Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Lucrezia Borgia

Oper in zwei Akten mit einem Prolog
Libretto von Felice Romani nach dem Drama Lucrèce Borgia von Victor Hugo
Musik von
Gaetano Donizetti

In italienischer Sprache mit französischen, niederländischen, deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 5' (eine Pause)

Premiere  im Théâtre Royal de Liège am 10. April 2026
(rezensierte Aufführung: 12. April 2026)

 



Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)

Belcanto-Fest in opulenter Optik

Von Thomas Molke / Fotos: © ORW Liège / J. Berger

Lucrezia Borgia darf mit Sicherheit als die berühmteste Frau der Adelsfamilie Borgia bezeichnet werden, um die sich zahlreiche Mythen und düstere Legenden ranken. Der unehelichen Tochter des spanischen Kardinals Rodrigo Borgia, der später als Papst Alexander VI. im Vatikan herrschte, wurde nicht nur ein inzestuöses Verhältnis zu ihrem Vater nachgesagt, der sie so sehr liebte, dass er ihr mehrfach die Regierungsgeschäfte übertrug. Auch zahlreiche weitere Affären sollen ihre insgesamt drei politisch motivierten Ehen überschattet haben. Der Roman Les Borgia von Alexandre Dumas und das Drama Lucrèce Borgia von Victor Hugo prägten obendrein das Bild einer skrupellosen Giftmischerin. Donizetti wurde 1833 auf Hugos Stück aufmerksam und überredete Felice Romani den Stoff zu einer Oper zu verarbeiten. Obwohl das Werk nach der Uraufführung am 26. Dezember 1833 an der Mailänder Scala 33 weitere Aufführungen in der ersten Saison erlebte, markierte es die letzte Zusammenarbeit mit Romani, der von dem Stoff überhaupt nicht begeistert war. Auch Hugo setzte wegen Plagiatsvorwürfen 1840 ein Aufführungsverbot in Paris durch, so dass die Oper dort erst einige Jahre später unter dem Titel La Rinnegata mit einem neuen Textbuch zur Aufführung gelangte. Wie die meisten übrigen Werke Donizettis geriet das Werk in Vergessenheit und wurde erst im Rahmen der Belcanto-Renaissance in den 1960er Jahren wiederentdeckt. Seitdem gilt die Oper als Meilenstein für große Sopranistinnen wie Montserrat Cabellé, Joan Sutherland und Edita Gruberová.

Bild zum Vergrößern

Orsini (Julie Boulianne, Mitte links) und ihre Freunde (rechts daneben von links: Vitellozzo (Marco Miglietta), Gazella (Luca Dall' Amico), Liverotto (Roberto Covatta) und Petrucci (Rocco Cavalluzzi)) beschuldigen Lucrezia (Jessica Pratt), ihren Familien Leid zugefügt zu haben (links: Gennaro (Dmitry Korchak)).

Im Gegensatz zu anderen berühmten Opern-Heroinen verfällt Lucrezia nicht wegen unerfüllter Liebe dem Wahnsinn, sondern wird von Donizetti als willensstarke Frau gezeichnet, die mehrmals versucht, ihren unehelichen Sohn Gennaro vor dem Tod zu bewahren. Wer der Vater Gennaros ist, lässt das Libretto offen. Lucrezias Ehemann Alfonso d' Este ist es jedenfalls nicht. Schließlich hält er den jungen Mann für den Geliebten seiner Gattin und plant daher dessen Ermordung. Dabei tappt Lucrezia zunächst in eine Falle, weil sie selbst von ihrem Mann die Bestrafung des Mannes fordert, der ihr Familienwappen entehrt hat, indem er durch Entfernung des Buchstabens "B" den Namen "Borgia" zum schändlichen Begriff "orgia" deformiert hat. Als Gennaro, der die Borgias hasst und nicht weiß, dass Lucrezia seine Mutter ist, stolz die Tat zugibt, zwingt Alfonso seine Frau, dem jungen Mann einen Giftbecher zu reichen. In letzter Sekunde kann Lucrezia ihrem Sohn ein Gegenmittel verabreichen und fleht ihn an, sofort die Stadt zu verlassen. Doch Gennaro lässt sich von seinem Freund Maffio Orsini überreden, ihn zum Fest im Palast der Prinzessin Negroni zu begleiten. Dort plant allerdings Lucrezia aus Rache für die ihr widerfahrenen Beleidigungen, Orsini und seine Freunde zu vergiften. Als sie erkennt, dass ihr Sohn unter den Gefährten ist, will sie ihm erneut ein Gegenmittel verabreichen. Aber Gennaro lehnt ab und will lieber gemeinsam mit seinen Freunden sterben. Als er Lucrezia erdolchen will, gesteht sie ihm schließlich, dass sie seine Mutter ist. So stirbt Gennaro in den Armen seiner Mutter, während sie an seinem Tod verzweifelt.

Bild zum Vergrößern

Alfonso (Marko Mimica) verdächtigt seine Frau Lucrezia der Untreue.

Das Regie-Team um Jean-Louis Grinda, der von 1996 bis 2007 als Intendant die Geschicke der Opéra Royal de Wallonie geführt hat, wählt einen sehr opulenten Ansatz. So schwelgt die Inszenierung nicht nur musikalisch in großartigen Belcanto-Klängen, sondern auch die Kostüme von Françoise Raybaud sind eine wahre Augenweide und haben schon fast filmischen Charakter. Inhaltlich interessiert sich Grinda vor allem für die zwiespältige Zeichnung der Titelfigur, die trotz aller Gräueltaten musikalisch eigentlich sehr positiv gezeichnet wird. Motivation sieht Grinda in der verzweifelten Mutterliebe, die Lucrezia zwar bis kurz vor Ende geheim halten muss, aber die ihr Handeln in jedem Moment bestimmt. So wird die Bühne von mehreren Wänden eingerahmt, auf die im Prolog zahlreiche Madonnen-Bilder projiziert werden. Wenn Alfonso zu Beginn des ersten Aktes seine finsteren Pläne schmiedet, sieht man auf diesen Wänden eine Vielzahl von Waffen, die später in einen Haufen Leichen wechseln. Eindrucksvoll ist auch die Projektion mit dem Loch in der Wand, durch die ein Mann, wahrscheinlich soll es Alfonso sein, das Geschehen ausspioniert. Vor der Pause führt in der Mitte der Bühne eine Treppe empor, die im Prolog dahinter den Canale Grande andeutet, über den Lucrezia in einer Gondel eintrifft. Im Hintergrund wird ein pittoreskes Panorama-Bild von Venedig gezeichnet. Das Bild von Ferrara im ersten Akt vermittelt einen ähnlichen Eindruck.

Bild zum Vergrößern

Lucrezia (Jessica Pratt) will Gennaro (Dmitry Korchak) retten.

Nach der Pause sind die Stufen verschwunden. Aus dem Schnürboden hängt ein riesiges Tuch herab, auf dem man eine Renaissance-Dame sieht, die ihr Baby säugt. Davor befindet sich Gennaro, der von seinen Gefühlen für Lucrezia aus unerklärlichen Gründen hin- und hergerissen wird. Durch ein geschicktes Lichtspiel sieht man hinter dem Tuch die Verschwörer Alfonsos, die Gennaros Ermordung planen, doch von dem Plan Abstand nehmen, da Orsini seinen Freund überreden kann, mit zum Ball der Prinzessin zu gehen, wo Lucrezia ja die ganze Gruppe mit dem Borgia-Wein vergiften will. Das Tuch wird emporgezogen und gibt den Blick auf eine riesige Tafel frei, die mit seltsamen roten Pflanzen belegt ist, die ein wenig an eine Unterwasserwelt erinnern. Vielleicht hat Lucrezia von hier ihr Gift für den Wein bezogen. Auch dieser Tisch entschwindet schließlich in den Schnürboden, wenn Gennaro in den Armen seiner Mutter stirbt. Unklar bleibt, welche Funktion der Kinderstatist hat, der mit großen weißen Engelsflügeln auftritt. Man sieht ihn einmal zu Beginn des Prologs, wie er die Treppe auf der Bühne emporsteigt und sich dabei scheinbar allwissend umdreht. Am Ende tritt er dann wieder von der Seite auf und gesellt sich zu Lucrezia und ihrem sterbenden Sohn. Das ist vielleicht ein bisschen zu viel des Guten. Aber der Rest der Inszenierung tröstet darüber hinweg.

Bild zum Vergrößern

Gennaro (Dmitry Korchak) stirbt in den Armen seiner Mutter (Jessica Pratt).

Auch die musikalische Seite des Abends bietet Belcanto-Genuss vom Feinsten. Giampaolo Bisanti erweist sich am Pult des Orchesters der Opéra Royal de Wallonie als Meister der großen Melodienbögen. Mit Innbrunst taucht er in die Partitur ein, die zwischen heiteren Momenten, wunderbaren Duetten und großen dramatischen Ausbrüchen changiert. Natürlich steht und fällt eine Produktion dieser Oper mit der Besetzung der Titelpartie, und da hat man mit Jessica Pratt eine Sängerdarstellerin, die mittlerweile seit einigen Jahren zu den absoluten Größen des Belcanto zählt. Schon in ihrer großen Romanze im Prolog, wenn Lucrezia dem schlafenden Gennaro in Venedig begegnet, begeistert Pratt mit glasklaren Koloraturen und herrlicher Flexibilität in den Läufen. Dabei bietet ihr Sopran einen absoluten Reichtum unterschiedlicher Schattierungen. Wenn man schon meint, dass das von Pratt nicht mehr überboten werden könne, hat man die Rechnung ohne das finale Rondo gemacht, mit dem sie regelrechte Begeisterungsstürme beim Publikum auslöst. Auch hier sitzt jeder Spitzenton, den Pratt scheinbar mühelos eine gefühlte Unendlichkeit halten kann.

Dmitry Korchak verfügt als ihr Sohn Gennaro über einen kraftvollen Tenor, der in den Höhen enorme Reserven besitzt. Ein musikalischer Glanzpunkt ist seine große Szene im zweiten Akt, wenn er über seine Gefühle für Lucrezia sinniert und plant, ihrem Rat Folge zu leisten und die Stadt zu verlassen. Im Duett im Prolog begeistern Korchak und Pratt durch eine betörende Innigkeit, die sie mehr wie ein Liebespaar als wie Mutter und Sohn erscheinen lassen. Da verwundert es nicht, dass Lucrezias Mann Alfonso eifersüchtig wird. Marko Mimica stattet ihn mit einem dunklen und sehr kalten Bass aus, der deutlich macht, dass er der eigentliche Bösewicht in diesem Drama ist. Um eine weitere "weibliche" Farbe in die Musik zu bringen, hat Donizetti die Partie des Maffio Orsini für eine Hosenrolle komponiert. Julie Boulianne gestaltet Gennaros Freund mit jugendlich frischem Mezzosopran und punktet sowohl bei ihrer großen Erzählung im Prolog, wenn Orsini von dem seltsamen Treffen mit dem Greis erzählt, der ihn vor Lucrezia Borgia gewarnt habe, als auch beim Brindisi im zweiten Akt, dessen fröhliche Struktur immer wieder von der Totenglocke und dem düster klingenden Chor unterbrochen wird. Luca Dall' Amico Roberto Covatta, Marco Miglietta und Rocco Cavalluzzi runden die Freundestruppe stimmlich überzeugend ab.

Lorenzo Martelli stattet Alfonsos Spitzel Rustighello mit beweglichem Tenor aus, und auch Francesco Leone und William Corrò überzeugen stimmlich und darstellerisch als Lucrezias Vertrauter Gubetta und Straßenräuber Astolfo auf ganzer Linie. Der von Denis Second einstudierte Opernchor rundet die musikalische Gesamtleistung des Abends wunderbar ab, so dass es zu Recht frenetischen Jubel für alle Beteiligten gibt.

FAZIT

Die Opéra Royal de Wallonie bietet szenisch und musikalisch Belcanto-Genuss vom Feinsten.


Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Giampaolo Bisanti

Inszenierung
Jean-Louis Grinda

Bühnenbild und Licht
Laurent Castaingt

Kostüme
Françoise Raybaud

Video
Arnaud Pottier

Chorleitung
Denis Second

 

Orchester, Chor und Statisterie der
Opéra Royal de Wallonie-Liège

 


Solistinnen und Solisten

Lucrezia Borgia
Jessica Pratt

Gennaro
Dmitry Korchak

Alfonso d' Este
Marko Mimica

Maffio Orsini
Julie Boulianne

Don Apostolo Gazella
Luca Dall' Amico

Jeppo Liverotto
Roberto Covatta

Oloferno Vitellozzo
Marco Miglietta

Rustighello
Lorenzo Martelli

Gubetta
Francesco Leone

Astolfo
William Corrò

Ascanio Petrucci
Rocco Cavalluzzi

Un Usciere
Jonathan Vork

Un Coppiere
Marc Tissons

 


Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opéra Royal
de Wallonie

(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2026 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -