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Die verlorene Braut
Von Joachim Lange /
Fotos von
Matthias Baus
In Hamburg bleibt der neue Staatsopern-Intendant Tobias Kratzer auch mit der zweiten großen Premiere der Spielzeit bei seinem Kurs, mit Ungewöhnlichem die Neugier des Publikums zu wecken. Oder vorhandene zu bedienen. Michail Glinkas (1804-1857) Ruslan und Ljudmila ist genauso selten (eigentlich gar nicht) auf einer Bühne zu erleben wie die vom Intendanten selbst inszenierte Geschichte über Das Paradies und die Peri von Robert Schumann. Wobei es heutzutage schon von Selbstbewusstsein zeugt, nicht nur eine fast nie gespielte Oper auszugraben, sondern auch noch die eines Komponisten, der als Begründer der russischen Oper gilt, weil bei ihm das erste Mal auf russisch gesungen wird. Was heutzutage jeder anderen Nation als Teil nationaler Selbstermächtigung wohlwollend vermerkt würde, gilt im Falle Russlands vor allem als nationalistisch, bleibt aber noles volens Teil der Weltkultur.
Der Braut Ljudmila schwant nichts Gutes
Musikalisch erweist sich dieser Fünfakter als ein Überraschungsei. Aber eins im Fabergé-Format. Der vorwiegend an der Bayerischen Staatsoper wirkende Pultgast Azim Karimov packt mit dem Philharmonischen Staatsorchester genüsslich alles aus, was da drinsteckt. Er schwelgt im einschmeichelnd volksliedhaft Melodischen, bereitet den großen Arien, die sowohl an barocke Bravour als auch an vokale Belcantoartisktik erinnern, den roten Orchesterteppich aus, lässt pointiert marschierenden Rhythmus von der Leine, wo es gebraucht wird, und fährt dem Parlando nicht in die Parade, sondern erlaubt allen Protagonisten des handverlesenen Ensembles, ihre Rollen zu profilieren, Stimmpracht zu entfalten und zu brillieren. Die Herausforderung ist wohl eher der Zugang zur der Geschichte. Neben dem Komponisten selbst haben mit Konstantin Bakturin, Walerijan Schirkow, Nestor Kukolnik, Michail Godenow und Nikolai Markewitsch fünf weitere Autoren daran gewerkelt, um aus dem gleichnamigen Poem von Alexander Puschkin ein Libretto zu basteln.
Ruslan sucht in der Metro nach seiner Braut Am Anfang steht die Hochzeitsfeier der beiden Titelhelden, die in fürstlichem Rahmen beginnt und nach dem warnenden Auftritt eines Zauberers mit dem Verschwinden der Braut endet. Was hier natürlich ein Zeichen für die misslichen Zustände in autoritären Regimen ist. Auch im Reich der Zauberer und Hexen ist nichts im Lot - die Hexe Naina ist auf Rache an ihrer Jugendliebe Finn aus. Auf der Suche nach Ljudmila geraten Ruslan, sein Freund Ratmir und dessen Geliebte Gorislava in den Strudel von Nainas Verführungen (von heute aus betrachtet ähnelt Klingsors Zaubergarten diesem Spiel zwischen Täuschung und Selbsterkenntnis). Aber auch Lujdmila hat ihre existenzielle Krise. Wenn dann alle aus diesem Alptraum der Verzweiflung und Selbstfindung wieder erwacht sind, und die Hochzeit dann doch stattfindet, bleibt die Frage, ob das alles vielleicht nur ein Traum war. Diese Geschichte jenseits opulenter Kostümpracht eines puren Märchens, bei dem all die grotesken Unwahrscheinlichkeiten und Personal aus einer anderen Welt zur Norm gehören, in ernstzunehmendes Musiktheater zu übersetzen, ist eine Herausforderung, die Erschwerniszulage verdienen würde.
Die Hexe Naina und Farlaf In Hamburg stellen sich Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka dieser Aufgabe nicht nur als Regieduo, sondern aus einer bzw. aus vier Händen auch der Kreation von Bühne und Kostümen. Sie verpassen dem Werk aus dem fernen Jahr 1842 einen Überbau, für den sie sich mit dialektischem Ehrgeiz über die dunklen Schattenseiten der Betonmauern der Gegenwart in die Unterwelt abseilen. Auf der gewaltigen, demonstrativ hässlichen Mauer auf der Drehbühne ist links Banksys Mädchen mit dem roten Luftballon gerade noch zu erkennen. Rechts der Spruch „no future“. Wenn der nüchterne Festsaal auf der einen Seite der Mauer auf der anderen Seite zu einem Zugang zur Unterwelt (spricht Untergrundbahn) mutiert, sorgen ein altmodischer Metrowaggon, der kyrillische Schriftzug für Endstation, eine ganze Reihe von Kioskfronten mit allen möglichen Angeboten für eine Übersetzung von Märchenzauberei in urbane Gegenwartsalpträume. In welcher Gegend sich dieser imaginäre Hof befindet, an dem die Hochzeit mit Hindernissen stattfinden soll, wird klar, wenn eine Formation von Uniformierten aufmarschiert. Vor allem aber, wenn die Welt der queeren Verzauberung, die auch Ruslan und seinen Freund Ratmir erfasst, von den Uniformierten aufgelöst und alle zusammengeknüppelt werden. An der Aktion hätte Putin seine Freude. Das bunte Treiben unterm Regenbogen freilich hätte in seinem Reich (und mittlerweile wohl auch bei einigen seiner westlichen Nachbarn) keine Chance, auf die Bühne zu kommen. Gleichwohl fragt man sich, ob da nicht auch eine dialektische Fußangel lauert, wird doch hier ein Ambiente zum Synonym für Verzauberung im Sinne von Verführung und Normabweichung, ist also nicht der Ausdruck von freier Selbstermächtigung. Aber sei’s drum - die erzählte Geschichte kommt alles in allem klarer über die Bühne als die schräge und ziemlich vertrackte Märchenvorlage. Einer der letzten Übertitel, die sich einprägen, vermerkt, dass die Mächtigen die Glücklichen fürchten. Dem Versuch der beiden (für den Rienzi der kommenden Bayreuther Festspiele engagierten) Ungarinnen aus der Vorlage eine Geschichte über die Werteordnung, die Selbstfindung der eigenen, auch Geschlechteridentität, über Anpassung und Widerstand, ja der Emanzipation zu machen, all dem kann man durchaus folgen. Dass gar Ruslan und Ratmir aus ihrer Neigung zueinander eine Lebensmodell machen könnten, wie es hier angedeutet ist, ist in Russland heute so wenig realistisch wie in Zeiten der gekrönten Zaren. Tschaikowsky wäre dafür der Kronzeuge. Hierzulande können wir uns das zum Glück nicht nur auf der Bühne so denken. Vielleicht war das ja der Grund für die Buhs beim Erscheinen des Regieteams.
Freiheit gibt es nur Im Zauberreich der Fantasie Dass dieser Abend auf musikalisch vokale Überwältigung hinauslief, war schnell klar und wurde durch niemanden getrübt. Als Ruslan überzeugt der Russe Ilia Kazakov neben seiner Diktion mit einem verführerischen Timbre und müheloser Kraft. Als Ljudmila triumphiert die Usbekin Barno Ismatullaeva mit einer atemberaubenden Belcanto-Virtuosität. In der Rolle des in sie (und Ruslan) verliebten Ratmir verblüfft neben seiner szenischen Präsenz beim Ausloten seiner Genderidentität der russische Counter Artem Krutko mit einer Kombination aus betörender Mezzopracht und der Fähigkeit von kraftvoll vokalen Ausbrüchen. Als dessen Braut Gorislava setzt sich die aus Moldau stammende Natalia Tanasii imponierend in Szene. Ihr Landsmann Alexei Botnarciuc ist ein standfester Farlaf. Nicky Spence ist der als Spielführer fungierende Zauberer Finn, Kristina Stanek dessen Hexenbraut Naina. Alexander Roslavets ist Ljudmilas Vater Sweotsar. Zusammen mit dem von Alice Meregaglia einstudierten Chor ist hier ein Ensemble zusammen, das durchweg begeistert. FAZITIn Hamburg wurden die Protagonisten, der Chor und das Orchester für eine musikalisch exzellent umgesetzte Ausgrabung bejubelt. Auch der Mut der Inszenierung das Stück aus der Märchenwelt mit der Gegenwart zu konfrontieren wurde überwiegend gewürdigt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung,Bühne, Kostüme
Video
Licht
Chor
Dramaturgie
Solisten
Ljudmila
Ruslan
Farlaf
Bajan / Finn
Ratmir
Naina
Gorislawa
Swetosar
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