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Der Florentiner Hut
(Il cappello di paglia di Firenze)

Farsa musicale in vier Akten
Libretto von Ernesta Rinaldi und vom Komponisten nach der Komödie Un Chapeau de paille d'Italie von Eugène Marin Labiche und Marc Antoine Amédée Michel
Musik von Nino Rota

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2 h 15' (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Wuppertal am 30. Mai 2026


Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Skurrile Suche nach einem Hut

Von Thomas Molke / Fotos: © Bettina Stöß

Nino Rota dürfte heutzutage wahrscheinlich eher als Komponist von Filmmusiken vertraut sein. So schuf er beispielsweise die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Musik zu Der Pate, und komponierte auch bis zu seinem Tod 1979 die Musik für Federico Fellinis Filme. Dass Rota ab 1940 auch insgesamt 10 Opern schuf, ist ziemlich in Vergessenheit geraten. Zwar konnte er bei der jeweiligen Uraufführung einen Achtungserfolg erzielen. Einen Weg ins gängige Repertoire schafften die Werke allerdings nicht. Als Grund mag angeführt werden, dass sich Rotas Musik nicht an zeitgenössischen avantgardistischen Strömungen orientierte, sondern eher auf einen vertrauten, eingängigen Musikstil setzte, der vielen als zu altmodisch und unkonventionell erschien und eher an Werke großer Meister der Vergangenheit wie Mozart, Rossini, Verdi oder Puccini erinnerte. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg widmete sich Rota gemeinsam mit seiner Mutter Ernesta Rinaldi einer französischen Boulevard-Komödie von Eugène Marin Labiche und Marc Antoine Amédée Michel aus dem 19. Jahrhundert: Un Chapeau de paille d'Italie. Eigentlich war das Werk gar nicht für eine Aufführung geplant, doch der musikalische Direktor des Teatro Massimo in Palermo, Simone Cuccia, wurde darauf aufmerksam und setzte es für 1955 auf den Spielplan, ohne Rota vorher über seine Pläne in Kenntnis gesetzt zu haben. Rota stimmte diesem Vorhaben im Nachhinein zu, und so gelangte Il cappello di paglia di Firenze am 21. April 1955 in Palermo zur Uraufführung. Dass Rota zu diesem Zeitpunkt schon ein sehr bekannter Komponist von Filmmusik war, dürfte dem Werk dabei nicht abträglich gewesen sein. In Wuppertal steht es nun unter dem deutschen Titel Der Florentiner Hut, allerdings in italienischer Sprache, als letzte Premiere der Spielzeit erstmals auf dem Spielplan.

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Emilio (Zachary Wilson, Mitte) will Fadinard (Zicong Han, links) zwingen, einen Ersatzhut für Anaide (Elena Sverdiolaitė) zu besorgen (hinten rechts: Merlin Wagner als Felice).

Die Handlung ist so verworren und abstrus, wie es sich für eine gute Boulevard-Komödie aus dem 19. Jahrhundert gehört. Der junge Fadinard hat auf dem Weg zu seiner Hochzeit mit Elena seine Peitsche verloren. Während er sie im Gehölz gesucht hat, hat sein Pferd den Strohhut der Madame Anaide Beaupertuis gefressen, die sich für ein heimliches Rendezvous mit ihrem Liebhaber, dem Soldaten Emilio, hinter einem Baum getroffen hat. Damit Anaide nicht als untreu kompromittiert wird, soll Fadinard nun einen Ersatzhut besorgen. Ansonsten droht ihm Emilio mit einem Duell. Da Fadinard sich nicht mit einem Soldaten anlegen möchte, beginnt eine verrückte Reise durch ganz Paris auf der Suche nach einem weiteren Florentiner Hut. Wieso Fadinard dabei die ganze Hochzeitsgesellschaft im Gefolge hat, wird eigentlich nicht klar. Nach dem Besuch bei einer Hutmacherin gelangt Fadinard zu der exaltierten Baronin von Champigny, die ihn zum gehörnten Ehemann Beaupertuis schickt. Der wittert natürlich, dass seine Gattin, auf die er seit den frühen Morgenstunden wartet, untreu ist und droht damit, sie und ihren Liebhaber zu erschießen, sollte sie nicht bald mit besagtem Strohhut wieder auftauchen. Mittlerweile ist Fadinards argwöhnischer Schwiegervater Nonancourt misstrauisch geworden, da Fadinard am Hochzeitstag eine fremde Frau in seinem Haus versteckt hat, und will die Hochzeit abblasen. Bei der Rückgabe der Geschenke taucht in letzter Sekunde ein Strohhut auf, der mit dem gefressenen Hut identisch ist. Nachdem zunächst die ganze Hochzeitsgesellschaft wegen des Tumultes auf der Straße samt Hut ins Gefängnis gesperrt worden ist, kann Emilio aufgrund seiner guten Beziehungen zu den Wachen den Hut aus dem Gefängnis organisieren und ihn Anaide zukommen lassen, die somit ihre scheinbare Unschuld beweisen kann. Die Gesellschaft wird aus dem Gefängnis entlassen, und einer Hochzeit zwischen Fadinard und Elena steht nichts mehr im Weg.

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Die Baronin de Champigny (Edith Grossman, Mitte) hat zum Konzert mit dem gefeierten Geiger Minardi eingeladen (Opernchor als Festgesellschaft).

Das Regie-Team um Laura Attridge versucht gar nicht erst, die Logiklöcher der Handlung zu stopfen und setzt auf einen fantasievollen Zugang, der die Geschichte weiter überzeichnet. Auf den Vorhang wird ein buntes skurriles Muster projiziert, das sich im Bühnenbild von Marcus Meyer auf den Stellwänden auf der Bühne wiederfindet und einen surrealen Raum schafft. Im ersten Akt wird dieser Raum von einem meterhohen Turm an Geschenken dominiert, die Fadinards Diener Felice versucht, zu stapeln. Im zweiten Akt dominiert ein riesiger weißer Schwan die Tafel, an der die Baronin die vornehme Gesellschaft für ein Konzert des gefeierten Geigers Minardi erwartet. Der dritte Akt nach der Pause zeigt dann Beaupertuis' Haus in Miniatur als Bühne auf der Bühne, wobei die kleine Tür, die in diesen Raum führt, ein wenig an Alice in Wonderland erinnert. Im letzten Akt sind die einzelnen Wandelemente des Raumes zerlegt und stehen teilweise auf dem Kopf. So ist die Tür, aus der Emilio schließlich den rettenden Hut auf die Straße zu Anaide wirft, wie ein Fenster in einer gewissen Höhe angebracht, was zu einer weiteren Slapstick-Einlage führt, da der Hut zunächst an zwei Lampen unterhalb der Tür hängenbleibt und Fadinard und Anaide ihn erst in letzter Sekunde erreichen, um Beaupertuis von Anaides Unschuld überzeugen zu können. Die Kostüme, für die ebenfalls Meyer verantwortlich zeichnet, erinnern in ihrer Eleganz an alte Fellini-Filme.

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Fadinard (Zicong Han, rechts) sucht einen Ersatzhut bei Beaupertuis (Oliver Weidinger, links).

In diesem Ambiente entspinnt sich die Geschichte, bei der man irgendwann aufhört, nach dem Sinn zu fragen, in einem enormen Tempo und wird vom Ensemble mit viel Spielfreude umgesetzt. Zicong Han aus dem Opernstudio NRW wirkt zu Beginn als Fadinard noch ein wenig schüchtern, gewinnt aber im Verlauf des Abends an Souveränität und hetzt mit großer Beweglichkeit als geplagter Bräutigam durch die Szene. Dabei nimmt man es ihm ab, dass er allem Unbill zum Trotz versuchen will, irgendwie seine Hochzeit zu retten. Stimmlich verfügt er über einen schlanken, in den Höhen sicheren Tenor. Francesca Chiejina stattet seine Braut Elena mit warmem Sopran und mädchenhaftem Charme aus. Wesentlich abgeklärter präsentiert sich Elena Sverdiolaitė als Anaide, die mit ihrem Seitensprung das ganze Chaos erst ausgelöst hat. Fast divenhaft gestaltet sie Anaides Klagen über den Verlust ihres Hutes, der ihre Ehe in Gefahr bringt, und beweist im vierten Akt großartige Komik, wenn sie sich als Soldat vor ihrem Gatten tarnt und verzweifelt versucht, den Hut zu erhaschen, der sich an der Hauswand verfangen hat. Zachary Wilson gibt mit kraftvollem Bariton ihren Geliebten Emilio recht bedrohlich, so dass man nachvollziehen kann, wieso Fadinard glaubt, einen Ersatzhut besorgen zu müssen.

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Nonancourt (Agostino Subacchi) fürchtet, dass Fadinard nicht der richtige Mann für seine Tochter Elena (Francesca Chiejina) ist.

Die drei Paraderollen des Stückes sind der gehörnte Ehemann Beaupertuis, Fadinards Schwiegervater Nonancourt und die Baronin von Champigny, die allesamt mit Ensemble-Mitgliedern hervorragend besetzt sind. Agostino Subacchi sorgt als Brautvater Nonancourt, der ständig die Hochzeit abblasen will, weil auf den zukünftigen Schwiegersohn keinerlei Verlass sei, für zahlreiche komische Momente. Mit dunklem Bass platzt er ständig wie ein Unheil verkündender Bote in die Szenerie und beklagt sich mit großartiger Mimik über die zu engen Schuhe, die er dann gegen Beaupertuis' Paar austauscht, so dass dieser im weiteren Verlauf kaum noch laufen kann. Oliver Weidinger darf als Idealbesetzung für den gehörnten Ehemann Beaupertuis bezeichnet werden. Seine großartige Auftrittsarie zu Beginn des dritten Aktes, wenn er während eines heißen Fußbades über den Verbleib seiner Gattin sinniert, bevor er später zum Rächer mutiert, gehört zu den musikalischen Höhepunkten des Abends, weil Weidinger die Komik dieser Passage großartig ausspielt. Auch seine anschließende Auseinandersetzung mit Fadinard löst beim Publikum zahlreiche Lacher aus. Edith Grossman legt die Baronin de Champigny als wunderbar überspannte Diva an und setzt dies auch stimmlich herrlich übertrieben um. Wie sie Fadinard als vermeintlichen Geigen-Virtuosen anhimmelt, ist Komödie vom Feinsten. Natürlich hat Meyer ihr auch ein entsprechendes Kostüm verpasst, das den Charakter der Figur glaubhaft karikiert.

Musikalisch wirkt die Oper wie ein Pasticcio, in dem unterschiedliche Versatzstücke aus Opern von Mozart, Rossini, Verdi, Wagner und Puccini mit Themen zusammengesetzt werden, die Rota auch in seinen Filmmusiken für Fellini verwendet hat. Die Gewittermusik im vierten Akt, wenn alle im strömenden Regen durch die Stadt irren, erinnert beispielsweise an das Unwetter in Rossinis La Cenerentola. Elenas Klage, dass die Hochzeit nicht stattfinden werde, weil Fadinard ständig unterwegs ist, könnte so auch von Puccini für eine seiner Heroinen komponiert worden sein. Nonancourt wirkt mit seiner ständigen Klage wie der Komtur aus Mozarts Don Giovanni, der auf Wagners Walküren trifft, und in Beaupertuis' Musik lässt sich musikalisch eine gewisse Ähnlichkeit zu Verdis Falstaff nicht leugnen. Einzelne musikalische Auszüge der Musik fanden thematisch auch ihren Weg in Fellinis romantische Komödie Le sceicco bianco und sein berühmtes Melodram La strada. All das wird von Yorgos Ziavras am Pult des Sinfonieorchesters deutlich herausgearbeitet. Auch der von Ulrich Zippelius einstudierte Opernchor begeistert durch große Spielfreude und homogenen Klang als Hutmacherinnen, Hochzeitsgesellschaft, Gäste beim Fest der Baronin und Wachen. Die übrigen kleineren Partien sind ebenfalls gut besetzt, so dass es für alle Beteiligten großen Beifall gibt.

FAZIT

Sieht man von der absolut abstrusen Handlung ab, ist die szenische Umsetzung mit einem absolut spielfreudigen Ensemble ein großer Spaß. Die Musik tut keinem weh, ist aber auch kein großer Wurf.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Yorgos Ziavras

Inszenierung
Laura Attridge

Bühne und Kostüme
Markus Meyer

Movement
Corina Würsch

Choreinstudierung
Ulrich Zippelius

Dramaturgie
Laura Knoll

 

Sinfonieorchester Wuppertal

Opernchor der Wuppertaler Bühnen


Solistinnen und Solisten

*Premierenbesetzung

Fadinard
Zicong Han

Nonancourt
*Agostino Subacchi /
Claudius Muth

Beaupertuis
Oliver Weidinger

Onkel Vézinet
Mark Bowman-Hester

Emilio
Zachary Wilson

Felice
Merlin Wagner

Achille di Rosalba / Eine Wache
Chanil Kim

Korporal der Wache
David Jerusalem Schnitzler

Minardi
Liviu Neagu-Gruber

Elena
Francesca Chiejina

Anaide
Elena Sverdiolaitė

Die Baronin von Champigny
Edith Grossman

Modistin
Marianna Ortugno

 


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



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