Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Breaking the Waves

Oper in drei Akten
Libretto von Royce Vavrek nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier
Musik von Missy Mazzoli


in englischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Kleinen Haus des Badischen Staatstheaters Karlsruhe am 18. Januar 2026
(rezensierte Aufführung: 23. Januar 2026)

Hinweis: Die hier besprochene Aufführung konnte wegen eines Streiks des technischen Personals nur ohne Bühnenbild und Beleuchtung gezeigt werden und gibt nur einen eingeschränkten Eindruck der Inszenierung wieder.


Logo:  Theater Essen

Badisches Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)
Glockengeläut über offener See

Von Stefan Schmöe / Fotos von Felix Grünschloß (Badisches Staatstheater Karlsruhe)

Es sei die Musik, sagt die junge Beth auf die Frage, was ein Fremder wie Jan den einheimischen Männern voraushabe. Musik haben sie nicht in der streng calvinistischen Gemeinde an der schottischen Küste. Nicht einmal Kirchenglocken. Um Jan, den Arbeiter von der Ölbohrinsel, zu heiraten, braucht Beth die Einwilligung des Ältestenrats der Gemeinde. Als Beth zu Gott betet, er möge Jan von der Bohrinsel zurückholen, erfüllt sich der Wunsch auf tragische Weise: Nach einem Unfall ist Jan querschnittsgelähmt und dem Tod nah. Er könne nur weiterleben, fordert er, wenn Beth mit anderen Männern schlafe und ihm davon erzähle. Das setzt einen Prozess in Gang, der zu Katastrophe wie Erlösung führt. Beth erfüllt die Vorgabe gegen alles innere Widerstreben, bis sie aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen ist und von zwei gewalttätigen Matrosen derart misshandelt wird, dass sie an den Folgen stirbt. Jan aber wird gegen alle medizinischen Erwartungen gesund, stiehlt Beth' Leichnam und bestattet ihn auf offener See. Am Ende läuten über dem leeren Meer die Glocken.

Vergrößerung in neuem Fenster Hochzeit von Beth und Jan unter dem allgegenwärtigen Kreuz

Es bedarf schon einer spezifischen Mischung aus Genialität und Wahnsinn, um diese Geschichte plausibel zu verfilmen. Lars von Trier gewann mit Breaking the Waves 1996 den großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Cannes. 2016 hat die 1980 geborene amerikanische Komponistin Missy Mazzoli den Stoff als Oper vertont, die in Philadelphia uraufgeführt und seitdem mehrfach nachgespielt wurde (in Deutschland zuerst 2023 in Bremerhaven). Das Libretto von Royce Vavrek bleibt nah am Drehbuch, gibt aber dessen Unterteilung in sieben Kapitel auf und teilt die linear erzählte Geschichte konventionell in drei Akte ein (warum eigentlich?). Eine geschickte Verschärfung erfährt die Konstellation dadurch, dass der Ältestenrat in der Oper (nicht im Film) unbedingten Gehorsam der Frau gegenüber dem Ehemann einfordert, was Beth' moralischen Konflikt noch zuspitzt. Missy Mazzoli hat dazu eine Musik komponiert, deren instrumentaler Part für Kammerorchester um tonale Zentren kreist und auf wiederkehrenden Motiven aufgebaut ist, aber auf melodische Entwicklungen verzichtet. Die Stimmen können sich in großen gesanglichen Linien über diesem instrumentalen Untergrund bestens entfalten.

Szenenfoto

Den ersten Sex gibt's noch während der Hochzeit im Badezimmer.

Die Nähe zur Filmvorlage wird in Karlsruhe durch die naturalistische, durchaus filmhafte Erzählweise der Inszenierung (Christoph von Bernuth) noch unterstrichen. Wobei die hier beschriebene zweite Aufführung nur ein eingeschränktes Bild davon wiedergab, denn aufgrund eines Warnstreiks des technischen Personals musste weitgehend ohne das Bühnenbild (Oliver Helf) gespielt werden, das eigentlich eine Folge von fünf engen Zimmern mit dem Kirchenraum als Zentrum zeigt. An diesem Abend sind die Grenzen der Räume durch weißes Klebeband auf dem Bühnenboden markiert (was nicht ohne Witz ist, denn genau dieses Verfahren verwendete von Trier später in seinem Film Dogville). Aber selbst in diesem dekonstruierenden Rahmen tut sich die Oper schwer damit, Eigenständigkeit gegenüber der übermächtigen Vorlage zu erlangen, scheint das auch gar nicht recht zu wollen. Es ist eher kein Vorteil, den Film und dessen in graubraune Farben getränkte Bilder zu kennen.

Vergrößerung in neuem Fenster Der Moment, der alles ändert: Oben im Bild sieht man den Unfall auf der Bohrinsel, als dessen Folge Jan querschnittsgelähmt sein wird.

Die Aufführung lebt vor allem von der stimmlichen Präsenz von Martha Eason in der Rolle der Beth. In weit ausschwingenden Bögen entwickelt ihr lyrischer, auch in großen dramatischen Aufschwüngen nie angestrengt klingender Sopran leuchtende Intensität. Mit solcher vokalen Souveränität und auch mit ihrer eleganten Erscheinung gestaltet sie eine selbstbewusste Frau und weniger das zerbrechliche und zwischen gegensätzlichen Erwartungen zerrissene junge Mädchen der Filmvorlage. Tomohiro Takada singt mit ebenso elegantem wie kraftvollem Bariton den Jan. Mit Marie-Sophie Janke als Beth' liebevoller Schwägerin Dodo, Barbara Dobrzanska als strenger Mutter und Matthias Wohlbrecht als Arzt sind auch die weiteren zentralen Partien sehr gut besetzt. Dabei hätte die insgesamt solide Regie die Personenkonstellation noch schärfer herausarbeiten dürfen. Am besten gelingt das mit Jans Arbeitskollegen Terry (Oğulcan Yılmaz), der schon kleidungsmäßig als Fremder heraussticht (Kostüme: Tatjana Ivschina) und mit Bierdose in der Hand die örtlichen Sitten ignoriert.

Szenenfoto

Beth und ihre Mutter

Wie im Film hält Beth immer wieder Zwiegespräche mit Gott, bei denen sie wie in Trance dessen vermeintliche Antworten in anderer Tonlage selbst spricht. Das ist in der Komposition auch so übernommen (Martha Eason setzt das eindrucksvoll um), wird aber oft durch den Männerchor wiederholt oder verstärkt. So ist es eher der Sittenkodex des Dorfes als göttlicher Wille, der die Moral bestimmt. Die Herren des Staatsopernchores, die auch als Dorfbewohner agieren, singen klangschön (Einstudierung: Ulrich Wagner, der auch die hier besprochene Aufführung dirigiert), wobei man sich manche Phrase noch härter und unerbittlicher vorstellen könnte. Die 15 Musikerinnen und Musiker der Badischen Staatskapelle spielen zuverlässig, gleichwohl dürften die unterschiedlichen Klangfarben noch deutlicher herausgestellt und die Spannungsbögen sorgfältiger aufgebaut werden.


FAZIT

So wie manche Literaturverfilmung vor allem ängstlich darum bemüht ist, die Erwartungen der Leserschaft zu erfüllen, erzählt diese Opernversion eines Films allzu brav die Vorlage nach. Die Karlsruher Produktion schließt sich dem werktreu an und überzeugt vor allem durch die bravourösen Gesangsleistungen.

Nachtrag / Anmerkung des Rezensenten:

Die Oper Karlsruhe weist darauf hin, dass die wegen des Streiks gezeigte und hier besprochene Version "wahrlich nicht repräsentativ, sondern eine bestmögliche Alternativlösung war. Ohne Bühnenbild und vor allem auch ohne die 150 Lichtstimmungen plus einen wichtigen Kostümumzug der Chorherren und etlichen weiteren kleinen aber wichtigen Details, die in der „Streikversion“ nicht umsetzbar gewesen waren, war es nicht mehr dieselbe Inszenierung beziehungsweise nicht mehr in Gänze." Und weiter, dass "die besuchte Aufführung zwar vollszenisch in Maske und (größtenteils) Kostüm stattfand, jedoch mit stark eingeschränkten bühnentechnischen Möglichkeiten bei Bühnenbild, Beleuchtung und Requisiten."

Ich bin aus diesem Grund nur auf die Grundzüge der an diesem Abend zu erlebenden Personenregie und bewusst nicht auf die ästhetische Wirkung des Bühnenbilds eingegangen (unsere Leser können sich anhand der Produktionsfotos einen Eindruck davon machen).

27.Januar 2026


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giuseppe Barile
* Ulrich Wagner

Inszenierung und Lichtdesign
Christoph von Bernuth

Bühne
Oliver Helf

Kostüme
Tatjana Ivschina

Licht
Maximilian Decker

Chor
Ulrich Wagner

Dramaturgie
Anna-Teresa Schmidt



Statisterie des Badischen Staatstheaters

Badischer Staatsopernchor

Badische Staatskapelle


Solisten

* Besetzung der rezensierten Vorstellung

Bess McNeill
Martha Eason

Jan Nyman
Tomohiro Takada

Dodo McNeill
Marie-Sophie Janke

Mother
Barbara Dobrzanska

Dr. Richardson
Matthias Wohlbrecht

Terry
Oğulcan Yılmaz

Councilman
Liangliang Zhao

Young Sailor
Wei Liu
*Harrie van der Plas

Sadistic Sailor
Dylan Glenn
*Luiz Molz

Solo-Tenor
André Post






Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Badischen Staatstheater Karlsruhe
(Homepage)




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -