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Einst in Berlin ...
Von Roberto Becker /
Fotos von
Monika Rittershaus
John Kanders Cabaret ist nicht nur ein höchst erfolgreiches, sondern auch ein politisch aktuelles Musical. Die meisten Nummern haben Charakter. Die Story ist perfekt gebaut. Es ist eine Steilvorlage für singende Schauspieler und Tänzer. Und im Gegensatz zu manch anderen Exemplaren der Gattung auch für ambitionierte Regisseure. Es spielt zwar Anfang der Dreißigerjahre im Berlin der heraufziehenden Naziherrschaft, kommt aber dem Hier und Heute näher, als einem lieb sein kann. Da ist einerseits der klare Blick des US-Amerikaners Clifford Bradshow, der als wissbegieriger Besucher quasi von außen auf das schaut, was da passiert bzw. sich ankündigt. Er liest sogar Hitlers "Mein Kampf", um das zu verstehen. Er trifft auf Überlebens- und Tingeltangel-Künstler, die damit klarkommen müssen und sich mit den Verhältnissen zu arrangieren versuchen. So, wie Fräulein Schneider, die ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht mit der Vermietung von Zimmern bestreitet. Oder wie ihr Verehrer, der jüdische Obsthändler Herr Schultz, der unbeirrbar an das Gute im Menschen glaubt und fest davon überzeugt ist, dass alles schon nicht so schlimm werden wird.
Der "morgige Tag" wirft seine Schatten voraus
Fasziniert von der Sängerin Sally Bowles, die vor allem Karriere machen will und im angesagten Kit-Kat-Klub gerade rausgeflogen ist, geht er ein Verhältnis mit ihr ein. In diesem Klub feiern die wilden Zwanziger immer noch Urstände. Dort hält man bislang an der Illusion fest, dass alles erlaubt ist und jeder nach seiner Façon selig werden kann. Auf der anderen Seite ist da aber auch der zackig gescheitelte Ernst Ludwig, der Bradshow zwar das Zimmer vermittelt und Englischstunden bei ihm nimmt, der aber vor allem aktiv auf den Umsturz der Verhältnisse hinarbeitet und als Protagonist der künftigen Machthaber nicht davor zurückschreckt, schon jetzt auch mal zu körperlicher Gewalt zu greifen.
Der Conferencier als trauriger Clown Es gibt in dem Stück zwei Schlüsselszenen, in denen es sozusagen über sich hinausgreift und das Publikum von heute direkt anspricht. Das eine ist jenes eingebaute Lied vom "morgigen Tag" und dem nahen Sturm, das mit seiner Melodie ein Musterbeispiel von Verführung ist. Die zweite ist jene Passage, in der Fräulein Schneider sich direkt ans Publikum wendet. Nachdem sie die Verlobung mit Herrn Schultz platzen lässt, weil ihr der Auftritt von Ernst Ludwig bei der Verlobungsfeier klar gemacht hat, dass die Ehe mit einem Juden für sie existenzbedrohend wird, stellt sie ans Publikum die Frage: Was hätten Sie getan? Cathrin Störmer trifft hier genau den Ton und das Maß an verzweifeltem Pathos, das berührt und die Frage zu einem starken Moment macht, der trifft.
Sally in ihrem Showelement Ein Musical mit solchen Gänsehautmomenten ist schon etwas Besonderes. Das Residenztheater in München hat dafür mit Claus Guth einen der intelligentesten und erfolgreichsten Opernregisseure beauftragt. Und der hat mit seiner ersten Musical- (und überhaupt Nichtopern-)Inszenierung gehalten, was der Name verspricht. Er hat das Genre ernst genommen, aber ohne es allzu plakativ beim zeitkritischen Wort zu nehmen. Es gibt zwar Braunhemden, aber - dem herrschenden Zeitgeist brav folgend - keine Hakenkreuz-Armbinden (Kostüme: Bianca Deigner). Dafür hat Guth eine zusätzliche Ebene eingezogen, die die Reflexion der Ereignisse aus der Perspektive ihrer Folgen unaufdringlich aber permanent wachhält. Er hat dem jungen, alles wie eine Kamera aufsaugenden amerikanischen Beobachter der Ereignisse sein um Jahrzehnte reiferes Alter Ego an die Seite gestellt.
Im Kit-Kat Club fliegen die Fetzen So betritt denn der längst ergraute Michael Goldberg als Clifford Bradshaw das üppige Hotelzimmer, mit dem Étienne Pluss zunächst die gesamte Bühne füllt, als wäre er auf einer Reise in seine eigene Vergangenheit. Sobald es um den Preis für die Übernachtung geht, übernimmt dann mit Thomas Hauser sein jüngeres Alter Ego. Es ist ein Perspektivenwechsel, der sich mehrfach wiederholt und immer wieder daran erinnert, dass diese Reise nach Berlin der Anfang von etwas war, das nach der Pause seine Schatten allzu deutlich auch auf der Bühne vorauswirft. Da nämlich wirkt die wie eine Trümmerlandschaft im Schneegestöber einer neuen Kälte. Wenn sich Herr Schultz (Robert Dölle) seiner Kleider entledigt und an der Rampe auf den Boden legt, dann ist das ein ebenso dezenter wie wirkungsvoller Verweis auf den Holocaust, wie der szenische Umgang von Claus Guth mit dem Verführerlied " Der morgige Tag". Es wird zuerst in einer kurzen Sequenz von einem Jungen gesungen, der noch ohne Braunhemd mit einer schwarzen Fahne wedelnd, in einer offenen Tür steht, hinter der ein unheilverkündender Sturm etwas aufwirbelt, was man in diesem Kontext für die Asche der Bücherverbrennungen halten kann. Wenn das Lied das zweite Mal gesungen wird, ist es jenes vorher männerverschleißende Fräulein Kost (Myriam Schröder), die es nicht nur energisch anstimmt, sondern direkt ins Publikum hinein zum Mitsingen auffordert. Was natürlich niemand macht. Gleichwohl kommt einem heutzutage schon mal ein "Was wäre eigentlich wenn?" in den Sinn. In der Cabaret-Inszenierung der Staatsoperette Dresden ging man neulich noch einen Schritt weiter- da standen tatsächlich einzelne Zuschauer im Saal auf, sangen mit und sorgten zumindest für eine Schrecksekunde. Die zentrale musikalische und vokale Achse der Geschichte bilden der Conférencier, den Vincent Glander mit teuflischem Charme und in permanenten (auch stimmlichen) Verwandlungen ausstattet, und Sally Bowles, für die Vassilissa Reznikoff alle darstellerischen und vokalen Register zieht und die überzeugend zwischen dem zerbrechlichen, dem Alkohol verfallenen Sternchen und der selbstbewussten Kämpferin um ihr Leben changiert. Vincent zur Linden hält als Ernst-Ludwig den Herrenmenschen nur noch mit Kalkül im Zaum. Dazu kommen die von Sommer Ulrickson bis in erotische Exzesse choreografierten Kit Kat Girls & Boys. Durchaus im Einklang mit der reflektierenden Szene sorgen Stephen Delaney und seine Musiker für den mitreißenden Cabaret-Sound. FAZITDie neue Münchner Cabaret-Inszenierung ist ein Wurf, der packende Unterhaltung bietet und die Geschichte ernst nimmt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Musikalische Co-Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Soundkomposition
Choreographie
Dramaturgie
Solisten
Conférencier
Sally Bowles
Clifford Bradshaw
Fräulein Schneider
Herr Schultz
Ernst Ludwig
Fräulein Kost
Kind
Stimmen
Kit Kat Girls & Boys
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