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Eugen Onegin

Lyrische Szenen in drei Akten (sieben Bildern)
nach dem gleichnamigen Versroman (1833) von Alexander Puschkin
Libretto vom Komponisten und Konstantin S. Schilowsky
Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowsk
i

Aufführungsdauer: ca. 4 h (zwei Pausen)

in russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Wiederaufnahme-Premiere in der Metropolitan Opera in New York am 20. April 2026
(Premiere der Produktion: 23. September 2013)
(Live-Stream aus dem UCI Bochum am 2. Mai 2026)


Metropolitan Opera
(Homepage)
Bewegende lyrische Szenen "mit Überlänge"

Von Thomas Molke / Fotos: © Evan Zimmerman (Met Opera)

Bei Tschaikowskis als "lyrische Szenen" bezeichneten Oper Eugen Onegin rechnet man in der Regel mit einer Spielzeit von knapp drei Stunden, die gegebenenfalls bei zwei Pausen auch leicht überschritten werden können. Aber bei einem Live-Stream aus der Metropolitan Opera kann der Abend mit interessanten Einblicken hinter die Bühne, Interviews mit den Sängerinnen und Sängern und einer Vorschau auf kommende Produktionen auch eine Stunde länger dauern, die man gerne in Kauf nimmt, zumal mit Joyce DiDonato eine charismatische Persönlichkeit das Publikum auf dem Weg hinter die Kulissen begleitet. So kommt man den großen Stars wesentlich näher, als wenn man live im Saal der Met sitzen würde, und das zu einem Preis, zu dem man in New York wahrscheinlich noch nicht einmal einen Platz mit Sichteinschränkung ergattern könnte. Seit der Saison 2007/2008 erfolgen diese Übertragungen aus dem berühmten Haus in New York in ausgewählte Kinosäle in zahlreiche Städte Europas und haben sich mittlerweile ein treues Publikum erobert, so dass es zum Auftakt der kommenden Saison eine große Geburtstagsgala am 19. September 2026 zum 20-jährigen Jubiläum geben wird, bei dem an zahlreiche vergangene Produktionen erinnert wird. Bereits am 5. Oktober 2013 erfolgte eine Kinoübertragung von Eugen Onegin in dieser Inszenierung, damals mit Anna Netrebko als Tatiana, Mariusz Kwiecień in der Titelpartie und Piotr Beczała als Lenski unter der Leitung von Valery Gergiev. Das war ein paar Jahre vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine, und auch heute muss sich Direktor Peter Gelb von DiDonato die Frage stellen lassen, ob man das Stück zum jetzigen Zeitpunkt in russischer Sprache überhaupt spielen könne. Doch die Met steht auf dem Standpunkt, dass weder Puschkin noch Tschaikowski für Putins Handeln abgestraft werden dürften, und drückt die Solidarität mit der Ukraine aus, indem das Haus mit der ukrainischen Landesflagge angestrahlt wird.

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Lenski (Stanislas de Barbeyrac, rechts) stellt seinem Freund Onegin (Iurii Samoilov, 2. von rechts) Tatiana (Asmik Grigorian, links) und Olga (Maria Barakova, 2. von links) vor.

Dreimal hatte Tschaikowski ein Werk des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin vertont. Dass ausgerechnet die Komposition seines Eugen Onegin sich zu seinem größten Opernerfolg entwickeln sollte, aus dessen Tantiemen er auch im Alter seinen Unterhalt bestreiten konnte, als die Unterstützung seiner bedeutenden Mäzenin, der reichen Witwe Nadeschda von Meck, weggefallen war, hatte er wohl nicht einmal zu hoffen gewagt. Um einem möglichen Vergleich mit großen Opern vorzubeugen, hatte er das Stück sogar lediglich als "lyrische Szenen" bezeichnet, da in jedem der drei Akte die Tragödie einer anderen Person im Mittelpunkt steht. Die eigentliche Uraufführung fand am 17. März 1879 als geschlossene Vorstellung im Moskauer Maly-Theater statt, dem Kleinen Haus des Bolschoi, und wurde von Studentinnen und Studenten des Konservatoriums produziert. Auch wenn einige Zeitgenossen das Stück als zu "handlungsarm" kritisierten und fehlendes dramatisches Potenzial bemängelten, ließ sich Tschaikowski von seinen Kollegen dennoch überzeugen, das Werk auf die große Bühne am Moskauer Bolschoi-Theater zu bringen. Die Begeisterung für die hochemotionale Musik und die menschlich nachvollziehbaren Konflikte der Figuren, die von Tschaikowski wesentlich ernster genommen wurden als von Puschkin in der Romanvorlage, ließen die Kritik sehr schnell verstummen. Das Werk verbreitete sich schnell über ganz Europa und hat bis heute einen festen Platz im Repertoire der Opernhäuser auf der ganzen Welt. Auch an der Met stand die Oper seit den 1920er Jahren in mehreren Produktionen auf dem Programm.

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Tatiana (Asmik Grigorian) bei der Briefszene

Das Regie-Team um Deborah Warner verzichtet auf eine Neudeutung der Geschichte und setzt auf einen recht klassischen Ansatz in einem aufwändigen Bühnenbild, das auch zwischen den einzelnen Bildern in den drei Akten kurze Umbaupausen erfordert. Interessant bei der Kinoübertragung ist, dass man diese Umbauten im Kino mitverfolgen kann und einen Eindruck bekommt, wie viele Helferinnen und Helfer während der Aufführung hinter der Bühne erforderlich sind, um dem Publikum im Saal die Illusion des Theatererlebnisses zu ermöglichen. Hier ist alles auf die Sekunde genau getaktet. Dennoch hat die Opulenz zumindest im ersten Akt einige Probleme. So spielen zwar das erste und dritte Bild glaubhaft in einem Vorraum zum Garten des Landhauses und ermöglichen einerseits die Einfachheit, andererseits die Größe des Gutes widerzuspiegeln. Für die Briefszene im zweiten Bild fehlt hier allerdings ein wenig die Intimität, da sich Tatianas Schlafgemach im gleichen riesigen Raum befindet und noch nicht einmal ein Bett aufweist. Stattdessen sinkt Tatiana am Ende der Briefszene erschöpft auf den Boden. Im zweiten und dritten Akt gelingen die Übergänge zwischen den einzelnen Bildern wesentlich besser. So verwandelt sich im zweiten Akt, der Saal, in dem Tatianas Namenstag gefeiert wird, in eine bedrückende schneebedeckte Einöde, in der es zur tödlichen Auseinandersetzung zwischen Onegin und Lenski kommt. Auch im dritten Akt werden die beiden Bilder deutlicher voneinander getrennt, als man es sonst aus Produktionen kennt. Zwar bleiben die riesigen Säulen stehen, die den Saal beim Fürsten Gremin andeuten. Das letzte Treffen zwischen Tatiana und Onegin findet aber vor dem Palast des Fürsten statt. So sieht man im Hintergrund wieder Schnee und vertrocknete Baumstämme.

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Keine Versöhnung zwischen Lenski (Stanislas de Barbeyrac, vorne Mitte) und Onegin (Iurii Samoilov, dahinter links) (auf der rechten Seite: Ben Brady als Captain)

Auch die Personenregie Warners ist auf den Punkt genau ausgearbeitet und wird von den Solistinnen und Solisten großartig umgesetzt, was bei einem Live-Stream besonders auffällt, da man durch die Kameraführung den Figuren relativ nahekommt. Hier sind es kleine Details, die Warner einführt und die die Szene bereichern. Wenn Onegin beispielsweise im ersten Akt auftritt, flirtet er sehr eindeutig mit Tatiana, was ihr Grund zur Hoffnung gibt und sie motiviert, den Brief an ihn zu schreiben. Wenn er ihr im dritten Bild des ersten Aktes zwar ehrlich, dabei aber schonungslos mitteilt, dass sie nicht füreinander bestimmt sind, verabschiedet er sich von ihr mit einem Kuss, dem man eine gewisse Leidenschaft nicht absprechen kann. Diesen Kuss gibt Tatiana im letzten Bild des dritten Aktes Onegin zurück, nachdem sie sich standhaft gegen seine Avancen gewährt hat und ihm klargemacht hat, dass sie ihn zwar liebt, aber dennoch ihrem Gatten treu bleiben wird. Auch die Szene mit Monsieur Triquet am Namenstag Tatianas wird hervorragend umgesetzt. Mit großartiger Mimik zeigt Asmik Grigorian als Tatiana, wie unangenehm ihr Triquet mit seinem Couplet ist, und versucht immer wieder der Situation zu entkommen. Wenn Onegin im ersten Bild des dritten Aktes nach längeren Irrfahrten in St. Petersburg landet, spielen Iurii Samoilov und der Chor wunderbar aus, wie Onegin auf dem Fest des Fürsten Gremin geschnitten wird. Immer wieder versucht er, mit Menschen in Kontakt zu treten, die sich dann aber von ihm abwenden.

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Fürst Gremin (Alexander Tsymbalyuk, links) stellt Onegin (Iurii Samoilov, rechts) seine Gattin Tatiana (Asmik Grigorian) vor.

Doch nicht nur szenisch und optisch ist der Abend ein purer Genuss. Auch musikalisch lässt die Produktion keine Wünsche offen und bewegt sich auf großartigem Niveau. Timur Zangiev taucht mit dem Metropolitan Opera Orchestra mit großer Leidenschaft in die emotionale Musik Tschaikowskis ein und arbeitet die Melancholie und die Emotionen mit großer Präzision heraus. Man hat das Gefühl, teilweise kleinere unbekannte Passagen zu hören, die vielleicht bei einer gewohnten kürzeren Spieldauer gestrichen werden. Die Instrumentalpassagen werden auf der Bühne auch tänzerisch passend begleitet. Asmik Grigorian ist stimmlich eine faszinierende Tatiana, die mit leuchtendem Sopran dem schwärmerischen Charakter der Figur gerecht wird. Mit großartigem Spiel zeigt sie die Schwermut im ersten Bild, die durch das Auftauchen Onegins aus dem Gleichgewicht gerät. Ihre Briefszene im zweiten Bild ist Emotion pur, die sie mit großer stimmlicher Variation umsetzt. Das Publikum bricht anschließend in tosenden Applaus aus. Im letzten Akt ist sie dann zu einer Frau herangereift, die sich zwar eingesteht, dass sie Onegin noch liebt, aber trotzdem die Kraft besitzt, ihn zurückzuweisen. Auch hier ist ihre Interpretation hochdramatisch. Iurii Samoilov gestaltet die Titelpartie mit leichtem Bariton, der deutlich macht, dass für diesen Onegin zunächst alles nur ein Spiel ist. Dass er dabei Menschen verletzt, erkennt er zu spät. Besonders tragisch ist das bei Lenski. Noch im letzten Moment vor dem Duell, reißt er den ehemaligen Freund in einer Umarmung an sich, vielleicht in der Hoffnung, die Situation doch noch zu retten. Aber es ist zu spät. Verzweifelt steht er dann vor dem toten Freund und erkennt, was er angerichtet hat.

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Tatiana (Asmik Grigorian) weist Onegins (Iurii Samoilov) Flehen zurück.

Stanislas de Barbeyrac singt an der Met seinen ersten Lenski und begeistert ebenfalls auf ganzer Linie mit kraftvollem, höhensicherem Tenor. Wunderbar spielt er die sinnlos aufkeimende Eifersucht aus, wenn Onegin auf dem Ball hemmungslos mit Olga flirtet. Heftigste Vorwürfe macht er seiner Geliebten, die das allerdings nicht ernst nimmt und ihm stattdessen eine Lektion erteilen will, die schließlich zum Eklat und zum anschließenden Duell führt. Seine große Arie im zweiten Akt gestaltet de Barbeyrac intensiv mit sauber ausgesungenen Höhen. Hier wird bereits deutlich, dass Lenski mit dem Leben abgeschlossen hat. Maria Barakova punktet als Olga mit frischem Mezzosopran, der die Lebensfreude und Sorglosigkeit der jungen Frau deutlich macht. Alexander Tsymbalyuk verfügt als Fürst Gremin über einen dunklen Bass, der in seiner berühmten Arie im dritten Akt voll zur Geltung kommt. Das Publikum in der Met zeigt sich davon sogar so begeistert, dass man mit dem Zwischenapplaus nicht bis zum letzten Ton der Arie wartet, sondern Tsymbalyuk sogar in seinem Gesang unterbricht. Tsymbalyuk ist zwar die Irritation anzusehen, aber er singt, nachdem der Applaus abgeklungen ist, die Arie so zu Ende, als wenn nichts passiert wäre. Fraglich in der Personenregie ist nur, wieso er am Anfang des dritten Aktes Onegin ebenfalls zu schneiden scheint, obwohl er ihn doch zu seinem Fest eingeladen hat.

Die kleineren Partien haben in dieser Inszenierung ebenfalls ihre großen Momente. Elena Zaremba und Larissa Diadkova begeistern als Madame Larina und Filippyevna nicht nur im Quartett am Anfang des Stückes, sondern treten auch im weiteren Verlauf stärker in Erscheinung, als man das in manch anderer Produktion der Oper erlebt. Diadkova gestaltet die Szene mit Grigorian im zweiten Bild rund um die Briefszene sehr intensiv, und Zaremba macht Larinas Entsetzen über den Eklat bei Tatianas Namenstag mehr als deutlich. Tony Stevenson gestaltet die Partie des Monsieur Triquet mit hellem Tenor und einer gewissen Komik. Auch der von Tilman Michael einstudierte Chor zeigt sich stimmlich und darstellerisch in Höchstform. Einziger Kritikpunkt am Pausenprogramm ist vielleicht die unnötig lange Probensequenz und Werbung für die kommende Veranstaltung El último sueño de Frida y Diego von Gabriela Lena Frank, die Ende des Monats in den Kinos übertragen wird. Es mag sein, dass die Met fürchtet, für die Übertragung einer zeitgenössischen Oper nicht genug Publikum ins Kino zu locken und deshalb sehr intensiv die Werbetrommel rührt. Aus dem musikalischen Fluss des Abends reißt dieser relativ lange Probenausschnitt aber leider heraus und zieht ihn ein wenig in die Länge.

FAZIT

In einer hochkarätigen Besetzung zeigt die Übertragung aus der Met, wie schön eine klassische Inszenierung sein kann, wenn man die Figuren ernst nimmt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Timur Zangiev

Inszenierung
Deborah Warner

Bühnenbild
Tom Pye

Kostüme
Chloe Obolensky

Choreographie
Kim Brandstrup

Licht
Jean Kalman

Chor
Tilman Michael

 

Metropolitan Opera Orchestra

Metropolitan Opera Chorus

Statisterie


Besetzung

Tatiana
Asmik Grigorian

Eugen Onegin
Iurii Samoilov

Lenski
Stanislas de Barbeyrac

Olga
Maria Barakova

Gremin
Alexander Txymbalyuk

Madame Larina
Elena Zaremba

Filippyevna
Larissa Diadkova

Monsieur Triquet
Tony Stevenson

Zaretski
Richard Bernstein

Captain
Ben Brady

Stimme aus dem Off
Remy Martin

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den

Metropolitan Opera
(Homepage)



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