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Vorwiegend heiter
Von Stefan Schmöe
Kaum ein Bild steht so sehr für Pina Bauschs Wuppertaler Tanztheater wie die Frau im Bikini, vor deren Körper mehrere knallrote Luftballons befestigt sind. Dem einheimischen Wuppertaler Publikum ist das Motiv schon deshalb präsent, weil es als Mural, als großformatiges Gemälde auf einer Hauswand, im Zentrum von der Wuppertaler Schwebebahn wie von der Hauptverkehrsachse aus ins Auge sticht. Das Kunstwerk stammt von der portugiesischen Künstlerin Tamara Alves und zeigt Julie Shanahan, über Jahrzehnte eine der prägenden Tänzerinnen des Ensembles, in einer zentralen Szene aus Masurca Fogo. Dieser Tanzabend von Pina Bausch entstand 1998 in Koproduktion mit der Weltausstellung EXPO 1998 in Lissabon und dem dortigen Goethe-Institut - in einer Phase, in der die Choreographin und ihre Kompagnien wiederholt Stücke in anderen Ländern entwickelten. So ist das Stück durchzogen von portugiesischer, auch von den kapverdischen Inseln geprägter, beinahe südamerikanischer Lebensart. Wenn etwa im Handumdrehen aus ein paar Brettern eine Strandhütte zusammengestellt wird, in der man auf engstem Raum tanzt, dann scheinen auch ganz konkrete Erlebnisse Eingang in das Werk gefunden zu haben.
Foto © Paul Andermann
In dieser Neueinstudierung hat Taylor Drury die Rolle als Frau im Ballonkleid übernommen. Auch wenn ihr (noch) ein wenig von der leicht distanzierten Coolness Julie Shanahans fehlt, so tanzt und spielt sie mit großer Ausstrahlung. Natürlich bringen die Männer - lässig Zigaretten rauchend um sie herumstehend - die Ballons zum Platzen. Das komplizierte Verhältnis zwischen Mann und Frau bestimmt wie seit je in den Stücken Pina Bauschs auch hier die Choreographie. Aber der Blick darauf ist entspannter geworden. Beziehungsspiele haben nicht mehr die inhärente Grausamkeit wie in den Stücken der 1980er-Jahre. Wenn hier eine Tänzerin von einem Mann angehoben wird und durch dessen Beine hindurch einem anderen Mann von hinten in die Kniekehlen tritt, dann ist das weniger ein Akt der Gewalt als vielmehr ein fast kindlicher Scherz. Und wenn, was ziemlich oft passiert, Küsse aneinander vorbeigehen, dann fehlt der Schmerz, der in den früheren Stücken darin zum Ausdruck gekommen wäre.
Foto © Bastian Hessler
Ein wenig wirkt Masurca Fogo, als betrachte Pina Bausch das eigene Œuvre mit einer selbstironischen Distanz. Kleine Spielszenen wirken wie Reminiszenzen. So sitzt eine Frau in der Badewanne inmitten von viel Schaum - und reicht einem Tänzer mit dem Lächeln der überlegenen Verführerin Teller heraus, die sie offenbar gespült hat. Eine andere Tänzerin fischt mit dem Mund Äpfel aus einem Wasserbecken. Mehrfach wird das Publikum direkt angesprochen. Eine Tänzerin erzählt, wie sich Männer hinter Bäumen versteckt hatten, als sie durch einen Park gingen, und ihre Schönheit mit dem Ausruf "oooh!" kommentierten (was sofort auf der Bühne dargestellt wird). Man springt sich mit weitem Anlauf in die Arme. Das alles war auch 1998 schon einmal so ähnlich da, aber es erscheint hier in einem anderen, vorwiegend heiteren Kontext. Der Schmerz ist einer sanften Melancholie gewichen.
Foto © Uwe Stratmann
Ausstatter Peter Pabst hat einen schuhkartonartigen weißen Bühnenraum geschaffen, aus dem sich von hinten eine Art Lavastrom in den Raum ergießt und nur einen relativ kleinen Teil der Bühne frei lässt. Eine "Pina-Bausch-Linie", eine entlang einer Linie getanzte Formation des Ensembles (wie es typisch war für die früheren Stücke), gibt es auch hier - nur geht die wegen der Raumaufteilung nicht mehr längs der Bühnendiagonale, sondern parallel zur Rampe, und in den Bewegungen fast minimalistisch reduziert. Mehrfach werden auf die weißen Wände des Raums Videos projiziert: Musiker zwischen Bananenstauden, Stadtlandschaften (Lissabon?), das Meer (was ein eindrucksvoller Schlusspunkt gewesen wäre) und am Ende im Zeitraffer sich öffnende aufgehende Blüten im Zeitraffer (was dann tatsächlich der Schlusspunkt eines Stückes ist, das nicht wirklich sein Ende findet). Dem fesselnden, sehr kurzweiligen ersten Teil folgt nach der Pause ein etwas zerfaserter zweiter, bei dem mitunter die Musikauswahl irritiert: Neben melancholischem portugiesischem Fado wirkt die Düsseldorfer Band Kraftwerk ("Das Model"), wenn auch vom Streichquartett gespielt, merkwürdig deplatziert. Aber vielleicht tragen gerade solche Brüche zum Reiz der Stückes Pina Bauschs bei.
Foto © Bastian Hessler
Von der Besetzung der Uraufführung stehen an diesem Abend noch Rainer Behr, Daphnis Kokkinos, Fernando Suels Mendoza (als kurzfristiger Einspringer, immer noch von bestechender Eleganz) und Aida Vainieri auf der Bühne. Das Stück hat den Generationswechsel vergleichsweise gut überstanden. Die Soli besitzen Eleganz und huldigen überwiegend der Schönheit und einer Leichtigkeit des Seins, die für den Moment alles andere verdrängen kann. Für kraftvolle Energie steht das hinreißende Solo von Rainer Behr, das den Abend eröffnet und einen spannungsvollen Rahmen setzt.
Und auch wenn Masurca Fogo nicht zu den ganz großen Stücken Pina Bauschs gehört (was sicher auch ein persönlicher Eindruck ist), so berührt die Choreographie immer wieder durch ihre absurd irritierende, gleichzeitig sehr menschliche Komik, durch die überraschenden Brechungen und durch die tänzerische Vitalität. Aber eben auch durch die vielen kleinen Gesten.
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Produktionsteam
Inszenierung und Choreographie
Bühne und Video
Kostüme
Mitarbeit
Musikalische Mitarbeit
Probenleitung
Mitarbeit Weitergabe Tänzerinnen und Tänzer* Besetzung der rezensierten Vorstellung
Edd Arnold
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