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Leben mit einem Idioten

Oper in zwei Akten
Text von Alfred Schnittke
Auf der Grundlage der gleichnamigen Erzählung von Wiktor Jerofejew, übersetzt von Beate Rausch
Deutsche Adaption von Jörg Morgener
Musik von Alfred Schnittke


In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln


Aufführungsdauer: ca. 1h 40' (keine Pause)


Premiere am 7. März 2026 im Opernhaus Magdeburg

 



Theater Magdeburg
(Homepage)

Idiotie hat immer Konjunktur

Von Stefan Schmöe / Fotos von Gianmarco Bresadola

Die Bandbreite an Idioten unterschiedlichster Couleur ist groß. Doch den seligen Gottesnarren, Archetypus der russischen Kultur, findet die als "Ich" bezeichnete namenlose Hauptfigur dieser Oper darunter nicht. So entscheidet "Ich" sich für den sprachlich eher minderbegabten Wowa, der nur eine einzige Silbe stammeln kann: "Äch". Das aber in musikalisch unterschiedlichsten Facetten. "Ich" soll zur Strafe für "zu wenig Mitgefühl", auf so etwas hätte auch Kafka kommen können, fortan mit einem Idioten zusammenleben. Eine milde Strafe, finden seine Freunde. Der Chor allerdings mahnt: "Leben mit einem Idioten ist voller Überraschungen", und die Phrase klingt verdächtig nach der Melodie des Eingangschors aus Bachs Matthäuspassion "Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen". Was folgt, ist ein Passionsspiel der absurdesten Art: Erst bändelt Wowa mit der Gattin des "Ich" sexuell an, dann mit dem "Ich" selbst, um schließlich der eifersüchtigen Gattin mit der Heckenschere den Kopf abzuschneiden. Wie gesagt: Leben mit einem Idioten ist voller Überraschungen.

Vergrößerung in neuem Fenster "Ich" (im gelben Pullover) muss aus "Mangel an Mitgefühl" fortan mit einem Idioten leben und entscheidet sich für den vermeintlich harmlosen Wowa.

Man kann die Erzählung des oppositionellen sowjetrussischen Schriftstellers Wiktor Jerofejew, auf der das Libretto der Oper basiert, als Parabel auf den implodierenden Sozialismus in seiner Spätphase lesen, der sich ideologisch wie organisatorisch gleich einem Idioten in die Privatsphäre der Menschen eingeschlichen hat. Komponist Alfred Schnittke gibt sich in seiner 1993 in Amsterdam uraufgeführten Oper als chamäleonhafter Polystilist, der ständig den Charakter seiner Musik ändert. Sicher steht Schostakowitsch als übermächtiges Vorbild im Raum, aber Schnittke findet in diesem vielgestaltigen Mix aus etlichen Zitaten, Marsch und Tango, harten Schlagwerkkaskaden und sentimentaler Solo-Violine einen eigenen Stil, der über die rund 100 Minuten Spieldauer (ohne Pause) trägt. Die Musik verblüfft immer wieder mit ihrem schnell wechselnden Charakter, spielt mit der Tonalität und bildet bei allem gewollten Eklektizismus und bei aller Heterogenität der einzelnen Elemente doch eine Einheit. Und natürlich verweisen die etlichen Anspielungen und Zitate wie auch eingebaute russische Volkslieder auf den sozialistischen Realismus. Man fragt sich zwischendurch, ob das Werk nicht doch ein wenig anachronistisch auftritt. Andererseits: Weiß man denn wirklich, welche Idioten gerade unser Leben unterminieren?

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Trügerisches Familienidyll: "Ich", dessen Frau und (im Kinderwagen) Wowa, das neue, schnell übergriffige Familienmitglied.

Regisseur Julien Chavaz, Intendant in Magdeburg, vermeidet eine konkrete Festlegung auf eine Epoche oder ein Milieu und verlegt die Geschichte in eine Fantasiewelt, die eine Mischung aus Zirkus und Karneval darstellt. Die Sängerinnen und Sänger des Chores tragen unterschiedlichste Verkleidungen (Kostüme: Séverine Besson). Nichts ist hier real, bestenfalls noch der antiquierte Schwarzweiß-Röhren-Fernseher, Telefon (mit Schnur), Stehlampe und Kühlschrank. "Ich" trägt ein T-Shirt mit lachendem Emoji, seine Frau erscheint zunächst als beflügeltes Engelchen, später als Teufel. Den Idioten Wowa halten sie zunächst wie einen kleinen Hund als Haustier. Das Bühnenbild (Anneliese Neudecker) besteht aus mehreren gestaffelten Prospekten wie im Barocktheater, mit groben Umrissen wie von Kinderhand gezeichnet, die eine Art Höhle oder Grotte ergeben. Das Wort "grotesk" lässt sich ableiten vom italienischen "grotta", gemeint sind verschüttete Räume antiker Paläste wie der "Domus Aurea" Neros mit bizarren, eben "grotesken" Wandmalereien, die in der Renaissance wiederentdeckt wurden. Damit verweist die Regie auf tieferliegende Schichten unserer Kultur, auf denen unser selbstverständlich gewordener Idiotismus womöglich beruht. Man kann die Bühne aber auch als das aufgerissene Maul eines Ungeheuers - oder dessen Verdauungstrakt - wahrnehmen. Ein Ungeheuer, das uns Narren gerade verschlingt.

Vergrößerung in neuem Fenster Ehekrise, weil beide inzwischen ein sexuelles Verhältnis mit Wowa eingegangen sind: "Ich" und Gattin

Ganz fabelhaft gestaltet Gyula Nagy das "Ich" mit warmem, wandlungsfähigem Bariton und szenisch leicht vertrotteltem Auftreten, ein etwas schusseliger Intellektueller. Alison Scherzer singt mit sicher gemeisterten stratosphärischen Höhen die Partie der Frau. Mit hohem Tenor und geschmeidigem Übergang in die Kopfstimme variiert Timur - so der Künstlername - mit großer Ausdruckspalette die vielen "Äch"-Ausrufe des Idioten Wowa. Marcel Proust, Vertreter der Bourgeoisie schlechthin und Lieblingsautor der Frau, tritt in diesem absurden Panoptikum leibhaftig auf (Bariton Vincent Casagrande gibt ihn mit formvollendeter Eleganz, bleibt aber stimmlich etwas blass). Ohne Gesang, aber mit ihren Instrumenten gesellen sich Barbara Hentschel (Violine) und Jeongwon Kim (Klavier) auf der Bühne zum Ensemble, verkleidet als Ohr und als Auge. Gefühlvoll und mit Sinn für das richtige Maß an Sentimentalität spielen sie melancholische Tangos im Kontrast zum wilden Orchesterpart.

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Irgendwann wird man selbst zwangsläufig zum Idioten: "Ich", umgeben von Marcel Proust (hinten links), dem Wärter im Wikingerkostüm (hinten rechts), Wowa (rechts von "Ich") und der Frau (vorn liegend)

Eine tragende Rolle kommt dem permanent kommentierenden Chor zu, individuell kostümiert zwischen Fledermaus und Stern, zwischen Fliegenpilz und Sonne. Die Sängerinnen und Sänger des Opernchores (Einstudierung: Martin Wagner) bewältigen den anspruchsvollen Part bravourös. Kapellmeister Paweł Popławski führt die aufmerksame Magdeburgische Philharmonie umsichtig durch alle Tiefen und Untiefen von Schnittkes schillernder Partitur, ohne die Musik vordergründig plakativ klingen zu lassen.

Und wie nimmt das Publikum dieses absurde Theater auf? Einige wenige verließen während der Premiere den Saal und verpassten, wie am Ende "Ich" zum nächsten Idioten wird, den Schriftzug "EGO" auf der clownesken Halskrause tragend. Ein zartes "Buh" galt vielleicht mehr dem für die Stückauswahl zuständigen Intendanten als dem Regisseur Chavaz. Ansonsten: Viel Beifall für alle Beteiligten.


FAZIT

Eine fesselnde, sehens- wie hörenswerte Aufführung, die einen benommen zurücklässt mit der Frage, wie viel Idiotentum denn unser eigenes Leben bestimmt.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Paweł Popławski

Inszenierung
Julien Chavaz

Mitarbeit Regie
Alixe Durand Saint Guillain

Bühne
Anneliese Neudecker

Kostüme
Séverine Besson

Maskenbild-Konzeption
Julia Kreuziger

Lichtdesign
Eloi Gianini

Chor
Martin Wagner

Dramaturgie
Christoph Clausen


Opernchor des Theaters Magdeburg

Magdeburger Singakademie

Die Magdeburgische Philharmonie


Solisten

Ich
Gyula Nagy

Frau
Alison Scherzer

Idiot
Timur

Marcel Proust
Vincent Casagrande

Wärter
Johannes Stermann

Bursche
András Adamik



Weitere
Informationen

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Theater Magdeburg
(Homepage)



Da capo al Fine

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