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Zwei verlorene Seelen Von Claudia Stockmann / Fotos: © ORW Liège / J. Berger Eine Uraufführung erlebt man an der Opéra Royal de Wallonie in Liège nicht alle Tage. Benoît Merniers stellt hier seine neue Kammeroper Bartleby vor, und während an manch anderem Haus ein Stück mit etwas über 100 Minuten Spieldauer für einen kompletten Opernabend als ausreichend betrachtet wird, schließt man hier noch Francis Poulencs 1959 uraufgeführtes Monodrama La Voix humaine an. Auf den ersten Blick mag diese Zusammensetzung willkürlich erscheinen. Aber wenn man in die einzelnen Geschichten tiefer eintaucht, lassen sich durchaus Parallelen zwischen der Titelfigur in Merniers Oper und der namenlosen Frau in Poulencs Tragédie lyrique erkennen, ohne dass man die beiden Stücke in einem Einheitsbühnenbild oder durch ein verbindendes Element zusammenführen muss, auch wenn einzelne Requisiten wie beispielsweise die Gipsbüste eines Mannes in beiden Stücken auftauchen. Die Anwältin (Patricia Ciofi, mit Turkey (Damien Pass, rechts), Nippers (Santiago Bürgi, links) und Ginger Nut (Gustave Harmegnies, unter dem Tisch)) benötigt einen weiteren Schreiber. Bartleby ist die dritte Oper Merniers. Nach Frühlings Erwachen 2007 und La Dispute 2013 vertont er erstmals eine Novelle. Herman Melville publizierte sie 1853 nach seinem großen Erfolg mit Moby Dick in Putnam's Monthly Magazine. Erzählt wird die Geschichte des Schreibers Bartleby, der in einem Büro an der Wall Street zwar exzellente Arbeit leistet, sich aber immer mehr von der Außenwelt isoliert und schließlich auch seine Arbeit verweigert. Das Büro verlässt er gar nicht mehr. Da sein Chef es nicht über sich bringt, seinen Angestellten hinauszuwerfen, beschließt er, selbst das Büro zu verlassen. Die nachfolgenden Mieter zeigen sich weniger verständnisvoll und lassen Bartleby gewaltsam aus dem Büro entfernen und ins Gefängnis werfen, wo er stirbt, weil er mittlerweile auch die Nahrungsaufnahme verweigert. Mernier hat in seiner Oper den Chef, einen Anwalt, zu einer empathischen Anwältin umgeformt, die immer wieder versucht, zu Bartleby durchzudringen, was ihr aber nicht gelingt. Während Bartleby in der Novelle nur einen einzigen Satz sagt ("I would prefer not to"), ist die Partie in der Oper mit einem Bariton besetzt und wird stimmlich durch einen unsichtbaren Chor vervielfacht. So erscheint der erwähnte Satz immer wieder in einer anderen Farbe und betont das Rätselhafte in der Titelfigur. Eine Antwort auf die Frage nach Bartlebys Verhalten gibt die Oper genauso wenig wie die Novelle. Aber im 21. Jahrhundert hat man vielleicht das Gefühl, Personen wie Bartleby schon einmal begegnet zu sein oder selbst Charakterzüge von ihm in sich zu tragen. Die Oper erzählt die Geschichte Bartlebys in einem Prolog und zehn Szenen. Der Prolog besteht aus einem Präludium, in dem eine klagende Chorpassage in die Handlung einleitet. Hier wird von Liebe, Trennung und der Ruhe des Grabes gesungen. Man kann den Eindruck gewinnen, dass eine unglückliche Liebe Bartleby zu dem introvertierten Menschen gemacht hat, als der er uns später begegnet. Die Passage klingt bereits wie eine Grabrede auf einen Verstorbenen. Der Vorhang ist ein wenig angehoben und gibt den Blick auf die Füße zweier Menschen frei. Während der eine relativ ruhig steht, wirkt der andere sichtlich unruhig und bewegt sich von einem Bein auf das andere. Wenn der Vorhang sich anschließend hebt, erkennt man, dass es sich bei den beiden Menschen um Bartlebys Kollegen Turkey und Nippers handelt, die ebenfalls in der Kanzlei als Schreiber engagiert sind. Vincent Lemaire hat als Bühne hohe fensterlose weißgraue Wände entworfen, die einen abgeschlossenen Raum zeigen, in dem sich das Büro in der Wall Street befindet. Die Stimmung kippt ins Buffoneske, weil die beiden Schreiber sich mehr auf andere Dinge als auf ihre Arbeit konzentrieren, was dazu führt, dass die Anwältin unzufrieden ist und Bartleby als Verstärkung für das Team einstellt. Seine Arbeit ist dann auch zunächst so exzellent, dass er zum Mitarbeiter des Monats gewählt wird. Doch der Büroraum verschiebt sich und zeigt Bartleby größtenteils isoliert in einem Extrabüro. Eine gelbe Tulpe befindet sich stets in seiner Nähe, scheint aber in gewisser Weise unerreichbar zu sein, was die Idee der verflossenen Liebe unterstreicht. Bartleby (Edward Nelson) lebt in seiner eigenen Welt. Die Isolation Bartlebys wird auch noch durch Projektionen auf die Wandflächen betont, die zu sehen sind, wenn Bartleby allein auf der Bühne ist. So bekommt er wesentlich mehr Stimme, als er in Melvilles Novelle besitzt. Die Klangfarben von Merniers Partitur sind sehr tonal gehalten und zeichnen unterschiedliche Stimmungen eindrucksvoll nach. So beherrscht Mernier einerseits einen fast humorvollen Tonfall, wenn Bartlebys Kollegen agieren und verliert sich in nahezu surrealen Klängen, wenn man in die Welt Bartlebys eintaucht. Die Musik für die Anwältin bewegt sich in gewisser Weise zwischen diesen beiden Welten, weil sie einerseits zu vermitteln versucht, andererseits ein ernsthaftes Interesse daran hat, Bartleby zu verstehen. Die Solistinnen und Solisten überzeugen stimmlich und darstellerisch auf ganzer Linie. Patricia Ciofi verleiht der Anwältin einen weichen Sopran, der ihre Empathiefähigkeit unterstreicht, aber auch darunter leidet, nicht zu Bartleby vordringen zu können. Edward Nelson verfügt in der Titelpartie über einen weichen Bariton, der in anderen Sphären zu schweben scheint. Wesentlich bodenständiger kommen Damien Pass mit kernigem Bariton als Turkey und Santiago Bürgi mit jugendlichem Tenor als Nippers daher. Karen Kamensek lotet mit dem Orchester der Opéra Royal de Wallonie de Liège die unterschiedlichen Farben der Partitur differenziert aus. Die Anwältin (Patricia Ciofi, Mitte) kann Bartleby (Edward Nelson, Mitte) vor den Kollegen Turkey (Damien Pass, Mitte links unten), Nippers (Santiago Bürgi, Mitte links oben), Ginger Nut (Gustave Harmegnies, auf dem Boden liegend) und dem Mob (Chor) nicht schützen. Auch der von Denis Segond einstudierte Opernchor begeistert auf ganzer Linie. Besonders bedrohlich wirkt er in der neunten Szene, wenn Bartleby aus dem Büro vertrieben werden soll. Hier wird der Chor zum ersten Mal sichtbar, wenn er als Masse Bartleby beobachtet, der auf einem Gerüst in einem Loch in der Rückwand sitzt und droht herunterzuspringen. Nahezu voyeuristisch tauchen in dem Loch Nippers und Turkey auf und scheinen einen dramatischen Ausgang regelrecht zu befeuern, während die Anwältin hilflos danebensteht, weil sie Bartleby nicht helfen kann. Ob Bartleby am Ende der Oper wirklich ins Gefängnis kommt, kann in der Inszenierung von Vincent Boussard auch anders gelesen werden. Die hohen weißen Wände und der Wärter im weißen Kittel könnten auch ein Sanatorium andeuten, in das Bartleby gebracht wird, weil er sich nun komplett der Außenwelt verschlossen hat. Da man ihn aber auch hier nicht mehr erreichen kann, versinkt alles im Dunkel. Das Publikum zeigt sich sichtlich bewegt und goutiert die Aufführung mit großem Beifall. Nach der Pause geht es mit Poulencs La Voix humaine weiter. Poulencs 1959 uraufgeführte Monooper hat ein 1930 erschienenes Theaterstück von Jean Cocteau als Grundlage und handelt von einem Telefongespräch, bei dem man aber nur die namenlose Frau hört, die mit ihrem Geliebten oder Mann telefoniert, der sie augenscheinlich verlassen hat. Immer wieder wird das Gespräch unterbrochen. Bis zum Schluss gaukelt die Frau dem Mann am anderen Ende des Telefons vor, dass alles in Ordnung sei und sie mit der neuen Situation durchaus klarkomme. Erst das letzte "Je t'aime" deutet an, dass sie sich vielleicht nach Ende des Gesprächs das Leben nehmen wird. Während der rund 40 Minuten kann man nur erahnen, wie der Mann reagiert, während die Frau ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Mal zeigt sie sich zornig, dann verletzt, dann wieder zärtlich liebend und gerät immer wieder in Panik, wenn das Gespräch unterbrochen wird oder sich fremde Personen in der Leitung befinden. Die namenlose Frau (Anna Caterina Antonacci) ist einsam. Wenn das Publikum aus der Pause in den Saal zurückkehrt, ist ein großes Poster auf eine weiße Wand projiziert, die als Vorhang dient. Darauf sieht man einen unbekleideten Mann, der eine nackte Frau in den Armen hält. Beide stehen unter einem Wasserfall, während der Mann eine Wasserfontäne aus seinem Mund fließen lässt. Wenn sich der Vorhang hebt, sieht man dieses Poster auch im Apartment der Frau, das sehr mondän, dabei aber äußerst seelenlos eingerichtet ist. Der Telefonhörer spielt in Boussards Inszenierung nur eine untergeordnete Rolle. Die Frau hält ihn als Requisit nur zu Beginn der Oper in der Hand. Den Rest des Gesprächs führt sie das Gespräch ohne Hörer. Viel irritierender ist aber der schlafende (oder leblose?) Mann, der in ihrem Bett liegt. Handelt es sich dabei eventuell um den Mann, mit dem die Frau eigentlich telefoniert? Ist er tot oder die Verbindung zu ihm schon längst abgebrochen, so dass sich das ganze Telefongespräch nur im Kopf der Frau abspielt? Diese Fragen lässt Boussards Inszenierung offen, so dass das Stück vergleichbare Rätsel aufgibt wie der erste Teil der Inszenierung. Anna Caterina Antonacci ist eine großartige Sängerdarstellerin, die als namenlose Frau die unterschiedlichsten vokalen und spielerischen Facetten zeigen und damit die Spannung über die ganzen 40 Minuten halten kann, so dass kein Moment der Langeweile entsteht. Karen Kamensek setzt mit dem Orchester musikalisch ebenfalls besondere Akzente und fängt die Spannung des Stückes bewegend ein.
FAZIT
Die Opéra Royal de Wallonie kombiniert die Uraufführung inhaltlich
geschickt mit einem Werk, das ebenfalls von einer einsamen, verlorenen Seele
handelt.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung, Kostüme und Licht Bühnenbild Licht Video Chorleitung
Orchester, Chor und Statisterie der
Bartleby Solistinnen und SolistenThe Lawyer Bartleby Turkey Nippers Ginger Nut The Guard
La Voix humaine Solistin und SolistElle
Comédien
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