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Im Meer der Worte und Klänge Richtung Untergang
Von Roberto Becker /
Fotos von
Tanja Dorendorf und Janic Bebi / Jonas Dahl
Tobias Kratzer hat für seinen ambitionierten Spielzeitauftakt, mit dem er zugleich seine Intendanz an der Staatsoper in Hamburg beginnt, natürlich auch eine Opernnovität in Auftrag gegeben. Olga Neuwirth habe er gleich in der ersten Woche nach seiner Berufung kontaktiert, so Kratzer. Die zentrale Fabel stammt von der Komponistin, aber es sei früh klar gewesen, dass sie mit Elfriede Jelinek arbeiten wolle. Mit dem österreichischen Frauengespann hat Kratzer per se schon mal einen Marketingcoup gelandet.
Nach Bählamms Fest und Lost Highway ist Monster's Paradise das dritte gemeinsame Musiktheaterprojekt der beiden Künstlerinnen. Dass bei ihnen nichts Unpolitisches herauskommen würde, war zu erwarten. Aber den surrealen Unsinn, mit der im Moment das Weiße Haus verwaltet und die ganze Welt in Atem gehalten wird, so grell auf den Punkt zu bringen, ist dann doch erstaunlich. Wobei der Unsinn, sich als König ins Licht zu setzen, sich selbst zu beweihräuchern und das von allen anderen zu verlangen, dessen künstlerisch verfremdetes Abbild in Libretto und Oper zu überholen droht. Das gilt sogar für die Texte der ausgesprochen flott auf der Höhe des gerade grassierenden Irrsinns schreibenden Elfriede Jelinek. Das einzige, was da hilft, sind ein paar weitere Drehungen an der Schraube in Richtung Irrsinn.
Die Vamporetten Vampi und Bampi als Alteregos von Jelinek und Neuwirth (Foto © Tanja Dorendorf)
Wenn Georg Nigl als Trump-Wiedergänger hinter dem Schreibtisch des Oval Office, das Rainer Sellmaier für Kratzers Uraufführungsinszenierung gebaut hat, mit seiner Stimme die wildesten, geradezu akrobatischen Sprünge und Abstürze raushaut, kräht, krächzt und immer wieder auf den roten Knopf drückt, um Leute und Figuren abzuservieren, und wenn er dann auch noch in einem riesigen aufgeblasenen Babybalg-Ballon steckt, dann wird das hier nicht zur verfremdenden Tarnung, sondern zur Enthüllung. Auch wenn diese absurde Figur "König-Präsident" heißt und der Name Trump nicht fällt, erkennt man ihn in dem Chaos-Entertainer am Schreibtisch oder Hobbygolfer in seiner Karre sofort. Da bräuchte es sein Entree "Überall sitzt ein Arsch auf dem Thron, aber ich bin der Größte von allen!" nicht.
Der König-Präsident auf seinem Schreibtisch ( Foto © Tanja Dorendorf) Dem aufgeblasenen König-Präsidenten-Monster steht ein gutes altes Monster mit Echsenschwanz und Schuppenpanzer gegenüber. Dieses Gorgonzilla-Monster ist das Resultat eines Kernkraftwerkunfalls. Es wird den König-Präsidenten auffressen, was wir im Schattenspiel mitverfolgen können. Das gehört zu dem angekündigten Grand Guignol, was als Gattung ja grotesk triviale Grusel- und Horrorstücke, also eine Art Kasperltheater für Erwachsene, meint. In Sachen Königswürde oder Präsidentenmacht ist es dann so ähnlich wie bei Shakespeare - der Nachfolger ist die nur leicht veränderte Neuausgabe. Und aus Gorgonzilla wird im Jelinek-Sound dann Gott Zilla. Gott selbst spielt natürlich auch mit. Keine geringere als Charlotte Rampling leiht "The Goddess" (der Göttin, versteht sich) Gesicht und Stimme für Weisheiten, die von Ferne aus einer anderen Zeit herüber hallen. Dass es hier gleich um die Welt als Ganzes geht, wird schon im ersten Bild klar. Da schweben die unverkennbaren Vampiretten-Alter-Egos von Jelinek und Neuwirth als Vampi und Bampi auf einer Wolke heran und philosophieren mit Hilfe von Wiki über den Wärmetod. Unter dem ist der Auftakt des absurden Theaters nicht zu haben - subtil geht anders. Aber darum geht's nicht, sondern um eine Überklarheit in der Groteske, der man nicht ausweichen kann.
Der König-Präsident beim Golf (Foto © Tanja Dorendorf) Diese beiden Vamipretten gibt es gleich doppelt als sprechende und singende Version. Wobei Sylvie Rohrer (als Elfi-Vampi) und Ruth Rosenfeld (als Olga Bambi) mehr zu sagen haben als Sarah Defrise und Kristina Stanek zu singen. Klar, dass hier das Changieren zwischen deren zwei Naturen im allgemeinen Wort- und Klanggetöse gar nicht auf Unterscheidbarkeit angelegt ist. Die beiden kommentieren das Weltenchaos und warnen vor dem Untergang. Am Ende dieser schrillen Revue gleiten die beiden Vampiretten auf einem Floß am verstimmten Klavier klimpernd über die Weite des Meeres dahin. Vorbei an der versunkenen Elbphilharmonie. Auf einen kitschig schönen Sonnenuntergang zu. Bis dahin (aus mal angekündigten 90 Minuten sind dann doch mit Pause zwei Stunden und 45 Minuten geworden) wedeln Cheerleaderinnen mit ihren Büscheln, trotten Zombies durch die Szene (und in der Pause auch durchs Foyer), blitzt aber auch mal selbstironischer Witz auf. Am Ende des vierten von fünf Bildern, nach einem Schuss, fragt Vampi: "Nimmt das denn nie ein Ende? All die Opfer!". Bampi, die das nur halb gehört hat, fragt zurück: "Oper? Das auch noch!", worauf Vampi erwidert: "Ich sagte Opfer, nicht Oper!". Im Saal konnte man sich im Grunde zwischen beidem entscheiden. Nicht wirklich Opfer und auch nicht ganz Oper. Irgendetwas dazwischen.
Großes Finale: die Vampiretten treiben auf dem Meer (Foto © Janic Bebi und Jonas Dahl) Zum vokalen Glamour (Glanz zu sagen wäre unpassend) trugen auch die beiden Counter Andrew Watts und Erick Jurenas bei, die vor allem als "Micky, des Königs höriger Adlatus I" und als "Tuckey des Königs höriger Adlatus II" auch so aussahen und ihren grellen Auftritt hatten. Die Stimme von Anna Clementi für die Beiträge von Gorgonzilla, in dessen Kostüm Vanessa Konzok steckte, ist nur elektronisch verzerrt zu vernehmen. Titus Engel stellte sich am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters mit Bravour der Aufgabe, all' das, was Olga Neuwirth aus allen Ecken der Musikgeschichte und -gegenwart an musikalischen Versatzstücken zusammengesucht und durch ihre Mühle gedreht und mit dem Jelineksound verrührt hat, zusammenzufügen. Vielleicht gelingt es den Koproduktionspartnern in Zürich oder Graz, etwas von der Textluft aus dem Theaterballon zu lassen. Wäre eine Oper in den USA als Nachspielort anvisiert gewesen, dann wäre das kein Problem. Da wäre sie wohl gar nicht erst in Land gelassen worden. FAZITMit der Musiktheaternovität Monster's Paradise wetteifern Olga Neuwirth, Elfriede Jelinek und Tobias Kratzer auf der Bühne der Staatsoper Hamburg mit dem realen Irrsinn der Welt von heute. Eine gewaltige Kunstanstrengung mit offenem Ausgang. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Co-Regie
Bühne und Kostüme
Video
Live-Elektronik
Sounddesign und Samples
Klangregie
Licht
Chor
Kinder- und Jugendchor
Dramaturgie
Solisten
Vampi
Vampi (Schauspielerin)
Bampi
Bampi (Schauspielerin)
Der König/Präsident
Gorgonzilla
Mickey, des Königs höherer Adlatus I/
Tuckey, des Königs höherer Adlatus II/
Ein Bär
Drumkit
E-Gitarre
Pianistinnen und Samples
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