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Witziger
Barbiere in abstraktem Ambiente Von Thomas Molke / Fotos: © Matthias Jung
Nachdem an den meisten Bühnen in NRW bereits mehrere Produktionen in dieser
Spielzeit Premiere gefeiert haben, starten die Wuppertaler Bühnen relativ spät
mit ihrer Eröffnungspremiere. Bis jetzt standen "nur" eine Neueinstudierung der
Märchenoper Hänsel und Gretel vom damaligen Operndirektor Johannes
Weigand aus dem Jahr 2006, die er auch für das Anhaltische Theater Dessau, seine
momentane Wirkungsstätte als Generalintendant, eingerichtet hat, und die beiden
Wiederaufnahmen Don Giovanni und Von Thalia geküsst aus der
vergangenen Spielzeit auf dem Programm. Nun folgt als erste neue Produktion
Il barbiere di Siviglia von Gioachino Rossini. Laut Rossini-Experte Philip
Gossett gilt das Werk als die älteste italienische Oper, die seit ihrer Premiere
nie aus dem Opernrepertoire verschwunden ist, auch wenn die Uraufführung am 20. Februar 1816 im Teatro Argentina in Rom mit Pfiffen bedacht worden war
und dazu führte, dass Rossini sich für das Dirigat der zweiten Vorstellung
krankmeldete. Ursache dafür waren aber wohl vor allem Anhänger von Giovanni
Paisiellos gleichnamiger Oper, die 1772 in Sankt Petersburg zur Uraufführung
gelangt war und seitdem in ganz Europa große Erfolge feierte. Doch Rossinis neue
Musik konnte das Publikum schließlich so begeistern, dass Paisiellos Oper vollständig von
den Spielplänen verdrängt wurde und in Vergessenheit geriet.
Figaro (Zachary Wilson, links) will dem Grafen
Almaviva (Charles Sy, in der Mitte) helfen, Rosina (Edith Grossman) aus den
Fängen ihres Vormunds zu befreien.
Die schnelle Verbreitung von Rossinis Oper und die Übersetzungen - schon 1820 kam
das Stück in Braunschweig in deutscher Sprache heraus - führten allerdings auch
zu einer Menge Bearbeitungen, die die ursprüngliche Form bisweilen stark
entstellten. Am bekanntesten ist wohl die Transponierung der Partie der Rosina
von einer Mezzo- in eine Sopranstimme, so dass die berühmte Kavatine "Una voce
poco fa" heute vor allem bei zahlreichen namhaften Koloratursopranistinnen zum
Standardrepertoire gehört. Auch bei den übersetzten Texten haben sich bis zur
Einführung der Übertitel zahlreiche Abweichungen eingeschlichen, die im Original
nicht so stehen. So träumt beispielsweise in der Sorbetto-Arie die
Hausangestellte Berta in der deutschen Übersetzung davon, den Dottore
Bartolo für sich allein zu haben, während sie sich im italienischen Original nur
über sein Werben um die wesentlich jüngere Rosina lustig macht. Erst Alberto Zeddas 1969 erschienene kritische Edition des Meisterwerkes führte dazu, dass
die Bühnen immer mehr zur ursprünglichen Fassung zurückkehrten. Auf die große
Schluss-Arie des Grafen im zweiten Akt, "Cessa di più resistere", wird aber an
den meisten Häusern dennoch verzichtet. Rossini hatte sie als Glanzstück für den
spanischen Star-Tenor Manuel García komponiert, der auch durchsetzen konnte,
dass die Oper in Rom ursprünglich unter dem Titel Almaviva o sia L'inutile
precauzione lief. Ein Jahr später verwendete Rossini die Melodie erneut für das
Schluss-Rondo der Angelina in La Cenerentola, "Non più mesta", wo es
dramaturgisch wesentlich mehr Sinn macht.
Bartolo (Oliver Weidinger) will sein Mündel
Rosina heiraten.
Das Regie-Team um Marie Robert siedelt die bekannte Geschichte, um den Grafen
Almaviva, der mit Hilfe des findigen Figaro die schöne Rosina aus den Fängen
ihres geldgierigen Vormunds Dottore Bartolo befreit, in einem zeitlosen, relativ
abstrakt gehaltenen Ambiente an. Das Bühnenbild von Maira Bieler ist aus
mehreren geometrischen, farblosen Formen zusammengesetzt, die zunächst die
Straße vor Bartolos Haus andeuten, auf der der Graf seiner Angebeteten ein
leidenschaftliches Ständchen bringt, und die später einen abstrakten Einblick in
das Haus geben. Durch Einsatz der Bühnen-Hydraulik können einzelne Elemente auch
im Bühnenboden versenkt werden. Die Kostüme von Petra Korink sind fantasievoll
gehalten und überzeichnen die Figuren stark. Dies wird vor allem im starren
Mantel des Dottore Bartolo deutlich, in dem er regelrecht versinkt, oder in der
Haarpracht des Grafen und des Musiklehrers Don Basilio. Während Basilios
schwarze Perücke von kleinen weißblonden Locken eingerahmt wird, wechselt die
Haarfarbe des Grafen beim Deckhaar von dunkel zu hell und wird bei der
Verkleidung als Musiklehrer Don Alonso im zweiten Akt umgedreht. Das birgt
auch optisch komisches Potenzial.
Der Musiklehrer Don Basilio (Agostino Subacchi,
links) wundert sich über seinen vermeintlichen "Kollegen" (Charles Sy, Mitte)
bei Dottore Bartolo (Oliver Weidinger, rechts)
In der Personenregie setzt Robert auf Tempo und Slapstick, was sich eng am
musikalischen Fluss orientiert. Dennoch bleiben einige Einfälle unklar. So
erschließt sich nicht, wieso Berta bei Robert keine Hausangestellte ist, sondern
als Schneiderin in einem merkwürdig geschnittenen Kleid mit einem schwarzen Hut,
der fast an eine Märchenhexe erinnert, bei Bartolo ein- und ausgeht. Auch ergibt
sich ihre Zuneigung zum Musiklehrer Basilio nicht aus dem Libretto. Dass aus den
beiden am Ende ebenfalls ein Paar wird, stört den Handlungsablauf zwar nicht
weiter, ist allerdings genauso unnötig, wie der Auftritt des Herrenchors bei
ihrer Sorbetto-Arie, in der sie in Roberts Sicht die Männerherzen höher schlagen
lässt und schließlich wie eine Diva von der Bühne getragen wird. Unklar bleibt
auch, wieso die Arie erst auf die Gewittermusik folgt. Die
Inszenierung der Ouvertüre, bei der die einzelnen Figuren vorgestellt werden,
bringt ebenfalls mehr Verwirrung als Klarheit, da nicht deutlich wird, welchen Kampf
Figaro hinter dem geschlossenen Vorhang eigentlich führt, bevor er das Baustellen-Hütchen in den Eingang beim Vorhang stellt, um das alle umständlich
herumlaufen müssen. Sieht man allerdings von diesen Punkten ab, gelingt Robert
insgesamt eine unterhaltsame und kurzweilige Umsetzung der Geschichte mit
zahlreichen pointierten Einfällen.
Finale 1. Akt: von links: Basilio (Agostino
Subacchi), Bartolo (Oliver Weidinger), Rosina (Edith Grossman), Berta (Xïa
Wang), Figaro (Zachary Wilson) und Almaviva (Charles Sy), im Hintergrund: Herren
des Opernchors
Dafür steht ihr ein spielfreudiges Ensemble zur Verfügung, das den Witz des
Stückes mit ganzem Körpereinsatz umsetzt. Edith Grossman ist eine herrliche
Rosina, die mit beweglichem Mezzosopran punktet und deren Stimme in den Höhen
mit großer Strahlkraft begeistert. Dabei versprüht sie großen Charme und wird
dem Charakter, den sie in der berühmten Arie
"Una voce poco fa" beschreibt, szenisch absolut gerecht. Auch kostümtechnisch wird ihr auf der Bühne einiges
abverlangt, wenn Bartolo sie als seine zukünftige Braut in ein anderes Outfit
mit Halskrause und engem Mieder zwängen will. Dass sie nicht in diese Rolle
passt, macht sie mit herrlich staksigen Bewegungen auf den hochhackigen Schuhen
deutlich und befreit sich schließlich aus dem Korsett, um in hoffnungsvollem,
sattem Grün den gemeinsamen Weg mit dem Grafen einzuschlagen, auch wenn man aus
der Fortsetzung der Geschichte leider weiß, dass die Zukunft nicht so ungetrübt glücklich
bleiben wird. Charles Sy wird zwar zu Beginn der Vorstellung von der Intendantin
als leicht indisponiert angesagt, meistert die Partie des Almaviva allerdings
mit sauberen Höhen und hellem Tenor. Auch darstellerisch begeistert er mit
großem Spielwitz, wenn er am Ende des ersten Aktes als betrunkener Soldat über
die Bühne torkelt oder im zweiten Akt als vermeintlicher Musiklehrer versucht,
sich mit Rosina auszutauschen.
Zachary Wilson hat in der Titelpartie nicht nur darstellerisch den Schalk im
Nacken und zieht die Strippen, so dass er
sogar die Beleuchtung der Bühne zu dirigieren scheint. Auch stimmlich punktet er mit klarem
Bariton und großer Beweglichkeit in der Stimme. Die schnellen Parlando-Passagen
in seiner berühmten Kavatine "Largo al factotum" meistert er mit Bravour. Oliver
Weidinger kann ebenfalls als Idealbesetzung für die Partie des Bartolo
betrachtet werden. Er verfügt nicht nur über einen kraftvollen Bassbariton, mit
dem er versucht, der Figur eine gewisse Autorität zu verleihen, sondern zeichnet
sich auch durch großartige Komik aus, wenn er in seinem starren Mantel versinkt
oder sehr konzentriert in festen Strukturen über die Bühne schreitet. Agostino Subacchi gestaltet den Musiklehrer Don Basilio mit dunklem Bass und großem
Spielwitz. Als musikalische Höhepunkte des Abends können sicherlich seine große
Arie "La calunnia è un venticello", in der er mit profunden
Tiefen das aufziehende Gewitter, das aus dem lauen Lüftchen der Verleumdung
entstehen kann, deutlich macht, und das Quintett im zweiten Akt bezeichnet
werden, wenn er sich
mit "Buena sera" nur widerwillig aus dem Haus schicken lässt. Als Gast rundet Xïa Wang
als Berta mit hellem Sopran das Ensemble wunderbar ab.
Yorgos Ziavras zaubert aus dem Graben einen frischen Rossini-Sound, der
tempomäßig gut auf den Gesang abgestimmt ist, und auch der von Ulrich Zippelius
einstudierte Herren-Opernchor der Wuppertaler Bühnen überzeugt durch große
Spielfreude und in kleineren solistischen Partien als Fiorillo, Offizier
und Gitarrenspieler. So gibt es für alle Beteiligten am Ende großen und
verdienten Applaus.
FAZIT |
Produktionsteam
Musikalische Leitung Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreinstudierung Dramaturgie
Sinfonieorchester Wuppertal Herren des Opernchors der Solistinnen und Solisten*Premierenbesetzung Graf Almaviva Bartolo
Rosina
Figaro
Basilio
Berta Fiorillo Ein Offizier
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- Fine -