|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Skurrile Suche nach einem Hut Von Thomas Molke / Fotos: © Bettina Stöß
Nino Rota dürfte heutzutage wahrscheinlich eher als Komponist von
Filmmusiken vertraut sein. So schuf er beispielsweise die mit zahlreichen
Preisen ausgezeichnete Musik zu Der Pate, und komponierte auch bis zu
seinem Tod 1979 die Musik für Federico Fellinis Filme. Dass Rota ab 1940 auch insgesamt 10 Opern
schuf, ist
ziemlich in Vergessenheit geraten. Zwar konnte er bei der jeweiligen
Uraufführung einen Achtungserfolg erzielen. Einen Weg ins gängige Repertoire
schafften die Werke allerdings nicht. Als Grund mag angeführt werden, dass sich Rotas Musik nicht an zeitgenössischen avantgardistischen Strömungen orientierte,
sondern eher auf einen vertrauten, eingängigen Musikstil setzte, der vielen als
zu altmodisch und unkonventionell erschien und eher an Werke großer Meister der
Vergangenheit wie Mozart, Rossini, Verdi oder Puccini erinnerte. Kurz nach dem
Zweiten Weltkrieg widmete sich Rota gemeinsam mit seiner Mutter Ernesta Rinaldi
einer französischen Boulevard-Komödie von Eugène Marin Labiche und Marc Antoine
Amédée Michel aus dem 19. Jahrhundert: Un Chapeau de paille d'Italie.
Eigentlich war das Werk gar nicht für eine Aufführung geplant, doch der
musikalische Direktor des Teatro Massimo in Palermo, Simone Cuccia, wurde darauf
aufmerksam und setzte es für 1955 auf den Spielplan, ohne Rota vorher über seine
Pläne in Kenntnis gesetzt zu haben. Rota stimmte diesem
Vorhaben im Nachhinein zu, und so gelangte Il cappello di paglia di Firenze am 21.
April 1955 in Palermo zur Uraufführung. Dass Rota zu diesem Zeitpunkt schon ein
sehr bekannter Komponist von Filmmusik war, dürfte dem Werk dabei nicht
abträglich gewesen sein. In Wuppertal steht es nun unter dem deutschen Titel
Der Florentiner Hut, allerdings in italienischer Sprache, als letzte
Premiere der Spielzeit erstmals auf dem Spielplan.
Emilio (Zachary Wilson, Mitte) will Fadinard (Zicong
Han, links) zwingen, einen Ersatzhut für Anaide (Elena Sverdiolaitė) zu besorgen
(hinten rechts: Merlin Wagner als Felice).
Die Handlung ist so verworren und abstrus, wie es sich für eine gute
Boulevard-Komödie aus dem 19. Jahrhundert gehört. Der junge Fadinard hat auf dem
Weg zu seiner Hochzeit mit Elena seine Peitsche verloren. Während er sie im
Gehölz gesucht hat, hat sein Pferd den Strohhut der Madame Anaide Beaupertuis
gefressen, die sich für ein heimliches Rendezvous mit ihrem Liebhaber, dem
Soldaten Emilio, hinter einem Baum getroffen hat. Damit Anaide nicht als untreu
kompromittiert wird, soll Fadinard nun einen Ersatzhut besorgen. Ansonsten droht
ihm Emilio mit einem Duell. Da Fadinard sich nicht mit einem Soldaten anlegen
möchte, beginnt eine verrückte Reise durch ganz Paris auf der Suche nach einem
weiteren Florentiner Hut. Wieso Fadinard dabei die ganze Hochzeitsgesellschaft
im Gefolge hat, wird eigentlich nicht klar. Nach dem Besuch bei einer
Hutmacherin gelangt Fadinard zu der exaltierten Baronin von Champigny, die ihn
zum gehörnten Ehemann Beaupertuis schickt. Der wittert natürlich, dass seine
Gattin, auf die er seit den frühen Morgenstunden wartet, untreu ist und droht
damit, sie und ihren Liebhaber zu erschießen, sollte sie nicht bald mit besagtem
Strohhut wieder auftauchen. Mittlerweile ist Fadinards argwöhnischer
Schwiegervater Nonancourt misstrauisch geworden, da Fadinard am Hochzeitstag
eine fremde Frau in seinem Haus versteckt hat, und will die Hochzeit abblasen.
Bei der Rückgabe der Geschenke taucht in letzter Sekunde ein Strohhut auf, der
mit dem gefressenen Hut identisch ist. Nachdem zunächst die ganze
Hochzeitsgesellschaft wegen des Tumultes auf der Straße samt Hut ins Gefängnis
gesperrt worden ist, kann Emilio aufgrund seiner guten Beziehungen zu den Wachen
den Hut aus dem Gefängnis organisieren und ihn Anaide zukommen lassen, die somit
ihre scheinbare Unschuld beweisen kann. Die Gesellschaft wird aus dem Gefängnis entlassen,
und einer Hochzeit zwischen Fadinard und Elena steht nichts mehr im Weg.
Die Baronin de Champigny (Edith Grossman, Mitte)
hat zum Konzert mit dem gefeierten Geiger Minardi eingeladen (Opernchor als
Festgesellschaft).
Das Regie-Team um Laura Attridge versucht gar nicht erst, die Logiklöcher der
Handlung zu stopfen und setzt auf einen fantasievollen Zugang, der die
Geschichte weiter überzeichnet. Auf den Vorhang wird ein buntes skurriles Muster
projiziert, das sich im Bühnenbild von Marcus Meyer auf den Stellwänden auf der
Bühne wiederfindet und einen surrealen Raum schafft. Im ersten Akt wird dieser
Raum von einem meterhohen Turm an Geschenken dominiert, die Fadinards Diener
Felice versucht, zu stapeln. Im zweiten Akt dominiert ein riesiger weißer Schwan
die Tafel, an der die Baronin die vornehme Gesellschaft für ein Konzert des
gefeierten Geigers Minardi erwartet. Der dritte Akt nach der Pause zeigt dann
Beaupertuis' Haus in Miniatur als Bühne auf der Bühne, wobei die kleine Tür,
die in diesen Raum führt, ein wenig an Alice in Wonderland erinnert. Im
letzten Akt sind die einzelnen Wandelemente des Raumes zerlegt und stehen
teilweise auf dem Kopf. So ist die Tür, aus der Emilio schließlich den rettenden
Hut auf die Straße zu Anaide wirft, wie ein Fenster in einer gewissen Höhe
angebracht, was zu einer weiteren Slapstick-Einlage führt, da der Hut zunächst
an zwei Lampen unterhalb der Tür hängenbleibt und Fadinard und Anaide ihn erst
in letzter Sekunde erreichen, um Beaupertuis von Anaides Unschuld überzeugen zu
können. Die Kostüme, für die ebenfalls Meyer verantwortlich zeichnet, erinnern
in ihrer Eleganz an alte Fellini-Filme.
Fadinard (Zicong Han, rechts) sucht einen
Ersatzhut bei Beaupertuis (Oliver Weidinger, links).
In diesem Ambiente entspinnt sich die Geschichte, bei der man irgendwann
aufhört, nach dem Sinn zu fragen, in einem enormen Tempo und wird vom Ensemble
mit viel Spielfreude umgesetzt. Zicong Han aus dem Opernstudio NRW wirkt zu
Beginn als Fadinard noch ein wenig schüchtern, gewinnt aber im Verlauf des
Abends an Souveränität und hetzt mit großer Beweglichkeit als geplagter
Bräutigam durch die Szene. Dabei nimmt man es ihm ab, dass er allem Unbill zum
Trotz versuchen will, irgendwie seine Hochzeit zu retten. Stimmlich verfügt er
über einen schlanken, in den Höhen sicheren Tenor. Francesca Chiejina stattet
seine Braut Elena mit warmem Sopran und mädchenhaftem Charme aus.
Wesentlich abgeklärter präsentiert sich Elena Sverdiolaitė als Anaide, die mit
ihrem Seitensprung das ganze Chaos erst ausgelöst hat. Fast divenhaft gestaltet
sie Anaides Klagen über den Verlust ihres Hutes, der ihre Ehe in Gefahr bringt,
und beweist im vierten Akt großartige Komik, wenn sie sich als Soldat vor ihrem
Gatten tarnt und verzweifelt versucht, den Hut zu erhaschen, der sich an der
Hauswand verfangen hat. Zachary Wilson gibt mit kraftvollem Bariton ihren
Geliebten Emilio recht bedrohlich, so dass man nachvollziehen kann, wieso
Fadinard glaubt, einen Ersatzhut besorgen zu müssen.
Nonancourt (Agostino Subacchi) fürchtet, dass
Fadinard nicht der richtige Mann für seine Tochter Elena (Francesca Chiejina)
ist.
Die drei Paraderollen des Stückes sind der gehörnte Ehemann Beaupertuis,
Fadinards Schwiegervater Nonancourt und die Baronin von Champigny, die allesamt
mit Ensemble-Mitgliedern hervorragend besetzt sind. Agostino Subacchi sorgt als
Brautvater Nonancourt, der ständig die Hochzeit abblasen will, weil auf den
zukünftigen Schwiegersohn keinerlei Verlass sei, für zahlreiche komische
Momente. Mit dunklem Bass platzt er ständig wie ein Unheil verkündender Bote in
die Szenerie und beklagt sich mit großartiger Mimik über die zu engen Schuhe,
die er dann gegen Beaupertuis' Paar austauscht, so dass dieser im weiteren
Verlauf kaum noch laufen kann. Oliver Weidinger darf als Idealbesetzung für den
gehörnten Ehemann Beaupertuis bezeichnet werden. Seine großartige Auftrittsarie
zu Beginn des dritten Aktes, wenn er während eines heißen Fußbades über den
Verbleib seiner Gattin sinniert, bevor er später zum Rächer mutiert, gehört zu
den musikalischen Höhepunkten des Abends, weil Weidinger die Komik dieser
Passage großartig ausspielt. Auch seine anschließende Auseinandersetzung mit
Fadinard löst beim Publikum zahlreiche Lacher aus. Edith Grossman legt die
Baronin de Champigny als wunderbar überspannte Diva an und setzt dies auch
stimmlich herrlich übertrieben um. Wie sie Fadinard als vermeintlichen
Geigen-Virtuosen anhimmelt, ist Komödie vom Feinsten. Natürlich hat
Meyer ihr auch ein entsprechendes Kostüm verpasst, das den Charakter der Figur
glaubhaft karikiert.
Musikalisch wirkt die Oper wie ein Pasticcio, in dem unterschiedliche
Versatzstücke aus Opern von Mozart, Rossini, Verdi, Wagner und Puccini mit
Themen zusammengesetzt werden, die Rota auch in seinen Filmmusiken für Fellini
verwendet hat. Die Gewittermusik im vierten Akt, wenn alle im strömenden Regen
durch die Stadt irren, erinnert beispielsweise an das Unwetter in Rossinis La
Cenerentola. Elenas Klage, dass die Hochzeit nicht stattfinden werde, weil
Fadinard ständig unterwegs ist, könnte so auch von Puccini für eine seiner
Heroinen komponiert worden sein. Nonancourt wirkt mit seiner ständigen Klage wie der
Komtur aus Mozarts Don Giovanni, der auf Wagners Walküren trifft, und
in Beaupertuis' Musik lässt sich musikalisch eine gewisse Ähnlichkeit zu Verdis
Falstaff nicht leugnen. Einzelne musikalische Auszüge der Musik fanden
thematisch auch ihren Weg in Fellinis romantische Komödie Le sceicco bianco
und sein berühmtes Melodram La strada. All das wird von Yorgos
Ziavras am Pult des Sinfonieorchesters deutlich herausgearbeitet. Auch der von
Ulrich Zippelius einstudierte Opernchor begeistert durch große Spielfreude und
homogenen Klang als Hutmacherinnen, Hochzeitsgesellschaft, Gäste beim Fest der
Baronin und Wachen. Die übrigen kleineren Partien sind ebenfalls gut besetzt, so
dass es für alle Beteiligten großen Beifall gibt.
FAZIT |
Produktionsteam
Musikalische Leitung Inszenierung
Bühne und Kostüme Movement Choreinstudierung Dramaturgie
Sinfonieorchester Wuppertal Opernchor der Wuppertaler Bühnen Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung Fadinard Nonancourt Beaupertuis
Onkel Vézinet
Emilio
Felice Achille di Rosalba / Eine Wache Korporal der Wache Minardi Elena Anaide Die Baronin von Champigny Modistin
|
- Fine -