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Didone abbandonata
(Die verlassene Dido)


Oper in drei Akten
Libretto von Pietro Metastasio
Musik von Domenico Sarro
Fassung für das Theater Meiningen erstellt nach der Meininger Quelle von Julia Terwald, Samuel Bächli und Dietrich W. Hilsdorf

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 40' (eine Pause)

Szenische deutsche Erstaufführung am 19. September 2025 im Staatstheater Meiningen
(rezensierte Aufführung: 28. Dezember 2025)


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Staatstheater Meiningen
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Held oder Liebe?

Von Stefan Schmöe / Fotos von Christina Iberl

Schwierige Entscheidung: Aeneas hat seinem Vater gelobt, in Italien das "neue Troja" zu gründen (aus dem Rom entstehen wird). Aber als es ihn nach Karthago verschlagen hat, ist er zum Geliebten der Königin Dido (im italioenischen Libretto: Didone) geworden und hat ihr Treue geschworen. Damit steckt er in der Patsche: Nur eines der beiden Versprechen kann er halten. Anders betrachtet: Er muss sich zwischen Heldentum und Liebesglück entscheiden. Der Stoff ist vielfach verarbeitet worden, und 1724 verfasste Pietro Metastasio (1698 - 1782) eben darüber mit Didone abbandonata (Die verlassene Dido) sein erstes Opernlibretto. Damit traf er den Nerv seiner Zeit: Über 60mal wurde der Text vertont und ebnete seinem Verfasser den Weg zum einflussreichsten Librettisten seiner Epoche. Die erste Vertonung unmittelbar nach der Veröffentlichung stammt von dem aus Neapel stammenden Komponisten Domenico Sarro (1679 - 1744) - ein Riesenerfolg. Der Meininger Herzog Anton Ulrich (1687 - 1763) ließ in Wien eine Abschrift des Werkes für seine Bibliothek anfertigen, wo es lange unbeachtet schlummerte, bis 2005 einige Arien daraus aufgeführt wurden.

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Sechs Personen müssen irgendwie miteinander auskommen: (von links) Osmida, Iarba, Araspe, Aeneas, Selene und Didone

Die laufende Spielzeit in Meiningen steht im Zeichen des 200. Geburtstags des "Theaterherzogs" Georg II. von Sachsen-Meiningen (1826 - 1914), dem Begründer der ruhmreichen Meininger Theatertradition. Für Intendant Jens Neundorff von Enzberg ein guter Anlass, das vergessene Werk aus der Musikaliensammlung hervorzuholen und ihm zu neuem Bühnenleben zu verhelfen. Dirigent Samuel Bächli, Regisseur Dietrich W. Hilsdorf und Dramaturgin Julia Terwald haben eine an das heutige Publikum adressierte Fassung erstellt und dafür viel gekürzt (etwa die Schlachtszenen mit vielen Statisten), mitunter ziemlich unkonventionell. Inspiriert von Shakespeare und Goldoni ist ein Kammerspiel für sechs Personen entstanden, das weniger auf historische Genauigkeit als auf Theatertauglichkeit setzt und seine Charaktere sorgfältig entwickelt. Der aus der späteren, von Mozart und da Ponte geprägten Perspektive vermeintlich so hölzerne Metastasio erweist sich als Erfinder eines durchaus raffinierten Personentableaus mit einem zaudernden Helden, einer zwischen Verzeihen und Rache schwankenden Königin und verschiedenen gar nicht so abwegigen Dreieckskonstellationen des Liebens und der Liebesverweigerung. Dazu kann die Oper mit einer Reihe von reizvollen Arien aufwarten.

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Didone und Aeneas - im Hintergrund schaut "Der Nachtmahr" von Johann Heinrich Füssli zu

Regisseur Dietrich W. Hilsdorf, der auch das Bühnenbild entworfen hat, lässt das Stück durchgehend in einem großen Raum spielen, der durch Bühnenmalereien (eine Hafenlandschaft mit Blick auf das Meer, über das Aeneas Karthago verlassen wird) begrenzt wird. Auf der linken Bühnenseite sieht man in raffinierter Brechung des historisierenden Ambientes die modernen Garderoben und Schminktische der Darstellenden, die in erlesen schöne Gewänder des 18. Jahrhunderts gekleidet sind (Kostüme: Christian Rinke). So sind die Antike, das Barockzeitalter und die Gegenwart gleichzeitig präsent und durchdringen sich. Das setzt sich in der genau gestalteten Personenregie fort, die das Pathos der Handlung immer wieder geschickt mit Witz unterläuft. Mordanschläge mit dem Dolch werden beinahe parodistisch abgehandelt, Aeneas und sein Widersacher, der (ebenfalls in Didone verliebte) Maurenkönig Iarba, duellieren sich stilvoll mit Pistolen (Iarbas Waffe hat Ladehemmungen, Aeneas schießt in die Luft), und zum finalen Brand des von Iarba zerstörten Karthago sinkt eine Beleuchtungsschiene vom Bühnenhimmel herab. Alles nur Theater. Aber was für welches!

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Aeneas, Araspe und Selene

Selbst die Übertitel spielen mit, wenn sie die artifizielle, metaphorische Sprache Metastasios in einfaches, mitunter flapsiges Deutsch übersetzen ("In der Liebe bist Du ein Rotzlöffel"). Und wenn Didone damit droht, im Falle von Aeneas' Abreise mit Iarba anzubändeln (und das mit heiß flirtenden Gesten diesem gegenüber unterstreicht), dann wechselt in der Continuo-Begleitung das Instrument vom Cembalo zum modernen Klavier, das von Virginia Breitenstein zudem noch hochromantisch arpeggierend gespielt wird. Das alles lässt die Geschichte ziemlich modern wirken: Ein Geflecht von sechs Menschen, die sich lieben, hassen, enttäuschen, verletzen und doch irgendwie miteinander auskommen müssen. Sartres Geschlossene Gesellschaft lässt grüßen.

Vergrößerung in neuem Fenster Didone und Iarba, hinten Araspe

Countertenor Meili Li singt den Aeneas mit strahlender und doch einschmeichelnd weicher, unangestrengt kraftvoller Stimme. Marianne Schechtel gestaltet mit eingedunkeltem, im Timbre einem Countertenor nicht unähnlichem Mezzosopran eindrucksvoll den Bösewicht Iarba. Lubov Karetnikova ist eine im Klang silbrig glänzende Didone, der eine Spur an vokaler Größe für die geforderte Leidenspose fehlt. Monika Reinhard verleiht ihrer Schwester Selene, ebenfalls in Aeneas verliebt, einen hellen, leichten und beweglichen Sopran. Als Intrigantin Osmida brilliert Hannah Gries mit leuchtend klarer Stimme - sie ist die Einzige, die nur aus Machtinteresse und nicht aus Liebe handelt und wundersam zum Guten bekehrt wird (nachdem sie eine der schönsten, zartesten Arien des Abends gesungen hat). Garrett Evers vervollständigt mit warmem, nicht zu hellem Tenor als Araspe (dem Begleiter Iarbas) das sehr gute Ensemble.

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Karthago steht in Flammen; Didone (Mitte), Selene (rechts) und Osmida warten auf das Ende

Die Meininger Hofkapelle in kleiner Besetzung (Streichorchester und Continuo, dazu Flöten, Oboen und Hörner) spielt unter der Leitung von Samuel Bächli die Musik Sarros farben- und spannungsreich. Mit Gitarre und Theorbe (Petra Burmann), Cembalo und (wie schon erwähnt) in einer Nummer Klavier (Virginia Breitenstein) sowie Orgelpositiv (gespielt von Dirigent Samuel Bächli) werden die im ersten Teil des Abends mitunter ausschweifenden Rezitative einfühlsam mit sehr unterschiedlichen Klangfarben begleitet, und auch in den Arien (es gibt kein einziges Duett oder Ensemble) wechseln die Continuo-Instrumente. Manche Striche irritieren, etwa wenn eine Arie des Iarba ganz plötzlich abbricht, weil die Figur wütend die Bühne verlässt. Das sind kleine Irritationsmomente, die letztendlich zur Lebendigkeit der Aufführung beitragen. Ziemlich ratlos lässt der Schluss der Oper zurück, die ohne musikalisches Finale plötzlich abbricht. Karthago steht in Flammen, Didone wartet auf den Tod - oder im übertragenen Sinn: Nach so vielen erlittenen Verletzungen müssen die Beteiligten einen Weg finden, wie sie weiterleben können. Ein offenes, ziemlich modernes Ende.


FAZIT

Beeindruckende Wiederentdeckung: Didone abbandonata erweist sich in dieser Fassung als szenisch wie musikalisch sehr lebendige, oft witzige, überraschend moderne Oper, die in Hilsdorfs Inszenierung großen Theaterzauber entwickelt.




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Samuel Bächli

Inszenierung und Bühne
Dietrich W. Hilsdorf

Kostüme
Christian Rinke

Dramaturgie
Bernhard F. Loges
Julia Terwald


Meininger Hofkapelle

Laute
* Petra Burmann /
Martin Steuber

Cembalo
Virginia Breitenstein


Solisten

Didone
Lubov Karetnikova

Aeneas
Meili Li

Iarba
Marianne Schechtel

Selene
Monika Reinhard

Araspe
Garrett Evers

Osmida
Hannah Gries

Palastwache
Thomas Herrmann
Uwe Müller
Uwe Rommel
Uwe Wenghoeffer



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Staatstheater Meiningen
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