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Fatales Spiel mit den Karten Von Thomas Molke / Fotos: © ORW Liège / J. Berger Für insgesamt drei Opern wählte Peter Iljitsch Tschaikowsky als literarische Vorlage ein Werk des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin aus. Während sich heute von diesen Stücken vor allem Eugen Onegin auf den westeuropäischen Opernbühnen großer Beliebtheit erfreut, markierte Pikovaïa dama (Pique Dame) bei der Uraufführung am 19. Dezember 1890 am Mariinski-Theater in St. Petersburg Tschaikowskys größten Opernerfolg, der ihm am Ende seiner Karriere erstmals ermöglichte, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen. Noch heute gilt die Oper als Meilenstein der russischen Opernliteratur und kann in ihrer szenischen Opulenz als Antwort auf die französische Grand opéra verstanden werden, wobei sie musikalisch den Melodienreichtum des italienischen Belcanto mit dem literarischen, ernsthaften deutschen Musikdrama verbindet. Dabei hatte Tschaikowsky zunächst gar kein Interesse an einer Vertonung der Puschkin-Vorlage. Als Fürst Iwan Wsewoloschski, der Direktor des Kaiserlichen Theaters in St. Petersburg, Tschaikowskys Bruder Modest mit einem Libretto nach Puschkins gleichnamiger Novelle beauftragte, begann zunächst Nikolay Klenowski, ein Schüler Tschaikowskys, mit der Vertonung, brach die Komposition allerdings im März 1888 nach der vierten Szene ab. Erst ab Januar 1890 begann Tschaikowsky, für dieses Projekt zu brennen, schuf während seines Italienaufenthalts im Frühjahr 1890 eine Rohfassung und konnte das Werk noch im gleichen Jahr mit dem russischen Startenor Nikolaj Figner als Hermann in einer opulenten Inszenierung mit insgesamt 297 Mitwirkenden zur umjubelten Uraufführung bringen.Hermann (Arsen Soghomonyan, Mitte hinten) belauscht Tomsky (Alexey Bogdanchikov, Mitte sitzend), der Surin (Mark Kurmanbayev, links) und Tchekalinsky (Alexey Dolgov, 2. von links) von dem Geheimnis der Gräfin erzählt. Im Gegensatz zu Puschkins Novelle spielt die Handlung bei Tschaikowsky nicht im frühen 19. Jahrhundert, sondern in der Spätzeit der Zarin Katharina der Großen. Neu ist auch die Figur des Prinzen Yeletzky, der mit Liza, der Enkelin der geheimnisvollen Gräfin, verlobt ist. Hermann, ein deutscher Offizier, hat sich in Liza verliebt. Aufgrund des Standesunterschiedes erscheint sie allerdings unerreichbar für ihn, zumal ihn auch beim Kartenspiel das Glück verlassen hat. Von seinem Freund, dem Grafen Tomsky, erfährt er, dass die Gräfin in ihrer Jugend um den Preis einer Liebesnacht das Geheimnis dreier gewinnbringender Karten beim Spiel in Erfahrung gebracht habe. Dieses Geheimnis will Hermann ihr entlocken, um für Liza eine würdige Partie zu sein. Doch als er der Gräfin in ihrem Schlafgemach auflauert und sie bedroht, ihm die drei Karten zu nennen, stirbt die Gräfin, bevor Hermann eine Antwort erhält. Später erscheint sie ihm als Geist und nennt ihm drei Karten: Drei, Sieben und Ass. Liza, die mittlerweile ihre Verlobung mit Yeletzky gelöst hat, um mit Hermann zu fliehen, muss erkennen dass Hermann von dem Gedanken an das Kartenspiel besessen ist, und nimmt sich in der Newa das Leben. Hermann ist derweil im Kasino mit den ersten beiden Karten sehr erfolgreich, so dass sich in der dritten und letzten Runde ihm nur noch Yeletzky als Gegner stellt. Hermann setzt alles auf das Ass. Doch die gezogene Karte ist die Pique Dame. Hermann hat alles verloren und erschießt sich, während ihm der Geist der Gräfin erscheint und triumphiert. Hermann (Arsen Soghomonyan, rechts hinten) liebt Liza (Olga Maslova), die mit Yeletzky (Nikolai Zemlianskikh, links) verlobt ist. Mit zahlreichen Solo-Partien, einem großen Chor, Kinderchor und Tanz-Ensemble bietet diese Oper alles für eine opulente Inszenierung, was das Regie-Team um Marie Lambert-Le Bihan zumindest bis zur Pause vor einige Probleme zu stellen scheint. Zwar fährt man mit einem spielfreudigen Kinderchor auf und lässt sogar Katharina die Große persönlich in schillerndem Kostüm beim Ball auftreten. Zahlreiche Fragen bleiben allerdings offen. So ist der Park im ersten Akt im Bühnenbild von Cécile Trémolières sehr abstrakt gehalten. Das wuselige Treiben des Volkes im Park wirkt in der Personenregie ein wenig unkoordiniert, und auch die Kostüme der Chordamen machen eigentlich nicht klar, in welcher Zeit man sich in der Inszenierung eigentlich befindet. Noch verworrener wird es dann in der Szene in Lizas Zimmer. Ein Bühnenelement wird gedreht und stellt das Zimmer dar, in dem sich neben Liza und ihrer Freundin Polina zahlreiche weitere junge Mädchen befinden, die in ihren Bewegungen und ihrem Aussehen wie Puppen wirken. Wenn Liza Hermann, der sich heimlich in ihr Zimmer geschlichen hat, vor ihrer Großmutter, der Gräfin, zu verbergen versucht, wirft sie seinen Mantel neben ihn und lässt die Puppen vor ihm Platz nehmen. Glaubhaft wirkt es so nicht, dass die Gräfin den Eindringling nicht entdecken soll. Die Ballszene im zweiten Akt wird dann in aufwändigen Kostümen zelebriert, die wie die integrierte Pastorale ein wenig kitschig wirken. Liza (Olga Maslova, Mitte) überrascht Hermann (Arsen Soghomonyan) mit der toten Gräfin (Olesya Petrova, rechts). Doch nach der Pause wirkt das Konzept wie ausgewechselt. Hier beweist Lambert-Le Bihan, dass sie durchaus Ideen für eine ausgeklügelte Personenregie besitzt. Trémolières hat als Bühnenraum ein unregelmäßiges Siebeneck geschaffen, in dem sich die weiteren Szenen des zweiten Aktes abspielen. Drei hintereinander angeordnete Elemente stellen das Zimmer der Gräfin, durch das Hermann zu Liza gelangen will, als länglichen Schlauch dar. Zunächst ist das erste Element durch einen Gaze-Vorhang von den übrigen abgetrennt, wenn Hermann die Gräfin auf dem Porträt erblickt. Aus dem Porträt steigt dann die tatsächliche Gräfin hervor, indem sich der Vorhang hebt. Bewegend legt sie ihren ganzen Glanz ab, um sich zur Nachtruhe zu begeben. Als Hermann sich an ihr vorbeischleichen will, wacht sie auf und stirbt unter seinen Drohungen. In der nächsten Szene verwandelt sich der Raum in die Offizierskaserne, in der Hermann vor einem Gestell mit mehreren Bildern und zahlreichen Karten, die durch einen roten Faden verbunden sind, das Geheimnis ergründen will. Nun erscheint der Geist der Gräfin im Hintergrund. Nachdem sie ihm die drei Karten verraten hat, werden zwei der drei Elemente mit der Gräfin und Hermann in unterschiedliche Richtungen von der Bühne gezogen, so dass nur das vordere Element bleibt, auf dem nun Liza erscheint, bereit, mit ihrem Geliebten zu fliehen. Doch Hermann tritt jetzt an der Rampe vor dem Bühnenelement auf, was zeigt, dass die beiden nicht mehr zueinander finden können. So geht Liza ins Wasser, wobei sie mit dem letzten Element von der Bühne gezogen wird. Der verbleibende Rahmen mit der siebeneckigen Öffnung hebt sich für den dritten Akt, der auf einer leeren Bühne stattfindet und den Offizieren und Soldaten viel Spielraum für männlichen Protz mit exakt choreographierten Kämpfen bietet. Hier zeichnet Lambert-Le Bihan eine absolut unsympathische Männergesellschaft. Der Schluss wird dann packend erzählt, wobei Hermann sich nicht wie im Libretto erschießt, sondern mit einem Dolch aus dem Leben scheidet. Die Gräfin (Olesya Petrova) erscheint Hermann (Arsen Soghomonyan) als Geist. Musikalisch ist das Werk wesentlich bombastischer als die eher leisen Töne in Eugen Onegin und verlangt den Solistinnen und Solisten einiges ab. Doch in Liège hat man für die einzelnen Partien hervorragende Interpretinnen und Interpreten versammelt. Da ist zunächst Arsen Soghomonyan als Hermann zu nennen, der über einen kraftvollen Tenor mit sauber ausgesungenen Höhen verfügt, auch wenn er an einzelnen Stellen vielleicht sogar ein wenig stimmlich übertreibt. Aber so wird deutlich, dass Hermann von dem Spiel besessen ist und jeglichen Bezug zur Realität verloren hat. Olga Maslova punktet als Liza mit vollem Sopran und dramatischen Höhen, die absolut unangestrengt klingen. Wunderbar spielt sie die innere Zerrissenheit der jungen Frau aus, die Hermann über alles liebt und am Ende die einzige Möglichkeit im Freitod sieht. Olesya Petrova ist mit dunkel gefärbtem Mezzosopran eine großartige Gräfin, der es mit strenger Mimik und sparsamen Bewegungen gelingt, die Menschen um sie herum das Fürchten zu lehren. Regelrecht unheimlich gestaltet sie ihren Auftritt als Geist. Nikolai Zemlianskikh verfügt als Prinz Yeletzky über einen profunden Bass, der mit seiner großen Arie im zweiten Akt ein wenig an den Fürsten Gremin aus Eugen Onegin erinnert.
Auch die übrigen Partien sind
unter anderem mit Judit Kutasi (Polina), Alexey Bogdanchikov (Graf Tomsky und
Zlatogor), Alexey Dolgov (Tchekalinsky), Mark Kurmanbayev (Surin) und Elena
Galitskaya (Masha und Prilepa) großartig besetzt. Giampaolo Bisanti zaubert
mit dem Orchester der Opéra Royal de Wallonie einen vollen Klang aus dem
Graben, der differenziert herausarbeitet, wie Tschaikowsky gekonnt die
verschiedenen internationalen Musikstile zu einem großartigen Ganzen
verbindet. Der Opernchor zeigt sich stimmgewaltig und absolut spielfreudig, so
dass es verdienten Applaus für alle Beteiligten gibt. FAZIT
Die Inszenierung überzeugt vor allem im zweiten Teil nach der Pause. Musikalisch bewegt
sich die Produktion auch im ersten Teil auf wunderbarem Niveau.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung Bühnenbild und Kostüme Choreographie Licht Kinderchor und -statisterie Chorleitung
Orchester, Chor und Statisterie der
Solistinnen und Solisten*rezensierte Aufführung Liza Hermann Grafinya
(La Comtesse) Polina Graf Tomsky / Zlatogor Knyaz Yeletzky (Prinz Yeletzky) Tchekalinsky Surin Guvernantka (Gouvernante) Milovzor Chaplitsky / Rasporyaditel Masha / Prilepa Narumov Le Capitaine Die Zarin Tänzerinnen und Tänzer
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