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Triptychon des Patriarchats
Von Christoph Wurzel / Fotos: © Matthias Baus Einige Fragen wird man sich stellen, wenn man sich an diesem Abend zur Staatsoper Hamburg aufmacht. Zwei kombinierte Einakter an einem Opernabend - das ist nicht ungewöhnlich, aber ein Liederzyklus vorneweg? Und lautet dessen Titel nicht Frauenliebe und -leben? Was hat das alles mit einander zu tun? Nun, Neugier ist nicht der schlechteste Impuls in die Oper zu gehen. Da hat Tobias Kratzer ins Schwarze getroffen. Sein Musiktheaterkonzept ist etwas für ein nachdenkliches Publikum. Leider gibt es heute aber eine ganze Menge freier Plätze im Saal. Auf dem Programm stehen also Schumanns acht Lieder auf Texte von Adelbert von Chamisso, Béla Bartóks Oper über Herzog Blaubart und die Dreiecksgeschichte Eine Florentinische Tragödie. Zuerst stirbt eine Ehefrau, danach geht es um einen Frauenmörder und am Schluss bringt ein Ehemann den Liebhaber seiner Frau um: Frauenliebe, -leben und -sterben. Das Problem sind immer die Männer, aber auch die Frauen, die sich ihrer Macht unterwerfen. Allerdings auf verschiedene Weise. Kratzer zeigt ein Triptychon des Patriarchats. Herzog Blaubarts Burg: Die von Blaubart gemordeten Frauen: Statisterie, Annika Schlicht (links: Judith), Johann Reuter (Blaubart) Bei Schumanns Liederzyklus sehen wir in einen bürgerlichen Salon der Zeit, aus der die Lieder stammen. Die Sängerin sitzt auf einem Sofa und schreibt Tagebuch. Sie schreibt von der Verzückung ihrer ersten Begegnung mit dem Mann ("Seit ich ihn gesehen, glaub ich blind zu sein"). Er schickt Blumen und es folgt im Zeitraffer die Geschichte einer Ehe: Verlobung, Hochzeit, Kinderkriegen. Die Frau sitzt stets auf dem Sofa, der Mann ist immer beschäftigt. Die Familie wächst, ein kleines Mädchen folgt dem nächsten. "Süßer Freund, du blickest mich verwundert an" - Mutterglück ja, aber Vaterglück nein. Dem Mann fehlt offenbar der "Stammhalter". Beim letzten Lied hat die Regie den Text umgedeutet: Nicht der Mann stirbt, sondern die Frau an der nächsten Geburt. Wir sehen noch die Trauergesellschaft und dann verbirgt jemand das Tagebuch im Klavier. Tobias Kratzer und Rainer Sellmaier (Ausstattung) haben im hinzu erfundenen Bühnengeschehen die Atmosphäre biedermeierlicher Bürgerlichkeit exakt getroffen und zugleich mit wenigen Andeutungen deren Fassade entlarvt. Was ist die Frau hier mehr als ein Schmuckstück und die Erhalterin der Erbfolge? - Sie nimmt es duldend hin. Kate Lindsay singt die Lieder mit bewundernswertem Einfühlungsvermögen, im selben Gestus, wie sie wirklich ins Tagebuch schreiben würde. Zuerst verhalten, dann immer freudiger, hingebungsvoll glücklich und am Schluss erschöpft von Hausfrau- und Mutterpflichten. Sie leuchtet mit ihrer wunderbar geführten Mezzostimme den ganzen Bogen der Empfindungen von Schumanns Zyklus aus. Éric Le Sage ist ihr der sensible Begleiter, der in der Musik das zum Klingen bringt, was der namenlose Ehemann an seiner Frau nicht zu entdecken fähig ist. Frauenliebe und -leben: Kate Linsay, Éric Le Sage am Klavier und Statisterie Nahtlos gehen Schumanns nachspürende Takte des Klaviers in das impressionistisch diffuse Flirren der ersten Streicherakkorde des Einakters von Bartók über. Der Raum ist nahezu derselbe, aber die Atmosphäre ist nun geheimnisvoll und düster. Judith tritt mit Blaubart ein, der sie unerklärlich anzieht, hinter dessen Geheimnis sie offenbar schauen möchte. Die modernen Kostüme deuten auf die Gegenwart als Ausgangspunkt hin. Die Erzählung wechselt aber die Zeitebenen. Bartóks Librettist Béla Balász hat sich am Schauspiel Ariane et Barbe-Bleue von Maurice Maeterlinck orientiert und dessen symbolistischen Gehalt aufgenommen: Indem Judith sieben Türen in Blaubarts Burg öffnet, erkennt sie sein Wesen und die Geschichte seines Lebens. Seine früheren Frauen hat er mit den Machtmitteln eines brutalen Herrschers angelockt und getötet. Die Wände sind kalt, und überall im Schloss klebt Blut. Hinter der letzten Tür schließlich findet Judith Blaubarts Opfer. In dieser Inszenierung hat die Regie die Symbole konkretisiert und damit von Formen männlicher Macht über die Zeiten hinweg erzählt. Hinter der ersten Tür verbirgt sich noch einmal das Schicksal der Frau aus dem Schumann-Zyklus, denn Judith findet das im Flügel versteckte Tagebuch. In der Waffenkammer erscheint Blaubart als Weltkriegsgeneral, in der Schmuckkammer sieht Judith die blutbefleckten Verführungsmittel Blaubarts. Es geht weiter in die 1970er Jahre. Scheinbar locker gehen Männer und Frauen miteinander um, aber ein Sexvideo zeugt von riskanten Praktiken bis hin zum Tod der Partnerin. Dass auch der härteste Mann sich einmal ausweinen will, zeigt im Bild "Tränensee" die Analytikercouch. Noch ist Judiths Faszination nicht gebrochen. Erst nach der letzten Tür erkennt sie, dass Liebe zu Blaubart tödlich ist. Im Original geht sie mit ihm in der Dunkelheit unter. Hier gelingt ihr nach seinem Vergewaltigungsversuch die Flucht. Herzog Blaubarts Burg: Annika Schlicht (Judith), Johann Reuter (Blaubart) Nach der fein erspürten Klavierbegleitung des ersten Teils folgt bei Bartók die großartig ausdifferenzierte Klangsprache, die Karina Cannelakis mit dem Hamburgischen Staatsorchester aus dem Graben zaubert. Da werden Nuancen der Instrumentierung und Klangvaleurs hörbar, die Bartóks musikalische Erzählung zum Faszinosum machen. Was dem bisweilen etwas zu plakativen Naturalismus auf der Bühne weniger gelingt, kann die Dirigentin musikalisch grandios vermitteln - die untergründigen Geheimnisse, die Seelenbewegungen der Protagonistin, wie sie Bartók hier in fließende, schwebende Klänge fasst. Annika Schlicht spielt und singt die Rolle der Judith mit starker Intensität bis an die Grenze der Selbstverleugnung. Johan Reuter stattet Blaubart mit all dessen fragwürdiger Männlichkeit aus. Natürlich wird ungarisch gesungen und trotzdem wird durch Duktus und Färbung der Stimmen bei beiden Sängern der Sinn des Textes vollkommen deutlich. Die Dirigentin balanciert das Orchester so nuancenreich, dass die Stimmen an keiner Stelle überdeckt werden. Eine Florentinische Tragödie: Ambur Braid (Bianca), Thomas Blondelle (Guido) und Johan Reuter (Simone) Überbordend üppig und süffig à la Strauss dagegen hat Alexander Zemlinsky seinen Einakter instrumentiert und Karina Cannelakis hat das Orchester auch gut im Griff. Aber stellenweise untergräbt der Komponist selbst dadurch den intimen Charakter dieses Kammerspiels, als das die Regie Eine Florentinische Tragödie auch zeigt. Die Renaissancegeschichte ist hier in die Gegenwart geholt. Ein Video-Vorspiel (auf intelligente Filmeinspielungen darf man sich bei Kratzer ja immer freuen!) stellt, bevor die Oper beginnt, erst einmal den modernen Mann vor: sportlich mit gestähltem Körper, aber auch häuslich. Putzen, kochen, Kinder betreuen - alles macht er mit. Anscheinend also ein emanzipierter Mann und wohl auch ein Frauenversteher. Das wäre dieser Simone vielleicht auch gern, der von der Geschäftsreise zurückgekehrt seine Frau in flagranti mit ihrem Liebhaber Guido erwischt. Heutzutage sieht man doch darüber hinweg! - ist seine erste Reaktion, doch im Laufe der Handlung verliert er die Contenance und am Schluss kommt es doch zum "Duell" wie in früheren Zeiten. Und der Ehemann schlägt den Rivalen tot. Nach Tragik (im ersten Teil) und Mysteriösem (im zweiten Teil) ist nun der dritte Teil eher als Komödie angelegt. Augenzwinkernd stellt die Regie diese Geschichte eher als Boulevardstück hin, denn als Tragödie. "Rettung einer Ehe über einer Leiche" nannte der Komponist sein Werk mit einer Portion Selbstironie, denn Simone und Bianca erkennen sich am Schluss endlich als das, was sie sein wollen: "Du bist ja so stark", sagt sie zu ihm und er "Du bist so schön". Abgesehen von einigen Längen, die der Dramaturgie der Oper geschuldet sind, entwickelt Kratzer die Handlung flott und mit einigem Witz, wobei er sich spielerisch auch das ein oder andere Klischee gönnt. Natürlich versteckt Bianca den Liebhaber zuerst einmal im Kleiderschrank. Und beim Zweikampf fordert sie Guido lauernd wie eine Katze auf: "Töte ihn!" Es macht Spaß den Sängerdarstellern beim intensiven Spiel zuzusehen. Johan Reuter ist hier wieder der Machomann als sozusagen durch die Zeiten hindurch zu verfolgendes Prinzip. Im Liederzyklus hatte er schon den stummen Ehemann gegeben. Nun zeigt er schön, wie sich latente Aggression hinter der scheinbaren Toleranz Bahn bricht. Thomas Blondelle macht unmissverständlich klar, dass er hier nur zu gern die Rolle des erotischen Genießers spielt. Bianca ist für ihn nicht mehr als ein Bettschatz. Folgerichtig hüpft sie auch während der gesamten Handlung im Negligé über die Bühne. Dass Bianca aber auch nichts anbrennen lässt, macht Ambur Braid in dieser Rolle wunderbar klar. Wie man am Schluss sieht, ist aber diese "Tragödie" für sie auch nur ein Abenteuer. Modell: Junge Frau mit älterem Mann sucht sich einen Liebhaber. FAZIT Kratzers intelligentes Konzept geht voll auf. Geschenkt, dass er im Falle der Lieder den Text zu seinen Gunsten etwas verbiegt. Die szenische Umsetzung überzeugt am meisten im ersten und dritten Teil. Musikalisch sind die drei Stücke exzellent gelungen und gerade wegen ihrer Diversität so reizvoll. Ein Abend des Kunstgenusses, aber auch des höheren Erkenntnisgewinns.
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Produktionsteam
Musikalische
Leitung
Inszenierung
Szenische
Leitung der Neueinstudierung
Bühne und
Kostüme
Licht
Video
Dramaturgie
Philharmonisches Staatsorchester Komparserie
und Kinderkomparserie Solistinnen und SolistenFrauenliebe und -leben
Sängerin
Pianist Herzog Blaubarts Burg
Blaubart
Judith Eine Florentinische Tragödie
Simone
Bianca
Guido
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