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Bewegende lyrische Szenen "mit Überlänge" Von Thomas Molke / Fotos: © Evan Zimmerman (Met Opera)
Bei Tschaikowskis als "lyrische Szenen" bezeichneten Oper Eugen Onegin
rechnet man in der Regel mit einer Spielzeit von knapp drei Stunden, die
gegebenenfalls bei zwei Pausen auch leicht überschritten werden können. Aber bei
einem Live-Stream aus der Metropolitan Opera kann der Abend mit interessanten
Einblicken hinter die Bühne, Interviews mit den Sängerinnen und Sängern und
einer Vorschau auf kommende Produktionen auch eine Stunde länger dauern, die man
gerne in Kauf nimmt, zumal mit Joyce DiDonato eine charismatische Persönlichkeit
das Publikum auf dem Weg hinter die Kulissen begleitet. So kommt man den großen
Stars wesentlich näher, als wenn man live im Saal der Met sitzen würde, und das
zu einem Preis, zu dem man in New York wahrscheinlich noch nicht einmal einen
Platz mit Sichteinschränkung ergattern könnte. Seit der Saison 2007/2008
erfolgen diese Übertragungen aus dem berühmten Haus in New York in ausgewählte
Kinosäle in zahlreiche Städte Europas und haben sich mittlerweile ein treues
Publikum erobert, so dass es zum Auftakt der kommenden Saison eine große
Geburtstagsgala am 19. September 2026 zum 20-jährigen Jubiläum geben wird, bei
dem an zahlreiche vergangene Produktionen erinnert wird. Bereits am 5. Oktober
2013 erfolgte eine Kinoübertragung von Eugen Onegin in dieser
Inszenierung,
damals mit Anna Netrebko als Tatiana, Mariusz Kwiecień in der Titelpartie und
Piotr Beczała als Lenski unter der Leitung von Valery Gergiev. Das
war ein paar Jahre vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine, und auch heute
muss sich Direktor Peter Gelb von DiDonato die Frage stellen lassen, ob man das
Stück zum jetzigen Zeitpunkt in russischer Sprache überhaupt spielen könne. Doch
die Met steht auf dem Standpunkt, dass weder Puschkin noch Tschaikowski für
Putins Handeln abgestraft werden dürften, und drückt die Solidarität mit der
Ukraine aus, indem das Haus mit der ukrainischen Landesflagge angestrahlt wird.
Lenski (Stanislas de Barbeyrac, rechts) stellt
seinem Freund Onegin (Iurii Samoilov, 2. von rechts) Tatiana (Asmik Grigorian,
links) und Olga (Maria Barakova, 2. von links) vor.
Dreimal hatte Tschaikowski ein Werk des russischen Nationaldichters Alexander
Puschkin vertont. Dass ausgerechnet die Komposition seines Eugen Onegin
sich zu seinem größten Opernerfolg entwickeln sollte, aus dessen Tantiemen er
auch im Alter seinen Unterhalt bestreiten konnte, als die Unterstützung seiner bedeutenden Mäzenin, der reichen
Witwe Nadeschda von Meck, weggefallen war,
hatte er wohl nicht einmal zu hoffen gewagt. Um einem möglichen Vergleich mit
großen Opern vorzubeugen, hatte er das Stück sogar lediglich als "lyrische
Szenen" bezeichnet, da in jedem der drei Akte die Tragödie einer anderen Person
im Mittelpunkt steht. Die eigentliche Uraufführung fand am 17. März 1879 als
geschlossene Vorstellung im Moskauer Maly-Theater statt, dem Kleinen Haus des
Bolschoi, und wurde von Studentinnen und Studenten des Konservatoriums
produziert. Auch wenn einige Zeitgenossen das Stück als zu "handlungsarm"
kritisierten und fehlendes dramatisches Potenzial bemängelten, ließ sich
Tschaikowski von seinen Kollegen dennoch überzeugen, das Werk auf die große
Bühne am Moskauer Bolschoi-Theater zu bringen. Die Begeisterung für die
hochemotionale Musik und die menschlich nachvollziehbaren Konflikte der Figuren,
die von Tschaikowski wesentlich ernster genommen wurden als von Puschkin in der
Romanvorlage, ließen die Kritik sehr schnell verstummen. Das Werk verbreitete
sich schnell über ganz Europa und hat bis heute einen festen Platz im Repertoire
der Opernhäuser auf der ganzen Welt. Auch an der Met stand die Oper seit den
1920er Jahren in mehreren Produktionen auf dem Programm.
Tatiana (Asmik Grigorian) bei der Briefszene
Das Regie-Team um Deborah Warner verzichtet auf eine Neudeutung der Geschichte
und setzt auf einen recht klassischen Ansatz in einem aufwändigen
Bühnenbild, das auch zwischen den einzelnen Bildern in den drei Akten kurze
Umbaupausen erfordert. Interessant bei der Kinoübertragung ist, dass man diese
Umbauten im Kino mitverfolgen kann und einen Eindruck bekommt, wie viele
Helferinnen und Helfer während der Aufführung hinter der Bühne erforderlich
sind, um dem Publikum im Saal die Illusion des Theatererlebnisses zu
ermöglichen. Hier ist alles auf die Sekunde genau getaktet. Dennoch hat die
Opulenz zumindest im ersten Akt einige Probleme. So spielen zwar das erste und
dritte Bild glaubhaft in einem Vorraum zum Garten des Landhauses und ermöglichen
einerseits die Einfachheit, andererseits die Größe des Gutes widerzuspiegeln. Für
die Briefszene im zweiten Bild fehlt hier allerdings ein wenig die Intimität, da
sich Tatianas Schlafgemach im gleichen riesigen Raum befindet und noch nicht
einmal ein Bett aufweist. Stattdessen sinkt Tatiana am Ende der Briefszene
erschöpft auf den Boden. Im zweiten und dritten Akt gelingen die Übergänge
zwischen den einzelnen Bildern wesentlich besser. So verwandelt sich im zweiten
Akt, der Saal, in dem Tatianas Namenstag gefeiert wird, in eine bedrückende
schneebedeckte Einöde, in der es zur tödlichen Auseinandersetzung zwischen
Onegin und Lenski kommt. Auch im dritten Akt werden die beiden Bilder deutlicher
voneinander getrennt, als man es sonst aus Produktionen kennt. Zwar bleiben die
riesigen Säulen stehen, die den Saal beim Fürsten Gremin andeuten. Das letzte
Treffen zwischen Tatiana und Onegin findet aber vor dem Palast des Fürsten
statt. So sieht man im Hintergrund wieder Schnee und vertrocknete Baumstämme.
Keine Versöhnung zwischen Lenski (Stanislas de
Barbeyrac, vorne Mitte) und Onegin (Iurii Samoilov, dahinter links) (auf der
rechten Seite: Ben Brady als Captain)
Auch die Personenregie Warners ist auf den Punkt genau ausgearbeitet und wird
von den Solistinnen und Solisten großartig umgesetzt, was bei einem Live-Stream
besonders auffällt, da man durch die Kameraführung den Figuren relativ nahekommt.
Hier sind es kleine Details, die Warner einführt und die die Szene bereichern.
Wenn Onegin beispielsweise im ersten Akt auftritt, flirtet er sehr eindeutig mit
Tatiana, was ihr Grund zur Hoffnung gibt und sie motiviert, den Brief an ihn zu
schreiben. Wenn er ihr im dritten Bild des ersten Aktes zwar ehrlich, dabei aber
schonungslos mitteilt, dass sie nicht füreinander bestimmt sind, verabschiedet
er sich von ihr mit einem Kuss, dem man eine gewisse Leidenschaft nicht
absprechen kann. Diesen Kuss gibt Tatiana im letzten Bild des dritten Aktes
Onegin zurück, nachdem sie sich standhaft gegen seine Avancen gewährt hat und
ihm klargemacht hat, dass sie ihn zwar liebt, aber dennoch ihrem Gatten treu
bleiben wird. Auch die Szene mit Monsieur Triquet am Namenstag Tatianas wird
hervorragend umgesetzt. Mit großartiger Mimik zeigt Asmik Grigorian als Tatiana,
wie unangenehm ihr Triquet mit seinem Couplet ist, und versucht immer wieder der
Situation zu entkommen. Wenn Onegin im ersten Bild des dritten Aktes nach
längeren Irrfahrten in St. Petersburg landet, spielen Iurii Samoilov und der
Chor wunderbar aus, wie Onegin auf dem Fest des Fürsten Gremin geschnitten wird.
Immer wieder versucht er, mit Menschen in Kontakt zu treten, die sich dann aber
von ihm abwenden.
Fürst Gremin (Alexander Tsymbalyuk, links) stellt
Onegin (Iurii Samoilov, rechts) seine Gattin Tatiana (Asmik Grigorian) vor.
Doch nicht nur szenisch und optisch ist der Abend ein purer Genuss. Auch
musikalisch lässt die Produktion keine Wünsche offen und bewegt sich auf
großartigem Niveau. Timur Zangiev taucht mit dem Metropolitan Opera Orchestra
mit großer Leidenschaft in die emotionale Musik Tschaikowskis ein und arbeitet die
Melancholie und die Emotionen mit großer Präzision heraus. Man hat das
Gefühl, teilweise kleinere unbekannte Passagen zu hören, die vielleicht bei
einer gewohnten kürzeren Spieldauer gestrichen werden. Die Instrumentalpassagen
werden auf der Bühne auch tänzerisch passend begleitet. Asmik Grigorian ist stimmlich eine faszinierende Tatiana, die mit leuchtendem Sopran dem
schwärmerischen Charakter der Figur gerecht wird. Mit großartigem Spiel zeigt
sie die Schwermut im ersten Bild, die durch das Auftauchen Onegins aus dem
Gleichgewicht gerät. Ihre Briefszene im zweiten Bild ist Emotion pur, die sie
mit großer stimmlicher Variation umsetzt. Das Publikum bricht anschließend
in tosenden Applaus aus. Im letzten Akt ist sie dann zu einer Frau herangereift,
die sich zwar eingesteht, dass sie Onegin noch liebt, aber trotzdem die Kraft
besitzt, ihn zurückzuweisen. Auch hier ist ihre Interpretation hochdramatisch. Iurii Samoilov gestaltet die Titelpartie mit leichtem Bariton, der deutlich
macht, dass für diesen Onegin zunächst alles nur ein Spiel ist. Dass er dabei
Menschen verletzt, erkennt er zu spät. Besonders tragisch ist das bei Lenski.
Noch im letzten Moment vor dem Duell, reißt er den ehemaligen Freund in einer
Umarmung an sich, vielleicht in der Hoffnung, die Situation doch noch zu retten.
Aber es ist zu spät. Verzweifelt steht er dann vor dem toten Freund und erkennt,
was er angerichtet hat.
Tatiana (Asmik Grigorian) weist Onegins (Iurii
Samoilov) Flehen zurück.
Stanislas de Barbeyrac singt an der Met seinen ersten Lenski und begeistert
ebenfalls auf ganzer Linie mit kraftvollem, höhensicherem Tenor. Wunderbar
spielt er die sinnlos aufkeimende Eifersucht aus, wenn Onegin auf dem Ball
hemmungslos mit Olga flirtet. Heftigste Vorwürfe macht er seiner Geliebten, die
das allerdings nicht ernst nimmt und ihm stattdessen eine Lektion erteilen will,
die schließlich zum Eklat und zum anschließenden Duell führt. Seine große Arie
im zweiten Akt gestaltet de Barbeyrac intensiv mit sauber ausgesungenen Höhen.
Hier wird bereits deutlich, dass Lenski mit dem Leben abgeschlossen hat. Maria
Barakova punktet als Olga mit frischem Mezzosopran, der die Lebensfreude und
Sorglosigkeit der jungen Frau deutlich macht. Alexander Tsymbalyuk verfügt als
Fürst Gremin über einen dunklen Bass, der in seiner berühmten Arie im dritten
Akt voll zur Geltung kommt. Das Publikum in der Met zeigt sich davon sogar so
begeistert, dass man mit dem Zwischenapplaus nicht bis zum letzten Ton der Arie
wartet, sondern Tsymbalyuk sogar in seinem Gesang unterbricht. Tsymbalyuk ist zwar die
Irritation anzusehen, aber er singt, nachdem der Applaus abgeklungen ist, die
Arie so zu Ende, als wenn nichts passiert wäre. Fraglich in der Personenregie
ist nur, wieso er am Anfang des dritten Aktes Onegin ebenfalls zu schneiden
scheint, obwohl er ihn doch zu seinem Fest eingeladen hat.
Die kleineren Partien haben in dieser Inszenierung ebenfalls ihre großen Momente.
Elena Zaremba und Larissa Diadkova begeistern als Madame Larina und Filippyevna nicht
nur im Quartett am Anfang des Stückes, sondern treten auch
im weiteren Verlauf stärker in Erscheinung, als man das in manch anderer
Produktion der Oper erlebt. Diadkova gestaltet die Szene mit Grigorian im
zweiten Bild rund um die Briefszene sehr intensiv, und Zaremba macht Larinas
Entsetzen über den Eklat bei Tatianas Namenstag mehr als deutlich. Tony
Stevenson gestaltet die Partie des Monsieur Triquet mit hellem Tenor und einer
gewissen Komik. Auch der von Tilman Michael einstudierte Chor zeigt sich
stimmlich und darstellerisch in Höchstform. Einziger Kritikpunkt am
Pausenprogramm ist vielleicht die unnötig lange Probensequenz und Werbung für
die kommende Veranstaltung El último sueño de Frida y Diego von
Gabriela Lena Frank, die Ende des Monats in den Kinos übertragen wird. Es mag
sein, dass die Met fürchtet, für die Übertragung einer zeitgenössischen Oper
nicht genug Publikum ins Kino zu locken und deshalb sehr intensiv die
Werbetrommel rührt. Aus dem musikalischen Fluss des Abends reißt dieser relativ
lange Probenausschnitt aber leider heraus und zieht ihn ein wenig in die Länge.
FAZIT
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Produktionsteam
Musikalische Leitung Inszenierung Bühnenbild Kostüme Choreographie Licht Chor
Metropolitan Opera Orchestra Metropolitan Opera Chorus Statisterie BesetzungTatiana Eugen Onegin Lenski Olga Gremin Madame Larina Filippyevna Monsieur Triquet Zaretski Captain Stimme aus dem Off
Metropolitan Opera |
- Fine -