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I puritani

Oper in drei Akten
Libretto von
Carlo Pepoli basierend auf dem Theaterstück Têtes Rondes et Cavaliers von Jacques-François Ancelot und Joseph Xavier Santine
Musik von Vincenzo Bellini

Aufführungsdauer: ca. 3h 40' (eine Pause)

in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere in der Metropolitan Opera in New York am 31. Dezember 2025
(Live-Stream aus dem UCI Bochum am 10. Januar 2026)


Metropolitan Opera
(Homepage)
Belcanto-Genuss pur in teils fragwürdiger Regie

Von Thomas Molke / Fotos: © Ken Howard (Met Opera)

Seit der Saison 2007/2008 überträgt die Metropolitan Opera in Live-Streams Opernaufführungen aus dem berühmten Haus in New York in ausgewählte Kinosäle in zahlreiche Städte in Europa und ermöglicht somit einem breiten Publikum, Oper mit hochkarätigen Besetzungen als Live-Erlebnis im Kino zu Preisen zu erleben, zu denen man in der Metropolitan Opera noch nicht einmal einen Platz mit Sichteinschränkung ergattern würde. Dafür ist man zwar nicht wirklich live dabei, kommt allerdings den großen Stars durch die Kameraeinstellungen näher, als das im Opernhaus möglich ist. Außerdem gibt es in der Pause interessante Einblicke hinter die Bühne, kurze Interviews mit dem Produktionsteam und den Sängerinnen und Sängern und im UCI in Bochum sogar einen Gratis-Sekt vor der Vorstellung, um den Abend gebührend zu feiern. Als erste Übertragung im Kalenderjahr 2026 steht eine Neuproduktion von Vincenzo Bellinis letzter Oper I puritani auf dem Programm, die am Silvesterabend in der Met ihre Premiere feierte. Durch das Programm führt an diesem Abend die Sopranistin Ailyn Pérez, die derzeit als Cio-Cio-San in Puccinis Madama Butterfly an der Met auf der Bühne steht.

Bellini gilt als der erste Romantiker der italienischen Oper und hat das Musiktheater vor allem mit seinen wunderbaren langen Melodienbögen bereichert. Perfektioniert hat er diesen Stil in seiner letzten Oper I puritani, die am 24. Januar 1835 im Théâtre-Italien in Paris eine umjubelte Uraufführung erlebte. Von da an trat das Stück einen wahren Siegeszug um die ganze Welt an, den Bellini selbst allerdings nicht mehr genießen konnte, da er bereits im September des gleichen Jahres im Alter von nicht einmal 34 Jahren viel zu früh verstarb. Man kann nur mutmaßen, welche Meisterwerke noch hätten folgen können, wenn er ein Alter wie Giuseppe Verdi erreicht hätte. Im Gegensatz zu seinen Opern Norma, La sonnambula oder I Capuleti e i Montecchi genießt I puritani als Ganzes heute nicht mehr einen großen Bekanntheitsgrad, auch wenn zahlreiche Auszüge aus der Oper wie beispielsweise das Duett am Ende des zweiten Aktes, "Suoni la tromba", heute noch häufiger Bestandteil von Opern-Galas sind. Ein Grund mag sein, dass die Messlatte für Tenor und Sopran extrem hoch angelegt ist. So zwingt Bellini den Tenor sogar bis zum hohen F. Für ein Haus wie die Met stellt das allerdings kein Problem dar, da man mit Lisette Oropesa und Lawrence Brownlee über zwei ausgewiesene Belcanto-Spezialisten verfügt, die diese Herausforderung in jeder Hinsicht meistern können.

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Elvira (Lisette Oropesa) und Arturo (Lawrence Brownlee) lieben einander.

Als problematisch kann aber auch die verworrene Handlung betrachtet werden, die viele Häuser vor einer szenischen Umsetzung zurückschrecken lässt. Nach dem Misserfolg der Oper Beatrice di Tenda hatte sich Bellini nämlich mit seinem langjährigen Librettisten Felice Romani, der einige der besten Texte für ihn geschrieben hatte, überworfen und wandte sich an Graf Carlo Pepoli, der allerdings keineswegs so routiniert wie Romani war, so dass Bellini selbst mehrfach in den Text eingriff, was das Stück aber auch nicht verständlicher machte. Die Handlung spielt im englischen Bürgerkrieg um 1650. Elvira, die Tochter des puritanischen Gouverneurs Gualtiero Walton soll den Puritaner Riccardo Forth heiraten, liebt aber Lord Arturo Talbot, der dem gestürzten König treu verbunden ist. Als Elviras Onkel Giorgio Gualtiero überzeugen kann, sie trotz aller Vorbehalte mit Arturo zu vermählen, erkennt dieser in einer Staatsgefangenen die Witwe des Stuart-Königs Karl I., Enrichetta, und verhilft ihr unter Elviras Brautschleier zur Flucht. Elvira fühlt sich von Arturo verraten und verliert den Verstand. Arturo wird wegen Hochverrats vom Parlament zum Tode verurteilt, kehrt aber aus Liebe zu Elvira zurück, um ihr die Beweggründe für sein Verschwinden zu erklären. Elvira gewinnt ihren Verstand zurück, doch droht ihn erneut zu verlieren, als Arturo von den Puritanern gestellt wird und hingerichtet werden soll. Im allerletzten Moment taucht ein Bote mit der Nachricht auf, dass nach dem endgültigen Sieg über die Stuarts alle politischen Gegner begnadigt werden sollen. So kann die Hochzeit zwischen Elvira und Arturo doch noch stattfinden.

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Arturo (Lawrence Brownlee) will die Königin (Eve Gigliotti) retten.

Das Regie-Team um Charles Edwards führt eine Vorgeschichte ein und zeigt den jungen Arturo und die junge Elvira acht Jahre vor der eigentlichen Handlung. Vor der Kirche, die hinterher Hauptspielort der Inszenierung wird, treffen die beiden aufeinander, Elvira in strengem, schwarzem Kleid mit weißem Häubchen und Arturo in zartem Blau als royalistischer Anhänger. Elvira schenkt ihm eine Blume, die er in ein kleines Büchlein presst, das er die ganze Aufführung über bei sich trägt. Anschließend wird er mit seinem Vater in der Kirche Zeuge, wie Elviras Vater den Ehevertrag mit Riccardo aufsetzt. Wieso es dann allerdings nicht zur Hochzeit kommt, sondern weitere acht Jahre vergehen, bleibt unklar. Genauso unverständlich bleibt, dass Edwards Elvira als Malerin darstellt, deren Wahnsinn sich dann im Verlauf des Stückes in immer abstrakteren Bildern ausdrückt. Dass die Gefangene Königin zu Beginn der Oper Elvira für ihre Malerei Modell zu stehen scheint, wird auch nicht wirklich greifbar, da Enrichetta so ständig zwischen Elviras Begleiterin und der Gefangenen, die in ein unterirdisches Verlies gesperrt wird, wechselt. Dass die junge Elvira und der junge Arturo im weiteren Verlauf immer wieder als Erinnerungen der beiden auftauchen, gibt die Geschichte ebenfalls nicht her.

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Elvira (Lisette Oropesa) beklagt sich bei ihrem Onkel Giorgio (Christian Van Horn), dass Arturo sie verlassen hat.

Das Bühnenbild, für das ebenfalls Edwards verantwortlich zeichnet, ist in seiner Präzision zwar beeindruckend, behindert im weiteren Verlauf allerdings ein wenig die Handlung. Edwards lässt die ganze Geschichte in einer spartanisch eingerichteten Kirche spielen, die auf der rechten und linken Seite durch ansteigende Bänke eingegrenzt wird, während in der Mitte ein Weg zu einer hohen Kanzel empor führt. Die großen Fenster auf der rechten Seite sind im zweiten Akt verbarrikadiert, da der Bürgerkrieg tobt, so dass nur wenig Licht in den Raum fällt. Während der Chor Elviras Wahnsinn betrauert, zeigt Edwards unter anderem mit einer Totgeburt im Saal, dass das Volk eigentlich ganz andere Sorgen hat. Auch dem glücklichen Schluss misstraut Edwards in seiner Inszenierung. So scheint Elvira, nachdem sie ihren Verstand wiedergewonnen hat, zwar zunächst bereit zu sein, mit Arturo gemeinsam in den Tod zu gehen, als dieser von Soldaten verhaftet wird. Als allerdings die Nachricht von der allgemeinen Amnestie kommt und weiß-rote Fähnchen aus dem Schnürboden zum Sieg der Freiheit Englands herabregnen, schwelgt nur Elvira im neuen Glück. Arturo zerreißt die Fähnchen und stürmt auf die Kanzel, wo sein Vater, der laut Libretto schon längst gestorben ist, tröstend seinen Arm um ihn legt. Das ist zwar inhaltlich schlüssiger als das eigentliche Ende der Oper, allerdings gegen die Musik inszeniert.

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Elvira (Lisette Oropesa) verfällt dem Wahnsinn.

Sieht man von diesen szenischen Ungereimtheiten ab, bietet die Produktion musikalisch und optisch höchsten Belcanto-Genuss. Die aufwendig gestalteten Kostüme von Gabrielle Dalton lassen wunderbar in eine längst vergangene Zeit eintauchen. Das Lichtdesign von Tim Mitchell changiert gekonnt zwischen sehr intimen Momenten und Massenszenen, was die jeweilige Stimmung gekonnt einfängt. Der von Tilman Michael einstudierte Chor überzeugt nicht nur darstellerisch als Volk, sondern begeistert auch durch fulminanten und homogenen Klang auf ganzer Linie. Marco Armiliato führt das Metropolitan Opera Orchestra mit sicherer Hand durch die endlosen Melodienbögen und agiert ganz im Sinne der Stimmen, die bei dieser Oper absolut im Mittelpunkt stehen und ebenfalls keine Wünsche offen lassen. Hier ist zunächst Lisette Oropesa zu nennen, die die Partie bereits in Paris interpretiert hat und im vergangenen Jahr kurzfristig bei den Winterfestspielen in Erl eingesprungen ist. Schon bei ihrem ersten Auftritt mit Elviras Onkel Giorgio glänzt Oropesa mit sauber angesetzten Höhen und geschmeidigen Linien. Wenn sie dann erfährt, dass ihr Vater der Hochzeit mit Arturo zugestimmt hat, jubiliert sie in den höchsten Tönen mit sauber angesetzten Koloraturen. Beeindruckend gelingt ihr auch die Szene, in der sie über den vermeintlichen Verrat ihres Geliebten dem Wahnsinn verfällt. Hier reißt Oropesa das Publikum stimmlich erneut zu Begeisterungsstürmen hin. Einen weiteren Höhepunkt stellt dann ihre große Wahnsinnsszene im zweiten Akt dar. Hier klingt ihr Sopran in den zerbrechlichen Höhen regelrecht entrückt. Bei der glücklichen Wiedervereinigung mit dem Geliebten Arturo schraubt sie sich dann im folgenden Duett scheinbar mühelos in schwindelerregende Höhen.

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Glücklich wiedervereint: Arturo (Lawrence Brownlee) und Elvira (Lisette Oropesa)

Lawrence Brownlee darf ebenfalls als Idealbesetzung für die Partie des Arturo bezeichnet werden. Bravourös meistert er die zahlreichen musikalischen Klippen der Partie und glänzt mit lyrischen Höhen. Selbst das hohe F präsentiert er grandios und findet mit Oropesa im Duett zu einer bewegenden Innigkeit. Ein weiterer Glanzpunkt des Abends ist Christian Van Horn als Elviras Onkel Giorgio. Schon im Duett mit Elvira im ersten Akt punktet er mit dunklem Bass. Auch das berühmte Duett "Suoni la tromba", das nicht nur beim italienischen Publikum seit der Risorgimento-Bewegung patriotische Gefühle auslöst, wird vom Publikum frenetisch gefeiert. Eigentlich war für die Partie des Riccardo der Bariton Artur Ruciński vorgesehen, der jedoch kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Eingesprungen ist Ricardo José Rivera. Wenn man dem Interview in der Pause glauben darf, hat er erst morgens um 10 Uhr erfahren, dass er drei Stunden später die Partie singen soll. Von dieser Kurzfristigkeit ist in der Aufführung allerdings nichts zu merken. Er bewegt sich szenisch absolut sicher durch die Produktion und punktet nicht nur im großen Duett mit Van Horn mit kräftigen Tiefen. Auch in seiner ersten großen Arie im ersten Akt macht er mit dunklem Bariton seiner Wut und Verzweiflung darüber Luft, dass seine Geliebte Elvira den Rivalen Arturo heiraten soll, und zeigt sich mehr als siegessicher, wenn er Arturo mit der Königin erwischt und sie gemeinsam fliehen lässt.

Eve Gigliotti stattet die Partie der gestürzten Königin Enrichetta mit sattem Mezzosopran aus, und auch David Pittsinger und Tony Stevenson überzeugen in den kleineren Partien als Elviras Vater Gualtiero Walton und Sir Bruno Robertson. Dass die Vorstellung folglich rund 20 Minuten länger dauert als im Programmheft ausgewiesen wird, dürfte dem zahlreichen Zwischenapplaus und vielleicht einer für die Interviews etwas verlängerten Pause geschuldet sein.

FAZIT

Auch wenn die Produktion als Live-Stream im Kino den Besuch einer Opernaufführung nicht ersetzen kann und sollte, bietet sie neben großartigem Belcanto-Gesang mit herausragenden Solistinnen und Solisten in einer opulenten Ausstattung auch interessante Hintergrundinformationen, die man bei einem Opernbesuch nicht erhält.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Marco Armiliato

Inszenierung und Bühnenbild
Charles Edwards

Kostüme
Gabrielle Dalton

Lichtdesign
Tim Mitchell

Bewegungs-Coach
Tim Claydon

Chor
Tilman Michael

 

Metropolitan Opera Orchestra

Metropolitan Opera Chorus

Statisterie


Besetzung

*rezensierte Aufführung

Elvira Walton
Lisette Oropesa

Lord Arturo Talbot
Lawrence Brownlee

Riccardo Forth
Artur Ruciński /
*Ricardo José Rivera

Giorgio Walton
Christian Van Horn

Gualtiero Walton
David Pittsinger

Enrichetta
Eve Gigliotti

Sir Bruno Robertson
Tony Stevenson

Young Arturo
DeAundre Addison

Young Elvira
Taylor Massa

Lord Talbot
Richard E. Waits

 

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den

Metropolitan Opera
(Homepage)



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