey-Joy Spronk

Siegmund
Max An

Fricka
Regina Pätzer

Hunding
Samuel Berlad

Gerhilde
Runette Botha

Ortlinde
Bénédicte Hilbert

Waltraute
Regina Pätzer

Schwertleite
Gerlind Schröder

Helmwige
Marie-Pierre Roy

Siegrune
Mia Dongmi Ju

Grimgerde
* Stephanie Goodwin /
Maria Hilmes

Roßweiße
Bettina Pierags



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Nordharzer Städtebundtheater
(Homepage)



Da capo al Fine

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