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Belcanto-Genuss pur in teils fragwürdiger Regie Von Thomas Molke / Fotos: © Ken Howard (Met Opera)
Seit der Saison 2007/2008 überträgt die Metropolitan Opera in Live-Streams
Opernaufführungen aus dem berühmten Haus in New York in ausgewählte Kinosäle in
zahlreiche Städte in Europa und ermöglicht somit einem breiten Publikum, Oper mit
hochkarätigen Besetzungen als Live-Erlebnis im Kino zu Preisen zu erleben, zu denen man
in der Metropolitan Opera noch nicht einmal einen Platz mit Sichteinschränkung
ergattern würde. Dafür ist man zwar nicht wirklich live dabei, kommt allerdings
den großen Stars durch die Kameraeinstellungen näher, als das im Opernhaus
möglich ist. Außerdem gibt es in der Pause interessante Einblicke hinter die
Bühne, kurze Interviews mit dem Produktionsteam und den Sängerinnen und Sängern
und im UCI in Bochum sogar einen Gratis-Sekt vor der Vorstellung, um den Abend
gebührend zu feiern. Als erste Übertragung im Kalenderjahr 2026 steht eine
Neuproduktion von Vincenzo Bellinis letzter Oper I puritani auf dem
Programm, die am Silvesterabend in der Met ihre Premiere feierte. Durch das
Programm führt an diesem Abend die Sopranistin Ailyn Pérez, die derzeit als
Cio-Cio-San in Puccinis Madama Butterfly an der Met auf der Bühne steht.
Bellini gilt als der erste Romantiker der italienischen Oper und hat das
Musiktheater vor allem mit seinen wunderbaren langen Melodienbögen bereichert.
Perfektioniert hat er diesen Stil in seiner letzten Oper I puritani, die
am 24. Januar 1835 im Théâtre-Italien in Paris eine umjubelte Uraufführung
erlebte. Von da an trat das Stück einen wahren Siegeszug um die ganze Welt an,
den Bellini selbst allerdings nicht mehr genießen konnte, da er bereits im
September des gleichen Jahres im Alter von nicht einmal 34 Jahren viel zu früh
verstarb. Man kann nur mutmaßen, welche Meisterwerke noch hätten folgen können,
wenn er ein Alter wie Giuseppe Verdi erreicht hätte. Im Gegensatz zu seinen
Opern Norma, La sonnambula oder I Capuleti e i Montecchi
genießt I puritani als Ganzes heute nicht mehr einen großen
Bekanntheitsgrad, auch wenn zahlreiche Auszüge aus der Oper wie beispielsweise
das Duett am Ende des zweiten Aktes, "Suoni la tromba", heute noch häufiger
Bestandteil von Opern-Galas sind. Ein Grund mag sein, dass die Messlatte für
Tenor und Sopran extrem hoch angelegt ist. So zwingt Bellini den Tenor sogar bis
zum hohen F. Für ein Haus wie die Met stellt das allerdings kein Problem dar, da
man mit Lisette Oropesa und Lawrence Brownlee über zwei ausgewiesene
Belcanto-Spezialisten verfügt, die diese Herausforderung in jeder Hinsicht
meistern können.
Elvira (Lisette Oropesa) und Arturo (Lawrence
Brownlee) lieben einander.
Als problematisch kann aber auch die verworrene Handlung betrachtet werden, die
viele Häuser vor einer szenischen Umsetzung zurückschrecken lässt. Nach dem
Misserfolg der Oper Beatrice di Tenda hatte sich Bellini nämlich mit
seinem langjährigen Librettisten Felice Romani, der einige der besten Texte für
ihn geschrieben hatte, überworfen und wandte sich an Graf Carlo Pepoli, der
allerdings keineswegs so routiniert wie Romani war, so dass Bellini selbst
mehrfach in den Text eingriff, was das Stück aber auch nicht verständlicher
machte. Die Handlung spielt im englischen Bürgerkrieg um 1650. Elvira, die
Tochter des puritanischen Gouverneurs Gualtiero Walton soll den Puritaner
Riccardo Forth heiraten, liebt aber Lord Arturo Talbot, der dem gestürzten König treu verbunden ist. Als Elviras Onkel Giorgio Gualtiero
überzeugen kann, sie trotz aller Vorbehalte mit Arturo zu vermählen, erkennt
dieser in einer Staatsgefangenen die Witwe des Stuart-Königs Karl I., Enrichetta,
und verhilft ihr unter Elviras Brautschleier zur Flucht. Elvira fühlt sich von
Arturo verraten und verliert den Verstand. Arturo wird wegen Hochverrats vom
Parlament zum Tode verurteilt, kehrt aber aus Liebe zu Elvira zurück, um ihr die
Beweggründe für sein Verschwinden zu erklären. Elvira gewinnt ihren Verstand
zurück, doch droht ihn erneut zu verlieren, als Arturo von den Puritanern
gestellt wird und hingerichtet werden soll. Im allerletzten Moment taucht ein
Bote mit der Nachricht auf, dass nach dem endgültigen Sieg über die Stuarts alle
politischen Gegner begnadigt werden sollen. So kann die Hochzeit zwischen Elvira
und Arturo doch noch stattfinden.
Arturo (Lawrence Brownlee) will die Königin (Eve
Gigliotti) retten.
Das Regie-Team um Charles Edwards führt eine Vorgeschichte ein und zeigt den
jungen Arturo und die junge Elvira acht Jahre vor der eigentlichen Handlung. Vor
der Kirche, die hinterher Hauptspielort der Inszenierung wird, treffen die
beiden aufeinander, Elvira in strengem, schwarzem Kleid mit weißem Häubchen und
Arturo in zartem Blau als royalistischer Anhänger. Elvira schenkt ihm eine
Blume, die er in ein kleines Büchlein presst, das er die ganze Aufführung über
bei sich trägt. Anschließend wird er mit seinem Vater in der Kirche Zeuge, wie
Elviras Vater den Ehevertrag mit Riccardo aufsetzt. Wieso es dann allerdings
nicht zur Hochzeit kommt, sondern weitere acht Jahre vergehen, bleibt unklar.
Genauso unverständlich bleibt, dass Edwards Elvira als Malerin darstellt, deren
Wahnsinn sich dann im Verlauf des Stückes in immer abstrakteren Bildern
ausdrückt. Dass die Gefangene Königin zu Beginn der Oper Elvira für ihre Malerei
Modell zu stehen scheint, wird auch nicht wirklich greifbar, da Enrichetta so ständig
zwischen Elviras Begleiterin und der Gefangenen, die in ein unterirdisches
Verlies gesperrt wird, wechselt. Dass die junge Elvira und der junge Arturo im
weiteren Verlauf immer wieder als Erinnerungen der beiden auftauchen, gibt die
Geschichte ebenfalls nicht her.
Elvira (Lisette Oropesa) beklagt sich bei ihrem
Onkel Giorgio (Christian Van Horn), dass Arturo sie verlassen hat.
Das Bühnenbild, für das ebenfalls Edwards verantwortlich zeichnet, ist in seiner
Präzision zwar beeindruckend, behindert im weiteren Verlauf allerdings ein wenig
die Handlung. Edwards lässt die ganze Geschichte in einer spartanisch
eingerichteten Kirche spielen, die auf der rechten und linken Seite durch
ansteigende Bänke eingegrenzt wird, während in der Mitte ein Weg zu einer hohen
Kanzel empor führt. Die großen Fenster auf der rechten Seite sind im zweiten Akt
verbarrikadiert, da der Bürgerkrieg tobt, so dass nur wenig Licht in den Raum
fällt. Während der Chor Elviras Wahnsinn betrauert, zeigt Edwards unter anderem
mit einer Totgeburt im Saal, dass das Volk eigentlich ganz andere Sorgen hat. Auch dem glücklichen Schluss
misstraut Edwards in seiner Inszenierung. So scheint Elvira, nachdem sie ihren
Verstand wiedergewonnen hat, zwar zunächst bereit zu sein, mit Arturo gemeinsam
in den Tod zu gehen, als dieser von Soldaten verhaftet wird. Als allerdings die
Nachricht von der allgemeinen Amnestie kommt und weiß-rote Fähnchen aus dem
Schnürboden zum Sieg der Freiheit Englands herabregnen, schwelgt nur Elvira im
neuen Glück. Arturo zerreißt die Fähnchen und stürmt auf die Kanzel, wo sein
Vater, der laut Libretto schon längst gestorben ist, tröstend
seinen Arm um ihn legt. Das ist zwar inhaltlich schlüssiger als das eigentliche
Ende der Oper, allerdings gegen die Musik inszeniert.
Elvira (Lisette Oropesa) verfällt dem Wahnsinn.
Sieht man von diesen szenischen Ungereimtheiten ab, bietet die Produktion
musikalisch und optisch höchsten Belcanto-Genuss. Die aufwendig gestalteten
Kostüme von Gabrielle Dalton lassen wunderbar in eine längst vergangene Zeit
eintauchen. Das Lichtdesign von Tim Mitchell changiert gekonnt zwischen sehr
intimen Momenten und Massenszenen, was die jeweilige Stimmung gekonnt einfängt.
Der von Tilman Michael einstudierte Chor überzeugt nicht nur darstellerisch als
Volk, sondern begeistert auch durch fulminanten und homogenen Klang auf ganzer
Linie. Marco Armiliato führt das Metropolitan Opera Orchestra mit sicherer Hand
durch die endlosen Melodienbögen und agiert ganz im Sinne der Stimmen, die bei
dieser Oper absolut im Mittelpunkt stehen und ebenfalls keine Wünsche offen
lassen. Hier ist zunächst Lisette Oropesa zu nennen, die die Partie bereits in
Paris interpretiert hat und im vergangenen Jahr kurzfristig bei den
Winterfestspielen in Erl eingesprungen ist. Schon bei ihrem ersten Auftritt
mit Elviras Onkel Giorgio glänzt Oropesa mit sauber angesetzten Höhen und
geschmeidigen Linien. Wenn sie dann erfährt, dass ihr Vater der Hochzeit mit
Arturo zugestimmt hat, jubiliert sie in den höchsten Tönen mit sauber
angesetzten Koloraturen. Beeindruckend gelingt ihr auch die Szene, in der sie
über den vermeintlichen Verrat ihres Geliebten dem Wahnsinn verfällt. Hier reißt
Oropesa das Publikum stimmlich erneut zu Begeisterungsstürmen hin. Einen
weiteren Höhepunkt stellt dann ihre große Wahnsinnsszene im zweiten Akt dar.
Hier klingt ihr Sopran in den zerbrechlichen Höhen regelrecht entrückt. Bei der
glücklichen Wiedervereinigung mit dem Geliebten Arturo schraubt sie sich dann im
folgenden Duett scheinbar mühelos in schwindelerregende Höhen.
Glücklich wiedervereint: Arturo (Lawrence
Brownlee) und Elvira (Lisette Oropesa)
Lawrence Brownlee darf ebenfalls als Idealbesetzung für die Partie des Arturo
bezeichnet werden. Bravourös meistert er die zahlreichen musikalischen Klippen
der Partie und glänzt mit lyrischen Höhen. Selbst das hohe F präsentiert er
grandios und findet mit Oropesa im Duett zu einer bewegenden Innigkeit. Ein
weiterer Glanzpunkt des Abends ist Christian Van Horn als Elviras Onkel Giorgio.
Schon im Duett mit Elvira im ersten Akt punktet er mit dunklem Bass. Auch das
berühmte Duett "Suoni la tromba", das nicht nur beim italienischen Publikum seit
der Risorgimento-Bewegung patriotische Gefühle auslöst, wird vom Publikum
frenetisch gefeiert. Eigentlich war für die Partie des Riccardo der Bariton
Artur Ruciński vorgesehen, der jedoch kurzfristig aus gesundheitlichen
Gründen absagen musste. Eingesprungen ist Ricardo José Rivera. Wenn man dem
Interview in der Pause glauben darf, hat er erst morgens um 10 Uhr erfahren,
dass er drei Stunden später die Partie singen soll. Von dieser Kurzfristigkeit
ist in der Aufführung allerdings nichts zu merken. Er bewegt sich szenisch
absolut sicher durch die Produktion und punktet nicht nur im großen Duett mit
Van Horn mit kräftigen Tiefen. Auch in seiner ersten großen Arie im ersten Akt
macht er mit dunklem Bariton seiner Wut und Verzweiflung darüber Luft, dass
seine Geliebte Elvira den Rivalen Arturo heiraten soll, und zeigt sich mehr als
siegessicher, wenn er Arturo mit der Königin erwischt und sie gemeinsam fliehen
lässt.
Eve Gigliotti stattet die Partie der gestürzten Königin Enrichetta mit sattem
Mezzosopran aus, und auch David Pittsinger und Tony Stevenson überzeugen in den
kleineren Partien als Elviras Vater Gualtiero Walton und Sir Bruno Robertson.
Dass die Vorstellung folglich rund 20 Minuten länger dauert als im Programmheft
ausgewiesen wird, dürfte dem zahlreichen Zwischenapplaus und vielleicht einer
für die Interviews etwas verlängerten Pause geschuldet sein.
FAZIT
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Produktionsteam
Musikalische Leitung Inszenierung und Bühnenbild Kostüme Lichtdesign Bewegungs-Coach Chor
Metropolitan Opera Orchestra Metropolitan Opera Chorus Statisterie Besetzung*rezensierte Aufführung Elvira Walton Lord Arturo Talbot Riccardo Forth Giorgio Walton Gualtiero Walton Enrichetta Sir Bruno Robertson Young Arturo Young Elvira Lord Talbot
Metropolitan Opera |
- Fine -