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Anatomie eines Frauenmordes
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Olaf Malzahn
Alban Berg führt die Hauptpersonen seiner Oper Wozzeck musikalisch mit fünf Charakterstücken ein, jedes eine Szene lang: Mit einer Suite für den Hauptmann, einer Rhapsodie für Soldatenkumpel Andres, einem Militärmarsch und Wiegenlied für Wozzecks Geliebte (und Mutter seines Sohnes) Marie, einer Passacaglia für den Doktor und einem Rondo für den Tambourmajor, dem sich Marie hingibt. In dieser Inszenierung sieht man das Personal zu Beginn der Oper in fünf Türen auf der Rückseite des Raumes, beinahe wie in einem Setzkasten. Damit ist ein optisches Pendant zur formalen Anlage gegeben. Und die Titelfigur Wozzeck? Der wird charakterisiert durch seine Beziehung zu diesen Personen, und es ist, so der Ansatz der Regie von Brigitte Fassbaender, seine Sichtweise auf die Welt, die das Stück schildert. Und deshalb steht er fast permanent auf der Bühne.
Wozzeck
Der hünenhafte Bo Skovhus bewältigt die Partie mit beängstigender Präsenz, szenisch wie musikalisch. Mit eingezogenem Kopf verdeutlicht er trotz seiner kraftstrotzenden Statur, dass er ein Unterdrückter ist, ein von den Mitmenschen (oder den Machtstrukturen) Gehetzter - aber eben auch der Gewalttäter, der Marie umbringen wird. Skovhus kann seinen dunklen, gedeckten Bariton groß auftrumpfen lassen, wenn die Dramatik der Oper das verlangt, und er kann ihn verhalten zurücknehmen, wobei auch dann die dahinter lauernde vokale Kraft präsent bleibt. Er lotet keineswegs nur die Extreme der Partie aus, sondern auch die vielen Zwischentöne. Das Kraftzentrum dieser Inszenierung ist er sowieso. Trotzdem gelingt es mit ungeheuer präziser Personenregie, auch die anderen Figuren genau zu profilieren.
Wozzeck zwischen Doktor (links) und Hauptmann
Fabelhaft umgesetzt die fein ausgearbeitete, psychologisch schlüssige Personenregie. Brigitte Fassbaender entwickelt ihre Inszenierung aus der Musik heraus, ganz konkret im oben beschriebenen Eingangsbild, aber immer wieder durch eine sehr genau auf die Wendungen der Partitur hin ausgerichteten Regie. In Dirigent Stefan Vladar findet sie einen kongenialen Partner, der mit dem sehr guten und konzentrierten Philharmonischen Orchester der Hansestadt Lübeck die charakteristischen Motive immer wieder plastisch hervortreten lässt und mit den Sängerinnen und Sängern den ständigen Wechsel zwischen gesprochenem und gesungenem Text, wie ihn Berg vorschreibt, sorgfältig ausgearbeitet hat. Damit erreicht die Aufführung schauspielerische Genauigkeit, ohne an Musikalität zu verlieren. Hauptmann, Doktor, Tambourmajor (sie alle haben in Büchners Schauspielfragment wie in der Oper keine Namen, sondern bleiben Funktionsträger) und Andres sind puppenhaft stilisiert, Reflexionsflächen für Wozzecks Vorstellung. Gesungen und gespielt sind sie durchweg hervorragend. Peter Lohdahl gestaltet den Hauptmann mit scharf schneidendem Tenor, Changjun Lee den Doktor mit klarem, großformatigem Bariton. Roman Payer ist ein bis zur Karikatur blasierter, stimmlich auftrumpfender Tambourmajor, Noah Schaul ein mitfühlender Andres.
Der Tambourmajor drangsaliert Wozzeck
Differenzierter, vor allem menschlicher ist die Marie angelegt. Sie ist eine in ihrer Gefühlswelt zerrissene Frau, deren Affäre mit dem schneidigen Tambourmajor eine komplexe Mischung aus kurzzeitigem sozialem Aufstieg, erotischer Faszination und vielen Schuldgefühlen besteht. Darstellerin Adrienn Miksch setzt das Konzept beeindruckend um. Fast ohne Requisiten sitzt sie immer wieder auf ein paar Stufen vorn an der Rampe und macht das Innenleben dieser Frau mit wenigen, aber wirkungsvollen Gesten deutlich. Mit einer ungemein differenzierten musikalischen Gestaltung zwischen verinnerlichter Lyrik und großen dramatischen Ausbrüchen zeichnet sie auch vokal ein vielschichtiges Rollenportrait. Gerade weil sie als starke, selbstbestimmte Frau auftritt, wird auch die Figur Wozzecks umso widersprüchlicher. Fassbaender analysiert die Psyche des Mörders mit sachlicher Nüchternheit, und sie beschönigt die Tat nicht. "Wir arme Leut'" - das von Wozzeck eingebrachte soziale Ungleichgewicht rechtfertigt keinen Mord, den man in diesem Kontext auch als Femizid betrachten kann.
Wozzeck und Marie
Der Bühnenraum greift mit angedeuteten Rundbögen abstrahierend die Jugendstilarchitektur des Lübecker Theaters auf (Ausstattung: Bettina Munzer) und schafft damit einen direkten Bezug zum Publikum. Die Kostüme verorten das Geschehen undeutlich in den 1920er- oder 1930er-Jahren, also der Entstehungszeit der Oper und den folgenden düsteren Jahren. Funktionale Billigstühle mit Plastiksitz wirken gegenwärtig. Ein historisches Stück wird also nicht gezeigt. Fassbaender erzählt nicht realistisch, sie deutet die Ereignisse oft nur an. Ein Messer, mit dem Wozzeck Marie ersticht, gibt es nicht, und die Regie kommt ohne Theaterblut aus. Wenn Wozzeck in der Eingangsszene den Hauptmann nicht rasiert, sondern ihm eine Perücke aufsetzt, ist das ein subtiler Verweis auf den historischen Perückenmacher Johann Christian Woyzeck, einen zum Tode verurteilten Frauenmörder, dessen vielbeachteter Gerichtsprozess Georg Büchner zu seinem (unvollendet gebliebenen) Drama Woyzeck inspirierte (die Abweichung im Titel der Oper geht auf einen Lesefehler in der ersten Edition des schwer entzifferbaren Dramenfragments zurück). Wozzeck ertränkt sich nicht, wie im Libretto vorgesehen, sondern wird von der Gesellschaft von der Bühne gedrängt. Der Narr, der eigentlich nur einen Kurzauftritt hat, ist fast permanent präsent und verleiht dem Geschehen Shakespeare'sche Dimensionen. "Der Mensch ist ein Abgrund", heißt es bezeichnend im Text. Die Machtstrukturen bleiben auch nach Wozzecks Tod bestehen.
Großes Musiktheater: Mit einem herausragenden Ensemble zeichnet Regisseurin Brigitte Fassbaender nüchtern analytisch die Ursachen eines Frauenmords nach. Eine der besten Opernproduktionen der laufenden Saison. Ihre Meinung ? Schreiben Sie uns einen Leserbrief |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Chor
Kinder- und Jugendchor
Licht
Dramaturgie
Solisten
Wozzeck
Tambourmajor
Andres
Hauptmann
Doktor
1. Handwerksbursch
2. Handwerksbursch
Marie
Margret
Maries Knabe
Der Narr
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