|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Toxische Beziehungskämpfe Von Thomas Molke / Fotos: © Bettina Stöß
Antonio Vivaldi galt mit seinen ca. 97 komponierten Opern zu seiner Zeit als
einer der produktivsten und erfolgreichsten Komponisten. Dennoch ist er heute
fast nur noch für seine Instrumentalwerke bekannt, die fester Bestandteil des
barocken Konzertrepertoires sind, während sein Ruhm als Opernkomponist nach
seinem Tod 1741 relativ schnell verblasste. Am bekanntesten dürfte noch sein
Dramma per musica Orlando furioso sein, in dem sich der Wahnsinn der
Titelfigur nicht nur in den für die damalige Zeit typischen Affekt-Arien
entlädt, sondern auch in den Rezitativen abgebildet wird. In den vergangenen
Jahren wurde vor allem bei Barockfestspielen wie dem Winter in Schwetzingen
oder den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik versucht, seinem
Opernschaffen wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Doch auch die Opernhäuser
stellen im regulären Betrieb von Zeit zu Zeit einzelne Werke auf den Spielplan,
um sie dem Vergessen zu entreißen. In Wuppertal, wo man als letzte Vivaldi-Oper
vor 30 Jahren Orlando furioso im Programm hatte, widmet man sich nun
einem Spätwerk Vivaldis, mit dem für ihn eine Jahre andauernde Ächtung durch die
venezianischen Theater endete und mit dem er einen großen Erfolg verbuchen
konnte: Griselda.
Gualtiero (Michael Gibson, Mitte) will sich von
Griselda (Sonja Runje, links) trennen (in der Mitte: Corrado (Marianna Ortugno),
rechts: Statist).
Die Geschichte um die Schäferin Griselda, die nach ihrer Hochzeit mit dem König
Gualtiero zahlreichen grausamen Prüfungen unterzogen wird, um ihre Loyalität und
Treue zu beweisen, erfreute sich in der Literatur von Boccaccio bis zu Gerhart
Hauptmann großer Beliebtheit und hat seitdem zahlreiche Bearbeitungen erfahren.
In der letzten Novelle von Boccaccios Decamerone ist der König Gualtiero
noch ein Markgraf, der mit den extremen Gehorsamtests seine Macht demonstrieren
will. In Zenos Libretto zur Oper, das er für Antonio Pollarolo um 1701 schuf,
wird der König vom Volk wegen Griseldas niederer Herkunft dazu gezwungen, sie
immer neuen Prüfungen zu unterziehen. Vivaldi ließ Zenos Libretto, das auch
weiteren Komponisten wie Alessandro Scarlatti zur Vertonung diente, von Carlo
Goldoni 1735 grundlegend überarbeiten und formte die Titelfigur zu einer
kämpferischen Frau, die sich nicht ihrem passiven Leiden ergibt, sondern mit
ihrer Bedrohung durch den Höfling Ottone, der sie begehrt und den sie immer
wieder abweist, zu einer aktiven Gegenspielerin entwickelt. Dennoch ist die
Geschichte im Zeitalter der Gleichberechtigung nicht mehr zeitgemäß und wegen
ihres völlig überholten Frauenbildes (zu Recht) in Vergessenheit geraten.
Griselda (Sonja Runje, links) und Costanza (Rinnat
Moriah, rechts) empfinden Sympathie füreinander.
Das Regie-Team um Mathilda du Tillieul McNicol muss sich also überlegen, wie es
sich einem derartigen Stoff in der heutigen Zeit nähern will, ohne ein Publikum
mit einer Zurschaustellung von überholten Moralvorstellungen vor den Kopf zu
stoßen. Dafür verlegt McNicol die Geschichte in die Gegenwart und macht aus
Griselda eine Frau aus der Arbeiterklasse, die den Tech-Unternehmer Gualtiero in
einem Nachtclub kennengelernt und ihn geheiratet hat. Während in der
eigentlichen Oper der Tod der gemeinsamen Tochter vor Beginn der Handlung vom
Vater nur fingiert worden ist und die vermeintlich tote Tochter Costanza später
als potentielle neue Gattin des Königs auftaucht, stirbt das Kind bei McNicol
wirklich und wirft somit einen Schatten auf die Beziehung zwischen Griselda und
Gualtiero. Gualtiero will daher in der Inszenierung die Scheidung und seine
ehrgeizige Praktikantin Costanza heiraten. Der Höfling Ottone, der Griselda
begehrt, ist hier ein leitender Angestellter, dem Griselda zunächst Hoffnungen
macht, indem sie die Nacht mit ihm verbringt. Den gemeinsamen Sohn von Griselda
und Gualtiero entführt er nicht wirklich. Costanzas Geliebter Roberto, der in
der Oper eigentlich ein Prinz aus Athen ist, ist ein Angestellter Gualtieros,
der sich vom Hausmeisterposten nach oben arbeitet, während Corrado, im
Original Robertos Bruder, als Managerin versucht, mit Mediation den Streit
zwischen den einzelnen Parteien zu schlichten. Die Umsetzung passt zwar nicht
immer zum gesungenen Text, macht die Geschichte allerdings aus heutiger Sicht
nachvollziehbarer.
Verschmähte Liebhaber: Ottone (Lidor Ram Mesika,
links) und Roberto (Gerben van der Werf, rechts mit Robin Haarer als Everardo in
der Mitte)
Nur das lieto fine kann bei dieser Lesart natürlich nicht plausibel erklärt
werden. So verschwinden zwar Griselda und Gualtiero am Ende im gemeinsamen
Schlafzimmer - wenn man dem Programmheft glauben darf, um "kurz zueinander" zu
finden und "erneut in ihren zerstörerischen Kreislauf zurückzufallen". Das sieht
man allerdings nicht auf der Bühne. Stattdessen bleiben Costanza, Roberto,
Ottone und Corrado mehr oder weniger erstarrt auf der Bühne zurück, während sie
im freudigen Chor den glücklichen Ausgang der Prüfungen besingen. Wahrscheinlich
baut die Regie darauf, dass man mit der bisherigen Personenzeichnung im Stück
antizipiert, dass dieses neue Glück nicht von Dauer sein kann.
Gualtiero (Michael Gibson, Mitte) und Griselda
(Sonja Runje, Mitte) sind wieder "glücklich" vereint (auf der linken Seite:
Costanza (Rinnat Moriah) und Ottone (Lidor Ram Mesika), auf der rechten Seite:
Corrado (Marianna Ortugno) und Roberto (Gerben van der Werf)).
Noemi Daboczi hat ein beeindruckendes Bühnenbild entworfen, das mit zwei
separaten Drehbühnen immer wieder neue Räume parallel auf der Bühne entstehen
lässt. Das linke Bühnenelement wechselt zwischen einer modern eingerichteten
Wohnküche, von der aus Türen in Griseldas und Gualtieros Schlafräume führen, dem
Nachtlokal mit dunkelroten Vorhängen, in das Griselda im zweiten Akt
zurückkehrt, einer Künstlerinnen-Garderobe, in der sich Griseldas ehemalige
Arbeitskolleginnen wie Revue-Girls ausstaffieren, und Griseldas Schlafzimmer, in
dem sie zu Beginn eine Nacht mit Ottone verbringt. Das rechte Bühnenelement
zeigt Everardos Kinderzimmer, in dem er mit Kopfhörern und Tablet versucht, die
Streitereien seiner Eltern auszublenden, einem modernen Büro, in dem Corrado
immer wieder um Mediation bemüht ist, um die Wogen zwischen den zerstrittenen
Parteien zu glätten, und einem kleinen Durchgangsraum. Durch immer neue
Zusammensetzungen zwischen diesen beiden Bühnenelementen entstehen immer wieder
neue Räume, und den Sängerinnen und Sängern, die in entsprechend modernen
Kostümen auftreten, für die ebenfalls Daboczi verantwortlich zeichnet, wird viel
Spielraum für die Umsetzung einer ausgeklügelten Personenregie gegeben, die die
toxischen Beziehungskämpfe auf jeder Ebene durchdekliniert.
Musikalisch lässt der Abend keine Wünsche offen. Yorgos Ziavras webt mit dem
Sinfonieorchester Wuppertal, das durch eine Continuo-Gruppe mit Orgel, Theorbe
und Cembalo ergänzt wird, einen barocken Klangteppich, der Vivaldis
musikalisches Genie mit feinem Gespür für Details herausarbeitet. Besonders
hervorzuheben ist dabei, dass die Musik eben nicht nur lieblich klingt, sondern
mit gewissen Schärfen die angespannte Situation im Stück deutlich hervorhebt.
Das Ensemble besteht größtenteils aus Gästen, die ebenfalls auf ganzer Linie
überzeugen. Da ist zunächst Sonja Runje in der Titelpartie zu nennen. Mit dunkel
gefärbtem Mezzosopran macht sie deutlich, dass diese Griselda keine schwache
Frau ist, die die grausamen Prüfungen über sich ergehen lässt. Schon während der
einleitenden Sinfonia zeigt sie durch selbstbewusstes Spiel, dass sie ihrem
Gatten durchaus ebenbürtig ist und sich nicht von ihm einschüchtern lässt. Wenn
er sie aus dem Haus wirft und die Scheidungspapiere überreicht, zieht sie sich
erst einmal zu einem Schäferstündchen mit Ottone in ihr Schlafzimmer zurück und
lässt direkt in ihrer ersten Arie ihren Mezzosopran warm fließen. Was die Arien
betrifft, gehen ihre musikalischen Nummern meistens über bloße Gleichnisarien,
die den anderen Figuren häufig zuteil werden, hinaus und zeigen, dass Vivaldi
bei der Komposition eine ganz besondere Beziehung zu der Figur gehabt haben
muss. Schließlich hatte er diese wie einen Großteil seiner anderen großen
Frauenpartien für seine Muse Anna Girņ komponiert.
Auch Rinnat Moriah lässt als Griseldas Gegenspielerin Costanza mit zartem Sopran
aufhorchen. Was Vivaldi ihr an Koloraturen in die Kehle komponiert hat, ist sehr
herausfordernd und wird von Moriah großartig umgesetzt. Vor allem ihre große
Arie "Agitate da due venti" im zweiten Akt löst beim Publikum
Begeisterungsstürme aus. Moriah wechselt hier teilweise bruchlos von Kopf- in
die Bruststimme und hat ausreichend Luft für die scheinbar nicht enden wollenden
Koloratur-Kapriolen. Als Entdeckung dürfen auch die beiden Countertenöre Gerben
van der Werf und Lidor Ram Mesika bezeichnet werden. Van der Werf gestaltet
Costanzas verschmähten Geliebten Roberto mit vollem Countertenor und leuchtenden
Höhen. Dabei begeistert er durch eine warme Stimmfärbung, die Robertos Leiden
unterstreicht. Mesika zeigt als Ottone, dass er nicht nur als Countertenor über
strahlende Höhen in der Kopfstimme verfügt, sondern gleichzeitig auch noch einen
kraftvollen Bariton besitzt. So wechselt er in einer halsbrecherischen Arie
scheinbar problemlos von Kopf- in die Bruststimme und schwingt sich in volle
baritonale Tiefen hinab. Marianna Ortugno aus dem Opernstudio NRW stattet die
Partie der Managerin Corrado mit hell leuchtendem Sopran aus. Dass Michael
Gibson als Gualtiero daneben ein wenig blass bleibt, ist weniger seinem Tenor
geschuldet als vielmehr der Tatsache, dass Vivaldi für ihn nicht so virtuos wie
für die anderen Figuren komponiert hat. Vielleicht hat Vivaldi selbst eine
gewisse Abneigung gegen diese unsympathische Figur gehegt, die sich dann auch in
der Musik äußert. Die schnellen Läufe in den Gleichnisarien präsentiert Gibson
jedenfalls absolut flexibel.
Eine bedeutende Rolle kommt auch den beiden Statistinnen zu, die im Haushalt
Gualtieros als Dienstmädchen engagiert sind und vor allem als Damen im Nachtclub
großes schauspielerisches Talent beweisen. So gibt es nach rund drei Stunden
frenetischen und begeisterten Beifall für alle Beteiligten.
FAZIT |
Produktionsteam
Musikalische Leitung Inszenierung
Bühne und Kostüme
Bewegungs-, Kampf- und
Beleuchtungsmeister Videodesign Dramaturgische
Beratung
Sinfonieorchester Wuppertal Statisterie der Wuppertaler Bühnen Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung Gualtiero Griselda
Costanza
Roberto
Ottone
Corrado Everardo
|
- Fine -