|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Ausblick vom Blechdach
Von Roberto Becker /
Fotos von
Geoffrey Schied
Ob dieser Saisonauftakt nun Kalkül oder eine pragmatische Notlösung war, ist nicht ganz klar auszumachen. Sanierungsarbeiten im großen Haus und die damit verbundenen Unwägbarkeiten führten womöglich genauso zu der Entscheidung für eine Auftaktinszenierung der neuen Spielzeit mit Hans Werner Henzes Die englische Katze im Rokokoglanz des Cuvilliéstheaters wie die Ambition, einen wahrnehmbaren Beitrag zum anstehenden Henze-Jahr im Repertoire zu haben. Im Jahre 2026 wäre der 2012 verstorbene Solitär der deutschen Nachkriegsmoderne, der sich als Komponist und Mensch immer seine sinnliche Italienneigung vorbehielt, einhundert Jahre geworden. Seine 1983 im Schlosstheater Schwetzingen uraufgeführte Englische Katze ist zwar keine von den großen Henze-Brocken. Sie erfüllt aber durchaus die Verpflichtung, die ein Opernhaus wie München gegenüber Henze hat.
„Kater“ Tom auf dem Blechdach
Hinzu kommt, dass es sich um eine Produktion des Opernstudios handelt und damit auf das Potenzial des Interpreten-Nachwuchses baut und ihn herausstellt. Was mit dieser musikalisch und vokal untadligen Produktion durchaus überzeugend gelungen ist. Die Geschichte, für die Edward Pond das Libretto nach einer Erzählung von Honoré de Balzac geschrieben hat, ist eine bissige Gesellschaftssatire. Die Verlegung menschlicher Verhaltensweisen ins Tierreich ist dabei zwar leicht durchschaubar, verlangt aber der szenischen Umsetzung die Entscheidung ab, ob man die Protagonisten in menschlicher oder tierischer Gestalt auf das Stück bzw. die Zuschauer loslässt.
Die „Damen“ der besseren Gesellschaft am Spendentopf
Christiane Lutz (Regie), Christian Andre Tabakoff (Bühne) und Christian Andre Tabakoff (Kostüme) haben sich für eine menschliche Variante mit leicht tierischen Verhaltensauffälligkeiten entschieden. Ansonsten bleibt es bei einer eher gemütlich krimikompatiblen Boulevardtheater-Anmutung des Personals.
Minetta und Tom - das tragische Liebespaar Es geht darum, dass der Präsident der „Königliche Gesellschaft für den Schutz der Ratten“, Lord Puff (profund: Michael Butler), die junge Minetta heiratet, die von Sopranistin Seonwoo Lee quicklebendig gesungen und gespielt wird. Zumindest so lange, bis sie im Bett mit ihrem stürmischen Katerliebhaber Tom erwischt wird, für den Armand Rabot seinen vielversprechenden Bartion verführerisch einsetzt. Für die beiden endet das tödlich. Minetta wird in einen Teppich eingerollt und versenkt. Tom muss sich einem absurden Prozess (auf dem Blechdach) stellen. Dass er sich kurzzeitig mit Minettas Schwester Babette (Lucy Altus) über deren Verlust tröstet und herauskommt, dass er ein steinreicher Erbe ist, nützt ihm nichts. Die Herren der scheinheiligen Gesellschaft stechen ihn eiskalt ab, bevor er noch sein Erbe antreten kann, und stecken sich das Geld selbst ein. Spätestens da wird klar, wer sich hier unter dem Deckmantel des Gemeinwohls bzw. dieser ominösen Gesellschaft vor allem selbst bereichert. Dass sich die in Katzennähe quasi als Alibiexistenz lebende Maus Louise (Iana Aivazian) am Ende das Geld aus der Sammelbüchse stibitzt und in den Rachen stopft, ist eine der schrägen Pointen dieses Changierens zwischen Parabel und Groteske.
Minetta geht in Deckung Gesungen wird in der Studioproduktion durchweg auf erfreulichem Niveau, wobei Rabot und Lee die Meßlatte recht hoch legen. Katharina Wincor am Pult der Cuvilliéstheater-kompatiblen Auswahl von Musikern des Bayerischen Staatsorchesters hebt mit Lust am Detail die verschiedenartigsten Anspielungen hervor, mit denen Henze hier (von Strauss bis Weill und allem Möglichen dazwischen und außerhalb) seinen Schabernack treibt. Sie betont aber auch das aufwühlend Symphonische der Orchesterpassagen, hält das Orchester (meist) auch bei heiklen Parlandopassagen im Zaum. Schade nur, dass die Regisseurin nicht so sehr darauf aus war, den gesellschaftskritischen Unterbau dieses Katzenhaushaltes zu erkunden, sondern mehr den eher kommoden Ausblick vom Blechdach auf die erzählte Geschichte bevorzugte. FAZITMünchen startet mit einer Henze-Produktion in die neue Spielzeit, die mehr musikalische als szenische Aha-Effekte zu bieten hat, aber alles in allem lohnt. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Dramaturgie
Solisten* Besetzung der Premiere
Lord Puff
Arnold
Mr. Jones / Der Richter / Mr. Fawn
Tom
Peter
Mr. Keen / Der Verteidiger / Der Pfarrer
Minette
Babette
Louise
Miss Crisp
Mrs. Gomfit
Lady Doodle
Mr. Plunkett / Der Staatsanwalt
Betty, eine Geschworene
|
© 2025 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de