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Das Ende der schönen neuen Kunst-Welt
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Matthias Stutte Es liegt mehr als nur ein Hauch von künstlerischer Aufbruchsstimmung über diesem Paris. Eine kubistische Stadtlandschaft bildet den Hintergrund des ersten und letzten Bildes. Linien gehen in Struktur über wie in Gemälden Lionel Feiningers. Hinter dem Café Momus im zweiten Akt sieht man den Eiffelturm dynamisch nach oben streben wie bei Robert Delaunay. Der Futurismus scheint nah, die schiefen Wände des winzigen Mansardenzimmerchens der vier Bohèmiens verweisen auf den expressionistischen Stummfilm. Mit weiß geschminkten Gesichtern wirken die Bewegungen der vier jungen Künstler auf engem Raum genau durchchoreographiert. Alles ist neu, alles ist Kunst in diesem gerade angebrochenen Jahrhundert, was eigentlich nicht ganz stimmt, denn die Oper, 1896 uraufgeführt, entstammt gerade noch dem vergangenen. Und doch passt es zum Lebenshunger der Protagonisten.
Erstes Bild: Mimí und Rodolfo kommen sich näher
Regisseur Dennis Krauß hat selbst das sehr schön anzusehende Bühnenbild entworfen, in dem er die Geschichte ohne Brechungen eng am Libretto entlang erzählt. Man sieht alles, was es für die Geschichte braucht, und doch ist die Szenerie nicht realistisch. Krauß zeigt vielmehr Kunst-Bilder. Er stilisiert sein Paris zu einer Welt des schönen Scheins, wie an der Staffelei entworfen. Von den sozialen Rahmenbedingungen ist genau so viel zu sehen wie für die Handlung erforderlich. Der Regie geht es nicht um Konsum- oder Kapitalismuskritik. Arm sein gehört zum unbürgerlichen Lebensentwurf. Aber nach dem Einbruch des Todes in ihre Welt ist schwer vorstellbar, dass es jemals wieder so zukunftssüchtig unbeschwert zugehen wird wie am Beginn der Oper.
Zweites Bild: Musetta singt hinter Glas, Marcello bleibt außen vor
Auf dieser Ebene funktioniert die Inszenierung sehr gut. Sicher könnte man manches radikaler, pointierter zeigen, aber Krauß will der Oper ihre Schönheit nicht nehmen - und allein schon dieser Ansatz ist viel wert. Dass es sich nicht um realistische Milieuschilderungen handelt, ist ohnehin in jedem Moment klar. Weniger gut gelingt die ein wenig hölzern inszenierte Liebesgeschichte. Wirklich nahe kommen sich der Schriftsteller Rodolfo und die Näherin Mimí nicht. Auch nicht musikalisch: Sofia Poulopoulou singt mit warmem, nicht zu kleinem, leuchtendem Sopran, ohne allzu viel zu riskieren. Alles klingt schön, aber die ganz große Verzweiflung, auch die Zerbrechlichkeit der Mimí, hört man nicht. Woongyi Lee stattet den Rodolfo mit strahlendem, kraftvollem Tenor aus und hat viel glänzendes Metall in der Stimme. Mehr Geschmeidigkeit und stärkerer Wille zum Piano täten der Gestaltung gut. Aber vielleicht braucht es einfach noch zwei, drei Aufführungen, um neben der großen Linie auch die Details feiner zu gestalten.
Drittes Bild: Mimí belauscht das Gespräch von Marcello und Rodolfo
Dem zweiten Paar macht es die Regie schwer. Warum Musetta ihr Walzerlied im zweiten Bild im Inneren des Café Momus singt, bleibt rätselhaft. Eine erotische Spannung zu ihrem Ex-Liebhaber Marcello, der von draußen durch die großen Fensterscheiben zusieht, baut sich dadurch nicht auf. Überhaupt wirkt die Szene trotz Chor, Extrachor und Kinderchor merkwürdig leer. Den Kinderchor, ein Projektchor von Schülerinnen und Schülern mehrerer Krefelder Schulen (Einstudierung: Marie-Kristin Steiner und Ricardo Navas Valbuena), schiebt die Regie ohnehin nur dann auf die Bühne, wenn er etwas zu singen hat (was er mit Elan und Präzision tut). Auftritt, bitte alle nach rechts zeigen, Abtritt - da dürfte man den jungen Sängerinnen und Sängern szenisch vielleicht doch etwas mehr zutrauen. Gesungen wird auch von Chor und Extrachor sehr schön, dennoch bleibt dieses zweite Bild das von der Personenregie her schwächste.
Viertes Bild: Rodolfo an der Leiche Mimís
Sophie Witte (mit strengem Sahra-Wagenknecht-Haarknoten versehen) gestaltet die Musetta mit auftrumpfendem Sopran als zickige Diva. Rafael Bruck in der Rolle ihres früheren und Jetzt-wieder-Liebhabers Marcello hält mit kraftvollem Bariton dagegen. Matthias Wippich singt einen soliden Colline, Jeconiah Retulla einen punktgenau agierenden Schaunard. Die zuverlässig spielenden Niederrheinischen Sinfoniker wurden in der hier besprochenen Aufführung von Kapellmeister Giovanni Conti dirigiert - in den meisten Aufführungen steht GMD Mihkel Kütson am Pult. Conti begleitet umsichtig und reagiert schnell und flexibel auf die Sängerinnen und Sänger. Puccinis delikate Klangfarben könnte man sicher noch stärker herausarbeiten.
Nicht alles funktioniert in der mitunter ungenauen Personenregie, aber das tolle Bühnenbild macht vieles wett. Musikalisch nicht der ganz große Glanz, aber doch sehr ordentlich. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung und Bühne
Kostüme
Choreografische Mitarbeit
Chor
Kinderchor (Projektchor)
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der rezensierten Aufführung
Rodolfo
Marcello
Mimi
Schaunard
Musetta
Colline
Benoit
Alcindoro
Parpignol
Sergeant bei der Zollwache
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