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Die englische Katze

Eine Geschichte für Sänger und Instrumentalisten in zwei Akten
Libretto von Edward Bond
nach der Erzählung Peines de cœur d’une chatte anglaise von Honoré de Balzac
deutsche Fassung von Ken Bartlett
Musik von Hans Werner Henze


In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 35' (eine Pause)

Premiere der Bayerischen Staatsoper im Cuvilliérstheater München am 5. November 2025




Bayerische Staatsoper München
(Homepage)

Ausblick vom Blechdach

Von Roberto Becker / Fotos von Geoffrey Schied

Ob dieser Saisonauftakt nun Kalkül oder eine pragmatische Notlösung war, ist nicht ganz klar auszumachen. Sanierungsarbeiten im großen Haus und die damit verbundenen Unwägbarkeiten führten womöglich genauso zu der Entscheidung für eine Auftaktinszenierung der neuen Spielzeit mit Hans Werner Henzes Die englische Katze im Rokokoglanz des Cuvilliéstheaters wie die Ambition, einen wahrnehmbaren Beitrag zum anstehenden Henze-Jahr im Repertoire zu haben. Im Jahre 2026 wäre der 2012 verstorbene Solitär der deutschen Nachkriegsmoderne, der sich als Komponist und Mensch immer seine sinnliche Italienneigung vorbehielt, einhundert Jahre geworden. Seine 1983 im Schlosstheater Schwetzingen uraufgeführte Englische Katze ist zwar keine von den großen Henze-Brocken. Sie erfüllt aber durchaus die Verpflichtung, die ein Opernhaus wie München gegenüber Henze hat.

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„Kater“ Tom auf dem Blechdach

Hinzu kommt, dass es sich um eine Produktion des Opernstudios handelt und damit auf das Potenzial des Interpreten-Nachwuchses baut und ihn herausstellt. Was mit dieser musikalisch und vokal untadligen Produktion durchaus überzeugend gelungen ist. Die Geschichte, für die Edward Pond das Libretto nach einer Erzählung von Honoré de Balzac geschrieben hat, ist eine bissige Gesellschaftssatire. Die Verlegung menschlicher Verhaltensweisen ins Tierreich ist dabei zwar leicht durchschaubar, verlangt aber der szenischen Umsetzung die Entscheidung ab, ob man die Protagonisten in menschlicher oder tierischer Gestalt auf das Stück bzw. die Zuschauer loslässt.

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Die „Damen“ der besseren Gesellschaft am Spendentopf

Christiane Lutz (Regie), Christian Andre Tabakoff (Bühne) und Christian Andre Tabakoff (Kostüme) haben sich für eine menschliche Variante mit leicht tierischen Verhaltensauffälligkeiten entschieden. Ansonsten bleibt es bei einer eher gemütlich krimikompatiblen Boulevardtheater-Anmutung des Personals.
Diese „Geschichte für Sänger und Instrumentalisten“, wie sie im Untertitel benannt wird, ist weder eine Opernversion des Musicalhits Cats noch eine von Tennessee Williams' Katze auf dem heißen Blechdach. Abgesehen von ein paar Fauchern zu entsprechenden Hand- bzw. Tatzenbewegungen mutet nichts wirklich katzenhaft an. Und das Blechdach, das tatsächlich zum Bühnenbild diese Inszenierung gehört, ist weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne heiß.

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Minetta und Tom - das tragische Liebespaar

Es geht darum, dass der Präsident der „Königliche Gesellschaft für den Schutz der Ratten“, Lord Puff (profund: Michael Butler), die junge Minetta heiratet, die von Sopranistin Seonwoo Lee quicklebendig gesungen und gespielt wird. Zumindest so lange, bis sie im Bett mit ihrem stürmischen Katerliebhaber Tom erwischt wird, für den Armand Rabot seinen vielversprechenden Bartion verführerisch einsetzt. Für die beiden endet das tödlich. Minetta wird in einen Teppich eingerollt und versenkt. Tom muss sich einem absurden Prozess (auf dem Blechdach) stellen. Dass er sich kurzzeitig mit Minettas Schwester Babette (Lucy Altus) über deren Verlust tröstet und herauskommt, dass er ein steinreicher Erbe ist, nützt ihm nichts. Die Herren der scheinheiligen Gesellschaft stechen ihn eiskalt ab, bevor er noch sein Erbe antreten kann, und stecken sich das Geld selbst ein. Spätestens da wird klar, wer sich hier unter dem Deckmantel des Gemeinwohls bzw. dieser ominösen Gesellschaft vor allem selbst bereichert. Dass sich die in Katzennähe quasi als Alibiexistenz lebende Maus Louise (Iana Aivazian) am Ende das Geld aus der Sammelbüchse stibitzt und in den Rachen stopft, ist eine der schrägen Pointen dieses Changierens zwischen Parabel und Groteske.

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Minetta geht in Deckung

Gesungen wird in der Studioproduktion durchweg auf erfreulichem Niveau, wobei Rabot und Lee die Meßlatte recht hoch legen. Katharina Wincor am Pult der Cuvilliéstheater-kompatiblen Auswahl von Musikern des Bayerischen Staatsorchesters hebt mit Lust am Detail die verschiedenartigsten Anspielungen hervor, mit denen Henze hier (von Strauss bis Weill und allem Möglichen dazwischen und außerhalb) seinen Schabernack treibt. Sie betont aber auch das aufwühlend Symphonische der Orchesterpassagen, hält das Orchester (meist) auch bei heiklen Parlandopassagen im Zaum. Schade nur, dass die Regisseurin nicht so sehr darauf aus war, den gesellschaftskritischen Unterbau dieses Katzenhaushaltes zu erkunden, sondern mehr den eher kommoden Ausblick vom Blechdach auf die erzählte Geschichte bevorzugte.

FAZIT

München startet mit einer Henze-Produktion in die neue Spielzeit, die mehr musikalische als szenische Aha-Effekte zu bieten hat, aber alles in allem lohnt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Katharina Wincor

Inszenierung
Christiane Lutz

Bühne
Christian Andre Tabakoff

Kostüme
Dorothee Joisten

Licht
Benedikt Zehm

Dramaturgie
Olaf Roth



Bayerisches Staatsorchester


Solisten

* Besetzung der Premiere

Lord Puff
Michael Butler

Arnold
Daniel Vening

Mr. Jones / Der Richter / Mr. Fawn
Zhe Liu

Tom
Armand Rabot

Peter
Armand Rabot

Mr. Keen / Der Verteidiger / Der Pfarrer
Dafydd Jones

Minette
Seonwoo Lee

Babette
* Lucy Altus /
Meg Brilleslyper

Louise
Iana Aivazian

Miss Crisp
Elene Gvritishvili

Mrs. Gomfit
Elene Gvritishvili

Lady Doodle
Jess Dandy

Mr. Plunkett / Der Staatsanwalt
Bruno Khouri

Betty, eine Geschworene
* Meg Brilleslyper /
Lucy Altus


Weitere
Informationen

erhalten Sie unter

 
Bayerische Staatsoper München
(Homepage)



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