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Verworrener Operetten-Spaß
Von Thomas Molke /
Fotos: © Jochen Quast
2025 ist auch ein Jubiläumsjahr für Johann Strauss Sohn. Am 25. Oktober 2025 hat sich der Geburtstag des Walzerkönigs zum 200. Mal gejährt. Das ist Grund für mehrere Musiktheaterbühnen, seinem weiteren Operettenschaffen neben der Fledermaus und dem Zigeunerbaron wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das Theater für Niedersachsen, das seit mehreren Jahren auch für die Aufführung von Raritäten bekannt ist, hat nun Strauss' letzte Operette auf den Spielplan gestellt, die zu dessen Lebzeiten zur Uraufführung gelangte, seit damals aber szenisch nicht mehr zu erleben war: Die Göttin der Vernunft. Strauss selbst ließ sich bei der Uraufführung am 13. März 1897 im Theater an der Wien entschuldigen, weil er fürchtete, dass das Werk beim konservativ-katholischen Wiener Publikum aufgrund des provokanten Textes auf Ablehnung stoßen würde. Immerhin brachte es die Operette auf 36 Vorstellungen, bevor sie in Vergessenheit geriet. Auch eine überarbeitete Textfassung von Felix Salten, die 1909 unter dem Titel Das reiche Mädchen herauskam, konnte das Publikum nicht überzeugen. Erst 2009 kam es zu einer konzertanten Wiederentdeckung in Žilina in der Slowakei, die auch auf CD eingespielt wurde. Das Theater für Niedersachsen bringt nun in einer "Hildesheimer Fassung" von Christian von Götz und Samuel C. Zinsli als erstes Theater der Neuzeit die Operette wieder szenisch auf die Bühne und ist für diese Produktion mit dem "BR-Klassik-Operetten-Frosch" ausgezeichnet worden. Seit 2009 wird dieser vom Operetten-Boulevard des Bayerischen Rundfunks vergeben und widmet sich herausragenden Leistungen im Bereich der Operette, die der Wiederentdeckung, Pflege und zeitgemäßen Weiterentwicklung der Operette dienlich sind. Ernestine (Gabrielė Sokaitė, Mitte mit Damen des Chors) gibt sich als Leiterin eines Mädchenpensionats aus. Die Handlung ist reichlich verworren und spielt zur Zeit der französischen Revolution. Der Titel spielt auf den damaligen Versuch an, die Kirche durch einen "Kult der Vernunft" zu ersetzen. Zu diesem Zweck wurde bei einer feierlichen Prozession eine nackte Frau als "Göttin der Vernunft" durch die Kathedrale Notre-Dame in Paris getragen, um die religiösen Symbole zu entweihen. Die Volkssängerin Ernestine, die in Paris mehrere Auftritte als "Göttin der Vernunft" in der Kathedrale hatte, will aus der Stadt zu ihrem Geliebten, dem Karikaturisten Jaquino, fliehen, der aus politischen Gründen Paris verlassen musste. Jaquino erwartet sie in dem kleinen Örtchen Châlons bei dem Gutsbesitzer Bonhomme. Bevor Ernestine dort ankommt, trifft auch die Comtesse Mathilde de Nevers mit ihrer Zofe Susette ein, die sich ebenfalls auf der Flucht befindet. Bonhomme und Jaquino beschließen kurzerhand, Mathilde als Ernestine auszugeben, um die Comtesse vor der Verhaftung durch den Oberst Furieux zu schützen, der ein Anhänger des "Kultes der Vernunft" ist. Ernestine, die sich als neue Direktorin des nahegelegenen Mädchenpensionats ausgibt, versteht die ganze Situation falsch, weil sie das Gefühl hat, dass neben dem Oberst und dem Hauptmann Robert auch ihr Jaquino die falsche "Göttin" umwirbt. So kommt es zu zahlreichen Verwicklungen. Als der Oberst schließlich alle verhaften lassen will, trifft ein Hauptmann des Herzogs von Braunschweig mit seiner Armee in Châlons ein und kann so doch noch das glückliche Ende herbeiführen. Mathilde bekommt ihren Robert, der sich als treuer Husar entpuppt, Ernestine versöhnt sich mit Jaquino, und Susette gewinnt das Herz des Oberst. Mathilde (Neele Kramer) ist vom Hauptmann Robert (Eddie Mofokeng) fasziniert. In der Hildesheimer Fassung wird die Handlung in die Zeit des Deutsch-Französischen Kriegs von 1870 bis 1871 verlegt, um, wie es im Programmheft heißt, "einen gebührenderen Bezug zur Gegenwart" herzustellen. So agiert Ernestine als tanzende "Göttin der Vernunft" in den Farben der Trikolore während der Ouvertüre nicht in der Kathedrale Notre-Dame, sondern vor einem riesigen Gemälde des letzten Kaisers von Frankreich, Napoleon III., das leicht angeschrägt inmitten eines Felsenhaufens steht und im ersten Bild die Bühne dominiert. Wieso diese Verlegung der Handlung den Inhalt der Operette "schärfen" soll, wie es im Programmheft heißt, erklärt sich genauso wenig wie die Idee, Mathilde als verfolgte Autorin erotischer Texte darzustellen, die in ihren Erzählungen einige pikante Details über den Kaiser veröffentlicht hat. Auch die Darstellung der drei Jakobiner als Denunzianten, die im Programmheft als Schuster, Bäcker und Schneider ausgewiesen werden, bleibt in der Umsetzung unscharf. Dass die Damen des Chors als Soldaten und die Herren als Marketenderinnen auftreten, die sich für die Begleitung im Krieg anbiedern, ist als Spiel mit den Geschlechtern ebenso unnötig. Die Geschichte hätte auch ohne diese Einfälle funktioniert und wird dadurch nicht verständlicher oder aktueller. Susette (Marlena Mesa) flirtet mit Oberst Furieux (Julian Rohde). Auch wenn das Stück sicherlich nicht an den Esprit einer Fledermaus oder eines Zigeunerbarons heranreicht, hat es schon allein wegen der eingängigen Melodien das Potenzial, gute Operettenunterhaltung zu bieten. Auch die opulenten Kostüme von Amelie Müller haben einen nicht unbedeutenden Anteil daran. Liebevoll überzeichnet nimmt sie dabei eine längst vergangene Zeit aufs Korn und spielt mit französischen und am Ende auch deutschen Klischees. Auch das Bühnenbild, für das der Regisseur Christian von Götz verantwortlich zeichnet, ist mit zahlreichen Türen, die die Bühne einrahmen, in den Farben der Trikolore fantasievoll gestaltet und bietet den Figuren viel Spielraum. So gibt es zahlreiche Tanzeinlagen, die von Katharina Glas temporeich choreographiert sind und vom Ensemble mit ganzem Körpereinsatz auf den Punkt genau umgesetzt werden. Ein riesiges Sofa, das in der Länge die ganze Bühnenbreite einnimmt und auf dem sich die amourösen Verwicklungen abspielen, sorgt für ebenso gute Unterhaltung wie die lange Tafel, an der Bonhomme die Flüchtlinge aus Paris zu Speis und Trank einlädt und seine Gäste seine Vorräte hemmungslos aufbrauchen. In der Personenregie setzt von Götz auf enormes Tempo, das von einem absolut spielfreudigen Ensemble mit großem Witz umgesetzt wird. Wer ist wer bei Bonhomme (Tobias Hieronimi, stehend in der Mitte) in Châlons? (von links sitzend: Sergeant Pandore (Andrey Andreychik), Robert (Eddie Mofokeng), Susette (Marlene Mesa), Mathilde (Neele Kramer), Ernestine (Gabrielė Sokaitė), Jaquino (hier: Jan Kämmerer) und Oberst Furieux (Julian Rohde), dahinter Chor) Natürlich geht die Infektionswelle auch nicht unbeschadet am Theater Hildesheim vorbei. Zur besuchten Aufführung hat sie stimmlich gleich zwei zentrale Partien außer Gefecht gesetzt. Neele Kramer und Julian Rohde können als Mathilde und Oberst Furieux allerdings zumindest szenisch auftreten, während die Partien von den Seiten von Meredith Bloomfield und Jean Philipp Chey eingesungen und eingesprochen werden. Chey zeigt dabei so große Spielfreude, dass er teilweise den Text mit komödiantischer Mimik und Gestik von der Seite untermalt, während Rohde mit vollem Körpereinsatz auf der Bühne agiert. Dabei punktet Chey mit einem wunderbar lyrischen Tenor und sauber ausgesungenen Höhen. Bloomfield agiert ein wenig zurückhaltender, zumal man an einzelnen Stellen das Gefühl hat, dass das Ensemble im Text einige Sprünge macht, was für Bloomfield die Suche im vorliegenden Textbuch erschwert. Mit rundem Sopran gestaltet sie aber die Partie der Mathilde sehr eindringlich, wobei Kramer ihr szenisch einen recht burschikosen und zupackenden Charakter auf der Bühne verleiht. Eddie Mofokeng gibt den Hauptmann Robert als romantischen Herzensbrecher mit leidenschaftlichem Tenor, und Marlena Mesa hat als kecke Zofe Susette stimmlich und darstellerisch Feuer. Besonders witzig ist das Duett, in dem sie den Oberst davon überzeugt, dass sie mindestens genauso viel zu bieten hat wie ihre Herrin, die Comtesse. Auch Gabrielė Sokaitė und David Soto Zambrana begeistern als Ernestine und Jaquino auf ganzer Linie. Sokaitė stattet die Titelfigur mit leuchtendem Sopran aus und macht auch in den Tanzeinlagen eine sehr gute Figur. Dabei zeichnet sie die junge Frau absolut selbstbewusst und flirtet hemmungslos mit dem Gutsbesitzer Bonhomme, um Jaquino eifersüchtig zu machen. Soto Zambrana gibt den Karikaturisten mit humorvollem, südländischem Temperament und beweglichem Tenor. Dass er in den Ensemble-Szenen eine Maske trägt, dient wohl der eigenen Sicherheit, da er in zwei Wochen für die nächste Premiere in Hildesheim, Titanic, als Fleet fit sein möchte. Abstriche sind dabei stimmlich nicht zu machen. Mit großem komödiantischem Talent punktet auch Tobias Hieronimi als Gutsbesitzer Bonhomme. Gleich beim ersten Auftritt tritt er humorvoll aus dem Stück heraus und beginnt mit dem Publikum im Saal ein witziges Gespräch über die schrecklichen Zeiten und Sitten. Auch gesanglich hält das Werk einiges für ihn bereit, was er mit viel Esprit umsetzt. Die übrigen kleineren Partien und der von Achim Falkenhausen einstudierte Chor überzeugen ebenfalls durch große Spielfreude. Florian Ziemen steuert mit der TfN Philharmonie einen frischen Operetten-Klang aus dem Graben bei, der bei aller Verworrenheit der Handlung für eine rundum gelungene Operettenunterhaltung sorgt. FAZIT Inhaltlich ist Strauss' letzte Operette sicherlich nicht der ganz große Wurf, hat aber musikalisch einiges zu bieten, was von einem gut aufgelegten Ensemble überzeugend umgesetzt wird.
Ihre Meinung
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ProduktionsteamMusikalische Leitung
Inszenierung und Bühne
Kostüme
Choreographie
Chor
Dramaturgie
TfN-Philharmonie Opernchor und Jugendchor des TfN
Solistinnen und Solisten *rezensierte Aufführung Comtesse Mathilde de Nevers Oberst Furieux Captaine Robert Bonhomme, Gutsbesitzer Ernestine, Volkssängerin Jaquino, Karikaturist Susette, Kammermädchen der Comtesse Sergeant Pandore Chalais, Schuster Balais, Bäcker Calais, Schneider Ein Hauptmann des Herzogs von Braunschweig
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