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Gerechtigkeit um jeden Preis Von Thomas Molke / Fotos: © Bettina Stöß
Frank Wildhorn gilt als bedeutender US-amerikanischer Musical-Komponist der Gegenwart, dem es als erstem nach George Gershwin 1999 gelang, dass gleich drei Musicals von ihm gleichzeitig am Broadway gespielt wurden. Sein Ende der 1980er Jahre komponiertes Musical Jekyll & Hyde brachte ihm nicht nur in den USA zwei Tony-Nominierungen ein, sondern steigerte durch eine erfolgreiche Produktion im Musicaltheater Bremen mit Ethan Freeman in der Titelpartie auch in Europa seinen Bekanntheitsgrad. Nachdem das Theater in Budapest 2006 eine Komposition über den mysteriösen Tod des österreichisch-ungarischen Kronprinzen in Auftrag gegeben hatte und sein am Broadway wenig beachtetes Musical Dracula bei der deutschsprachigen Erstaufführung in St. Gallen einen großen Erfolg verbuchen konnte, beschloss er gemeinsam mit seinem Librettisten Jack Murphy, sein nächstes Werk in deutscher Sprache in St. Gallen zur Uraufführung zu bringen. Am 14. März 2009 feierte Der Graf von Monte Christo Weltpremiere und wurde ein riesiger Erfolg. Auch wenn das Stück den Sprung an den Broadway bis jetzt noch nicht geschafft hat, gab es im europäischen Raum mehrere Neueinstudierungen, und auch das Theater Münster beweist jetzt mit einer Eigenproduktion, dass das Haus es mit den großen kommerziellen Musical-Tempeln aufnehmen kann. Die Geschichte um den Seemann Edmond Dantès, der durch eine Intrige unschuldig im Kerker auf der Felseninsel Île d'If landet, dort entkommen kann und auf der Insel Monte Christo einen riesigen Schatz findet, mit dessen Hilfe er an seinen Verschwörern grausame Rache nimmt, hat seit dem Erscheinen als Fortsetzungsroman von Alexandre Dumas dem Älteren im Journal des débats von 1844 bis 1846 die Leserinnen und Leser fasziniert und zählt mittlerweile zu einem Klassiker der Weltliteratur, der schon früh in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und im 20. Jahrhundert häufig für Film und Fernsehen adaptiert wurde. Musikalisch dauerte es bis 2008, bis sich die Band Vanden Plas den Stoff mit der Rockoper ChristO im Staatstheater am Gärtnerplatz in München näherte. Ein Jahr später verarbeiteten Wildhorn und Murphy den Roman zu einem Musical, das die Geschichte stark verkürzt und einige Figuren streicht. So treibt Dantès im Musical seine Feinde Mondego, der mittlerweile zum Grafen aufgestiegen ist und Dantès' große Liebe Mercédès geheiratet hat, Danglars und Gérard de Villefort, der damals für Dantès' Verurteilung gesorgt hat, um seine eigene Familie zu schützen, gemeinsam in den Ruin. Außerdem wird im Musical auf die Geschichte um die Sklavin Haydée verzichtet, mit der Dantès nach erfolgreicher Rache seinen Lebensabend verbringt. Stattdessen kommt es im Musical nach dem Showdown zwischen Dantès und Mondego zu einer glücklichen Wiedervereinigung mit Mercédès. Dass der Piratenkapitän bei Wildhorn eine Frau, Luisa Vampa, ist, ist wohl dem Zeitgeist des 21. Jahrhunderts geschuldet. Nach seiner Flucht aus dem Kerker landet Edmond Dantès (David Arnsperger, rechts) bei den Piraten und Jacopo (Enrique Bernardo). Das Stück setzt mit seiner historischen Verankerung und den zahlreichen Ortswechseln auf eine große Ausstattung. Die Kostüme von Uta Meenen schöpfen dabei aus dem Vollen und lassen in eine längst vergangene Abenteuerwelt eintauchen. Stefan Rieckhoff setzt als Bühnenbildner für die zahlreichen und schnellen Ortswechsel auf einen gelungenen Mix zwischen Videoprojektionen (Martin Zwiehoff) und einzelnen Elementen, die aus dem Schnürboden herabgelassen werden oder sich von den Seiten schnell auf die Bühne schieben lassen. So entstehen glatte Übergänge und eindrucksvolle Bilder. Inmitten zahlreicher Schiffe entsteht so zu Beginn ein Hafen, in dem Dantès mit Mercédès ausgelassen Verlobung feiert, bevor er als angeblicher Anhänger Bonapartes verhaftet wird. Mit eindrucksvollen Projektionen wird der Kerker gezeichnet, in dem Dantès anschließend sein Dasein fristet, bis der Abbé Faria plötzlich in seiner Zelle auftaucht, weil er sich bei dem Versuch, einen Fluchtweg zu graben, verkalkuliert hat. Gemeinsam arbeitet Dantès dann mit ihm an einer gemeinsamen Flucht, die durch Farias Tod allerdings verhindert wird. Als Schattenspiel sieht man anschließend Dantès auf den Leichenwagen klettern. In einer weiteren Projektion wird er ins Meer geworfen, wo er von den Piraten aufgegriffen wird. Auch hier wird eindrucksvoll ein Schiff auf die Rückwand projiziert, das sogar sanft in den Wogen des Meeres schwankt, so dass man auf der Bühne den Eindruck hat, dass man sich wirklich auf diesem Schiff befindet. Gérard de Villefort (Gregor Dalal, rechts) und seine Gattin (Barbara Bräckelmann) machen dem Grafen von Monte Christo (David Arnsperger, Mitte) ihre Aufwartung (links: Enrique Bernardo als Jacopo). Eindrucksvoll gelingt dann auch die Schatzkammer, die der Graf auf der Insel Monte Christo vorfindet. Vor einer Projektion einer riesigen Goldkammer wird ein Prospekt mit goldenen Münzen aus dem Schnürboden herabgelassen, der über die Bühne ausgebreitet wird, so dass der Schatz einen großen Teil der Bühne bedeckt. Der Ortswechsel nach Rom, wo Dantès beim Karneval auf Mondegos und Mercédès' Sohn Albert trifft und ihn vor den vermeintlichen Banditen rettet, hinter denen sich niemand anderes als Luisa Vampa und ihre Piratenbande verbergen, wird durch ein pittoreskes Bild des Kolosseums und später einen unterirdischen Gang in der Kanalisation angedeutet. Dieses Zusammentreffen ebnet Dantès seinen Weg zurück nach Paris, wo er dann im zweiten Akt Rache an seinen Feinden nehmen kann. In der Projektion wird ein mondäner Saal gezeigt, der deutlich macht, wie der Graf von Monte Christo alle mit Ausnahme von Mercédès mit seinem Reichtum blendet. Ein wenig unklar bleiben die drei schwarzen Tänzerinnen, die wie dunkle Dämoninnen die drei Verschwörer Mondego, Danglars und Villefort umkreisen. Der Schluss mit der riesigen projizierten Mondscheibe vor den sanft fließenden Wogen des Meeres, vor dem dann Dantès und Mercédès mit der Reprise ihres Eingangs-Songs "Ein Leben lang" aufeinander zugehen, mag ein wenig kitschig anmuten, passt aber zum Happy End. Großartig choreographiert wird kurz zuvor der Fechtkampf zwischen Dantès und Mondego, der von David Arnsperger in der Titelpartie und Ramon Karolan als Mondego eindrucksvoll und auf den Punkt passend zur Musik umgesetzt wird. Können Edmond (David Arnsperger) und Mercédès (Vera Lorenz) wieder zueinander finden? Überhaupt lässt die Besetzung des Abends keine Wünsche offen und zeigt, dass man es mit den kommerziellen Musical-Tempeln in jeder Hinsicht aufnehmen kann. David Arnsperger begeistert in der Titelpartie nicht nur mit einer kraftvollen Stimme, mit der er vor allem den Song "Hölle auf Erden" kurz vor der Pause zu einem musikalischen Highlight des Abends werden lässt, sondern vollzieht auch optisch eine glaubhafte Verwandlung vom Seemann Edmond mit wuscheliger Haarpracht hin zum mysteriösen Grafen von Monte Christo ohne Haare, so dass man ihn selbst aus der achten Reihe im Publikum im neuen Outfit nicht direkt als Edmond erkennen kann. Darstellerisch setzt er die Entwicklung vom gutgläubigen Seemann zum rächenden Grafen nachvollziehbar um. Dabei ist Wildhorn in seiner Adaption ein bisschen gnädiger als Dumas in der Romanvorlage, da Dantès hier durch Intervention von Valentine darauf verzichtet, Mondegos Sohn Albert im Duell zu töten. Vera Lorenz begeistert als Mercédès mit sauber angesetzten Höhen und intensivem Spiel. Ein musikalischer Höhepunkt neben dem großen Duett mit Arnsperger, "Niemals allein", ist ihr Song "All die Zeit", wenn sie in dem mysteriösen Grafen ihren ehemaligen Geliebten Edmond wiedererkannt hat. Neben den beiden Gästen verfügt auch das Theater Münster über ein Ensemble, das sich im Musical-Fach messen kann. Zu nennen sind hier Ramon Karolan, Sven Bakin und Gregor Dalal als die drei Verschwörer, die am Ende der Rache des Grafen zum Opfer fallen. Mit dunklem Bariton überzeugt Karolan als Mondego, der verzweifelt um die Liebe von Mercédès kämpft und alles versucht, sie für sich zu gewinnen, bis er Jahre später im zweiten Akt erkannt hat, dass ihre Gefühle für ihn nie echt gewesen sind und er Trost bei anderen Frauen und dem Alkohol sucht. Bakin gestaltet den missgünstigen Danglars, der durch Intrigen zum Baron aufgestiegen ist und sich schließlich nach seinem finanziellen Ruin auf der Bühne erschießt, mit dunklem Bass. Gregor Dalal schlüpft direkt in eine Doppelrolle und beweist so eine große schauspielerische Bandbreite. Als Gérard de Villefort gibt er sich sehr distanziert und ist von den drei Verschwörern vielleicht noch am ehesten nachvollziehbar, da er seinen eigenen Ruf bewahren will und dafür Edmond opfert. Als Abbé verwandelt er sich nicht nur von einem geschniegelten Grafen in einen heruntergekommenen, schmutzigen Häftling mit langen zotteligen Haaren, der der Maske in der Kürze der Zeit für die Verwandlung einiges abverlangt haben dürfte, sondern begeistert auch durch große Komik. Stimmlich überzeugt er mit warmen Tiefen. Weitere musikalische Höhepunkte stellen die Duette der drei im ersten und zweiten Akt dar. Hervorzuheben ist noch Erdmuthe Kriener, die eine in jeder Hinsicht zupackende Piratenkapitänin Luisa Vampa gibt und auch in den Tanz-Ensembles begeistert. Auch die übrigen kleineren Partien sind teilweise mit Mitgliedern des Opernstudios und des Chors gut besetzt. Thorsten Schmid-Kapfenburg arbeitet mit dem Sinfonieorchester Münster die sinfonischen Momente der Partitur sorgfältig heraus und findet auch einen packenden Zugang für die rockigeren Stellen. Der von Anton Tremmel einstudierte Opernchor beweist große Spielfreude und Bühnenpräsenz. So gibt es für alle Beteiligten am Ende großen und verdienten Applaus. FAZIT Musical-Fans sollten sich diese gelungene Produktion des Grafen von Monte Christo in Münster nicht entgehen lassen.
Ihre Meinung
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ProduktionsteamMusikalische Leitung
Regie
Choreographie
Bühne
Kostüme
Choreinstudierung
Video Dramaturgie
Sinfonieorchester Münster Opernchor des Theaters Münster Statisterie
Solistinnen und Solisten
Edmond Dantès, Graf von Monte Christo
Mercédès
Fernand Mondego
Gérard de Villefort / Abbé Faria
Baron Danglars
Albert
Valentine de Villefort
Luisa Vampa / Gabriella / Ensemble
Jacopo
Sophie / Ensemble / Dance Captain
Isabella / Ensemble
Vestalinnen
in weiteren Rollen
Ensemble Tanz Münster
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