|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
Die inneren Dämonen des traurigen KönigsVon Stefan Schmöe / Fotos von Sandra Then
Zunächst ist König Saul dem jungen David noch ausgesprochen dankbar. Der hat schließlich den starken Goliath getötet und damit den Sieg über die Philister herbeigeführt. Grund genug, um ihn zum Schwiegersohn zu machen, denkt sich Saul. Die eine Tochter, Merab, ziert sich freilich, jemanden aus der Unterschicht zu heiraten; die andere, Michal, greift umso lieber zu. David hätte wohl, zumindest in dieser Inszenierung, Sauls Sohn Jonathan bevorzugt, aber das steht in einem biblischen Oratorium von 1739 natürlich nicht zur Debatte, und so bleibt es bei einer edlen platonischen Männerfreundschaft zwischen den beiden. Doch Sauls Dankbarkeit vergeht, als er seine Macht durch den strahlenden, vom Volk bejubelten Helden gefährdet sieht, und so sinnt er auf dessen Tod. Vergeblich. Gott ist auf Seiten Davids, und Saul verfällt zunehmend dem Wahnsinn - bis er, gemäß einer Weissagung des Propheten Samuel (den er kurzerhand heraufbeschwört) ebenso wie sein Sohn Jonathan in einer Schlacht fällt. David wird sein Nachfolger auf dem Thron.
Das Volk bejubelt den Sieg über die Philister. Vorn das Haupt Goliaths.
Barrie Kosky hat Georg Friedrich Händels Oratorium Saul 2015 im englischen Glyndebourne bildmächtig in Szene gesetzt. Jetzt hat die Kölner Oper die Produktion, an der zehn Jahre Alterung erstaunlich spurlos vorbeigegangen sind, übernommen. Großes Lob gebührt Donna Stirrup, die für die szenische Einstudierung verantwortlich ist und mit einem überaus spielfreudigen Ensemble sehr präzise gearbeitet hat. Auf der leicht ansteigenden, schwarz ausgeschlagenen Bühne ist der Chor in barock anmutende, aber keineswegs exakt historische Kostüme gekleidet (Ausstattung: Katrin Lea Tag). Alle Bewegungen, bewusst artifiziell gehalten, sind genau durchgestaltet. Immer wieder arrangiert sich der Chor zu kunstvollen Standbildern. Kosky inszeniert lustvoll das theatralische Moment im Oratorium. Verstärkt wird dieser Effekt durch ein sechsköpfiges Tanzensemble, das durch alle Stile hindurch, vom barocken Schreittanz bis zum Gesellschaftstanz der Gegenwart, so ziemlich alle Stile parodistisch streift (Choreographie: Otto Pichler). Bei Kosky, der an der Komischen Oper Berlin die Gattung Operette zu neuem Leben erweckt hat, wird auch das Oratorium zur bunten Show mit Revuecharakter, insbesondere da, wo Händel das große Pathos einfordert.
Michal, Tochter Sauls, und David
Trotzdem gleitet die Regie weder in Albernheit noch in Banalität ab. Das liegt zum einen an der großen Souveränität, mit der Kosky sich virtuos zwischen Ernst und Ironie bewegt, zum anderen an der genauen Personenzeichnung der Hauptfiguren - denn letztendlich ist der Chor, so groß der musikalische Part auch sein mag, die opulente Staffage zum Kammerspiel. Und so festlich-bunt es vor der Pause mit zwei gewaltigen, mit üppigem Blumenschmuck versehenen Tischen zugeht (der Chor wird gern wie auf einem Buffet darauf drapiert), so stark schlägt die Stimmung zwischen dem ersten und zweiten Teil des Abends um. Nach der Pause sind die Blumen verschwunden, auf der mit Torf bedeckten Bühne stehen statt dessen unzählige Kerzen. Kosky lässt das Stück ins Tragische kippen. Auf den Sieg und das überzogene Freudenfest werden Niederlagen folgen. Zuvor aber verfällt Saul dem Wahnsinn. Nur mit Unterhose bekleidet irrt er auf inzwischen leerer Bühne umher - ein König wie Shakespeares King Lear im Sturm auf der verlassenen Heide. Christopher Purves, der die Rolle schon in Glyndebourne verkörpert hat, gibt der Figur szenisch wie musikalisch scharfes Profil. Er setzt mit seinem nicht übermäßig großen, wandlungsfähigen Bariton nicht auf schönen Klang (und durch die Koloraturen mogelt er sich irgendwie durch), sondern auf eine psychologisch schlüssige Ausgestaltung des Textes. Wenn er den Geist des Propheten Samuel heraufbeschwört, dann gestaltet er diese Figur gleich mit, führt also ein Zwiegespräch mit sich selbst: Ein faszinierender innerer Monolog mit wechselnden Klangfarben.
Wollte David nicht zum Mann: Merab, die andere Tochter Sauls
Sauls Gegenspieler ist nicht David, den Christopher Lowrey mit warm timbrierten, lyrisch geführtem Countertenor wenig kriegerisch anlegt. Sein Gegenspieler ist er selbst, das sind seine inneren Dämonen. Vielleicht bleibt der Schluss der Inszenierung wegen des fehlenden Gegenparts merkwürdig unscharf: Welche Rolle der nette David als neuer König einnimmt, bleibt einigermaßen offen; nach einem standesgemäß pompösen Auftritt geht er alsbald in der Menge unter. Eher blass bleibt der Jonathan, den Linard Vrielink mit leichtem, in der Höhe angestrengtem Tenor singt. Sarah Brady gibt die Königstochter Merab mit vollem, in den Koloraturen ungenauem, im Piano samtig schimmerndem Sopran. Giulia Montanari gestaltet deren Schwester Michal mit leichtem Soubrettensopran, der in der hohen Lage glockenhell leuchtet, aber in der Mittellage recht farblos und wenig durchsetzungsfähig klingt. Solide agiert John Heuzenroeder in der kleinen Rolle der Hexe. Die anderen Nebenrollen sind zu einer Figur zusammengefasst, die als Narr durch das Stück führt, ein boshaft kommentierender Beobachter. Benjamin Hulett verleiht der Figur mit agilem Spieltenor genaue Konturen.
Zunehmend dem Wahnsinn verfallen: Saul
Unter der Leitung von Rubén Dubrovsky spielt das ausgezeichnete Gürzenich Orchester filigran und transparent mit zurückgenommenem Klang. Die Details sind genau ausgearbeitet. Die raffinierte Instrumentation (Händel setzt für den David die Harfe ein und verwendet außerdem Orgel und Carillon, ein mit Tasten gespieltes Glockenspiel) mit vielen wechselnden Klangfarben kommt sehr schön zur Geltung und wird fein ausdifferenziert. Das opernhaft starke Vibrato des Chores passt nicht ideal in dieses Farbspektrum, da wäre ein geradlinigerer, schlankerer Klang angemessener. Dabei gestaltet der Chor seinen Part nuanciert aus, singt mit vielen Zwischenstufen zupackend in den Jubelchören und sanft klagend in den Trauergesängen (Einstudierung: Rustam Samedov).
Barrie Koskys verspielt theatralische Umsetzung des Oratoriums auf der Opernbühne, die sich irgendwo zwischen artifiziellem Barocktheater und ironischer Revue bewegt und souverän Witz und Tragik verbindet, ist auch zehn Jahre nach ihrer Entstehung sehenswert. Musikalisch glänzt vor allem das Orchester. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Szenische Einstudierung
Bühne und Kostüme
Licht
Übertragung Lichtkonzept
Choreographie
Choreographische Einstudierung
Chor
Cembalo / Orgel / Carillon
Laute/Theorbe
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Saul / Geist Samuels
David
Merab
Michal
Jonathan
Abner / Hohepriester / Amalekiter / Doeg
Hexe von Endor
Tänzer*innen
|
© 2025 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de